Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063623-3063631--07739-3074848- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10. Die Wahrheit Nr. 8. Wie«. (Jüdischer Schulverein für den H Bezirk.) Montag den 26. d. M. sinder nn Vereinslokale. IX., Seegafse 16, der dritte Elternabend statt (Disknssion). Gäste willkommen. . Wie«. (Jüdische Toynbee-Halle, XX., Othmargasse 46.) Begnui der Vorträge an Wochentagen 1/28 Uhr, Samstag, sowie au Soun- und Feiertagen 7 Uhr abends. Eintritt frei für jeden Erwachsenen. W o ch e u - P r o g r a m m : Samstag, deuf24. Februar 1912. Konzert. Arrangement: Herr G. B e t t e l h e i in. Sonntag, 25. Februar. „Die Entstehung der Sprache". Herr Dir. Dr. Fr i e d e b e r g e r. Montag. 26. Februar. „Bürgerkunde." (Zyklus IV.) Schriftsteller Dr. Heinrich Herbat s che k. Dienstag, 27. Februar. „Jüdische Geschichte." (Zyklus.) Prof. Dr. K. Kupfer. Mittwoch, 28. Februar. „Das österreichische Cherecht." Dr. M. Propper. Donnerstag, 29. Februar. „Literarischer Abend." Schriftsteller Friedrich P o r g e s. Freitag, 1. März. Bibelvortrag. Herr I. R o s n e r. Wien. („A daß Jeschuruu Bethausverei n".) Samstag den 24. d. M. findet im Bereiuslokale, IX., Pflnggasie 5, ein Vortrag über jüdische Geschichte des Herrn Pros. B. Rosenstein statt. — Die ordentliche Generalversammlung findet am 25. Februar 1912, präzise 3 Uhr, im Bereiuslokale, IX., Pfluggasse 5, statt. Feuilleton. Nur romantisch! Humoristische Skizze von Ballette Fried, Prag. (Schluß.) Und sie halten sich in ihren Erwarlungen auch nicht getäuscht. In begeisterten Worten pries der Redner das wohltätige Schassen der Frauen, welches dahin ging, arme Kinder mit warmen Kleidern zu versehen und ihnen zu ermöglichen, auch in der rauhen Jahreszeit ohne Unterbrechung die Schule zu besuchen. Mit einer anmutigen Handbewegnng wies der Rabbiner auf die außerhalb seines Sehwiukels angebrachte Menorah, die er zum Gegenstände eines sinnigen Vergleiches machte. „So hell wie diese Lämpchen," sagte er mit erhöhtem Pathos, „so bell und rein leuchtet und glüht die jüdische Barmherzigkeit und so strahlend wie diese heiligen Flammen zeigt sich der weibliche Edelsinn!" Aber ach! Er hatte zu lange Zeit bei der Einleitung verweilt, und als er zu dieser effektvollen Stelle seiner Rede kam, war der Oelvorrat dieser kleinen Tigelcheu schon verzehrt, und es waren nur matt glimmende aber stark rächende Flämmchen, auf welche er hinwies. Ein lautes, nicht eird^vollendes Gelächter war die Anwort auf diese Phrase. Erschreckt, keines Wortes mächtig, mußte der Rabbiner inne halten, und da die allgemeine Heiterkeit nicht mehr zu bannen war, seine Rede abbrechen. Ganz verzagt hatte er seinen erhöhten Platz verlassen, und schien es sehr eilig zu haben unbemerkt zu verschwinden. Da in der allgemeinen Verwirrung trat Else zu dem verunglückten Redner und sprach ihn an: „Bitte, Herr Doktor, bleiben Sie noch ein wenig hier, tun Sie es diesen ungezogenen Leuten ja nicht zu Gefallen, ihnen das Feld zn räumen. Sie würden sich durch einen Rückzug in deren Augen unsterblich blamieren. Setzen wir uns hier aus diese leergewordeneu Sitze und plaudern wir ein swenig, ja lachen wir, wenn auch nur zum Scheine, dann glauben diese Leute, denen nur allesjfgesällt, was so recht artig am Schnürchen geht, daß wir uns über diesen Zwischenfall belustigen, und so hören sie selber zu lachen auf. Indes hatte sich der Saal langsam geleert. Die beiden bemerkten es kaum. Aus dem anfangs erzwungenen Lachen war allmälig eine natürliche Heiterkeit entstanden, welche sich alsbald bei den sinnigen Gesprächen, die sie führten, in tiefen Ernst verwandelte. Bald war der Rabbiner mit Else und ihren Eltern allein im Saale geblieben, und es war schon ziemlich spät geworden, als letztere in Begleitung des ziemlich gut gelaunten Rabbiners den Heimweg antraten. Von dem Vorfälle mit der Menorah wurde kein Wort gesprochen. Auf Else hatte er aber einen tiefen Eindruck gemacht. Als der Rabbiner vorhin inmitten des allgemeinen Hohngelächters so verwirrt und nach Worten ringend dagestanden, da zog ein tiefes Erbarmen mit dem so rücksichtslos Verhöhnten in ihr Herz, welches bei allen den Triumphen, die er als Redner bisher gefeiert, unempfindlich geblieben war. Das unverschuldete Unglück hatte in dem romantisch veranlagten Mädchen eine Neigung für den. bisher vernachlässigten jungen Mann hervorgebracht, so daß es den Bemühungen ihren fürsorglichen Eltern nach knrzerZeit gelang, ans den Beiden ein- Paar und ein glückliches Paar obendrein zn machen. Einen Verein zn gründen ist ihnen aber niemals mehr eingefallen, und der Rabbiner sah darauf, daß bei der alljährlich abgehaltenen Channckafeier die Menorah vor ihm und nicht wie bei dem Gründungsfest hinter ihm ausgestellt werde^ Kiteratm Zur jüdischen Jugenderziehung. Seit vielen Jahren fühlen wir alle das Bedürfnis, unsere Kinder nur der Geschichte unseres Volkes so be-- kannt zn machen, daß sie ihnen nicht nur ein Gegenstand des' Unrerrichts^ sondern vielmehr der begeisterten Liebe wird. Was nützt es, wenn die Kinder in einigen Stunden, unterm Zwange der Schule und der Religionslehre von der Bedeutung nuferer Feste hören, zu Hanfe aber nichts anderes lesen, als nordische und griechische Göttersagen? Bon Siegfried und Gudrnn träumen sie, von Juda Makkabi und dev Königin Esther kennen sie kaum den Namen. Sosehr man bisher abev anch das Bedürfnis gekannt hat, die Phantasie und Begeisternngsfähigkeit jüdischer Kinder sich an n n s e r e r Geschichre eiitflammen'zn lassen, so ist zur Befriedigung dieses Bedürfnisses doch uichrs getan worden. Nun hat der Verein Bar Kochba in Prag (Langegasse 41) schon anläßlich des Chanukafestes eine kleine Festschrift herausgebracht:■ Bilder nnd, Briefe für jüdische Kinder. Die großartige Aufnahme, die diesem illustrierten Heftchen zuteil geworden ist, hat zn weiteren Arbeiten auf diesem Gebiete angespornt und nun liegt „Die Geschichte von d e r K ö n i g i n E st h e r vor, Verse, Prosa und Bilder, alle auf einen hinreißend frischen Ton abgestimmt, der die Herzen unserer' Kinder im Sturm gefangen nimmt. Hier finden sie einen interessanten Stoff, eine reiche Handlung, die Bedeutsamkeit eines großen geschichtlichen Hintergrundes und einen köstlichen Humor. Das Eigenartige dev Festschrift bildet aber die Art, wie der Text, im dem die Verse sich mit ihrem einfachen Rhythmus so leicht in Kinderohren einschmeicheln, mit den Bildern zusammenstimmt. Um eine weite Verbreitung zu ermöglichen, wurde der Preis für die Schrift, die jedes jüdische Kind in die Hand bekommen sollte, mit nur 50 Heller angesetzt. Einige Exemplare wurden auf Karton in besserer Ausführung hergestellt und kosten K 120; dasselbe koloriert L 2'50. Bestellungen sind zu richten an dem Verein Bar Kochba in Prag, Langegasse 41. Wachstein, Dr. Bernhard, Katalog der Salo Cohnschen Schenkungen an die Bibliothek der israel. Knltnsgemeinde, Wien,I., Bücher aus der Sammlung des Rabbiners Nachum Beer F r i e d m a n n - Sadagora. Wien 1911, Gilhofer & Rauschburg. Seit Uebersiedlung unserer Wiener Gemeindebibliothek in die ihr angewiesenen, bedeutend vergrößerten Räume im Tempelgebäude dev Leopoldstadt hat sich die Frequmz derselben bedeutend gehoben und Gelehrte und Laien schlürfen mit Lust und Eifer ans den hier anfgespeicherten Geistesschätzen, die unter der Obhut zweier in der wissenschaftlichen Welt' bekannter Gelehrten stehend, des Dr. B. Münz und des Herausgebers des oben bezeichneten, nenesten Werkes, das einen Teil der wertvollem Bücher unserer Wiener Bibliothek zur allgemeinen Kenntnis bringt. Dr. Wach stei n, der jedem ernsten Forscher und Besucher unserer Bibliothek in der liebenswürdigsten Weise entgegenkommt und in geschicktester Weise bibliographische Rätsel unserer alten und großen Literatur zu löseu imstande ist, hat durch Herausgabe des oben genannten Kataloges, genannt „Minchas Schlomo", eine Arbeit geleistet, die sich würdig früheren Publikationen anreiht, die ihm und unserer Bibliothek zur besonderen Ehre gereichen. Der Autor bespricht 923 Bücher, Schriften und Werke, die ans der Rabbi Nachum Beer-Friedmann-Sammlung stammen und durch die Munifizenz des Vertreters der Wiener Gemeinde und Präsidenten der „Chewra Kadischa",. des verdienstvollen Herrn Salo Cohn, für unsere jüdische Bibliothek erworben wurden. Wir haben hier Werke vor uns über Halacha, Kabbala,. Grammatik, Reden,Dichtnngen. dasKalenderwesen rc. Wollten wir von diesen 923 Buchbesprechungen, die 215 Großoktav-Seiten in herrlichem Drucke in unserem Kataloge ansmachen, nur die wichtigsten herausheben, so würden sie einige Spalten dieser Zeitschrift ausfüllen. Eines wollen wir sagen:: vom religionswifsenschaftlichen und kulturhistorischen Standpunkte aus müssen wir dieses Werk als eine wahre Fundgrube bezeichnen, ans/der jeder Gelehrte mit besonderem Interesse und bestem Erfolge gerne schöpfen: wird. Der Autor hat das Wichtigste bei jedem Werke einer Besprechung unterzogen, sparte mir Worten nnd war doch dabei gründlich, soust hätte . dieses Werk leicht eine vierfache Ausdehnung annehmen können. Wir wollen als kleines Beispiel nur die letzten Nummern 912 bis 923, enthaltend Gebete für Kaiserin Maria Theresia. Kaiser Josef II. und Kaiser Franz anführen, um auf den jüdischen, wahren Patriotismus hiuzuweisen, der bei uns-nie fehlte. Wer diesen Katalog mit Muße durchlieft, bekommt einen Begriff von der Bedeutung der Salo Cohnschen Schenkungen für die wisienschastliche Welt, aber auch von der großen und bedeutsamen Arbeit,, die der Autor geleistet hat. Fachmänner und Gelehrte, die diese interessante Büchersammluug und Dr. W a ch st e i n s, „Führer" durch dieselbe benützen ' sollten, werden beiden Männern vielen Dank wissen. M. A.