Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 50 (29.12.1911)
- Date
- 1911-12-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Die Wahrheit Belte 13. ftr: 50. Adolf Kronnfetd, Kantor und Sekretär in HoUescha«. Die altehrwürdige Israelitische Gemeinde Holleschan in Mähren, wo einst große jüdische Gelehrte lebten und die besten Baaletephillos wirkten, rüstet zur Ehrung des Kantors und Sekretärs Herrn Adolf B r a u n f e l d, welcher am 30. Dezember d. I. ans eine 25 jährige Amtswirksamkeit zurückblickt, die er zur vollsten Anerkennung und Zufriedenheit anszufüllen wußte. Herr Brannfeld entstammt einer in Ungarn wohlbekannten Chasanim-Familie. Der Vater des Jubilars war Chasan, und vier Brüder desselben sind Kantoren in größeren Gemeinden. Brannfeld wurde für die Rabbinerlaufbahn bestimmt, besuchte die Jeschiwa zu Preßburg und S. A. Ujhely. .In der letzteren Gemeinde, wo stets bewährte Chasonim wirkten, betete einmal' der 15jährige, stimmbegabte Talmudjunger auf Wunsch des gelehrten Oberrabbiners Lazar Lö w, einem Enkel des npn ja» vor und der Versuch gelang, so gut, daß der junge B,rannfeld den Entschluß faßte, sich dem Kantorfache zu widmen. In Baja hatte er Gelegenheit, sich unter der Leitung des allgemein bekannten Kantors Jeremia Mandl vollkommen anszubilden und er wirkte daun in Totis, hierauf B. Csaba, wo er die Töchter des dortigen Tempelvorstehers Ignatz G o l dstein zur Lebensgefährtin wühlte. Von B. Cfaba kam er nach Temesvar, wo er Gelegenheit fand, sich nicht nur musikalisch anszubilden, sondern auch die zur Versehnng des Sekretariates nötigen Kenntnisse zu erlangen. Im Jahre 1885 wurde B r a int selb nach Köszeg berufen und am 1. Jänner 1887 trat derselbe den Posten als .Kantor und Sekretär in der Gemeinde Holleschau an. In dieser Gemeinde wurde zu jener Zeit der Gottesdienst noch nach alter Tradition abgehalten. Es wirkten vordem dort die Chasonim Elie Fall, ein Urahne der Komponisten Leo F a l l und Richard Fall, Naftali Glaser und N u ß b a u m und außerdem versahen abwechselnd bedeutende Baaletephillos .den Gottesdienst an beii hohen Feier- und Festtagen. Adolf Brannfeld war nun bestrebt, den Gottesdienst den Anforderungen der Zeit entsprechend umzngestalten, wobei er aber auf große Opposition seitens der Baaletephillos und der Gelehrten stieß. Im Jahre 1893 wurde unter Leitung Adolf Braunfelds die Einweihung des neuen Gotteshauses mit Chorgesang ^und Harmonium vollzogen, bei welcher Gelegenheit die Rabbiuen Dr. Freimann. Dr. Frankl-Grün und Dr. Tauber die Weihereden hielten. Auf eine arbeits- und erfolgreiche Tätigkeit zurückblickend, genießt der wackere Jubilar die Liebe und Achtung seines Vor- -standes und der gesamten Gemeinde mtb möge es ihm beschieden sein, in vollster Gesundheit und Rüstigkeit noch viele Jahre seinem heiligen Beruf zu obliegen, zur Ehre Gottes und seiner Gemeinde. .Albert Löw. Feuilleton. Der Liebesbrief. Humoristische Erzählung von Babette Fried-Prag. . . i. Trotzdem der Vergleich schon ziemlich abgebraucht ist, wurde er doch vielfach auf die beiden jungen Mädchen angewendet, welche innig aneinandergeschmiegt auf dem Diwan faßen : „Die weiße und die rote Rose." Klara, die üppige Blondine mit den vollen roten Wangen, und Ella, das hochaufgeschossene, überschlanke Mädchen mit schwarzen Haaren,, das Gesicht farblos und matt, nur von einem 'Paar schwarzer, durchdringender Augen belebt. Ella hielt einen geöffneten Brief , in der Hand, während Klara kein Auge von ihr wandte, um den Eindruck zu beobachten, den das eben gelesene Schreiben auf sie hervorbrachte. Doch unbeweglich blieben die Züge der Lesenden. „Run," fragte endlich Klara, „wie gefällt dir dieser Brief?" „Dieser Brief ist, was Form und Inhalt betrifft, gleich vorzüglich geschrieben, aber mir kommt es vor, als hätte ich ihn schon irgendwo gelesen." „Vielleicht hast du schon einen solchen bekommen?" „Du spottest, Klara! Wer würde mir einen Liebesbrief schreiben? Ein derartige Geschmacksverirrung kommt bei der heutigen Männerwelt nicht vor. Ich werde vielleichtauch einmal heiraten, weil mein Vermögen groß genug ist, um Freier anzulocken, aber das geht dann regelrecht den Instanzenweg vom Heiratsvermittler bis zu Mama, Papa, und wenn dann alles Geschäftliche abgemacht ist, werde auch ich um meine Meinung gefragt werden." Nur nicht so bescheiden, Elly, das kleidet dich nicht, das paßt ganz und gar nicht zu deiner stolzen Physiognomie. Aber meinst du also, daß Pollack andern Mädchen schon solche Briefe geschrieben hat?" „Wie könnte ich dies wissen? Bin ich doch keines andern Mädchens Vertrante, als deine, vielleicht darum, weil ich dir zur Folie deiner Schönheit' diene." „Geh", rief Klara und rückte ärgerlich von der Seite der Freundin weg, „du bist heute unausstehlichwer dich nicht kennt und nicht weiß, daß hinter der rauhen, stacheligen Rinde, womit du dich zu umgeben liebst, sich ein gutes treues Herz verbirgt, er müßte dich für neidisch halten." „Laß das, und stör' mich nicht im Nachdenken, ich muß doch heransbringen wo ich den Brief gelesen habe." Verschüchtert schwieg Klara. Nach einigem Nachdenken fuhr Ella von ihrem Sitze auf: „Ich hab's, ich hab's! Der Brief ist wörtlich ans meinem Briefsteller abgeschrieben. Daselbst habe ich ihn einmal gelesen!" Die rote Rose wurde schreckensbleich. „Diese Frechheit von Pollack", rief sie entrüstet aus; „wie untersteht er sich, mir dies zu bieten? Wofür hält er mich denn? Diese Gemeinheit erfordert Rache! Liebe Elly" schmeichelte sie, „du bist ja so klug, hilf mir! Rate mir, womit ich ihn so empfindlich beleidigen kann, wie ich durch ihn beleidigt geworden bin!" . „Dazu gibt es nur einen Weg", sagte Ella. „Vorher muß ich aber wissen, ob du es wirklich ganz mit ihm verderben willst, denn das sage ich dir: Wenn du einmal dem Rate, den ich dir jetzt erteilen will, gefolgt bist; dann ist es unwiederbringlich aus zwischen euch beiden, diesen Hohn den du ihm da zufügst, verzeiht kein Mann einem Mädchen; tut er es dennoch, dann handelt er einfach bubenhaft." „O, ich mag nichts mehr von ihm wissen, ich hasse, ich verachte ihn!" ' „Bedenke, was du sprichst, er ist eine der glänzendsten Partien der Stadt, und seine Liebeserklärung enthält gleichzeitig einen Heiratsantrag, um den dich hunderte beneiden würden." „Und wäre er so reich wie einst König Salomon, ich mag ihr: nicht." Die beiden Mädchen, die. obiges Gespräch führten, waren von Kindheit an befreundet gewesen, und hatten von jeher alle ihre Geheimnisse, ihre kleinen Leiden und ihre großen Freuden redlich miteinander geteilt. Heute war die lebhafte Klara voll Freude zu ihrer bedächtigen Freundin geeilt, um ihr glückstrahlend den Brief zu zeigen, den sie eben durch Vermittlung ihres Stubenmädchens von dem schönen eleganten Karl Pollack, ihrem Tänzer von der Tanzstunde her, erhalten hatte. Und nun kam diese Ernüchterung. „Elly." sagte sie etwas kleinlaut, „welcher Art soll diese Rache teilt?" „Natürlich, dem Vorgehen gemäß. Der Briefsteller, aus welchem Pollack diesen Brief abgeschrieben hat, ist derart eingerichtet, daß auf jeden Brief die darauf bezügliche Antwort nachfolgt. Du wirst daher seine Bitte um baldige Antwort erfüllen und das auf der andern Seite abgedruckte Antwortschreiben wörtlich abschreiben, damit er sieht, daß wir wissen, aus welcher Quelle er seine heißen Herzensergüsse geschöpft hat. Dies ist ein Hohn, der ihn um so schmerzlicher treffen wird, je nwhr ihm an Dir liegt und Du bist gerächt." (Fortsetzung folgt.)