Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 37 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Rrdaktion und Administration: Wien, II/, Novaragasse 27 Lelevbou: Redaktion 5509,1 V. Hnakhängige Hertfchrift für jüdische Ganzjährig.K 14.— Halbjährig.X 7.— Administration 4938/ll. K. k. üsterr. Vostsvarkassa- Scheck-Konlo Nr. 100.818. Interessen. Für Zkiillnsbeamte: »Ganzjährig..K IO. - JnJrrate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Ireitag. Für Ausland: Abonnements- und JnsertionS- »Äanzjährig.8 Mark betrage sind in Wien zahlbar nnd klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 8 Nnbet oder 18 Frc». Uz?. 87. Wie», 22. September HM. Inhalt: Neujahr. — Nückblik über das Jahr 5671. — Aus der Woche. — Die Psalmen als Schulbuch. - — Verschiedene Nachrichten. — Zum 25 jährigen Kautorjubiläum des Herrn Max Sürgermann. - Das jüdische Familienleben in Jemen Abonnements-Einladung. Pie geehrten «Herren KöonnenLen werden um umgehende Krneuernng des KöonnemenLs für das am 1. Hktoöer 1911 öeginnende 4. Huartat ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Mattes keine HLnterbrechnng erleide. Abonnements-Bedingungen: Kanzjährig Kr. 14.— Kalöjährig Kr. 7.—, Merteljährig Kr. 3.5V. K. k. Postsparkafsen-Konto 1VO.SI8. Probenummern gratis zur Verfügung. Den geschätzten Lesern, Mitarbeitern und Freunden unseres Blattes entbieten wir znm Jahreswechsel die herzlichsten Glückwünsche raiiD rmirn pdtd Die Redaktion. Neujahr. Wenn wir am Schlüsse des eben abgelausenen Jahres die Erscheinungen und Ereignisse desselben Revue passieren lassen, 'müssen wir uns gestehen, daß das Judentum wenig Fortschritte gemacht hat. Allerdings ist die gegenwärtige Zeit überhaupt dem Fortschritte nicht hold. Die allgemeine Lage wie die besonderen Verhältnisse, die die Entwicklung von Individuum und Volk beeinflussen, wirken auch auf Israel ein, das unter den Völkern verstreut, bei aller Wahrung seiner religiösen Ideale überall an der Gesamtentwicklnng teilnimmt. Aber wenn auch die politischen Verhältnisse recht trostlos sind, so muß doch mit Mut und zäher Ausdauer an der Fortentwicklung unserer Gesamtheit in jeder Richtung gearbeitet werden. Nicht Worte, sondern Werke, nicht Redensarten, sondern Leistungen sollen helfen. Wir schreien über zitnehmende Entrechtung, wirtschaftlichen Niedergang und Verfall religiöser Sitten, ohne dabei uns unserer eigenen Schuld bewußt zu werden. Wir müssen sagen: ehotonu .wir haben gesündigt an uns, unseren Kindern und unserer Gesamtheit. Znm Spotte und Gelachter der Judenfeinde haben, wir, dank unserer Zersplitterung und der ewigen Eifersüchteleien, bis heute noch nicht die durch das Gesetz anerkannte Gesamtorganisalion erreichen können, die uns so sehr nollut und nach innen richtunggebend und ausgleichend und nach außen repräsentierend wirken soll. Wir sind wohl autonom, doch wir tragen die traurige Begleiterscheinung dieser zu weitgehenden Autonomie, die Zersplitterung unserer Kräfte, sehr schwer und Besserung wird erst dann eintreten, wenn die maßgebenden Faktoren sich der Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Zustände vollkommen bewußt werden. Da sollen die Schofarklänge ermahnend, anfeuernd und begeisternd wirken. Nebst der dringend notwendigen knltuellen und kulturellen Tätigkeit wäre es auch eine höchst wichtige Aufgabe der Organisation, unseren wirtschaftlichen Niedergang zu verhindern oder zu vermindern. Je größer in den Städten das jüdische Proletariat ist, desto nötiger, diese Massen mit Arbeit zu versorgen, ihre physische wie moralische Erziehung unausgesetzt zu fördern und ihre Lebensbedingungen zu erleichtern. Das kann nur geschehen, wenn man die ob ihres Glaubens verfolgten Leute nach ihrer Leistungsfähigkeit unterbringt und durch einen Arbeitsbeirat jeden Mann an seine Stelle bringt. Das wären die M a l ch i o t, die Männer mit edlem Herzen und großem Geiste, die den Weltenkönig ehren, indem sie seine Vorschriften der Barmherzigkeit. Liebe, Güte und Milde erfüllen und ma hu rachum af ato rachum, gleich ihm nach ihren schwachen Kräften Not und Elend durch Schaffung von Arbeitsgelegenheit bekämpfen. Wir sind keine Optimisten, glauben aber, daß durch Vereinigung der bestehenden Organisationen zu einem großen Ganzen sich vieles erreichen ließe und dem Massenelende wenigstens einigermaßen gesteuert werden könnte. Man darf sich auch durch etwaige Mißerfolge nicht abschreckeu lassen und muß immer wieder zugreifen, fjelfeu und aufmuntern und der Gesamtheit Blick und Augenmerk zuwenden. Insbesondere wäre die AbwanderungdergroßenMasseningeeigneteArbeitsgebietezielbewußtzu lenken und so dem Elende vorzubeugen. Auch die Vorbeugung ist Hilfe, auch sie verscheucht Elend und Not. Möge diese Anregung gehört und erfüllt werden und bessere Zeiten bringen! Eine tiefbetrübende Erscheinung unseres Niederganges ist auch der überall merkbare Verfall der religiösen Sitten. Mau gehe nur in die jüdischen Häuser und Tempel und überzeuge sich vom Verfalle unserer Ideale. Mit dem Mange! an Lehrern wird die Situation geradezu katastrophal! In vielen kleineren Orten gibt es jüdische Familien, deren Kinder gar keinen Religionsunterricht genießen und dem Judentum verloren gehen. In den Städten wird wohl der Unterricht schlecht und recht abgehalten, doch zwischen Schule und Haus, zwischen Theorie