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Die Wahrheit · 1923-04-27 · Heft 9 (27.4.1923) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1923
Issue
Heft 9 (27.4.1923)
Date
1923-04-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 9 Die.Wahrheit Seite 11 durch ihre religiösen Einrichtungen, durch ihre Sitten und Gebräuche, in früherer Zeit auch durch ihre Tracht eine, besondere Stellung eingenommen haben, hervorgebrochen. Redner zitiert eine Stelle aus Ludwig Börne, welche beweist, daß gleichartige Verhältnisse wie jetzt auch schon vor mehr als hundert Jahren geherrscht haben. Die Ursachen des Judenhasses seien religiöser, wirtschaftlicher und politischer Matur. Zur Verstärkung dieses Hasses tragen aber auch me Fehler und Mängel der Juden selbst, vor allem deren Uneinigkeit bei. Statt sich gegen den gemeinsamen Feind zusammenzuschließen, bekämpfen sie sich untereinander auf das Heftigste. Unser Abwehrkampf müsse darauf gerichtet sein, jeder Lüge, Fälschung und Entstellung entgegenzutreten, die Massen über den ethischen Gehalt des Judentums aufzuklären, aber auch alles zu vermeiden was uns innerlich zu schwächen 'droht. Der Zionismus, wie er ursprünglich von Theodor Herzl und Max Nord au verkündet wurde, beruhte auf sittlichen und ethischen Grundsätzen, während die jüdischnationale Bewegung eine Abirrung von denselben bedeutet, auf politischen Machtbesitz gerichtet ist und dem Hange entspringt, persönlich etwas 'gelten zu wollen. Redner kritisiert sodann auch das unsoziale Verhalten vieler Juden, welche durch Eitelkeit, Prunksucht und Verschwendung sich unliebsam bemerkbar machen und hiedurch den Antisemitismus verstärken, imd schließt seine geistvollen Ausführungen mit der Mahnung, daß jeder Einzelne sich der Pflichten gegenüber der Gesamtheit bewußt sein möge, weil jede Ausschreitung eines Einzelnen sofort der Gesamtheit zur Last gelegt werde. (Lebhafter Beifall.) Sekretär Fleischer begrüßt es freudig, daß der Vortragende, der mit? seiner Feder wiederholt für Ehre und Recht der Juden eingestanden ist, zu dem gleichen Zwecke nunmehr auch die Rednerbühne bestiegenhabe. Zu den ethischen Imponderabilien im Kampfe gegen den Antisemitismus gehöre auch die Stärkung des religiösen Gefühles unter unserer Jugend. Wenn er von Religion spreche, so Meine er nicht einen starren Buchstabenglauben, sondern jene Religiosität des Gemütes, welche das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit kräftige. Es Müsse der Wahrheit gemäß festgestellt werden, daß im Kampfe um unsere staatsbürgerlichen Rechte und gegen die nationalistische Richtung im Judentum auch die- Orthodoxie stets ein treuer und wertvoller Mitstreiter gewesen sei. Redner verweist auf die gewaltigen Aufgaben, welche uns noch im Abwehrkampfe bevorstehen und fordert alle Anwesenden auf, daß jedermann in seinem engeren Kreise für den Zusammenschluß aller Juden in diesem Kampfe, für die Erstellung Mutiger Männer und für die Aufbringung der erforderlichen Mittel mit all seinen Kräften wirke. Mit herzlichen Dankesworten schloß hierauf der Vorsitzende die eindrucksvolle Versammlung. Spendeneinlauf. Für die lungenkranke obdachlose Greisin „Kein Heim, kein Obdach" (Notiz in Nr. 6 unseres Blattes) sind uns von der Firma SegalLWang, Wien XII., 'K 10.000.—, für die bei der jüdischen Massenversammlung verwundete Polizeimannschaft von der gleichen Firma 'K 10.000.— und von Herrn Otto L ö w y Salzburg K 30.000.— zugekommen. Wir sagen den edlen Spendern Dank und bitten dringendst um weitere Zuweisungen. Werdet Nbsnnentrn für „vir Aavrdeir 'i Arische Hochschulkurse. Seit einiger Zeit figurieren auf dem schwarzen Brett der Wiener Universität Vorlesungsankündigungen arischer Dozenten, in welchen bekanntgegeben wird, daß nur arische Sudenten zu hen Vorlesungen Zutritt haben. Die Ankündigungen haben in jüdischen Akademikerkreisen Erbitterung hervorgerufen. Der Verein jüdischer Arzte, in welchem etwa 1200 Ärzte organisiert sind, hat in dieser Angelegenheit eine Sitzung abgehalten und nach emer stürmischen Debatte beschlossen, die jüdischen Dozenten und Primarärzte aufzufordern, zu ihren Vorlesungen nur solche christliche Studenten zuzulassen, die als Gegner des arischen Kurses an der Universität bekannt sind. Der Prorektor der Wiener Medizinischen Fakülität, Prof. Dr. D u r i g, erklärte in einem Interview, ihm fei von dem Eintrittsverbot gegen nichtarische Studenten zu den Vorlesungen arischer Dozenten amtlich nicht Kenntnis gegeben worden. Wo es sich um private Kurse handelt, kann die Universitätsbehörde solche Einschränkungen nicht verbieten. Sollten die jüdischen Dozenten zu Vergeltungsmaßnahmen schreiten und arische Studenten von ihren Privatvorlesungen ausschließen, dann würde eine Kampfathmosphäre geschaffen werden, die ein wissenschaftliches Arbeiten an der medizinischen Fakultät unmöglich machen würde. Was für- Sorgen sie haben. In der „Freiheit" vertritt ein Schweizer Metzger den Standpunkt, das jüdische Schächten sei die brutalste quälendste Tiertötung. Dieser! schon längst wissenschaftlich widerlegte Anwurf gehört zu dem ältesten Inventar der Judenhasser. Sie sollten sich einmal vor Augen halten, daß die Massenabschlachtungen wehrloser Juden, wie dies die schändlichen Pogrome im Gefolge haben, das brutalste und quälendste Verbrechen der Neuzeit ist, dem noch immer nicht Einhalt geboten ist. Sie sollten sich aber vor Augen halten, wie ein großer Teil der katholischen Bevölkerung über die Schächtfrage dachte und denkt, wie er voll und ganz das Verständnis für die religiösen Gefühle anderer besitzt. Einer, dem diese große Gabe besonders zuteil war, der von antisemitischen Anwandlungen wie wenige frei geblieben ist, war gerade Windthorst, der Begründer der katholischesten Partei des Deutschen Reiches, des Zentrums. Über sein Verhältnis zur Schächtfrage finden wir interessantes Material in den nach dem Tode des Verfassers! herausgegebenen Aufsätzen eines der bedeutendsten deutschen Journalisten August Stein. (Erschienen 1921 im Verlag der Frankfurter Sozietäts-Druckerei G. M. b. H.) Dieser, der mit Windthorst befreundet war, schreibt an der betreffenden Stelle: Vor einigen Jahren beschäftigten den Reichstag Petitionen gegen das „Schächten"; sie gingen vom Tierschutzverein aus, es war aber unausbleiblich, daß in ihre Beratung der Antisemitismus hineinspielte. Windthorst suchte mich vor der Sitzung auf, er wollte gegen diese Petitionen sprechen und wünschte, daß er dabei in der Presse unterstützt werde. „Die Presse muß mir helfen, denn ich werde stark angegriffen werden von Leuten, die es sonst nicht tun." Er mochte aus meiner Antwort entnehmen, daß ich mich für das Schächten der jüdischen Mitbürger nicht sonderlich interessiere. Da wurde der alte Herr lebhaft: „Auf das, was wir über die jüdischen Speisegesetze denken, kommt es nicht an. Ich habe heute eine Deputation von Rabbinern empfangen und sie einfach gefragt, ob wirklich

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