Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 36 (13.9.1912)
- Date
- 1912-09-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063623-3063659--08058-3075195- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Redaktion iiiib Sidministration: Wien, II/, Nvvaragasie 27 Telephon: Redaktion 5509/1V. Auabhängige Hertfchrift für jüöifche Veruo»t>rek»: Ganzjährig.Kl*.— Halbjährig.K 7.— Adminisrralion 4938/11, St. k. öfierr. Nostsvärkaisa- Scheck-Konio Nr. 100.918. Interesse«. Für Sl'iiltii'Sbeiuiite: Ganzjährig.K III - In lernte: Die viermal ge/valten- Ronvareille-Zeiie 25 Heller. Erscheint jeden Kr ei tag. Für VIUrlaub: rlboniiemenlS- und Jnserrions- Ganzjährig.S-UMurf benage sind in Wie» zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ t> Nabel ober Irt tftc*. Ar. 36 Wien. 13. September Inhalt: Neujahrsbetrachtungeu. — Rückblick über das Jahr 5672. — Du sollst nicht töten. — Offenes Schreiben an die Veranstalter deL Eucharistischen Weltkongresses. — Zeitbild ans einer böhmischen Landgemeinde. — Verschiedene Nachrichten. — Channa. — «ron toiso na®1? Den geehrten Lesern, Mitarbeitern u. Freunden unseres Blattes entbietet die herzlichsten Glückwünsche znm neuen Jahre die Redaktion. UeujnhrsgedanKen. Israels Religion ist Herzenssache. Nicht in äußerem Pomp, nicht im Aufgebot der Massen, in feierlichen Aus- und Umzügen will sie wirken, sondern in einfacher, schlichter, ansprechender Form. Kein Bild, kein Schmuck soll das Auge von Gott abkenken, die Andacht durch Aeußerlichkeiten stören, sondern im Aufblick zum höchsten Geiste des Weltalls soll der Mensch nach dem Höchsten streben und ringen, der Leidenschaft, dem Genüsse und der Selbstsucht entsagen lernen. „Sie sollen mir ein Heiligtum bauen und ich wohne in ihrer Mitte". Die Pflege des Herzens, des Gemütes führe zur Religion des Höchsten, zum Glauben an die Zukunft der Menschheit im Lichte und Zeichen der Einheit Gottes und der Menschheit. Verstehe mau mich recht: die malchios, die die Herrschaft des einig-einzigen Gottes preisen, sie rnfen dem denkenden, forschenden Israeliten zu, mit dem Begriffe des einig-einzigen Gottes als Schöpfers des Menschengeschlechtes die Einheit desselben zu lehren und den Rassentheoretikern die Grundlagen ihrer verhetzenden Theorien zu entziehen. Gewiß/ist Erziehung, Unterricht, Angewöhnung an die Umgebung für die Entwicklung der Menschen maßgebend, doch noch . mehr der Gottesgedanken im Sinne unserer Lehre von der Gleichheit und Würde aller Menschen ohne Rücksicht auf Sprache und Rasse. Wir können den Vorwurf der Minderwertigkeit als Ausfluß des Eigendünkels bezeichnen, haben aber auf die Wahrung der unverfälschten Gottesidee und deren Verbreitung nur dann einigen Einfluß, wenn wir in Wort, Schrift und Tat die Gleichheit aller aufs entschiedenste verteidigen und unsere Rechte in diesem Sinne stets wahren. Je mehr wir selbst diese Rechte vernachlässigen und uns dem Joche unserer Bedränger beugen, desto früher wird unsere völlige Entrechtung Tatsache. Wollen wir daher eine neue Zeit, ein neues Morgenrot, so müssen wir die wahre Demokratie auf Grundlage des reinen Monotheismus pflegen. Alle Männer guten Willens müssen sich zusammenschließen, um die drohende , Entrechtung eines großen Teiles der ob ihres Glaubens bedrängten Mitbürger zu verhindern und der Menschlichkeit und dem Rechte znm Siege zu verhelfen. Wie oft hören wir von Zurücksetzung tüchtiger, braver Glanbensbrüder, die ob ihrer Treue zu ihrem Volke nicht angestellt oder nicht befördert werden und auch bei ihren eigenen Brüdern kein Brot finden! Ist das nicht entsetzlich, namenlos traurig? Religion ist daher auch Ehrensache! Die siekronos an Israels große Vergangenheit erinnernden Denksteine sind torali awoda ugemihis chasodim. Der Einzelne gedenke stets der Gesamtheit, der er angehört, eingegliedert ist und in Freud und Leid volksbewußt zur Seite zu stehen hat! Gedenke, o Leser und Leserin, des hehren Gedankens, der in Jakobs Geschichte im Engelrufe zum Ausdruck kommt; ki soriso im elohim woodom waduchol: „Du hast mit übermenschlichen Gewalten gerungen und gesiegt". So sei auch du dieses Rufes als Israelit, Gotteskämpfer eingedenk und treu deinem Glauben und Volke! Hilf durch deine Treue eine neue Zeit erwecken und neue Kräfte, Gedanken und Hochziele fördern. Israels Glaube ist ein treu Gedenken, aber auch Erfassen neuer Gedanken, Formen und Bewegungen, um sie mit dem alten Gute zu vereinen. Wir wollen nicht der großen Kulturentwicklung ferne stehen, wir können es nicht, doch alles unserem höchsten Gute, unserer Tora unterordnen und in ihrem Geiste und Sinne verwerten! Religion ist Pflege des Gottesgedankeus, des Höchsten und Besten, was wir haben! Es ist eine Ehrensache, diesen alten, ehrwürdigen Glauben in Treue und Liebe, Reinheit und Größe zu -erhalten und den Kindern zu vererben. Mit diesem einen großen Ziele vor Augen müssen wir alle Hindernisse beseitigen und eingedenk der Vätertreue den Kindern mit dem Glauben an die Vergangenheit, den an die Gegenwart und Zukunft Israels erhalten. Es muß Sache treu sorgender Herzen sein, Religion und Leben, die Forderungen unserer Zeit mit der unseres Glaubens in Uebereinstimmung zu bringen. Wie dies zu erfolgen habe, darüber entscheidet die hehre Glanbenstreue und Liebe zu unserer großen Lehre mit dem heftigen Drange nach Entwicklung und Ausbau aller Lebensverhältnisse. Man sage nicht: „Wir wollen Juden sein, können es aber nicht!" Das ist lächerlich! Warum fehlt denn dem guten Willen im Vorsätze die Festigkeit! Warum den Luxus, die Bequemlichkeit und Behaglichkeit in Fragen höchster Ordnung und Wichtigkeit wie die Religion Israels! Ein wenig Entsagung, Einschränkung und Beherrschung und ein Teil imserer religiösen, wahren Kultur ist gerettet! Sei deinem Kinde ein Vorbild, wie es die Väter uns waren! Lebe nicht bloß dem Genüsse und Spiele mit ernsten Dingen, sondern lebe höheren Zielen und Gedanken, lebe im Ganzen in irnsereu großen Idealen und herrliche:! Gedanken! Vertiefe dich in unser Schrifttum, in unsere Geschichte, wo du