Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 45 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 45. Die Wahrheit Seite 9. Literatur. Die Semiten als Träger der ältesten Kultur Europas. Bon Konrad Schmidt, Pastor in Gleiwitz. Verlag von Reumanns Stadtbuchdruckerei, Gleiwitz. Daß die europäischen Völker ihre religiösen und sittlichen Begriffe den Juden verdanken, ist eine Tatsache, auf welche die Philosemiten hiniveisen, und welche die Antisemiten mit ohnmächtiger Wut erfüllt. Sagt doch ein Friedrich Nietzsche in seiner lapidaren Äusdrucksweise. die ganze zivilisierte Welt beuge sich vor drei Juden und einer Jüdin; während die Autisemiten zähneknirschend wehklagen, die ganze Welt sei verjudet! Daß .aber die Kultur überhaupt den Europäern von den verhaßten Semiten gekommen sei, daran dachte bis jetzt keiner auch nur im Traume. Wohl wußte schon längst jeder Philologe, daß die Griechen ihr Alphabeth den Semiten verdanken; wohl gab es einem Historiker wie Oskar Jäger zu denken, daß die griechischen Worte pallakis (lat. pellex) und les’che (Kebse und Halle) hebräisch sind. Aber es blieb bei schwachen Andeutungen, welche die Meinung nicht erschüttern konnten, daß die Griechen die ältesten Träger und Begründer der europäischen Kultur seien. Die einzelnen semitischen Worte im Griechischen glaubte man durch den Verkehr der Griechen mit den Phöniziern erklären zu können. Run hatabecunser Autor ein erdrückendes Material aus Sprache, Religion und Mythologie der Griechen beigebracht, daß wohl kaum bezweifelt werden kann, daß die Griechen ihre ganze Kultur von einem semitischen Volke überkommen haben. Dieses Volk seien die rätselhaften Pelasger, die wie die Etrusker in Jcalien, Semiten waren. Schade, daß die griechischen und hebräischen Worte mit lateinischen Buchstaben wiedergegeben sind, wodurch selbst sür den Fachmann die Kontrolle sehr oft erschwert und manche Behauptung anfechtbar erscheint. Aber das Problem ist von so ungeheuerer Tragweite, daß uns keine Mühe verdrießen darf, ihm auf den Grund zu kommen. Und so sei dieses treffliche Werk allen Wahrheitssuchern wärmstens empfohlen. Dr. Kahan, Znaim. (Alle Rechte Vorbehalten.) Gin neues Licht. Bon Adolf Heinrich Landau (Wiener-Neustadt). (Fortsetzung.) „Herr Doktor, ich kann nicht, ich kann nicht! Ich habe -soeben so intensiv für die Wahrheit plädiert und nnn soll ich selbst gegen meine beste, innerste Ueberzeugung handeln? „Aber Ehrwürden, wie oft müssen wir im Zwange der Verhältnisse anders handeln als wir handeln möchten. Das ist nnn einmal so im Leben. Deshalb dürfen sich Ehrwürden keine Skrupel machen. I ch lverde schweigen, nicht einmal meine Frau soll es erfahren." „Zn gütig, Herr Doktor!" „Den Brief da, den sicher ein Schurke geschrieben, vernichte ich, er ist kein Aktenstück. Und Sie, Ehrwürden, müssen mir schon den Gefallen tun und die Leute ein wenig warm halten." „Aber, Herr Doktor, foll ich als Rabbiner allen Mädchen den Hof machen?" — — „Aber, Lntfchi, wie Du sprichst!" fiel Frau Fuchs ein. „Den Hof machen nicht, aber galant müssen Ehrwürden sein-" „Das ist doch Damen gegenüber Pflicht." „Ja, ja. Aber verstehen Sie mich nur recht; eine Galanterie, die wohl tut, ein ganz klein wenig schön tun — bis zu einer gewissen Grenze natürlich." „Dieses Gebiet, Herr Doktor, ist mir, aufrichtig g e st a n d e n, ganz f r e m d." „Ehrwürden bringen mich zur Verzweiflung. Es muß Ihnen doch Vergnügen machen, das Gefechtsfeld zu erobern und Sieger zu bleiben. Paris war eine Messe wert, warum soll R a b e n h e i m nicht ein wenig Galanterie wert sein?" „Sagen Sie lieber Charlatanerie, Herr- Doktor!" Dr. Süß erhob sich etwas unwillig. „Jetzt hören Sie aber auf! Bauen Sie auf mich, Ehrwürden, ich decke Ihnen überall den Rücken." „Das macht mich unendlich glücklich, aber — — —" „Kein ,11 frei'. Mir zuliebe müssen Sie es tun." „Ihnen zuliebe, Herr Doktor, will ich alles tun." „Na, also! Ihre Hand darauf!" Beide schüttelten einander die Hände. „So, und nnn leben Sie wohl. Ich küsse die Hand, gnädige Frau; helfen Sie mir, Ihren Sohn ganz umzustimmen." „So sehr es mir schwer fällt, Herr Doktor, aber ich will es versuchen." „Tun Sie es und der Erfolg wird unser sein."- Als Dr. Süß gegangen war, sagte Frau Fuchs zu ihrem Sohn: „Du, Lutschi, das ist ja ein Engel!" „Aber, Muttinko, mir graut vor dieser ekeligen Aufgabe, jedem Mädchen einen Brocken hinzuwerfen. Was wird die Greterl von mir denken?" „Die Grete versteht einen Spaß." „Schöner Spaß das, allen Mädchen den Kopf zu verdrehen." „Das wird niemand von Dir verlangen dürfen. Man wird wohl wissen, in welchen Grenzen Du Dich als Rabbiner bewegen mußt. Du darfst Dir es mit den Leuten nicht verderben, aber hüte Dich, weiter zu gehen, als es der Anstand und die gute Sitte fordern. Auch ein M: n i st e r muß oft den Parteien e t w a s v o r m a ch e n können, aber er muß jeden Schritt verantworten, sonst muß er gehen!" „Und doch ist es schön, Minister zu sein. Was?" sagte Dr. Fuchs lächelnd. Jetzt bemerkte er ein weißes Kuvert auf seinem Schreibtisch. „Ja, was ist denn da? Das dürfte vielleicht Dr. Süß hiehergelegt haben." Er erbrach die Hülle, nahm fünf Hundertkronennoten heraus und einen Brief. „Inliegend empfangen Euer Ehrwürden 200 Kronen für die Uebersiedlnng und 300 Kronen als ersten Monatsgehalt. Für den Vorstand: Dr. Süß." Da sah die alte Frau den Sohn freudestrahlend an. „Lntfchi, d e m M a n n e zuliebe m u ß t D n D i ch schon ein wenig verleugnen können. Wie hat er gesagt? Paris i st eine Messe wert!" VII. Dr. Fuchs hatte seiner Braut alles ausführlich berichtet, auch vom Besuch des Dr. Süß geschrieben und erhielt dann folgende Antwort: Mein Teuerster! Aufrichtig muß ich es bedauern, daß ich bei Deiner so wunderschönen Installation nicht dabei sein durfte. Doch bin ich unendlich glücklich, daß Du es so gut getroffen. Mache Dir wegen der „sittlichen Forderung" nur keine Sorge. Schade, daß ich nicht in Deiner Haut stecke. Ich würde mich dieser harmlosen Aufgabe in vortrefflicher Weise zu entledigen wissen. Es wird Dir doch nicht schwer fallen, mit den Mädchen, besonders wenn sie intelligent sind, bald gut Freund zu sein und dann hat ja die deutsche Sprache so viele Gemeinplätze und Phrasen, daß es einem Menschen wie Dir kaum schwer fallen dürfte, jede Situation zu erfassen und für sich zn nützen, ohne sich dabei etwas vergeben zu müssen. Du fürchtest, der Wahrheit ein Schnippchen zu schlagen? Da fallen mir die schönen Worte Lessings ein: Die reine Wahrheit ist ja nur für Gott allein! Ich küsse die liebe Mama und Dich viel tausendmal. Derne Grete. Die folgenden Tage hatte Dr. 'Fuchs vollauf mit der Uebernahme der Amlsgeschäfle vom bisherigen Leiter des Rabbiuars, einem simplen, gutmütigen Menschen, und mit der Instandsetzung der Wohnung zu tun. Gern hätte er schon die rrnvermeidlichen Antrittsbesuche hinter sich gehabt, aber die mußte er nolsns volsns anffchieben, denn die meisten Familien waren auf dem Lande. Es war hier plötzlich eine r u r i s sacra fames entbrannt. Jeder halbwegs Bemittelte mußte einen Sommeraufenthalt beziehen, wollte er nicht von seinen Nebenmenschen mit Geringschätznng angesehen werdeil oder als Geizhals gelten. Mancher Schlaumeier, der sich ein solch kostspieliges Vergnügen nicht leisten konnte, fuhr mit seiner Frau für einige Tage nach Wien, besuchte am Abend „Venedig" und besorgte am Tage seinen Herbstbedarf. Wenn man aber daun so indiskret war, zu fragen, wo er denn mit feiner Frau gewesen wäre, da sagte er ganz stolz: „Wir haben eine Auslandsreise gemacht!" (Fortsetzung folgt.)