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Die Wahrheit · 1924-08-01 · Heft 31 (1.8.1924) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 31 (1.8.1924)
Date
1924-08-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 31 Eingesendet Die Kinderbewahranstalt der „Hakoah". Von der Leitung des Sportklubs „Hakoah" erhalten wir folgende Zuschrift: Vor 14 Jahren gründeten einige selbstbewußte Juden einen Verein, dem sie den Namen „Hakoah", mit dem Programme der Regeneration der jüdischen Jugend, gaben. Schwer waren die Jahre des ersten Anfanges und Aufbaues. Als sich die ersten Früchte der anstrengenden Arbeit zu zeigen begannen, kam der alles zerstörende Krieg. Wie groß die Verluste der Hakoah waren, wird die in Ausarbeitung befindliche Statistik nur zu deutlich zeigen. Die ganze schwere vor dem Kriege geleistete Arbeit mußte von vorne begonnen werden. Und schon die ersten Jahre nach dem Zusammenbruche brachten einzig dastehende Erfolge, anerkannt in der ganzen Welt, von Juden und Nichtjuden. Alle Arbeit, die geleistet wurde und wird, erstrebt einzig und allein die restlose Durchführung des gegebenen Programmes--Regeneration der jüdischen Jugend. Leider war die Unterstützung von seiten der jüdischen Öeffentlichkeit nicht derartig, wie allgemein angenommen wird. Im Gegenteil, nahestehende Kreise versuchten es stets, an Stelle von Hilfsbereitschaft nörgelnde, unbegründete Kritik zu üben, Schwierigkeiten, ja sogar Zwistigkeiten, in die Hakoah hinein zu tragen. Es gelang ihnen nicht, denn es wird und darf nicht gelingen, weil das große, zielbewußte Programm der Hakoah nur ehrliche Arbeit und nichts anderes zuläßt. Dieses Programm verträgt keine Störungen durch einseitige Einstellungen. Alle Richtungen im Judentum sollen nebeneinander an seiner Durchführung a r b e i te n. Einseitiger Chauvenismus. leere Phrasen und Ratschläge stören und müssen mit allen Mitteln ferngehalten werden. Daß dieser Standpunkt der 'einzig haltbare ist und die bisherige Tätigkeit der Hakoah dem Sinne ihres großen Programmes vollkommen entspricht, zeigt am deutlichsten der Anschluß des ältesten jüdischen Wohlfahrtsvereines „Israelitische Kinderbewahranstalt", dessen Kreise bisnun dem Programme der Hakoah ziemlich ferne standen. Die trist materielle Lage aller jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen hat auch den Verein „Israelitische Kinderbewahranstalt" im II. Bezirk nicht verschont. Und trotz aufopferndster Bemühung seiner Leitung standen die Anstalten im II. und XX. Bezirk vor der Auflassung. Jüdische Väter und Mütter, die ihrem Erwerb außer Haus nachgehen müssen, konnten bisher ihre vorschulpflichtigen Kinder diesen beiden Instituten tagsüber anvertrauen, denn sie wußten sie in bester Aufsicht und Pflege. Durchschnittlich wurden 200 Kinder in der Schiffamtsgasse und 150 Kinder im XX. Bezirk, Othmargasse, täglich von bewährten Kindergärtnerinnen betreut, aus Anstaltsmitteln gegen ganz geringe Elternbeiträge verköstigt und deren' Gesundheitsstand von bekannten Aerzten überwacht. Bis vor wenigen Jahren diente die Anstalt Schiffamtsgasse auch der Heranbildung von jüdischen Kindergärtnerinnen. Durch volle 86 Jahre konnte der Verein diesem schönen und idealen Zweck, der Kinderbetreuung, nachkommen. Mit Ende des heurigen Schuljahres stand er aber vor der endgültigen Auflassung beider Anstalten. Das markante Haus jüdischer Fürsorgetätigkeit in der Leopoldstadt sollte anderen Zwecken zugeführt wlerden. In dieser trostlosen Situation bot der Verein „Israelitische Kinderbewahranstalt" sein Haus in der Schiffamtsgasse der Hakoah an. Eingedenk ihres Programmes war sich die Hakoah ihrer Pflicht sofort bewußt, die Kinderbewahranstalt den armen Juden des II. und XX. Bezirkes zu erhalten. Die Klubleitung faßte den einstimmigen Beschluß, gemeinsam mit der bisherigen Vereinsleitung der Kinderbewahranstalt den Betrieb weiter zu führen. Die Hakoah verlegt somit ihr Klubheim in die Schiffamtsgasse, in das Zentrum des Judenbezirkes, erweitert durch Zubauten das bestehende Objekt und renoviert das Institut im XX. Bezirk. Die Hakoah ist überzeugt, daß alle Juden Wiens ihr bei diesem großen Werke in jeder Beziehung zur Seite stehen werden und fordert sie auf, zur Durchführung dieser ebenso schönen als schwierigen Aufgabe, in ihre Reihen zu treten. Die Für sorg e für das jüdische Kind kennt nur Opferfreudigkeit, ohne Unterschied der Par« teirichtung. Nachwort der Redaktion. Indem wir der Einsendung der „Hakoah" vollinhaltlich Raum geben und den letzten Satz in jedem Sinne gerne unterstreichen, gestatten wir uns die Bemerkung, daß die Fürsorge betreffs jüdischer Kinder gewiß keine Parteistellung kennt, wie dies ja bei der Kinderbewahranstalt in früheren Zeiten sich erwiesen hat. Wir setzen auch gar keinen Zweifel darein, daß die humanitäre Gesinnung der gesamten Judenheit gegenüber dem Kinde sich auch dann bewähren wird, wenn solche unter der Firma der „Hakoah" deren sportliche Leistung von uns durchaus nicht geschmälert sein soll, auswirken wird. Anderseits jedoch müssen wir im wohlverstandenen Interesse der Sache den Haknanern anraten, auch durch ihr öffentliches Auftreten die Gefühle und Gesinnungen des Judentums aller Parteien zu achten und nicht in der Weise zu verletzen, wie sie dies vor kurzem durch ihre sportliche Veranstaltung am Samstag in der Stadt Lodz sich zu schulden kommen ließ und dadurch bei den dortigen strenggläubigen Juden berechtigtes Aergernis erregte. Hat sich nun die „Hakoah" für ihre humanitären Bestrebungen an die Judenschaft aller Parteien gewendet und soll diesem Appell im Interesse der guten Sache auch die gewünschte Folge gegeben werden, dann ist es unerläßlich, daß auch ihrerseits durch ein ferneres Verhalten der Beschuldigung entgegengetreten wird, daß die Hakoah außer dem sportlichen ein anderes, speziell ein rein jüdisches. Interesse nicht besitze. Es ist deshalb unser lebhafter Wunsch, daß die „Hakoah" unsere Worte wohl beherzige und ihr Verhalten danach einrichte, daß sie ein Stolz der gesamten Judenschaft werde. | Siegfried Fleischer. | Unmittelbar bei Drucklegung dieser Nummer wird uns vom Büro der „Union deutschösterreichischer Juden" die tiefbetrübende Nachricht zuteil, daß ihr langjähriger Sekretär, Herr Siegfried Fleischer, in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch nach kurzem Leiden verschieden ist. In dem Hingegangenen, der ein Alter von 68 Jahren erreichte, verliert die „Union" einen unermüdlichen, von regster Arbeitslust beseelten Sekretär und Berater, der seine treuen Dienste durch volle 27 Jahre dem Vereine zur Verfügung gestellt hat und während dieser langen Zeit auf manche bedeutenden Erfolge der „Union", die sein persönliches Verdienst waren, zurückblicken konnte. Die Kürze der Zeit und die Hast der Arbeit bei Drucklegung des Blattes setzen uns außerstande, die Verdienste Siegfried Fleischers in der Weise zu würdigen, die der außerordentliche Mann durch seine hingebungsvolle Tätigkeit verdient hat. Das eine jedoch wollen wir noch bemerken, daß alle, die Siegfried Fleischer persönlich durch unmittelbaren Umgang kennen zu lernen Gelegenheit hatten, den Hingang dieses für jüdische Interessen in so hervorragender Weise tätig gewsenen Kämpfers, der auch für unser Blatt bis zu seiner tödlichen Erkrankung publizistisch tätig war, beklagen und sein Angedenken in Ehren halten werden. Das Leichenbegängnis findet Freitag, den 1. August 1924, um 10 Uhr vormittags, Zentralfriedhof, 3. Tor, statt. Die Redaktion. Gebt uns Adressen von Bekannten! Die Administration, Wien II., Heinestraße 13 versendet kostenlos Probenummern

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