Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1915
- Issue
- Heft 15 (16.4.1915)
- Date
- 1915-04-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: Wien, II., Novaragasse 27 Telephon: Redaktion Automat 42.889. Anakhängige Hertschrift für jüöische Bezugspreis: Ganzjährig.K 15. Halbjährig.K 7.50 Administration 4938 II. fl. k. österr. Postsparkassa- Scheck-Konto Nr. 100.918. Interessen. Für Kultusbeamte: Ganzjährig.K 10.— Inserate: — Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Kr sch eint jeden Are i tag. Für Ausland: | Abonnements- und Jnsertions- Ganzjährig.8 Mark 1 betrage sind in Wien zahlbar! und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 8 Rubel oder 18 FrcS. Nr 13. Wien. 16. Aprit I!>I5. Inhalt: Bürger, wahret ruhig Blut! — Die Spuren der russischen Invasion. — Erklärung. — Ein Kuriosnui. — Für die Internierten in Tirol. — Oberkantor Süßkind. — Verschiedene Nachrichten. — Wohltätigkeitsaktion des österr.-ungar. Kantorenvereines. -- Banken Wir ersuchen um Einsendung der rückständigen und Laufenden Abonnementsbeträge. Kärger, wahret ruhig Mut! Die Zeit der Brot- und Mehlkarten hat nun auch in Wien und Niederösterreich begonnen und die zahlreichen Angstmeier ergehen sich in Befürchtungen, man werde auch auf Grund der Brot- und Mehlkarten das zugebilligte Quantum an Brot und Mehl nicht immer erhalten. Namentlich die kleinen Lebeusmittelhändler beftitben sich in Furcht, sie wurden nun außerstande sein, die Käufer zu befriedigen. Zn dieser pessimistischen Anschauung wurden dieselben durch die Regellosigkeit gedrängt, in welcher sich der Mehl- und Brothandel in der Zeit vom 28. Februar l. I. bis zur Gegenwart abspielte, auch mag die Einschränkung der Preistreiberei, welche ihren Geschäftserlrag erheblich verminderte, ihre Verdrossenheit gesteigert haben, die sie nun auch in den Kreisen der Konsumenten zu verbreiten suchen. Zahlreiche Wiener Greißler zeigen den Käufern ein enorm schwarzes Weizenmehl, das am Lande unter dem Namen „Saninehl" bekannt ist und behaupten, dies sei das zukünftige Kriegsmehl, welches für die Konsumenten bestimmt sei. Dem gegenüber kann nnn vor allem ans das deutsche Reich hingewiesen werden, wo die Brot- und Mehlkarte bereits zwei Monate existiert und sich bewährt. Es ist wohl ausgeschlossen, daß die Behörden, welche die Brot- und Mehlkarten ailsgeben, sich nicht früher sicherstellten, den Empfängern dieser Nahrnngssicherungs-Dokumente auch den faktischen Empfang der zngemessenen Brot- und Mehlquanten zukommen lassen zn können. Anfangs können sich wohl unvorhergesehene Schwierigkeiten Herausstellen, aber solche können wohl bald wieder behoben werden und auf die Dauer wird sich im gottgesegneten Oesterreich kein Brotmattgel zeigen. Am flachen Lande gibt es sehr bedeutende gesperrte Gelreidemengen, welche die Kriegsgetreidegesellschaft nun nach Bedarf anfkaufen kann und die Militärverwaltung wird wohl für die friedliche Bürgerschaft, ans deren Mitte die Vaterlandsverteidiger stammen, noch etwas übrig lassen. Getreidespeknlanten, selbst wenn sie noch so Habsüchtig und gewissenlos wären, werden es sich nun überlegen, Getreidemengen zn verbergen, zumal sie beim Verkäufe lukrative Geschäfte machen. Wohlhabende Leute haben außerdem häufig in Angstkäufen bedeutende Mengen Mehl anfgestapelt, welche sie bis znm kommenden Herbste nach den bestehenden Verbranchsvorschriften unmöglich verbrauchen können. So ist noch ein keineswegs zu unterschätzender Reservevorrat vorhanden, den die Getreideeinkaussgesellschaft einziehen kann, wenn sich die Notwendigkeit ergibt. Am allerwenigsten sind jene Bürgerschichten zn beunruhigender Angst vor Hunger berechtigt, welche in der Lage sind, trotz der maßlosen Teuerung noch andere nngesperrte Nahrungsmittel, wie Fleisch, Eier, Käse und Fette, Hülsenfrüchte und Konserven und dergleichen einzukauseu. Am ärgsten sind nun tatsächlich die gänzlich vermögenslosen, arbeitenden Volksschichten daran, welche außer der ihnen zngebilligten Brot- und Mehlmenge nichts kaufen können und auch früher schon außerstande waren, sich für die Zeit der Not irgendwelche Nahrungsmittelvorräte anznlegen. Solchen Leuten gegenüber sind nun alle Wohlhabenden mehr als je moralisch verpflichtet, möglichst hilfreich einzugreisen, und da bekanntlich Hunger Eisen bricht, liegt angeregte Hilfsbereitschaft auch im eigenen Interesse der wohlhabenden Kreise. Die enterbten Volkskreise, welche gegenwärtig ihre arbeitsfähigsten Angehörigen znm Schutze des Vaterlandes ebenso in die Schützengraben gegen den anstürmenden Feind entsendet haben, wie die wohlhabenden bürgerlichen Schichten, haben in der gegenwärtigen beispiellos harten Zeit ein Anrecht, von Staat und Gesellschaft vor Hunger geschützt zn werden. Der seit jeher nicht an Ueberfluß in seinen Kassen leidende österreichische Staat leistet nun in Form von Unterhaltnngsbeiträgen sehr bescheidene Zuschüsse, welche Not und Hunger nicht zu bannen vermögen, wenn die Gesellschaft nicht mithilft. Sie möge nun in unauffälliger Weise diesen Armen durch individuelle Ausübung der Privatwohltätigkeit das viele unverschuldete Elend zn mildern suchen! Alle wohlhabenden Bürger mögen nun mit vollen Händen und ungesäumt helfen, denn diese armen Leute sind auf diese Hilfe angewiesen, wenn sie mit ihren unschuldigen Kindern nicht hungern und darben sollen! Ist nun die Hoffnung berechtigt, daß wir die neue Ernte ohne quälenden Hunger erreichen, so ist auch die Hoffnung nicht abznweisen, daß der greuliche Krieg bald seinem Ende zueilt. Die Kraft und Ansdauer der wackeren verbündeten Zentralmächte haben die Russen. Franzosen und Engländer bereits durch achteinhalb Monate an ihrem Leibe verspürt und auch der so oft schon totgesagte Türke macht sich seinen Feinden sehr unangenehm.