Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1918
- Issue
- Heft 18 (6.9.1918)
- Date
- 1918-09-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Als der Weltkrieg im Jahre 1914 ausbrach, konnten sich unsere Patrioten in der Forderung, die ganze Jugenderziehung entschieden kriegerisch zu gestalten, nicht genug tun. Heute hat das allgemeine schreckliche Weltunglück dem Kriege die Volksympathie wieder genommen, die große Majorität der Menschheit wünscht den Frieden heiß herbei und möchte den Krieg je früher, desto lieber von der Erde tilgen. Jene kühnen und fr—eien Kriegsschriftsteller, die den Krieg als ein „kräftigendes und verjüngendes Stahlbad" priesen, sind heute kleinlaut geworden Und es ist in den meisten Fällen nicht schwer nachzuweisen, daß diese Schreibweise von Kriegsnutznießern erkauft ist. Wohl wird es dem Einzelnen und ganzen Staaten unmöglich, den Frieden und das einträchtige Einvernehmen zu bewahren, wenn dies „dem bösen Nachbar nicht gefällt" und die Notwehr muß auch vom Friedfertigsten gebilligt werden. In der Regel suchen daher heute noch die Staatsmänner ihre Kriegserklärungen damit zu entschuldigen, daß sie von den Kriegsgegnern hiezu gedrängt wurden und nur selten bringt m solcher Staatsmann auch die Kühnheit auf, unverblümt „den heiligen Egoismus" als Kriegsgrund gelten zu laffen. Heute ist es wohl überflüssig, die Schäden des Weltkrieges zu schildern, die große Mehrzahl der Menschen, das sind überall die besitzlosen, arbeitenden Staatsbürger, haben sie zur Genüge verspürt. Aber schon bei-seinem Beginne raubt her Krieg den Völkern ihre wertvollsten Rechte und im Kriegsgebiete werden sofort alle derartigen Schutzgesetze von dem schrecklichen Mars aufgehoben. Sobald der Krieg seine fürchterliche Tätigkeit beginnt, erscheint^die menschliche Ethik eingestellt, denn der kommandierte Massenmord negiert nun alle moralische und religiöse Hauserziehung, die der Soldat früher genossen hat. Er muß nun der allgemeinen Menschenliebe 'oder gar der Feindesliebe grausam entgegenhändeln, die ihm die Religiönslehre eingeschärft hat, denn er wird gezwungen, den Tod gegen ihm ganz unbekannte und gleich ihm zum Kampfe gezwungenen Männer zu schleudern. Welch furchtbare Gewissenslast luden sich solche Staatsmänner auf, die eingestandenermaßen an dem blutigen Weltkriege fteiwillig und nicht gezwungen Teilnahmen. Wir fragen aber, kann eine derartige fiirchterliche moralische Verwüstung, die jeder junge Kämpfer peinigend fühlte, für die Zukunft wirkungslos bleiben? Wohl werden solche Kriegstaten hinterher mit Notwehr entschuldigt, doch wirkt solch schreckliche Uebung dann oft nachteilig nach. Die Weltgeschichte zeigt, daß. die Menschheit nach jedem andauernden Kriege wieder tief in Barbarei und Roheit zurücksank und kein objektiver Beobachter kann die Verrohung und Verwilderung unserer Jugend während des' Weltkrieges übersehen. Wir erfuhren es unliebsam, wie sehr der Krieg unser gesamtes Schul- und Bildungswesen herabsetzte, indem er unseren Kindern nicht nur sofort die Väter und Lehrer massenhaft entzog, sondern auch viele Schulen und dadurch deren Wirksamkeit arg beeinträchtigte. Er verdammte auch die zart« Jugend zu Dauerhunger und zu schon mit Morgengrauen beginnenden langstündigen „Anstellungen" vor Markt-und Kaufläden, wo sie die bedenklichsten Gespräche gedanken- und gewissenloser Erwachsenen ayhören konnte. Trotz alledem forderten einflußreiche Ueberpatrioten eine entschiedene KrieOerziehung in unseren Schulen. Auf diesem Wege können nun Ethiker weder in Elternnoch in Lehrerkreisen ohne Widerspruch Folge leisten. Die zarte unschuldige Jugend soll und darf nie für den Krieg, also auch nicht zu barbarischem -Völker- und Stammeshaß, sondern immer entschieden für den Frieden und die allgemeine Menschenliebe erzogen werden. Hütet Euch, Ihr Staatenlenker, Eure inhumanen KrieOgelüste zu verwirrenden Vergiftungen der unschuldigen Volks- und Kinderpsyche zu mißbrauchen, Kriegerischer Ueberpatriotismus und Uebernationalismus gefährden die schlichte menschliche Moral. Sie nähren den Haß und die Eifersucht gegen anders geartete und sprechende Menschen und Staatsorganisationen, wirken deshalb inhuman und barbarisch. Die vergeblichen Friedensbemühungen des Papstes zeigen wohl deutlich genug, in welch unversöhnlichen Gegensatz der Krieg zur Religion geraten ist. Die große Mehrzahl der Lehrpersonen und Jugenderzieher, welche die allgemein humane Bestimmung unserer Schulerziehung nicht fälschen laffen will, sieht sich gezwungen, den Wortführern der Kriegserziehung ernst und energisch zuzurufen; „Hand weg von der friedlichen, unschuldigen Schuljugend!" Der Krieg soll , keine dauernde Institution werden, vor solchem Unglück möge uns der Himmel behüten! Wir Eltern und Lehrpersonen wollen im Gegenteil mit all unserer Kraft und Energie, für möglichst baldige Wiederherstellung des allgemeinen Weltfriedens arbeiten! In diesem Streben befinden wir «ns in Oesterreich-Ungarn in guter Gesellschaft, denn wir teile» unsere Friedenssehnsucht mit dem geliebten Kaffer Karl I.