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Die Wahrheit · 1910-06-17 · Heft 24 (17.6.1910) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 24 (17.6.1910)
Date
1910-06-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nc- 24. Die Wahrheit Seite 9. Moosröschen. Erzählung von Babette Fried in Prag. (Forts.) Doktor Moritz Grünfeld war einer jener Spezies von Merzten, wie sie unter den Inden öfters vorzukommen pflegen — ein Original. Streng gegen sich selbst, war es auch gegen seine Patienten. Mit scharfem Auge und einer ans langer Erfahrung basierenden Menschenkenntnis wußte er sofort wahres 'Leiden von eingebildeten zu unterscheiden, und so wie er den wirklich Kranken und Leidenden ein menschenfreundlicher Helfer war, und keine Mühe oder Opfer scheute, ihnen Genesung oder auch mir Linderung zu verschaffen, so unerbittlich streng war erregen eingebildete oder auch nur verzärtelte Kranke, Aoch aus der Zeit her, bevor Wien mit einer Hochquelleuwafferleitung versehen war, stammte eine sprichwörtlich gewordene Redensart von ihm. Wenn ein solcher Kranker ihm über heftigen Durst klagte, in der Erwartung, daß er ihm ein angenehmes Getränk anraten werde, dann sagte er achselzuckend: „Nun, die Donau ist groß genug." So war es gekommen, daß ihm von seiner ehemals großen Praxis nur die Armen blieben, denen er ein Freund und Berater geworden war. Der alte Doktor kränkte sich nicht im geringsten darüber, .daß seine Praxis derart abgenommen hatte. Sein Vermögen reichte hin, um seine und seiner Frau bescheidenen Bedürfnisse zu bestreiten, sein einziger Sohn Arthur war Ingenieur und eben im Süden des Reiches bei einem Eisenbahnban beschäftigt, .und so konnte er freie Zeit gewinnen, um an dem Werke zu .arbeiten, welches seine Erfahrungen und Erforschungen ans Medizinischen Gebieten der Nachwelt erhalten sollte. Und dabei konnte er noch Zeit erübrigen, um seiner Lieblingsbeschäftigung, dem talmudischen Studium, obzuliegen. I In das Haus dieses gelehrten Arztes sollte nun Moosrösel kommen. Doktor Grünfeld war ein Jugendfreund des Rabbiners Hauser. Sie hatten zusammen studiert und sich gegenseitig einander ansgeholfen, uitb obwohl sie jeder einen anderen Lebensweg eingeschlagen und auch räumlich so weit getrennt wurden, hatten sie einander noch im Alter treue Freundschaft bewahrt. So oft er konnte, verbrachte der Doktor mit seiner Frau einige Sommertage bei seinem alten Freunde, und wirklich lag es nicht an ihm, wenn Hauser in der unbedeutenden Stellung verblieb, die er inne hatte. Jedoch das Moosrösel, das die Doktors lieb gewonnen hatten, wollten sie dieser Einsamkeit und diesen kleinen Verhältnissen zu entziehen. So beschlossen sie, sie zu sich einzuladen, da doch jeder, der nur einigermaßen konnte, nach Wien reiste. Rosa war allein gereist. Die Mutter konnte ihren Haushalt nicht verlassen, um das Kind zu begleiten, den Vater hielten seine Bernfspflichteu ab. Die Reise verfloß ohne jedes Abenteuer. Als der Zug sich dem Endziele der Fahrt näherte, da klopfte das Herz des jungen Mädchens fast hörbar, teils aus freudiger Erwartung, teils aus Augst. Sollte sie ja jetzt den vielberühmten Boden der Kaiserstadt betreten, von der das Sprichwort sagt: „'S gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wien!" Sie sollte die Herrlichkeiten der Weltausstellung kennen lernen, von der schon seit fast einem Jahre alle Zeitungen spaltenlange Berichte lieferten und die den Gesprächsstoff des ganzen Landes und auch ihrer Vaterstadt bildete. Dann aber regte sich die Furcht in ihr, ob sie sich auch in dem Gewühle des Bahnhofes zurecht finden würde, ob und vom wem sie daffelbst erwartet werde, ob ihrer keine Unannehmlichkeiten mit ihrem Gepäcke harrten, und was all die kleinen, großen Sorgen noch sind, die ein allein reisendes Mädchen beschleichen. Doch alle diese Sorgen fielen mit einemmale von ihr weg, als sie unter der vielhunderköpfigen Menge, die erwartungsvoll am Perron wogte, das ihr wohlbekannte Gesicht des Doktors erkannte. Mit einigen raschen Schritten hatte sie sich durch das Menschengewühl biß zu ihm den Weg gebahnt. „Hier hin ich, Herr Doktor," so sprach sie ihn an. „Potz Tausend!" rief er erfreut aus, „hast mich in der Menschenmenge heransgefunden, Moosrösel? Das nenn' ich ein Auge, kann dir's nicht nachmachen; wenn ich auch mit vier Augen nach dir ansgelugt habe, hätt' ich dich lange suchen müssen, eh' ich dich heransgefunden hätt'. Jetzt gib mir deine Hand, Mädel, und dann den Gepäckschein, damit wir nach Hause fahren. Meine Alte daheim wird sonst ungeduldig. „Ja, du hast keine Hand frei," fuhr der Doktor fort, „armes Ding, hast so viel Handgepäck. Na, so komm erst zu einem Wagen, daß wir hier nicht so gestoßen werden und dann besorg' ich das andere Gepäck." Der Doktor nahm dem verlegenen Mädchen einen Teil seines Handgepäckes ab und führte es zu einem Einspänner. Rosa setzte sich mit all ihrem Reisegepäcke in den Wagen und brachte daselbst ihr Körbchen, Hutschachtel, Sonn- und Regenschirm, Reisemantel so gut es ging unter, während der Doktor den Reisekoffer abholen ging. Der Einspänner, in dem sich Rosa zurechlsetzte, hatte sehrwenig Aehnlichkeit mit dem mit blauem Atlas verzierten Landauer, in welche Else Reichmann ihren Einzug in die Residenzstadt gehalten. Und dennoch fühlte sich Rosa so geborgen, so glücklich darin. Der Gedanke unter dem Schutze und der freundlichen Fürsorge eines Mannes zu sein, wie Dr. Grünseld es ist. hatte so etwas Beruhigendes, so etwas Behagliches für sie. daß alle bangen Gedanken, die sie während ihrer Eisenbahnsahrt vergeblich loszuwerden gesucht, geschwunden waren. So waren sie bis zum nahen Alsergrund gekommen, woselbst der Doktor wohnte. Unterwegs forderte sie dieser ans, zu ihm Onkel, zu seiner Frau Tante, und zu ihnen beiden du zu sagen. Nur zögernd versprach sie das. Es schien ihr vermessen zu sein, jedoch der Doktor scherzte alle ihre Bedenken hinweg. Als der Wagen vor dem großen Zinshaus, in dessen erstem Stocke der Doktor eine bescheidene Wohnung inne hatte, anhielt, erschien der im voraus bestellte Hausmeister, um das Gepäck nach oben zn schaffen. „Schauens, Hausmeisters, was für ein herzig Nichtchen ich mir abgeholt Hab", redete der joviale Herr den Zerberus aus der Liechtensteinstraße an, indem er listig lachte. „Js Ihne ah' ähnlich, Herr Doktor, wie ein Ei dem andern." Unter herzlichem Lachen über das hansmeisterliche, physiognomische Urteil stiegen Onkel und Nichte die Treppe hinaus, aits deren oberster Stufe die Tante stand, um die Angekom-! menen anss herzlichste zu bewillkommnen. Nachdem sich Rosa etwas erholt und durch eine genossene Erfrischung gekrästigt hatte, besichtigte sie die kleine, aber behaglich eingerichtete Wohnung des Doktor-Ehepaares. Als sie in das Studierzimmer des Arztes gekommen war, erblickte sie über dem Schreibtische einen Kupferstich, bei dessen Anblick sie sagte: „Moses Mendelssohn!" Ganz entzückt umarmte der Doktor das Mädchen. „Du hast mir zum Gewinn einer Wette verholsen," sagte er. „Ich habe dieses Porträt vor einiger Zeit bei einem Trödler gesehen und für teures Geld erstanden, doch alle meine Bekannten, denen ich das Bild zeigte, behaupten, daß es gar keine Aehnlichkeit ausweise, und nur so aufs Geradewohl gezeichnet sei. Nun du ihn aus den ersten Blick erkannt hast, muß ja diese Aehnlichkeit mit dem authentischen Bilde des Philosophen eine frappante sein." Rosa konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. Als sie später mit dem Onkel allein war, sagte sie: „Onkel, ich mag dich nicht in dem Irrtum lassen, daß ich an der Gesichtsähnlichkeit das Bild erkannt habe. Hatte ich ja niemals Gelegenheit, ein Porträt Mendelssohns zn sehen. Du hast bei meiner Ankunft in Wien mein scharfes Auge bewundert. So habe ich auch ans den ersten Blick das Wort gesehen und gelesen, das als Titel aus dem Buche, welches das Bild in der Hand hält, geschrieben ist. Es lautet: Phädon. Ich habe in der Bibliothek meines Vaters dieses von Mendelssohn verfaßte Werk gesehen. Da kombinierte ich, daß dieser Kupferstich ein Porträt Mendelssohn sein müsse." (Fortsetzung folgt.) kIB

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