Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 13 (22.3.1926)
- Date
- 1926-03-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 12 DIE WAHRHEIT____________ Nr> ,13 Kassabericht zur Kenntnis gebracht wurde dem Vorstand auf Antrag der Herren Revisoren Neumanri und Reis das Absolutorium erteilt und für seine überaus ersprießliche Tätigkeit der Dank der Generalversammlung ausgesprochen. Auf Antrag des Herrn Hoteliers Quth wurde der bisherige Vorstand per Akklamation wiedergewählt. Sodann hielt der verdientsvolle Vorsteher der Wiener Gastwirtegenossenschaft, Herr Kommerzialrat Josef Holz mann ein mit großem _Beifall aufgenommenes Referat über aktuelle Steuer- und Wirtschaftsfragen im Gastwirt gewerb e, an das sich eine sehr anregende Diskussion anschloß. Obmann Oskar T o n e 11 o dankte sodann Herrn Kammerzialrat Josef Holzmann für seine überaus wertvollen Ausführungen und schloß die Generalversammlung. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach am 6. d. M. Herr Rabbiner Dr. Rosenmann zum Jubiläum der Synagoge in der Seitenstettengasse schöne Worte des Gedenkens an das Fallen der Ghettomauern durch das Toleranzpatent Kaiser Josefs, dessen Monument in Stein der Tempel darstellt, ein Zentrum, ja das Herz der Wiener und oft der österreichischen Judenschaft, wie es die Synagoge in Alexandrien etwa für die hellenistische gewesen. Sodann hielt Herr Professor Dr. Stein einen durch tiefe Erkenntnis und Forschung sowie durch Klarheit der Darstellung des schwierigen und noch vielfach hypothetischen Problems ausgezeichneten Vortrag über die soziale Entwicklung des biblischen Judentums. Er schilderte lebhaft aus der Bibel den Uebergang vom Nomadenzum Halbnomadentum, den von der patriarchalischen zur demokratischen Verfassungsform, den aus der Blutsverwandtschaft zur territorialen Gemeinschaft. Der allmähligen Assimilation an kanaanitische Einrichtungen trat der Gottesglaube als konservierendes Moment wirksam entgegen. Die Philister, der gefährlichste Feind, bot den eigentlichen Anlaß zur Einführung eines Königtumes, gegen welches Samuel seine demokratischen Tendenzen verficht Eine Zentralisation der königlichen Macht finden wir erst bei David, aber noch S alomo hat gegen die Geschlechterältesten um die Macht zu ringen. Erst seine Zeit ließ den Handel aufkommen, den früher nur die Kanaaniter besorgten und den die Person des Königs ins Leben rief. Gegen die Mißbräuche des zur Entfaltung gelangten Kapitalismus kämpfen die Propheten mächtig an, indem sie die Seelenverderbnis geißeln und eine ethische Grundlage schaffen wollen; sie waren reale Denker. Aber es gab auch damals schon Utopisten, wie die Rechabiten, welche zum Nomadentum zurückführen wollten. Das Exil hat die alte Geschlechterherrschaft wieder eingesetzt, aber es war bereits zur Bildung von Zünften gekommen. Nach dem Exil bemühte man sich, den Absichten der Propheten entgegenzukommen, ihren Traum einer sittlichen Ordnung zu erfüllen, in Ihrem Sinne die Zukunft für das Volk besser zu gestalten. Die geistvollen und interessanten Ausführungen fan^n verdienten Beifall. Med.-Rat Dr. H. Haase. Trauung. Sonntag, den 14. d. M„ fand im Tempel, IX., Mülmergasse, die Trauung des Fräulein Erna Schafranik, Tochter des Herrn Max Schafranik und seiner Gattin Steffi, jneborene L i o n. mit Herrn Otto Oesterreicher. Sohn des Ehepaares Moritz und Hermine Oesterreicher, geborene Deutsch, statt Der Müllnertempel war aus diesem Anlasse festlich beleuchtet und dekoriert und eine ungewöhnlich große Zahl von Freunden und Verehrern der FamiHen Schafranlk- Oesterreicher fand sich ein, um an der schönen Feier teilzunehmen. Unter den unübersehbaren Schar der Gäste befanden sich, in Vertretung der Israelitischen Kultusgemeinde Präsident Prof Dr. Alois Pick und Vizepräsident Dr. J. Orn stein, die Kultusvorsteher Bezirksrat E. Hoff mann. Baurat Wilhelm Kempler, Dr. Josef Ticho, die Bethausvorsteher Bezirksrat Julius Berger, Franz Den es, Sigmund Ernst, Abordnungen der ,.B. B. Logen" der „Union deutschösterreichischer Juden", des Vereines „Wohlfahrt" sowie Vertreter angesehenster Korporationen und humanitärer Vereine. Der Vorstand des Tempelvereines „Ohewra Beth HatfilaH" erschien unter der Führung seines Präsidenten, Herrn Börserat Ignaz Glück, vollzählig. Oberkantor S. Postölow versah die kantorale Funktion mit großer Chorassistenz, Orgel und Harfenbegieitung in erhebender Weise. Den Trauungsakt vollzog Herr Rabbiner Dr. Schwarz. Er verlieh nur den Gefühlen der versammelten zahlreichen Freunden passenden Ausdruck, als er auf die hohe Wertschätzung hinwies, die den Brauteltern von weiten Kreisen gezollt wird. Man schätzt die ihnen — hob Redner hervor — die vornehme Gesinnung, die innige Familien- und selbstlose Menschenliebe, die Treue, Tugenden, die auch den schönsten Schmuck des Brautpaares bflden mögen. Besonders legte er dem jungen Paare ans Herz die Pflege - jenes Gott und Menschen gefälligen Sinnes, der seine Verkörperung im Väter des Bräutigams, in Herrn Moritz Oesterreicher findet der durch seine rastlose Tätigkeit auf dem Gebiete der jüdischen Humanität wiederholt Anerkennung feich erworben hat. Nach vollzogener Trauung versammelten sich die Freunde und Bekannten der Familien Oesterreicher-Schafranik im Hotel „Oesterreichischen Hof", tm dem Brautpaare und ihren Eltern ihre Gratulationen darzubringen, denen sich die Redaktion dieses Blattes aufs herzlichste anschließt. Unter anderen war der Gesamtvorstand des Vereines „Wohlfahrt" mit Rabbiner Dr. M. Grunwald an der Spitze vollzählig erschienen, der in einer ausgezeichneten Rede Gelegenheit nahm, den Gefühlen der Dankbarkeit für das segensreiche Wirken des Vaters des Bräutigams vor allem in der Kinderbewahranstalt beredten Ausdruck zu verleihen. H. Geburtstagsfeier. Am 16. März 1. J., am Vorabende des 60. Geburtstages des Obmannes des Bethausvorstandes. Obmannes des Vereines zur Erhaltung einer Talmud-Thora- Schule und Obmannstellvertreters und Ehrenmitgliedes der Chewra Kadischa im 18. Bezirk. Herrn Dr. Ignaz Winter, versammelten sich die Gesamtvorstände vorgenannter Korporationen im Sitzungssaale des Kultusbezirksamtes zu einer Festsitzung, zu welcher auch Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Feuchtwang und Herr Oberkantor Margu 1 ies erschienen waren. Der Obmann der Chewra Kadischa, Herr Josef N o s s i g, feierte den Jubilar mit tiefempfundenen Worten, in denen er sein jahrzehntelanges verdienstvolles Wirken auf humanitärem und charitativem Gebiete beleuchtete und dem innigen Wunsch Ausdruck verlieh, daß es dem Jubilar beschieden sei. noch viele Jahre wohltätig, zu wirken. Iii schwungvollen, zu Herzen gehenden Worten feierte Se. Ehrwürden Herr Dr. Feuchtwang Herrn Dr. Winter, indem er besonders seine Bescheidenheit und sein verdienstvolles Wirken hervorhob und betonte, daß es großer Opfermut und Hingabe sei, wenn Dr. Winter bei seinem, ihn ganz in Anspruch nehmenden, aufreibenden ärztlichen Berufe noch immer Zeit finde, seine arbeitsfreudige Person in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen, und wünschte ihm ein noch viele Jahre währendes Wirken in Gesundheit und Rüstigkeit. Nachdem noch Herr Leopold Subak die Glückwünsche des Chicägoer Komitees für die Wiener Hilfsaktion — dem Herrn Dr. Winter ebenfalls angehört — überbracht und dem Jubilar für die Freundschaft und Kollegialität die er den Mitgliedern des Vorstandes stets entgegenbringe, gedankt hatte, erfolgte die Enthüllung des von den Vorständen gewidmeten Porträts und die Uebergabe einer künstlerischen Adresse mit den Bildern Se. Ehrwürden des Rabbiners Dr. Feuchtwang und sämtlicher Vorstandsmitglieder der eingangs erwähnten Korporationen. Aeußerst gerührt und in bewegten Worten dankte der Jubilar für die vielen ihn ehrenden Glückwünsche und Geschenke und versprach so lange zu wirken, als seine Kräfte ausreichen. Todesfall. Freitag, den 12. d. M., fand am Zentraifriedhof (III. Tor) das Leichenbegängnis der in weiten Kreisen geachteten Frau Sara Tausend, welche nach kurzem, schweren Leiden im 70. Lebensjahre verschieden ist. Mit ihr ist eine wahrhaft jüdische Frau aus dem Leben gegangen. Den großen Verlust ihres Scheidens beklagt außer allen jenen, die jemals Gelegenheit hatten, die selteenen Herzenseigenschaften und Hilfsbereitschaft dieser seelensguten, bescheidenen Frau kennen zu lernen, der -Gatte Jakob T a u s e n d, die Kinder Isidor Tausend, Olga K r u p n i k, Rösa Wertheime r, Dora H a 1 p e r n und Toni Drucker, die Schwiegertochter Frau Irene Tausend, die Schwiegersöhne Julius Krupnik, Isidor Wertheimer, Michael Ha 1 pern und Isidor Drucker, sowie sämtliche Enkelkinder. In tief ergreifender Rede hielt Herr Rabbiner A. Weisz (Storchenschul) einen Nachruf und würdigte gebührend die vortrefflichen Charaktereigenschaften der Verewigten. Die kantoralen Funktionen versah Herr Kantor L ö w y. Steyr. Am 13. März 1926 feierte Herr Rabbiner Heinrich Schön seinen 75. Geburtstag. Seit 30 Jahren wirkt Herr Rabbiner Heinrich Schön als Seelsorger der israelitischen Kultusgemeinde unermüdlich und unverdrossen und erfreut sich allgemeiner Beliebtheit. Mögen ihm noch viele Jahre der Schaffenskraft und Gesundheit gegönnt sein. Kl. - Professor Nasche" gibt am 29. und 30. März für die Gäste des Restaurants Salamon G rün e r einen Sederabend, Anmeldungen werden im Restaurant, IL, Zirkusgasse 30, bis 28. d. M, entgegengenommen. Reichhaltiges Festmenü.