Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 37-38 (7.9.1926)
- Date
- 1926-09-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063973-3064008--14837-3082418- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 \ DIE WAHRHEIT Nr. 37/38 Wie derselbe kommt, hab' ich gar einen wackeren Lehrer, im Hause gehabt. Den lasse ich auch herbeirufen. Es war ungefähr um 2 Uhr in der Nacht. Wie R. Phöbus kommt, so geht er zu ihm: „R. Chajjim, wollt Ihr nichts befehlen?" Sagt er: „Ich weiß nichts zu befehlen, meine Frau, die weiß von allem. Lass' sie tun, wie sie hat vordem gepflogen zu tun!" Und er sagt zu R. Phöbus, man solle ihm geben das Werk des R. Jesaja Horwitz (Schene luchoth haberit), woraus er etwa eine halbe Stunde gelernt hat. Darnach hat er es wieder hinweggegeoen und sodann zu R. Phöbus und unserem Lehrer angefangen: „Wißt Ihr nicht, was der Mär ist? Laßt meine Frau und Kinder hinausgehen, 's ist höchste Zeit." Nun hat R. Phöbus uns wirklich mit Gewalt hinaus befördert Nun will ich allen betrübten Herzen den Abschied zu erkennen geben. Darnach hat R. Phöbus noch das eine und das andere mit ihm reden« wollen. Aber er hat ihm keinen Laut antworten mögen und hat alles in sich geredet, daß man nur gesehen hat, daß sich seine koscheren (reinen) Lippen geregt haben. Das hat etwa eine halbe Stunde gewährt. So sagt R. Phöbus zu Abraham Lopez: „Mein Abraham! Leg' dein Ohr einmal auf R. Chajiims Mund, ob du hören kannst, was er sagt." So hat Abaham Lopez sein Ohr nahe an seinen Mund gelegt und wie er so eine kleine Weile still gelegen und hören wollen, was mein seliger Mann sagen werde, so hat er gehört, daß er hat gesagt: „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig!" Damit ist ihm der Atem stehengeblieben und seine lautere Seele entwichen. So ist er in Heiligkeit und Reinheit gestorben und an seinem Ende hat man gesehen, was er gewesen ist. Nun, meine lieben Kinder, was soll ich viel schreiben von unserem bitteren Leid. So einen Mann zu verlieren! Bin bei ihm in solch hoher Achtung gestanden! Und nun mit 8 Waisen, worunter meine gute Esther Braut gewesen, sitzen bleiben! Ach was kann oder soll ich klagen oder sagen! Gott soll sich unser erbarmen und soll der Vater meiner verwaisten Kinder sein! Denn, du einziger Gott, du bist ja der Vater der Waisen! Nun ich will mit meinem Weinen und Jammern stillschweigen ein wenig, denn ich sorg', ich werde den lieben Freund wohl alle meine Tage beweinen müssen! (Fortsetzung folgt.) Glossen. Wilhelm IL hat vor kurzem dem deutschen Volke den Weg zu einer von einem neuen Gottesgiauben erleuchteten Religion gewiesen. Nun hat er seine nur durch eine zeitweilige nützliche Holzhauertätigkeit unterbrochene Muße in Doorn dazu verwertet, Deutschland den „einzigen Weg" zu offenbaren, der zum Frieden auf Erden führt. Graf Finkenstein hat diese Botschaft in Form eines Briefes verkündet, den er „auf Allerhöchstem Befehl des Kaisers und Königs", sicherlich auch auf dessen Diktat dem Professor Hermann Bernstein schrieb. Der Professor hat den Versuch unternommen, in einem wissenschaftlichen Werke die vielverschlungenen Fragen zu prüfen, die den Weg zum hehren Fridensziele verrammeln. Wilhelm II. erledigt das große Problem, an dessen Lösung bisher der^Verstand der Verständigen jämmerlich scheiterte, in kaiserlich-königlichem Handumdrehen durch ein paar Zeilen. „Deutschland muß zu seinem Vorkriegszustand und einer Monarchie unter seinem Kaiser zurückgeführt werden. Das ist der einzige Weg." Für den immerhin denkbaren Fall, daß der Professor doch noch an der absoluten Richtigkeit dieser Lösung Zweifel hegen könnte, fügt Wtfhelm II. nur noch die Bemerkung hinzu: „Der deutsche Kaiser hat dreißig Jahre lang den Frieden der Welt zu bewahren gewußt. Mit Gottes Hilfe wird er es wieder tun." Wer hätte geahnt, daß nicht nur Deutschland, sofidern der ganzen, aus tausend Wunden blutenden, nach einem dauernden Frieden schmachtenden Welt so leicht geholfen werden könnte! Ein Retourbillett für Wilhelm II. aus Doorn nach Berlin und die Sache ist gemacht. Und zwar — mit Gottes und Dr. Voronofs Hilfe — nicht wieder bloß für armselige dreißig Jahre. * * sfe Adalbert Sternberg (aus der altadeligen gräflichen Familie Sternberg) schreibt in einem neuen Hefte seiner „Tagesfragen" u. a.: „Die Juden sind bedürfnisloser, fleißiger, ehrlicher als wir. Mich hat zum Beispiel ein Jude noch nie betrogen, meine Standesgeriossen es aber x-mal getan. Es gibt unter Juden auch Spitzbuben, das gebe ich zu, aber das Gros ist tausendmal solider usw. usw." Die Juden sind nicht so naiv, auch nur einen Augenblick zu bezweifeln, daß man nach Ablauf eines entsprechenden Zeitraumes in antisemitischen Zeitungen wird lesen können: „Die Juden haben wieder eine ganz ihrer würdige schlaue Lumperei in die Welt gesetzt. Sie benützen den Umstand, daß vor vielen Jahren ein obskurer jüdischer Skribler, der zufällig in Galizien unter den vielen Goldenberg, Silberberg, Eisenberg usw. als Aron (!!!) Sternberg das Licht der Welt erblickte und sich später in Wien den arischer klingenden Vornamen „Adalbert" beilegen durfte, eine Broschüre zur Verherrlichung seiner Rassegenossen schrieb, diese dem Schriftsteller Adalbert Sternberg (aus dem gräflichen Hause Sternberg) in die Feder zu schieben. (Folgt eine Reihe entsprechender Beschimpfungen der Juden)." Daß die antisemitischen Zeitungen mit dieser hübschen ^Wendung begeisterte Zustimmung finden werden, %nn man verbürgen. Dem Trottel, dem man einreden kann, daß Männer wie Theodor Herzl und Max Nordau zu den geistigen Urhebern der „Protokolle der Weisen von Zion" gehören, darf man getrost noch ganz andere Dinge zumuten, als daß Adalbert Sternberg einst Aron (!!!) Sternber? hieß. * * * - Der Führer der ukrainischen Sozialisten Wladimir Danczenko hat seine aus persönlicher Erfahrung geschöpfte Meinung über Petljuras Stellung zu den Pogromen in der Ukraine veröffentlicht. Danczenko erklärte, daß der Diktator anfänglich wohl in der Lage gewesen wäre, der Mord- und Raubgier entmenschter Horden durch ein energisches Wort Einhalt zu tun, aber daß er damals zornentbrannt jene zurückwies, die sich erdreisteten, ihn an diese Pflicht zu mahnen. Dieses Urteil über Petljura ist sicherlich ein hartes. Aber man wird zugeben müssen, daß der Sozialist Danczenko nicht blind für die 'Milderungsgründe ist, die Petljura, wenn er noch lebte, für sich anführen dürfte. Danczenko behauptet nämlich, daß die Beutegierigen sich später auch von Petljura nicht in ihrer Tätigkeit hätten stören lassen. Diesen Milderungsgrund dürfte man übrigens ohne weitere Prüfung den Petljuras aller Zeiten zubilligen. Ego. JAC. MAVER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detail verkauf: Wien II., Glockengasse 24 Wien II., Taborstraße 44