Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1909
- Issue
- Heft 9 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063469-3063478--05945-3072907- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 9. Die Wahrheit Leite 9 Kine gebildete Irau. Bon Babette Fried. (Fortsetzung.) „Gedulde Dich, bis die Kinder schlafen." Rösl brachte die Kinder bald nach eingenommenem Nacht- Mahle zu Bette, sprach mit ihnen das Nachtgebet und konnte es nicht verhindern, dag sich ihr der Maloch hagoel, der Engel, der sie vom Unglück erlöste, in der Gestalt der alternden, reizlosen Lehrerin darstellte. Als die Kinder eingeschlafen waren, begab sie sich ins Wohnzimmer zu ihrem ungeduldig chrer harrenden Galten. „Wann haben mir Hoschaano rabo?" begann sie. „Das weißt Du nicht, Du Amrazite?" neckte der Gatte, „übermorgen, Du mußt ja da gute Fliedel backen auf Simchas tora." „Uebermorgen ist erst Haschaano raba? Nein, heute ist uns göttliche Hilfe erstanden, heute ist unser Hoschaano rabo gewesen." Den Austritt zu beschreiben, der nach der stattgefundenen Aufklärung folgte, wer vermöchte dies? Wenn diejenigen, welche .zu eigenem Vergnügen oder zu gewagten Unternehmungen viel Geld verwenden, Zellgen der Vorgänge gewesen wären, welche in der schlichten Haudwerkerwohnung stattgesnnden. weml diejenigen vom Glücke Begünstigten, welche sich niemals um das Wohl und Wehe des dürftigen Handwerkers, des notleidenden Gewerbsmannes gekümmert hatten, wenn diese gesehen hätten, wie der sonst so ruhige Mann wie närrisch im Zimmer umhersprang, das Sparkassenbuch in den Händen schwingend und seine Rösl immer wieder an sein Herz schließend, wie er in fast unartikulierte Inbeltöne ausbrach, die zeitweilig von hervorbrechenden Tränen erstickt wurden, wahrlich, allen diesen indifferenten Menschen wäre der Gedanke gekommen, daß es kein beseligenderes Gefühl als Wohltnn gibt, und in ihrem engherzigen Gemüte das Verlangen aufgestiegen, Auftritte, wie die eben erlebten, nach Möglichkeit hervorzurufen. Hatte die ausgiebige Hilfe der edlen Lehrerin auf Fischer solch einen beglückenden Einstuß ausgeübt, so waren es wiederum ihre strengen, aber wohlgemeinten Worte und Ermahnungen, welche die starre Eiskruste von dem Herzen Frau Rösls gelöst hatten, und das liebende Weib, welches sie im Grunde trotz ihrer scheinbaren Kälte immer gewesen zum Durchbruch brachten. Der nahende Hoschaano rabo sollte zwei frohe, gänzlich erlöste Menschen begrüßen, erlöst von drückenden Nahrungs-, ja Existenzsorgen, erlöst von der drückenden, jedes bessere Gefühl erstickenden Voreingenommenheit, und die beiden guten und sich bisher fremd gegenüberstehenden Menschenkinder lebten förmlich verjüngt wieder auf unter dem erstandenen Bewußtsein, daß sie liebten und wieder geliebt wurden. Und diesenige, die dieses alles bewerkstelligte, saß zuhause in ihrer nicht mehr einsamen Wohnung, ein bleiches, schwarzgekleidetes Mädchen ans dem Schoße und träumte von dem auch ihr, der schmählich Verlassenen, erstandenen Mntterglücke. In den Nachmittagsstunden des folgenden Tages tönte Mieder die Glocke zur Ladeutüre des Meisters Elias. Schon wollte er hinaufgehen, um die Kundschaft zu bedienen, doch fast erschreckt rief er seinem in der Küche hantierenden Weibe zu: „Rösl, gehe Du ins Geschäft; es ist der Herr Pfarrer drin, Du kannst besser reden mit ihm, wie ich." Rösl witsch und trocknete sich rasch die Hände. Dann trat sie in den Laden, den vornehmen Käufer zu begrüßen, und nach dessen Begehr zu fragen. Dieser ließ sich eine ganze Menge diverser Schreibmaterialien Dorzeigen, kaufte und bezahlte sie gleich, dann sagte er freundlich zur Verkäuferin: „Dies Geschäft war eigentlich nur ein Vorwand, um Sie sprechen zu können, liebe Frau Fischer! Der eigentliche Zweck meines Hierseins ist. um Ihnen in meinem und Meiner Pfarriinder Namen Dank dafür auszusprechen, daß Sie sich dieser Tage so liebreich einer Sterbenden unseres Glaubens und dann deren verwaisten Kindes angenommen haben. Sie haben wahrhaft christlich gehandelt!" „Es bedarf keines Dankes Hochwürden, denn ich habe ,jüdisch^ gehandelt und wie es mir meine Religion vorschreibt." Der Geistliche wurde einigermaßen verlegen. Er hatte bei einer Handwerkersfrau eine solche Ansdrncksweise nicht erwartet, obwohl er wußte, daß bei den Juden selbst in niederen Sphären Intelligenz zu finden sei. Darum sagte er; „Ganz richtig, liebe Frau! Sie haben getan, wie jeder von uns tun sollte, aber leider nur wenige zu tun fähig sind." „Fähig sind es viele, aber es haben nicht alle diese Gelegenheit dazu." „Oder nicht den Mut, die gebotene Gelegenheit ausznnützen," fiel der Geistliche ihr ins Wort. Jedenfalls nehmen Sie noch einmal meinen Dank entgegen, und bitte, sprechen Sie! Wenn ich Ihnen oder Ihren Glaubensgenossen in etwas nützen kann, soll es gerne geschehen." Rösl erbebte. — Jetzt war der langersehnte Augenblick gekommen, wo sie dasjenige, was sie so lange am Herzen hatte, an geeigneter Stelle Vorbringen konnte. Jetzt, nur jetzt möge ihre Geistesgegenwart sie nicht verlassen, damit sie dasjenige, das sie so lange Vorbringen wollte, auch in gehöriger Form Vorbringen konnte. Ein sekundenlanges Gebet rang sich von ihrer Brnst, das ihr aber trotz seiner Kürze Mut und Kraft einfiößte. „Noch einmal, Hochwnrden!" begann sie, „ich verdiene keinen Dank. Die Freundlichkeit aber, mit der Sie mir denselben trotzdem entgegenbringen, ermutigt mich zu einer großen Bitte: O, hochwürdigster Herr, steuern Sie dem immer mehr und mehr um sich greifenden Judenhaß, der in dieser sonst so friedlichen Gegend jetzt so verderblich wirkt. Sie können es, Sie allein. Sie haben zwei Institute in der Hand, von wo aus Sie segensreich wirken können: Kirche und Schule. Von diesen beiden Stätten ans, von Kanzel und Katheder, können Sie sowohl, als die Ihnen llnterstehenden das entsetzliche, in seinen Wirkungen furchtbare Lügengewebe zerreißen, in welches eine böswillige Propaganda ans rein materiellen Gründen uns umstrickt. Wir sind nicht besser als andere Menschen, aber auch nicht schlechter, und wenn wir fehlen, so fehlen wir nicht als Juden, sondern als Fehlern unterworfenen Menschen. Warilm also läßt man nicht die ganze Menschheit für etwaige von einem der Unseren begangenen Fehler büßen, sondern das ganze Judentum?" Der alte Herr erwiderte: „Wir Priester tun, was wir können, um diesem Uebel zu steuern, viel ist dies freilich nicht. Aber sollte nicht in Euch selbst die Ursache dieser, ich gestehe es selber, ungerechten Tatsache liegen? Sie müssen sich selber zugestehen, liebe Frau, daß schon der Umstand, daß Ihr ein geheimes Gesetzbuch besitzet, welches nicht immer die lauterste Moral enthält, geeignet ist, das Judentum und seine Bekenner unbeliebt zu machen; Sie verstehen ja, was ich meine, den Talmud!" „Was wissen Sie von dem Talmrtd," fuhr Rösl auf, „dem Kommentar unserer Bibel, der all die weisen Erklärungen und Ueberlieferungen enthält, welche unzählige der weisesten und edelsten Männer Jahrhunderte lang emsig zusammengetragen und zur Rlchtschnur und zum Tröste für ihr verstoßenes, zerstreutes Volk ausgezeichnet haben? Nur wenige von Euch haben io viel hebräisches und kaldäisches Wissen erlangt, um nur eine einzige Seite hiervon richtig zu lesen, geschweige denn zu verstehen. (Fortsetzung folgt.) Austritte aus dem Judentum. Tieger Franziska, ledig, geb. 31. Dezember 1869 in Spitz a. d. Donau. XIX., Kahlenbergerstraße 7. Hiß Max, Hilfsmonteur, ledig, geb. 24. März 1889 in Wien, H., Untere Augartenstraße 1. Fasal Wilhelm, Nordbahnbeamrer, ledig, geb. 22. November 1872 in Teichen, III., Obere Weißgärberstraße 10. Berger I d a, Private, ledig, geb. 13. Dezember 1881 in Wien. I.. Gonzagagasse 1. N e u m a n n Adolf. Buchdruckergehilfe,"ledig, geb. 20. Juli 1879 in Wien, III., Krieglergafse 14. Münch Julius. Fabrikant, ledig, geb. 11. Mai 1873 in Triesch, Bez. Jglau, XHL, Hietziuger Hauptstraße 33. Zwilling Bertha, Tochter der Feige Zwilling, geb. 1. August 1894 in Wien. Laut Zuschrift der k. k. Bezirkshauptmannschaft Chrzanöw (Galizien), ddo. 8. Jänner 1909, Z. 44320.