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Die Wahrheit · 1920-11-03 · Heft 18 (3.11.1920) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 18 (3.11.1920)
Date
1920-11-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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XXXVI. Jahrgang Wien, s. November 192© Rnrnmer 18 MMeIvterelsen- Aerurus > REDAKTION u-ADMi NfSTRATlQM 42 2 1« Wien. 2. Kaiser Jasefstratze 1Z Zum hundertsten Geburtstage Adolf Jellineks. In diesen Tagen werden es hundert Jahre, daß Adolf Jellinek das Licht der Welt erblickt hat. Ein großer Mann ist mit ihm dem Judentums geschenkt worden. Im Leben hat man seine Bedeutung herabgesetzt. Eine Kampfnatur, wie alle Starken, fehlte es ihm nicht an Feinden und Neidern, die ihm seinen Ruhm mißgönnten. Nun, 27 Jahre nach seinem Tode, werden auch seine Gegner anerkennen, daß er sich durch zwei Dinge unvergängliche Verdienste um das Judentum erworben hat, durch die Pflanze der Agada und das Eintreten für unseren Glauben in Wort und Schrift. „Jellinek hatte das Glück", kann man mit David Kaufmann von ihm sagen, „zu den Größen zu gehören, die durch reine talmudische Kost hindurch gegangen sind, bevor sie zu der gemischten unserer modernen Bildung den Weg gefunden haben, und die daher in ihrem geistigen Gepräge noch eine Individualität aufweisen." Aus einem kleinen mährischen Dorfe hervorgegangen, fand er in Proßnitz und dann in Prag Gelegenheit, sich eine feste Grundlage seiner Bibel- und Talmudkenntnis anzueignen. Im Jahre 1845 ist er als 24 jähriger junger Mann bereits der gefeierte Prediger der Leipziger Gemeinde. Kaufleute, die zur Leipziger Messe kommen und sich zu seinen Predigten drängen, verbreiten seinen Ruhm, und als die Wiener Kultusgemeinde im Jahr 1856 die zweite Predigerstelle neben Mannheimer zu besetzen hatte, berief sie Jellinek zu einer Gastpredigt, die er am Sabbath des Wochenabschnittes Noach hielt und in welcher er das Thema behandelte: „Jede Zeit hat ihren Mann und jeder Mann hat seine Zeit". Die Predigt wurde allseitig bewunden. Nach Wien berufen, wirkte er 36 Jahre als Prediger und Schriftsteller zur Ehre der Wiener Gemeinde und zum Ruhme des jüdischen Volkes. 14 Tage vor seinen Tode predigte er noch über den letzten Abschnitt des ersten Buches und ein Grabredner sagte mit Recht von ihm: „Früh ward ihm die Palme des Sieges zulei! und sanft entglitt sie zuletzt den müden Händen". Jellineks Eigenart bestand in der Virtuosität, in der Behandlung der Agada, deren liefe Kenntnis ihm zugute kam. Er schuf Neues - auf dem Gebiete der Predigt, sagte Güdemann, indem er an das Alte anknüpfte, um die Predigtweise unserer alten Lehrer mit den Ansprüchen moderner Bildung und modernen Geschmacks zu vermählen. So war er während eines halben Jahrhunderts der vielgerühmte Prediger einer alten Zeit und doch hinwiederum eimr neuen, aus jener die Waffen holend für diese. Er war der Mann seiner Zeit. In seinem Herzen glühte die heilige Flamme begeisterten Nationalgefühls und zugleich die Zuversicht, daß die prophetischen Ideale der Menschenverbrüderung und Demokratie bald verwirklicht werden würden. Aber Jellineks Ruhm gründete sich nicht blos auf die zündende Gewalt seiner Beredsamkeit. Der Kanzelredner teilt das Los der Mimen, denen die Nachwelt keine Kränze flicht. Mit der Kunst der Rede, mit der Meisterschaft der Sprache und mit der Macht deS Vortrages hat er nur den Sühnen seiner Zeit genug getan. In seinen gelehrten Werken hat er aber auch der Nachwelt kostbare Schätze geschenkt, die ihn lange, sehr lange überleben werden. Jellinek war einer der fruchtbarsten Schriftsteller seiner Zeit. Ein von Lippe verfaßter Katalog der literarischen 'Arbeiten Jellineks enthielt 100 Nummern, die von Jellinek selbst noch um einige vermehrt wurden. Darunter Werke von unschätzbarem Werte, Werke, die zur Anwendung des Dichterwortes aus den gefeierten Lehrer berechtigen: „Es wird die Spur von seinen Erdentagen nicht in Aeonen untergehen". Dr. F.

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