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Die Wahrheit · 1912-01-05 · Heft 1 (5.1.1912) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 1 (5.1.1912)
Date
1912-01-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion und Administration: Wien, II/, Nvvaragasse 27 Telephon: Redaktion 5509/1V. Auaöhängige Hertfchrift für jüöische Verng-sprei-öi: Gnnzjührig.K Uk— Halbicihrig.K 7.— Administrarion 4938/11, ft. k. üsterr. Postsparkasia» Scheck-ftomo Nr. 100.918. Irrtere^e«. Für NnltnSbeamte: .K 10. — Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Ilreitng. Für Ausland: AbonnemenlS- und JnserlionSüMiiMyrig.0 Mark berräge sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 8 Rubel oder >8 Frc». t le-. Nr. 1 Wien, 5. Immer Inhalt: Das Judentum — ein Wohltätigkeitsverein. — Aus der Woche. — Tempelverein für Mariahilf und Neubau — Wie die Psalmen beim Religionsunterrichte behandelt werden sollen. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der Liebesbrief. An unsere Leser I Bei dem Ernste der gegenwärtigen Zeiten bedarf das Judentum mehr denu je einer starken und unabhängigen Presse, die nicht nur mutvoll und unerschrocken den Kampf nach austen führt, sondern auch im eigenen Lagerstrenge Wache hält. Von dieser Ueberzeugung durchdrungen, hat „Die Wahrheit" auch im abgelanfenen Jahre an ihrem Programme, das Interesse für die erhabenen Ziele des Judentums in allen Bevölkerurigsfrkzichtrnzu wecken, sestgehalten, und ihr Bestreben wird auch fernerhin darauf gerichtet sein, jüdisches Leben in allen seinen Erscheinungen f« pflegen, dir innere Organisation mit allen Kräften zu fördern, dir Vorfälle im Gemeinde-und Vrrrinslrben mit maßvoller und objektiver Kritik zu beurteilen und dabei gleichzeitig den Kampf nach außen mit Würde und Entschiedenheit zu führen. Diese publizistische Tätigkeit bitten wir durch Abonnierung unseres Blattes zu fördern. Abonnements-Bedingungen: Kanzjäyrig Kr. 14.— Kalöjährig Kr. 7.—, Aierteljährig Kr. 3.5V. K. k. Poftfparkafsen-Konto 1VV.SI8. _Die Weöaktion. DasIndentnm ein Wohttätigkeitsnerem. Von Rabbiner Dr. Armin Abeles. So lautet das jüngste ostsi-run 66N86o eines modernen jüdischen Cato. In unserer heutigen Zeit, dawo ein Tag dem anderen Kunde gibt von großartigen Entdeckungen, wo für menschliche Gebrechen aller . Art täglich neue Heilmittel gefunden werden, ist auch dem Judentum, diesem uralten „Krankheitserreger," ein Helfer in der Not erstanden. Wohl verschanzt er sich hinter den schwer zugänglichen Bastionen, der Anonymität,*) *) Gemeint ist der im letzten Heft der „Monatsschrift der österr.- israel. Union" erschienene und üi den Nummern 47 n. 48 der „Wahrheit" übernommene Artikel eines Anonymus. desto klarer aber ist seine Sprache: Das Judentum, meint der anonyme Kliniker, soll mit Hinweglassung sever hebräischen Sprache und Literatur, mit Ausschaltung des Zeremoniale in Kultus und Ritus ein die gesamte jüdische Welt umfassender Wohltätigkeitsverein werden. Beinahe hätte ich geschrieben, eine Aktiengesellschaft mit beschränkter Haftung. Es ist wahrlich nicht schwer, sich darüber lustig zu machen, wenn die Sache nicht gar so traurig wäre, wenn insbesondere die Ansicht des Herrn Anonymus nicht übereinstimmte mit den Anschauungen eines ziemlich großen Kreises innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, und gerade eines solchen, auf den es im Judentum besonders ankömmt: der Starken, Reichen und Gebildeten. Schade, schade, daß Maimonides, Jehnda Halevi oder Moses Mendelssohn von diesem Heilserum nicht Akt nehmen, daß sie nicht sehen konnten, in welcher Weise sich die Hoffnungen verwirklichen, welche sie auf den großen, weltbezwingenden Sieg des Judentums gesetzt hatten. Das Judentum ein großer Rachmonusverein — ein beschämenderes Steroskop ist uns bislang'nicht gestellt worden. Denn wenn im Mittelalter Päpste, Inquisitoren und fanatische Renegaten dem Judentnm Tod und Verderben geschworen, so ist nach meinem Geschmack ein ehrenvoller Tod noch immer vorzuziehen gegenüber schmachvoller Selbstverstümmelung, die außer dem sicheren Verderben uns auch noch den Hohn und Spott der uns umgebenden Kulturvölker eintragen müßte. Aber ganz abgesehen davon, scheint sich der Verfasser nicht klar geworden zu sein über die Frage, welche Bewandtnis es eigentlich mit der so vielgepriesenen jüdischen Wohltätigkeit habe? Es ist eine nicht zu leugnende Tatsache, daß der jüdische Stamm, oder meinetwegen die jüdische Rasse, sich durch einen besonders stark ausgeprägten Wohltätigkeitssinn auszeichnet. Wer aber hat Israel dazu erzogen? Einzig und allein seine Religio n, s e i n e L e h r e, d i e T h o r a, die auf jedem Blatt verkündet, daß Wohltätigkeit nicht bloß Herzenssache, sondern eine jüdisch-religiöse Forderung ist. Durch jahrtausendelange religiöse Uebung sind die Saiten des jüdischen Herzens auf den Ton der Wohltätigkeit gestimmt, oder anders ausgedrückt, ist die Psyche des jüdischen Menschen in die charitative Richtung geleitet worden, ohne freilich, daß wir von heute uns dessen bewußt sind. Um ein Wort Ludwig Steins zu variieren, stellt sonach die moderne jüdische- Wohltätigkeit die aufgespeicherte religiöse Gattungserfahrung unserer vorausgegangenen Vorfahrenreihe in sich dar. Wenn Simon der Gerechte in seiner bekannten These die jüdische Welt ans Thora, Abodah und Gemiluth Chassodim begründet sieht, so ist diese Reihenfolgestellung keineswegs Zufall, sondern als Produkt ausgereifter volkspsychologischer fe K .:f: I: -'T:. W

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