Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1913
- Issue
- Heft 5 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 5. Die Wahrheit Seite II Oesterr Ungar KautorenUerein. Mittwoch, den 27. Jänner, 6 Uhr abends, fand unter "dem Vorsitze des Präsidenten I. Bauer eine Vorstandssitznng statt; am welcher mit Ansnähme der nnwohlseinshalber entschuldigten Vorstandsmitglieder I. Morgenstern und I. Schleifer sämtliche Vorstandsmitglieder u. zw. die Herren: I. Bane r, M. Scho r r. S. D ü u m a n n, S. I n rberge r, I. G r o b, I. B a s s er, H. Rosenberger, S. S e r e b r e ü i k, I. S ch lesin g er, G. Fri ed lä n d er, M. B. K a u f m a n n teilnahmen. Nach Erledigung der Einläufe gibt der .Vorsitzende bekannt, daß das Vereinsmitglied H. L e m b e r g e r, derzeit in Wien, seine Invalidität angemeldet habe und den-statutarischen Jnvaliditätsbeitrag vom Vereine anspreche. Nach Feststellung der Legalität des Anspruches beschließt der Vorstand die Bewilligung des Jnvaliditütsbeitrages und die Ausschreibung zur Einsendung der Pflichtbeiträge. Vereinssekretär Dr. Löwy verliest den von ihm verfaßten Bericht über sämtliche Aktionen des Vereines in den letzten sechs Jahren, der als Vorwort für den bereits früher -vom Vorstande genehmigten Rechuungsausweis sämtlichen Mitgliedern zngesendet werden wird. Im Anschlüsse daran teilt Dr. Löwy mit, daß er infolge allzustarkek beruflicher Inanspruchnahme sich genötigt sehe, das Sekretariat des Vereines niederzttlegen, jedoch im Interesse des Vereines, dessen ferneres Gedeihen ihm am Herzen liege, bereit sei, als unbesoldeter Beirat seine Erfahrungen und seinen Rat dem Vorstände in wichtigen Angelegenheiten zur Verfügung zu stellen. Diese Mitteilung wird unter Ausdruck des Dankes und der Anerkennung für den scheidenden Sekretär zur Kenntnis genommen. Der Vorsitzende gibt einen Fall krassester kollegialer Plicht- Derletzung bekannt, die sich Kantor Klein im Karolinental dadurch zuschulden kommen ließ, daß er trotz der abwehrenden 'Bitte des bei der Triester Gemeinde angestellten und nicht in ^Kündigung beflndlichen Kantors O e ft e r r e i ch e r sich zu einem Probevortrag für die von letzterem besetzte Stellung herbeiließ. Ein seitens des Präsidenten des Kantorenvereines an .Herrn Kantor Klein schriftlich gerichtetes Ersuchen um Mitteilung des Sachverhaltes hat derselbe vollkommen unbeachtet -gelassen. Der Vorstand beschließt, dem Kantor Klein im Karolinental seine schärfste Mißbilligung anszndrücken und spricht die Erwartung ans, daß die gesamte Kollegenschast gegen derartige Schädlinge des Berufes in energischer Abwehr Stellung nehmen werde. Ein weiterer ans der Tagesordnung vorgemerkter Bericht betreffend die Aktion zugunsten der Wiener Vereinskantoren wird wegen vorgerückter Zeit für nächste Sitzung verschoben. * * * Im Sinne des Vorstandsbeschlnsses vom 22. Jänner i913 werden die P. T. Mitglieder laut § 14 der Statuten ausgefordert, den Pflichtbeitrag für den Jnvaliditatsfall H. Lemberg erper L2.— umgehend an den Vereinskassier, S. Jnrberger, Wien, H. Tempelgaffe 3 einzusenden, wobei aufmerksam gemacht wird, daß jene Mitglieder, die die Einsendung innerhalb 3 0 T a g e u u t e r l a s s e n, laut § 9 den Anspruch auf Benefizien jeder Art verlieren. Der Bor st a nd. Die Tage der Uorzeit. Bon Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) Gastfrei war sein Hans immer gewesen, aber nicht in dem Sinne wie jetzt. Jüdische Gelehrte, sie hätten, ineinem hier -üblichen, wenn auch nicht elegantem Anzüge erscheinen mögen, oder In einem schäbigen Kaftan mit deu bei den osteuropäischen Juden gebräuchlichen Peias, sie fanden alle bei Reb Jaikew Popper einen gedeckten Tisch, und wo es notwendig war, reichliche Wegzehrung. Auch jene Armen, welche sich nicht im Wissen auszeichueten, waren in diesem echtjüdischen Hanse willkommen gewesen; Armut und Krankheit waren ein Empfehlungsbrief, der bei Popper niemals versagte. Jetzt aber gestaltete sich das anders. Frau Klara war zwar auch wohltätig. Sie gab mit vollen Händen allen ihr von ihren neuen Freunden empfohlenen Künstlern und herabgekommenen Herrschaften, aber diejenigen, die vordem als Hausgenossen betrachtet wurden, verwies sie nur an ihren Mann, der sie, wie sie sich ausdrückle, abfertigen werde. Au ihrem Tisch aber war kein Platz für diese Gäste. Dies mußte sie aus Rücksicht sowohl auf die Dienstboten vermeiden, als auch der ständigen, vornehmen Besucher ihres Hauses wegen. Popper litt furchtbar unter diesen Verhältnissen, hatte aber weder den Mut, noch den Willen, dagegen einznschreiten. In der Jndenftadr Prags war eine epidemische Krankheit ansgebrochen. Die reichen Juden der Gemeinde hatten die vor kurzem erteilte Erlaubnis benutzt, und waren nach und nach in die andern Teile der Stadt übergesiedelt. Nur der ärmere Teil der Jndenschast war zurückgeblieben, bei denen das Elend immer mehr überhand nahm. Hier fand sich für die Krankheit ein ergiebiger Boden. Da tat ausgiebige Hilfe not. An der Spitze eines Komitees, das sich die Bekämpfung dieses Unglücks ihrer Glaubensgenossen zur Aufgabe gestellt, stand der allezeit opferwillige Jakob Popper. Seine Genossen konnten nicht umhin, die großherzige Spende, mit der er diese Sammlung einleitete, und die Zeit und Mühe, die er dem wohltätigen Werke zuwendete dankend auzuerkennen, konnten sich aber die Bemerkung nicht versagen, daß er noch viel, viel mehr leisten könnte, wenn in seinem Hanse nicht so viel für die Bewirtung unwürdiger Schmarotzer verwendet würde, welche es sich bei der eitlen Jüdin, wie sie Frau Klara untereinander nannten, wohl seiu ließen. Popper kam ganz aufgeregt aus der Sitzung nach Hause. Jil diesem Gemütszustände faßte er sich ein Herz, seine Frau zur Rede zu stellen. Statt, wie er es erwartete, das Versprechen von ihr zu erzielen, daß sie ihre Lebensweise ändern werde, bekam er verletzende Worte zu hören. Sie habe nicht darum ihre Jugend und Schönheit an einem alten Manne vergeben, um alle armen und alten polnischen Juden zu füttern. Sie wolle leben, und zwar in den ihr sympathischen Künstlerkreisen. Zn den frommen Weibern*) zu gehören, fühle, sie vorderhand nicht den Beruf in sich. Dazu habe sie Zeit, bis sie so alt werde, wie seine erste Frau war, die richtig zu nichts anderem getaugt habe, als — Leichenwäscherin zu sein. Popper war bei diesen rohen Worten seiner Frau totenblaß geworden, und als Klara vollends zu weinen anfing, da wußte er ihr gar nicht zu antworten. Er ging ans dem Zimmer, sie in Tränen znrücklasiend. Weder seiu Geschick noch jemand andern konnte er anklagen, als sich selber. Da Klara nach einigen Tagen noch immer schmollte und erklärte, sich niemals mit ihm zu versöhnen, so reiste Popper nach Drahobil zu deu Eltern, .um mit diesem zu beraten, was zu tun sei. Er wollte nicht, daß sich die junge Frau an seiner Seite unglücklich fühle, und wollte ihr die Freiheit geben. Er beantragte die Scheidung, wobei er alle Schuld auf sich nehmen wollte, damit die junge Frau nicht kompromittiert werde. Sommer wies diesen Vorschlag mit aller Entschiedenheit zurück. Er schlug vor, Klara möge eine Reise machen, um fern von Prag und ihren dortigen sogenannten Freunden, anderen Sinnes zu werden. Ihre Mutter werde sie begleiten und ihren Einfluß auf die Tochter anwenden, um die Verblendete auf die rechte Bahn zu leiten. (Fortsetzung folgt.) *) Namen des jüdischen Frauenvereins in Prag.