Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-08-06 · Heft 33 (6.8.1926) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 33 (6.8.1926)
Date
1926-08-06
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3064004--14773-3082350
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 12 DIE WAHRHEIT Nr. 33 Von Woche zu Woche Bernhard Goldstein s. A. Eine Würdigung von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. Einer der ehrenwertesten, edelsten und segensreichst wirkenden Mitglieder unserer großen Gemeinde ist mit Bernhard Goldstein heimgegangen. Nicht vom großzügigen Kaufmann sei hier die Rede, auch nicht vom gediegenen, zielbewußten Manne, der — wie er mir einst erzählte — bereits als siebzehnjähriger Jüngling erster Vertreter eines bedeutenden Geschäftshauses in Budapest war und später, nach Jahrzehnten hier in Wien eine Firma, eine Marke ins Leben rief, die weit hinaus bis in die Tiefebenen Ungarns als der Inbegriff kaufmännischer Integrität gegolten hatte. Es gibt sicherlich deren viele in unserer Stadt. Nur dem Juden, dem Menschen in ihm soll im Namen seiner zahlreichen Freunde ein unsichtbarer Lorbeerkranz auf das Grab gelegt werden, drei Worte enthaltend; Edel, hilfreich und gut. Die heilige Schrift hat im letzten Wochenabschnitt als Forderung aufgestellt: „Du sollst Gott fürchten, ihm dienen und ihm anhänglich sein und auf seinen Namen schwören." Die Anhäufung dieser Synonyma ist nicht ohne tiefen Sinn. Es gibt nämlich eine zwiefache Gottesverehrung. Der eine dient Gott aus Furcht, aus Angst, der andere schwört auf seinen Namen, d. h. verherrlicht ihn aus Anhänglichkeit, aus Liebe, aus Idealismus, aus Begeisterung. Zu der letzteren Kategorie zählte Bernhard Goldstein. Er besaß kein Amt, kein Mandat, keine öffentliche Stellung, keine offizielle Position, er war Privatmann. Aber sein edles, gutes Herz, seine Liebe zum Judentum, zur Menschheit trieb ihn an, Großes, Unvergeßliches, Unauslöschliches in der schwersten Zeit zu leisten. Als die Sturmflut der Inflation über Wien hereinbrach und tausende und abertausende Existenzen, die bis dahin fest fundiert waren, fortschwemmte, als namentlich die Intellektuellen in des Wortes vollster Bedeutung kein Brot, keine Nahrung, kein Schuhwerk, keine Kleider, keine Wäsche besaßen und als von Behörden, Vereinen und Verbänden Aktionen zur Beschaffung von Liebesgaben, zur Erhaltung von Mittelstandsküchen unternommen wurden, da war es anderseits Bernhard Goldstein, der g a n z a 11 e i n von Firma zu Firma eilte, -Geldmitel sammelte, aus eigenem das meiste beisteuerte und in seinem Geschäftshaus eine Organisation eröffnete, die gleichsam wie ein Netz über ganz Wien ausgebreitet war, um die Schiffbrüchigen, die in der Not Ertrinkenden aufzufangen, und er erwies sich so als Vater,-Bruder, Wohltäter, Helfer, Retter. Von Jeremias wird berichtet. Als er auf den Trümmern des zusammengebrochenen jüdischen Staates saß, da rief er aus: „Ich bin der Mann, der das Elend mit der Zuchtrute seines Grimmes s a h." Bernhard Goldstein war der Mann, der, als alles zusammenbrach und im Wirtschaftsleben Trümmer auf Trümmer sich häuften, mit scharfem Blick das sich heranwälzende Elend übersah und ihm unermüdlich und wirksam entgegentrat. Sein Andenken bleibt gesegnet! Hofrat Dr. Adolf Schwarz. Wie wir erfahren, hat der Bundespiäsident dem Rektor der israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien, Professor Dr. Adolf Schwarz, den Titel eines Hofrates verliehen. Trauung. Sonntag, den 1. d. M. fand im festlich beleuchteten Pazmanitentempel die Trauung des Fräuleins Rosalinde Haas, Tochter des Herrn Dr. M. J. Haas und seiner Gattin Lucie, geb. Angel, mit Herrn Zahnarzt Dr. Walter Weinberg e r, Sohn des Herrn Bankdirektor G. Weinberger, statt. Eine überaus große Zahl von Gästen, die für die Wertschätzung des Brautpaares und dessen Familien beredtes Zeugnis gab, füllte das schöne Gotteshaus. Herr Rabbiner Dr. S. Funk verlieh nur dem Gefühle der zahlreich versammelten Freunde passenden Ausdruck, als er auf die hohe Wertschätzung hinwies, die den Eltern des Brautpaares, von deren Leben er ein schönes Bild entwarf, gezollt wird. Man schätzt bei ihnen, hob er hervor, die vornehme Gesinnung, die innige Familien- und selbstlose Menschenliebe, die Treue, Tugenden, die auch den schönsten Schmuck des Brautpaares bilden mögen. Herr Oberkantor J. Müller versah die kantorale Funktion in bekannt meisterhafter Weise. Salzburg. Samstag, den 31. Juli d. J. beging der langjährige Kultuspräsident der hiesigen Gemeinde Herr Rudolf Löwy in voller körperlicher und geistiger Frische seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlaß fand an eben diesem Tage ein eindrucksvoller Festgottesdienst statt. Der Jubilar wurde zunächst feierlich zur Thora aufgerufen, worauf Herr Oberkantor Löwensohn aus Linz, der in Vertretung des erkrankten Salzburger Kantors Herrn H. Kohn die kantoralen Funktionen versah, einen eigens für diese Gelegenheit verfaßten Segensspruch wirkungsvollst rezitierte. Nach dem Einrieben bestieg Herr Rabbiner Dr. Manfred P a p o die Kanzel und würdigte, ausgehend von dem Wochenabschnitt, in einer Festpredigt die großen Verdienste des Jubilars um das Wohl der Gemeinde, wobei besonders die Erlangung der Selbständigkeit für die Kultusgemeinde Salzburg hervorgehoben wurde. Nach der Predigt überreichte der Vize-Präsident Herr Max Köhler mit warmen Glückwunschworten ein kunstvoll ausgeführtes Diplom, durch welches der Jubilar laut Kultusratsbeschluß zum Ehrenmitglied der Gemeinde ernannt wurde. Sodann folgte eine Ansprache des Tempelvorstehers Herrn Daniel b o n y h a d i, ferner sprach Herr B. S c h w a g e r, Kultuspräsidcnt in Linz, dem Jubilar die Glückwünsche der Linzer Nachbargemeinde aus. Zum Schluß erfolgte die Ueberreiebung einer prachtvollen Blumerispende seitens des Israelitischen Frauenvereines zu Salzburg. Die besDnders starke Beteiligung an dieser Festlichkeit, sowie die UVeraus zahlreich eingelaufenen Glückwunschschreiben legen ein deutliches Zeugnis für die hohe Verehrung und Wertsehätzung ab, die Herr Kultuspräsident Rudolf Löwy in- und außerhalb seiner Gemeinde genießt. Todesfall. Wie wir bei Redaktionsschluß erfahren, ist der zur Kur in Karlsbad weilende ehemalige Kultusvorsteher Osias März einem Schlaganfalle erlegen. Mit Osias März ist ein Mann aus dem Leben gegangen, der, anspruchslos für seine eigene Person, stets hilfsbereit dastand, wo man seines Rates und seiner Tatkraft bedurfte. Die sterblichen Ueberreste des vortrefflichen Mannes werden, wie wir vernehmen, nach Wien überführt werden. Liturgische Veranstaltungen in den böhmischen Bädern. Die israelitische Kultusgemeinde in Marienbad veranstaltete am 27. Juli 1926 zugunsten des israelitischen Hospizfond s ein Wohltätigkeitskonzert im Kursaale, zu welchem zwei der hervorragendsten Oberkantoren als Mitwirkende berufen wurden. Oberkantor D. Czernowsky aus Prag, ein sehr gewandter Konzertsänger und Gesangspädagoge, brachte Opernarien von Puccini, Halevy und Meyerbeer zum Vortrage. Sein Ton, von der Mittellage bis zum hohen C klingt geschmeidig und samtweich und einschmeichelnd. Als ebenbürtiger Partner figurierte Oberkantor J. Alter aus Hannover. Er sang Lieder des jüdischen Ostens, deren Stil im Westen noch unbekannt ist: Epigramme, Sentenzen und religiöse Lehrsätze ohne metrische Textbindung — in Rezitativform, wie z. B. Akabiah ben Mahalalel spricht: „Drei Dinge halten den Menschen fern von jedem Sündenbegehen". Die Klavierbegleitung hierzu (von Frau Oberkantor Goldenberg, Marienbad, meisterhaft bestritten), klingt wie Akkorde zur Laute. Die aparte Art, als auch die großen Stimmittel des Sängers verliehen dem Vortrag eine eigenartig künstlerische Note. Beide Sänger ernteten, enthusiastischen Beifall und mußten sich auf Wunsch des internationalen Kurpublikums zu Zugaben verstehen. Nach dem ersten Konzertteil brachte Oberkantor Czernowsky in kunstsinniger Form einen Segensspruch zum Vortrag, worauf Herr Kultusvorsteher B u xbaum das Publikum bat, Spenden für den Hospizfonds zu widmen, was auch reichlich geschah. Die Leitung lag in den bewährten Händen des Kantors K i i e w s k y aus Bratislava. Besuch und materieller Erfolg übertraf alle Erwartungen. Auf Einladung der Kultusgemeinde Karlsbad hielt Herr Oberkantor D. Czernowsky am Sabbat Chasan im Tempel einen Vortrag und fand damit begeisterten Beifall. Der Tempel konnte kaum die große Anzahl der jüdischen Kurgäste fassen. Nach dem Gottesdienste wurde der vorzügliche Sänger herzlich beglückwünscht. Wilkowitsch. Probevortrag. Der Probevortrag des Novisader Oberkantors Israel Schlechter am 3. Juli im Karlsbader Gemeindetempel war für den Vortragenden ein durchschlagender Erfolg. Seine schöne Tenorstimme sowie auch seine vornehme Vortragsweise kamen zur vollen Geltung. Immer noch Numerus clausus in Polen. Der Dekan der medizinischen Fakultät der Krakauer Universität ließ der offiziellen Telegraphen-Agentur „Pat" ein Zirkular zugehen, welches besagt, daß angesichts der Raumnot (!) im Auditorium der Numerus clausus an der medizinischen Fakultät fortdauern wird. Ein neuer triftiger Grund für diese hübsche Maßnahme. Ungarn zur Nachahmung bestens empfohlen!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.