Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1911-03-10 · Heft 10 (10.3.1911) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 10 (10.3.1911)
Date
1911-03-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063572-3063582--07168-3074230
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Lr-tte 8. Die Wahrheit, Nr. 10. Oberrabbiner Dr. Güöemann, die Vorstände S. Kauders, S. Buchwald, Emanuel Grünwald, Rabbiner Dr. GelbhauL, Inspektor Braun, Amtsleiter Freistadt, S. Eibenschütz, die'Leidtragenden Dr. Friedrich Löw und Richard Vogel, Rabbiner.Schenk, Rabbinatskandidat Bela Fischer. Herr Dr. Gustav Kohn hatte sein Fernbleiben entschuldigt. Die Feier nahm einen würdigen Verlauf. Als Einleitung rezitierte Herr Lehrer G. Friedläuder mit prachtvoller Stimme die Psalmen 49 und 16. Dann feierte der Oberlehrer Jakob Kohn mit warm empfundenen Worten die Verdienste des Verblichenen um die Schule und das Judentum. Die schöne Rede übte auf die Schulkinder einen tiefen Eindruck. Nach dein Dl mole rachamim und Olenu sagte Dr. Friedrich Löw zum Schluffe Kadifch. Wie«. (Jüdisches Th.e.ater. Direktion: M. Siegler, Hotel Stefanie, Ü. Taborstraße 12. Freitag den 10. März 1911. „Held der Armee". Operette v, I. Latainer. Samstag, den 11. März, „Der wilde Mensch", von I. Gordin. Ans besonderer Gefälligkeit Auftreten des Herrn Sam Halm aus New-Dork. Sonntag, 12. „Dns Tofrale". Operette von Scharkansky. Nachmittag %4 Uhr. ,)Herzale Mejiches" von M. Richter. Montag. 13. „Zehidcs", komische Operette v. Latainer. Dienstag, 14. „Held der Armee". Operette v. Latainer. Mittwoch, 15. Ehrenabend des Frl. Eiise Weintranb. Zur Ausführung gelaugt, „Die Schchite" v. I. Gordin. Rezitationen von Herrn S. Halm. Donnerstag, 16. „Bas Jerischnlajim", Operette von Ch. Wolfsthal. Ab Freitag, 17. „König Ahaswer", hist. Operette von A. Goldfaden. In Vorbereitung, „Chaiin in Amerika". Fünfkirchen. Am 3. d. M. verschied hier nach kurzem Leiden die Frau des hiesigen Oberkantors Geza Ernster im Alter vom 42 Jahren, betrauert vom Gatten, 6 Kindern, den greisen Eltern (Moses Kriener pens. Oberkantor in Galgocz) und zahlreichen Verwandten. Literatur. Der Weg zu Gott. Predigt, gehalten von Rabbiner Dr. Adoll Frankl-Grün anläßlich der TlMpeleinweihnng in Kremsier 1910. (Selbstverlag.) Wie jede Gelegenheitsrede besonders Zeit- und Begleitumstände berücksichtigen muß, so konnte auch von Benützung der üblichen Zitate und Auslegung talmudischer Stellen, oder Einflechtung eines Midrasch keine Rede fein, vielmehr ist der ganze Tenor ein erbaulicher, die Sprache eine gewählte, im biblischen Tone, also kurz und bündig, gleichwohl mußte sie einen guten Eindruck erzielt haben. Zum Schlüsse sei Hoch die korrekte Uebersetzung des Priestersegens erwähnt, worauf wir die mobeinen Sgetten Prediger aufmerksam machen möchten. Feuilleton. Km Apikores. Von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) Martha wurde sehr verlegen. Diese Frage stand offenbar im Zusammenhänge mit der gestrigen Aufregung des Kindes. Sie antwortete ausweichend: „Das hängt von Umständen ab." „Bitte, liebe Tante, sage mir das deutlich, ich verstehe das nicht. Ist es wirtlich eine Schande?" „Wenn man nicht als Jude geboren ist, und in einer anderen Religion lebt, und deren Gebote hält, das ist keine Schande. Jeder treue Glaube führt zu Gott. Doch wenn man seine angestammte Religion verläßt, das ist nicht recht. Ein Jude, der um irdischer Vorteile wegen feinen Glauben verläßt, ist verächtlich." „Und wenn eine Christin Jüdin wird, wie ist das?" „Das kannst du noch nicht verstehen, mein Kind. Quäle dich nicht mit solchen Gedanken und mich mit solchen Fragen. Wie bist du nur darauf gekommen." . „Taute! Gerade deswegen habe ich gestern so geweint. Wir Buben haben drüben am Platze auf Räuber und Gensdarmen gespielt und mich haben sie zum Räuberhanptmann machen wollen. Da kam der Oskar Fischer hinzu, der es auch werden wollte, und sagte, ich dürfe keine solche Ehrenstelle einnehmen, weil meine Mutter nicht einmal eine rechte Jüdin gewesen war, und der Poldi Roseufeld hat noch nachgernfen, und sie ist gar nicht gestorben, sondern mit Komödianten davongelanfen, seine Mutier ist aus derselben Stadt wie mein Papa, und der weiß es genau. Da fing ich zu weinen an, und lief wach Hanse." „Kümmere dich nicht um das dumme Geschwätz der dummen Buben. Deine Eltern find im Himmel, aller Erdenleiden — und Sorgen entrückt. Du mußt ein braves Kind sein, und ein tüchtiger Mann werden, damit du' ihnen da drobeie- Frende Machst, und auf Erden mir, und der gute Onkel Doktor' befriedigt'wird, wenn er von'seiner weiten Reise zurnckkommt/ Martha wollte den Knaben von seinen bösen Gedanken ablenken und .verhindern,, daß er, noch weitere Fragen au jir richte, die sie nicht der Wahrheit gemäß beantworten konnte^ darum fuhr sie fort: „Freust du dich nicht auf die Heimkunft des lieben Onkels?" „Nein!" antwortete Leo. „Wie, so wenig lieb hast du denjenigen, der sich soväterlich deiner angenommen hat? Das ist nicht schöu. von dir." „Ich habe ihn sehr lieb, aber ich mag nicht, daß er herkommt," rief der Knabe, indem er nach alter Gewohnheit eigensinnig mit dem Fuße stampfte. „Warum denn?" Störrisch blickte der Knabe zu Boden, ohne ein Wort zu sprechen. - „Nun, bekomme ich keine Antwort?" sagte Martha im einem Tone, welcher mehr der strengen Lehrerin, als der' gütigen Tante angehörte. Diese Strenge veranlaßte den eigensinnigen Knaben zu. antworten. „Tante, ich schäme mich, es Dir zu sagen." „Wenn der Grund in deiner Undankbarkeit zu suchen ist,, dann hast du Ursache dich zu schämen. Aber hoffentlich ist diesnicht der Fall." „Nein, wirtlich nicht!" beteuerte Leo. „Sv warum schämst du dich denn? „Wenn der Onkel zurückkommt, so wirst Dn ihn lieber* haben als mich," stotterte der Knabe hervor. Trotzdem Martha dieses Bekenntnis mit lautem Lachen dahinnahm, so konnee sie es doch nicht vermeiden, daß tiefe* Röte ihre Wangen überzog, so daß der weit über sein Alter* kluge Knabe ausrief: - „Siehst Dn, daß ich recht habe, Tante?" „Nein, du hast nicht recht, mein Junge, denn nicht von: der Rückkehr des Onkels hängt es ab, ob ich dich stets in gleichem Maße lieb behalten werde, sondern von dir selbst,- das heißt von deinem Betragen. Bleibst du gut, fromm und fleißig, so kannst du meiner mütterlichen Liebe sicher sein, undwenn zehn Onkels kämen." Leo versprach dies, und Martha glaubte ihm, denn trotze so mancher kindlicher Fehler, gelogen hatte er ihr noch niemals. Sie hätte'auf die Worte des Knaben schwören mögen. Und doch regten sich hie und da Zweifel in die Vertrauenswürdige keil des Kindes. Hätte sie einst nicht darauf geschworen, dast. sein Baker keiner Lüge fähig wäre, daß sein Charakter ein fester sei, auf dem sich das Glück einer Frau aufbanen lassem könne? Und dieser Charakter war dennoch schwankend gewesen^ und das Lebensglück, welches sich darauf gestützt hatte, war" wankend geworden, bis es znsammenstnrzte, nm sich nie wiedeu zu erheben? Die treuen blauen Augen, wie sie auch Leo besaß, hatten' gelogen, der Mund, der ihr Liebe und Treue gelobet, hatte sie verraten. Es hatte nur der hirnberückenden Reize einer Kokette bedurft, nm das ihm voll und ganz vertrauende Mädchen zw verraten und zu verstoßen. In solchen Momenten hätte Martha den sich an sie anschmiegenden Knaben weit von sich gestoßen^ wie ein giftiges Reptil, welches mit seinem Hauche die Luft verpestet; in solchen Momenten war ihre Liebe zu dem Kinde geschwunden und nur das grenzenlose Mitleid mit seiner Ber-- lassenheit n'owie ihr angeborenes nüd angezogenes Pflichtgefühl veranlaßte, dem an sie angewiesenen Knaben wie sonst liebevoll zu begegnen. Angesichts dieser aufreibenden Kämpfe, die sie mitzu-^ .machen hatte, war es keineswegs eitel Lust und Fende, die ihn Leo ins Haus brachte, wie sie es seinem väterlichen Freunde ' schilderte. , ■; . " . (Fortsetzung folgt.) . -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.