Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 3 (3.2.1921)
- Date
- 1921-02-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Quarantäne des Ostens" oder in dem einer ausschließlichen Tvausitgesellschast m. b. H. dastehen wird . . . Mer vielleicht gibt es einen Ausweg, der zu einer gesünderen Beurteilung führen kann? Vielleicht ist es «überaus symptomatisch, daß gerade England und nicht Amerika oder die Völkerliga das Protektorat über Palästina, Frankreich das über Syrien erhalten? . . . Und ich meine gerade, daß nur auf entgegengesetzte Weife das Gelingen und Gedeihen eines Ju'denstaates, welch .letzterer von einem Theodor Herzl, der ein Freund wahren Oesterveichertums — das man sich nur ohne chauvinistisch-politische Aspirationen denken kann — und ein Freund der. 'freien, humanen Schweiz war, projektiert wurde, möglich ist. Würde Palästina der Herd und der Hort des heimischen Kosmopolitismus — frei von den r«adUal-bolfchewistischen Klassenfragen — werden, würde dessen künftige Kultur und Politik aus diesem Menschheitsideale genommen werden, dann wäre ein gesunder Keim der Fortpflanzung seiner Bestandesmöglichkeit gegeben. Der Judenstaat wäre der Jdealstaat, wie er es den historischen, psychologischen und modernen Anforderungen seiner in Aussicht genommenen Bürger nach sein müßte. Er «könnte die Stufe zur gesunden Realisierung einer großen Idee werden, welche sich lauter und schbackenlos im Judentum festgesetzt hat, ganz gleich, ob er nun ein Glied des neuen Staates ist oder mit der warmen .Heimatsliebe eines in einem gewissermaßen fremden Lande geborenen und seßhaften Menschen verglichen werden muß, o>b er nun in inselartigen, autonomen.Geschlossenheiten, in gleichberechtigten Vereinzelungen, als freier oder unfreier Bürger dieses oder jenes Staates lebt. Der geistreiche Jude, der sich bewußt ist und stolz daraus ist, der Welt die ersten Moral- und Sittengesetze, die ersten Gebote «gegeben zu haben, der die sterile Wissenschaft der laten ägyptischen Priester, der „Komrim", erst durch das Herausreißen aus ihrer hermetisch verschlossen gewesenen Passivität in eine weltbedeutende, ewigkeitswirkende Aktivität gebracht zu haben, wird nun aus seine neueste, auf die fortgeschrittenere Mission, auf die evolutionäre Sendung der Verkündigung allmählicher Aufklärung, Verbreitung und Verwirklichung menschlich, ja göttlich großer Gedanken, entsprungen den Einigungs- und Einigkeitsgeft'chlen der größten Idealisten, noch stolzer sein dürfen. Er, der durch tausend blutige, .dornige Qualen, durch ewiges Spießrutenlaufen seine.große Auserwähltheit in der Welt bezahlen mußte, noch muß und wird weiter bezahlen müssen, sie gleichzeitig allerdings dadurch beweist, soll nun das Banner seiner ihm innewohnenden Kulturanfgabe verlassen, er soll fahnenflüchtig werden, nur um ijm urzuftäNdlichen Zeichen dieser Narreninfel voll gepredigter Entzweiungs- und Verdummungstheorien mitzutanzen? Er, der zwei Jahrtausende schon sein stolzes Leid in sich trägt, wie die unentbundene Mutter den wachsenden Samen, die reifende Frucht eines neuen Lebens in ihrer Brust, unter ihrem liebeflammenden Herzen? ... $ Der Jude hat wenig von einem Rebellen in sich, er hat den Glauben der stetigen Entwicklung des Menschentums bis zu einer weltmoglichen Form wie auch eher den Glauben einer Weltwahrheit, als -den einer himmlischen H um an i tä tswahrhert in sich, er ist doch der bewußte oder unbewußte Träger der Spinozaschen Wahrheitsphilosophie und ans diesen wertvollen Einsichten schöpft er seine geniale Kraft, die Qualen seines heute uoch immer hervorstechenden Fromdseins in seiner jeweiligen politischen oder Geburtsheimat voll ernster Märtyrergeduld zu ertragen. Ihm kann nur geholfen, seine Leiden können heute nur geschmälert und erleichtert weiden, wenn man i h m e i n e n Staat, das heißt eine wahr e, duldsame Heimstätte gäbe, die seine vom Weltschmerz geborenen Ideale nicht verletzen oder an tasten will mit all den Spitzfindigkeiten, die d i e Jngr ed i e nz en gewisser Staaten sind. Ob sogar dann eine Befruchtung der Welt Mehr .gefördert würde als durch die Verstreutheit der Juden von heute, bleibt noch dahingestellt. Nach allem, wie es aber heute um der vor der Realisierung sich befindlichen Idee eines Judeniftaates steht, ist dies am wenigsten zu erwarten. Da bleibt er lieber der „ewige Jude", der verlästerte, geächtete Welteremit mit der mißverstandenen und Absichtlich als sklavisches Gefühl mißdeuteten inneren Zerrissenheit und dem oft empfundenen Weh, aber auch mit dem weiten, großen Herzen eines Dulders und dem Verständnis dessen, das die Menschen alle zn suchen sich verpflichtet fühlen, es aber aus Borniertheit, Selbstvergessenheit und Feigheit nicht tun, ja Stärkere und Konsequentere, tiefere Naturen mit ihren veralteten Moral- und Gesellschaftsbegriffen hart zusetzen. Sein ihm eingeimpftes Weltbürgertum, seine weise, weltmännische Geschmeidigkeit, Gutmütigkeit und seine Scheu vor Aggressivitäten und seine Verachtung für jede Sucht zu brutalem Streit und Anfeindtzn wird ihn aber schützen «und der allgemeine demokratische Geist unserer Zeit, die kommende katzenjämmerliche moralische Besserung der Welt wird ihn um so sicherer über die Klippen, die alles «Geniale auf seinem Dornenpfad Kr überschreiten hat, weitevhelfen. Wie «sagt doch schon jener Prophet des «alten Israels, Jesaja (B. 2—4, Mich. 4, 1—3.): „Es wirb zur letzten Zeit der Berg-, da des Herrn Haus ist, fest sichen, höher denn alle Berge und ivber alle Hügel erhaben werden; und werden alle Heiden dazulanfen und viel Völker hingchen . . . Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Demi es wird kein Volk wider das andere ein Schwert aufheben «und es wird hinfort nicht mchr kriegen lernen." Nur ein wenig mit jenem Weltgeiste 'begabt, der uns Menschen und Völker zu s«einem höchsten Gipsel eines Kulturberges näher bringt «und man kann die Erfüllung einer wundervollen Mär -und die tiefste Symbolik m den Sätzen des Propheten ahnen, wie man den Duft einer noch verschlossenen Knospe schon vor deren Erwachen. geNeßen kann.