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Die Wahrheit · 1915-10-15 · Heft 33 (15.10.1915) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1915
Issue
Heft 33 (15.10.1915)
Date
1915-10-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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<6eUe 6 Die Wahrheit Nr. 3^ „Misped godol w’chowed me’ot: Eiu^großes schweres Trauergeleite! Lrvsl kowed seh’: Es ist eine große schwere Trauer, die uns umfängt. Wie ioll ich Ausdruck gebe», dem Leide, dem Schmerze, der unsere Herzen erfüllt, der Klage um den unersetzlichen Verlust für unsere Gemeinde. Was Dr. Gustav Kohn unserer Gemeinde war? Alles! Ueber 30 Jahre dem Vorstande angehörend, war ihm keine der weitverzweigten Agenden der Gemeinde fremd geblieben, keine derselben, sie mochte von größter Bedeutung oder geringfügig sein, der er seine Aufmerksamkeit versagt hätte, daher auch selbstverständlich seine Meinungsäußerung im Vertreter-Kollegium, sowie im Plenum entscheidende Bedeutung hatte. Die Leitung des Schulwesens, eines der mühevollsten Belange der Gemeindeverwaltuilg, war — mau kann fast sagen ausschließlich — in seine Hand gegeben, wie er auch im Landesschulrate mehr als ein Vierteljahrhundert als Bertreter der Gemeinde fungierte. Als Obmann des Bethausvorstandes hatte er die Obsorge nicht allein für die klaglose Durchsühruug des Gottesdienstes in unseren Gemeindebelhäusern. sondern auch für die anderweitigen gottesdienstlichen Versammlungen, für welche beispielsweise in den letzten Feiertagen für viele Zehntausend« unserer Glaubensbrüder Ordnung und Raum geschaffen werden mußte. Wenn schon diese Belange solche sind, daß sie bei der Sorgsamkeit mit der der Dahingeschiedene ihnen nachkam. die umfassendste Tätigkeit eines Mannes voll in Anspruch nehmen, so waren es bei seiner Hingebungsvollen Arbeitsfreude in seiner nie erlahmenden Pflichttreue überhaupt alle Angelegenheiten der großen Kultusgemeinde Wien, wie auch darüber hinausgehend der angestrebten Vereinigung zit dem alle Kultusgemeiudeu Oesterreichs umfassenden Gemeindebunde, welchen er Studium und Arbeit nicht etwa bloß vorübergehend, sondern intensiv widmete. Den „väterlichen Freund und Berater" nennt ihn die Beamtenschaft in der Todesanzeige. Der väterliche Freund und Berater war er nicht allein den Beamten, sondern allen, allen Hilfesuchenden, die sich an ihn wandten und denen er i» seiner wahrhaft unerschöpflichen Güte und Milde aufopferungsvoll mit Rat und Tat an die Hand ging. Hilfebringen, alle seine Kraft in den Dienst der Hilfesuchenden stellen. Wohltätigkeit üben, das war ihm Herzensfreude, da war er unerschöpflich. Und mochte auch hie und da seine Vertrauensseligkeit getäuscht werden, nichts, nichts vermochte ihn davon abzubringen, daß er den Bittenden seine segenspendende Hand reichte. Güte. Wohlwollen, wahrhaft aus dem Herzen quellende Liebeltswürdigkeit, Freundlichkeit, aufopfernde Menschenliebe, all das verkörperte sich in dem Dahingeschiedenen in einer Weise, wie sie kaum noch zu finden sein mag. Mir stand er in meinem Amte hilfreich zur Seile. Gab es hie und da Gegensätze, sie wurden ausgeglichen. Mir persönlich war er ein lieber, treuer Freund. In tiefer, tiefster Erschütterung stehe ich vor Ihnen. Sein lieber Wort, sein Andenken wird mir treu und heilig fein bis an mein wohl nicht allzufernes Lebensende." Es sprachen weiters namens der Advokatenkammer der Präsident Dr. Ritter v. Feistmantel und für die Chewra- Kadischa deren Präsident Salo Cohn und hierauf hielt als Vertreter des Bethausvorstandes Herr phil. u. jur. Doktor Marcus Spitzer folgenden Nachruf: „An der Bahre des ausgezeichneten, hervorragenden, unvergleichlichen Mannes in der Stunde, in welcher die Seele durchzittert ist vom namenlosen Schmerze und unsagbarer Trarier, alle Gedanken und Empfindungen erfüllt, von dem Bewußtsein des unersetzlichen Verlustes, den unsere Gemeinde erlittenwill ich nur einige Züge hervorheben aus dem herrlichen Gesamtbilde des reichen, gottbegnadeten, segenerfnllten Lebens, das sich uns als kostbares Kunstwerk, in allen seinen Teilen Einfachheit und Größe kündend, darbot, znm Preise und zur Ehre des edlen Dahingeschiedenen. in dem sich der Spruch der Bibel „Gort erschuf den Menschen in seinem Ebenbilde" verkörperte, der zu den höchsten Idealen der Menschheit, zu der alles beglückenden Humanität emporstrebte und den Spuren des göttlichen Wesens folgend, Barmherzigkeit, Gnade, Milde und Menschenfreundlichkeit in reichem Maße spendete. Auf allen Gebieten des jüdischen Gemeindelebeus, auf dem Gebiete des Kultus, des Unterrichtes und der Wohltätigkeit hat er Großes. Unvergleichliches geleistet, reiche Saaten ausgestreut, deren Früchte noch die spätesten Geschlechter genießen werden und sein Wirkerl und Schaffen, seine Werke unh Leistungen gestalten sich zu einer hohen, idealen Einheit. Sind sie ja alle aus einer Wurzel emporgewachsen, aus der unendlichen Liebe zu seinem Volke und dessen Glauben, entströmten sie ja einer kristallhellen, unversiegbaren Quelle, welche in den geheimnisvollen Tiefen eines nnerforschlichen Herzens rauschte, eines Herzens, das der Davidsharfe glich, welche in den herrlichsten Tönen erklang, wenn der eisige Hauch der Not, des Elends und der Armilt durch deren Saiten strich. Der Verewigte entsprang aus dem Stamme der Priester. Das Priestertum ist, seitdem der Tempel auf Zion zerstört und in Trümmer gesunken ist, eine historische Erinnerung an längst entschwundene Zeiten. Allein von Zeit zu Zeit sendet uns eine gütige Vorsehung Männer, in denen der alte Priestergeist erwacht, deren Leben ein Gottesdienst ist, welche ' sich dem allgemeinen Wohle und Heile weihen. Einer dieser Auserwählten war unser Dr. Gustav K o h n. Er hat in dem Tempel der Menschenfreundlichkeit und der Nächstenliebe, den ' er sich errichtet, seines Priesteramtes gewaltet. Er entzündete das Licht, diesen Strahlen in die Hütten der Armen und Elenden drangen und das Düster erhellten. Er unterhielt das ewige Feuer der Liebe und Güte, das alle Stürme nicht verlöschen konnten und brachte Tag für Tag Opfer um Opfer, angenehm Gott und Menschen. Der Tlsch wurde reichlichst gedeckt, damit die Armen und Dürftigen gespeist nnd gesättigt werden. Er war ein Schützer und Schirmer der heiligen Bundeslade mit' ihren ehernen Gesetzestafeln und ans vollen Kräften war er bemüht, daß die ewigen Wahrheiten des Judentums und dessen von Menschenlkebe durchglühten Gesetze' schon in das Herz der Jugend eiugepflanzl werden. Noch eine merkwürdige Mission hatte der Priester Israels. Wenn jemand an seinem Hanse einen Schaden, Risse und Sprünge bemerkte, so ging er zum Priester. Dieser untersuchte, durchforschte das Haus und wenn nach einigen Tagen diese Risse und Sprünge sich nicht erweiterten, so erklärte er, das Haus für rein. Unzählig sind die Familienväter, die im Kampfe ums Dasein erlahmt, die den Verlust ihrer Existenz, ihres Familienglückes, den Zusammenbruch ihres Hauses befürchteten, zu diesem Priester gekommen mit dem Ausrufe w22 'b nin: yjja und da untersuchte und durchforschte der Verewigte dieses Haus und mit unermüdlichem Eifer, Aufopferung seiner Zeit und feiner Interessen gelang es ihm oft und oft, nach wenigen Tagen die fröhliche Botschaft zu überbringen rran n« pan invi, daß das Haus rein sei, daß der Schaden behoben. die Existenz gerettet fei. Diese seine Priesterschaft stellte er auch in den Dienst unseres Kultus, der an Stelle des Opferdienstes getreten. In dem Bethausvorstande, dessen Präsident er war, waren alle Bestrebungen darauf gerichtet, ttnseren gottesdienstlichen Einrichtungen ihren alten Glanz zu bewahren. Er fand Ruhe und Erholung im Kreise dieser seiner Kollegen. Er wußte jene Atmosphäre zu schaffen, in der allein die zarten Blüten des Zusammenwirkens und der Harmonie sich entfalten. Er erschloß uns 'sein liebenswürdiges Wesen, wir erquickten uns an seinem Humor, der nur *au§ einem gesunden Herzen kömmt, und an der Jugendfrische, die er sich bis ins hohe Alter bewahrte. Wir liebten und verehrten ihn und sahen zu ihm als zu nnserem Führer empor. Wir gelobten in seinem Geiste zu wirken und dieser wird uns stets bei unseren

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