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Die Wahrheit · 1913-01-10 · Heft 2 (10.1.1913) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1913
Issue
Heft 2 (10.1.1913)
Date
1913-01-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Seite 9. Nr. 2. Die! Wahrheit |)uDliUtionen des öjl~tmg. ücuitoren-lerrines. Die geehrten Mitglieder iverden ersucht, die restlichen Vereinsbeiträge sowie den Beitrag für das am 1. Jänner 1918 begonnene Vereinsjahr unverzüglich an den Vereinskassier S. Iurberger. Wien. IL, Tempelgasse 3; einzusenden, da der Vorstand mit Rücksicht auf die Vereinskasse gezwungen ist, chie Folgen der Rückstände strenge nach den Statuten zu behandeln. Eingänge i m M o n a t e D e z e m b e r 1912; Für Gnttmann-Broschüren voll I. Beckmann-Wien K 10.—, Jenö Weiß-Wien K 1.—, von M. Schor r, Spende anläßlich des sechzigsten Geburtstages des Präsidenten I. Bauer K 50.—. Vereinsbeiträg e: I. Steinhärdt-Neu-Bydzow L 18.—, -I. Glück-Wien Ki—, Wolfensohn-Wien K 8.—, G. Friedländer-Wien L 5.—, M. Reiser-Reuern L 18.—, H. Berinann-B.-Leipa K 14.—, Ad. Kohn-Mähr.-Budwitz L 5.—, S. Jellinek-Ober-Hollabrunn K 4.—, I. Smotritzky - Wien L 10.—, Herm. Kohn-Salzbnrg L 10.—. Feuilleton. Die Tage der Uor;eit. Bon Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) VI. David hatte Glück gehabt. Er kam in die große, weitverzweigte chemische Fabrik Bernhard Sommer in Drahobil als Comptoirpraktikant gegen ganz freie Station. Da er brav, fleißig und anstellig war, übernahm sein Chef auch die Verpflichtung ihn zu kleiden. Er war daher versorgt. Nicht so leicht war es seinem Vater, einen Erwerb für sich und fein Weib zu finden. In der Stunde der Verzagtheit sagte er oft: Ja es ist wahr: Die materiellen Mittel zu einem ehrlichen Erwerbe zu finden, das ist so schwer, wie das Teilen der Wellen am Schilfmoor war. Als alle angestellten Versuche fehlschlngen, da raffte sich Reb Salme zu einer Tätigkeit auf, die er in bessern Zeiten zu seinem Vergnügen, oder sonst um eine Mizwe zu machen, ausgeübt hatte: Er ging zu Hochzeiten als sogenannter Schalksnarr. Jetzt aber gegen Entgelt. Bald wurde es in einem Umkreis von mehreren Meilen bekannt, daß Reb Salme Borgftein ein Professions-Narr geworden sei, und keine Hochzeit wurde gefeiert, Ln der man nicht Salmele Narr, wie er jetzt hieß, geladen hätte. Da fiel für den unglücklichen Ex-Kaufmann so viel an klingender 'Münze ab, daß er mit seiner Frau anständig leben konnte. Diese hatte sich von dem Tage an, wo ihr Mann offen als Hochzeitsnarr ausgetreten, ganz von jeder Geselligkeit zurückgezogen. Es, kostete sie anfangs nicht geringe Ueberwindnng, an Sabbaten und Festtagen in „Schul" zu gehen, und sich daselbst auf ihrem Sitze, dem Einzigen, was ihr von ihrem früheren Wohlstände geblieben war, niederznlassen. Hatte es damals schon ihren Stolz verletzt, als Salme an Hochzeiten sang und spielte und selbstverfaßte Verse vörtrug, wo er es „leschem mizwa" tat. wie mußte sich dieser Stolz erst unter der Tatsache anfbänmen, daß ihr teurer Salmeleben, der einst hochgeachtete .'Kaufmann, Allerweltsnard abgebe für Geld, das unter den Gästen für ihn eingesammelt wurde. Was sollte nicht alles, aus ihrem David werden! Keine Lebensstellung schien den Eltern zu hoch, oder un erreichbar-für ihren David, ihrem Abgott, zu sein. . Jung Davids körperliche und geistige Eigenschaften waren auch geeignet, ein solches Vertrauen in seine Zukunft zu rechfertigen.. Schön und kräftig gebaut, mit einem lebhaften durchdringenden Geiste begabt, verfügte er auch über einen Grad von Fleiß und Willensstärke, welche das Beste für seine Ausbildung erwarten ließen. Auch schien den.Eltern.kein Opfer zu groß zu sein, um das vorgestreckte Aet zu erreichen. Aber das Unheil kam mit Siebenmeilenftiefeln herangesaust. In dem Laden,. in dem fein ganzes Vermögen in Waren sich befand, war durch Unvorsichtigkeit eines Angestellten Feuer ansgebrochen, welches das ganze Warenlager samt der angrenzenden Wohnung mit deren Einrichtnng binnen welliger Stunden vernichtete, so daß die Familie nichts als das nackte Leben retten konnte. Auch die Mutter beruhigte sich nach und nach. Sie war frei von. drückenden Nahrnngssorgeu und das söhnte sie mit der Zeit mit ihrem Schicksale aus. Zudem kam David öfter nach Hanse, und versprach immer, daß er bestrebt sein iverde, diesen traurig-lnstigen Erwerb des Vaters bald überflüssig zu machen. Er hoffe, in kurzem eine solche Stellung in der Sommer'schen Fabrik eiuznnehmen, die es ihm ermöglichen werde, die Pflicht gegen seine Eltern voll und ganz zu erfüllen. Der Chef sei mit seinen Leistungen zufrieden, dessen Frau habe ihn sehr gern, lind erst das Fräulein! Da kann es ihm ja nicht fehlen. Diese Worte des Sohnes hatten im Herzen der eitlen Mlltter eine Menge von Wünschen und Hoffnungen entfesselt. Nichts schien ihr zu hoch, nichts unmöglich zu fein, wonach zu greifen ihr vergötterter Sohn nicht das Recht hätte. Hätte sie aber gesehen, was sich kurz danach zugetragen, als er sich unter Küssen von ihr verabschiedet hatte, und wäre Zeugin.des Gesprächs gewesen, das er mit Nachbars Miuchen geführt hatte, ihre kühnen Hoffnungen hätten einen argen Stoß erlitten. Die Mutter hatte ihrem David das Geleit bis ans Ende der Judengasse gegeben. Von da an ging er durch die Dorfgasse allein, sich nach beiden Seiten umblickend, als erwarte er, daß jemand ans einem der Bauernhöfe heraustreten und sich ihm zugesellen würde. Dies geschah wohl nicht, aber als er das letzte Gehöft des Dorfes hinter sich hatte, und sich dem nahen Stationsgebäude znwenden wollte, sah er unter einem weitästigen Lindenbanme ein Mädchen sitzen, das mit einer Handarbeit beschäftigt, sein Herannahen nicht zu bemerken schien. Erst als er sie bei ihrem Namen rief, blickte sie auf, warf ihre Arbeit in das Gras und lief ihm entgegen. „Wartest Du schon lange da, Minchen?" „Sehr lange, und noch länger schien es mir, da meine freie Zeit zu knapp ist. Meine Mutter darf doch nichts wissen, daß lvir hier immer znsammenkommen, wenn Dlt Deine Eltern besuchst." „Ebensowenig wie die meine. Und doch sehe ich nicht ein, war ccm wir es so ängstlich verbergen, daß wir uns gerne haben. Was hat Deine Mutter eigentlich gegen mich?" „Gegen Deine Person gar nichts. Aber sie meint, daß Du mich nicht heiraten kannst, daß Du dich, bis Du das Alter und Einkommen znm Heiraten hast, nach einer reichen Braut nmsehen mußt, da Du die einzige Stütze Deiner armen Eltern bist. Ich aber kann mit meinen Näharbeiten, und wenn ich noch so fleißig bin, kaum das Leben durchbringen, aber die notwendigste Ausstattung — von einer Mitgift kann keine Rede sein, kann ich nicht erübrigen. Und zu einer aussichtslosen Liebelei scheine ich ihr denn doch zu gut zu sein." David war nachdenklich geworden. Dann sagte er: „Ich glaube, daß dies auch der Grund ist, daß meine Mntter von unserem Verhältnis nichts wissen will. Aber fürchte nichts, mein Kind! Ich lasse nie und nimmer von Dir. Bis ich so weit bin, um heiraten zu können, so werde ich mit festem Willen die Schranken durchbrechen, welche unsere Mütter zwischen uns errichten. Ich besitze nicht den nachgiebigen Sinn meines Vaters, sondern den starren, unbeugsamen der Mntter." Lange, fast bis zur Dämmerung saßen die sich liebenden Nachbarskinder beisammen und machten Zukunftspläne. Es war ihm ja nur selten gestattet, mit dem Mädchen, das er von frühester Jugend gern hatte, so ungestört beisammen zu sein. Die Erinnerung an diese heiteren Plauderstündchen begleiteten ihn in sein arbeitsvolles Leben und erheiterten ihm die traurigen Tage, die er in Sorge um seine dürftigen Eltern und seine eigene Zukunft verbrachte. Je mehr sich aber seine äußere Lage verbessertedesto seltener wurden die Zusammenkünfte.; (Fortsetzung, folgt.)

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