Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 47 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 47. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung Lreite 11. Bon Josef Singer, Wien. Inmitten des millionenstimmigen Chorus, der um heutigen Tage zum Ruhme, Preis und Lohu unseres allgeliebteu Monarchen, Sr. Majestät des Kaisers und Königs Franz Josef I., von den Völkern Oesterreich-Ungarns angestimmt wird, erklingen auch voll und mächlig unsere Töne, die Töne der jüdischen Kantoren Oesterreich-Ungarns. Nicht etwa, um einem Akt der Pietät zu genügen, sondern vielmehr im vollen Bewußtsein unserer Dankespflicht können und müssen wir jüdische Kantoren diesen yehren Jnbeltag unseres erhabenen Landesfürsteu mitbegehen and mitseiern. Denn mit dem Jnbellage des Monarchen feiern auch wir den Ausgangspunkt und den Werdegang der Bessergestaltnng unseres Standes. Halten wir inmitten des heutigen Inbelrausches einen! Moment stille und richten wir unser Augenmerk ans jene Tage der vorsnlzerschen Periode (1836), so trübt sich der Blick beim Betrachten der damaligen jüdisch-kantoralen Verhältnisse und wir gelangen alsbald zum Bewußtsein, daß wir jüdische Kantoren mit unserem allgeliebten Kaiser zugleich die Periode der Vierzigerjahre als eine Periode des Segens und Heiles bezeichnen können. imsi 138 mir rmn nny -o Mit dieser Epoche des allgemein kulturellen Aufschwunges, der segensreichen Wirksamkeit unseres geliebten Kaisers, graute auch für uns jüdische Kantoren insofern der Tag der Erlösung und Erleuchtung heran, als wir gleichsam von der Allgewalt der allgemeinen Bessergestaltung mitgerissen, veranlaßt wurden, ans dem Gebiete unserer Amtstätigkeit freier zu denken, zielbewnßter zu schaffen, mit einem Worte, zeitgemäßere Formen herbeiznführen. Der segensreiche Regierungsbeginn unseres allverehrten Kaisers goß nicht allein ein Meer von Licht ans die Gesamtverhältnisse des Reiches ans — auch in den Gotteshäusern Israels wurde es hell' auch in den Gotteshäusern Israels begann der Einfluß einer neuen Zeilperiode sich geltend zu machen. Auch ans dem Gebiete des Synagogengesanges erstanden Männer von Bedeutung und Tatkraft, lieferten mächtige Quadern zn dem umfassenden Bane des Synagogensanges, und wenn diese für uns bedeutungsvollen Arbeiter schon längst den Zoll des! Lebens durch ihr Hinscheiden entrichten mußten — ihr Geist lebt unter uns und wird uns noch allenthalben Stab und Stütze sein. Auch wir Männer der Gegenwart waren ja redlich bestrebt, zum Ansbane dieses umfassenden Gebäudes, namentlich bezüglich der Stilreinheit, unser Scherslein beizutragen — und der österr.-ungar. Kantoren-Verein, stets wachsam auf hoher Warte auslugend und stets redlich bemüht, für die Weitergestaltung des Synagogengesanges zn sorgen und zn schaffen, hat ja auch, gelegentlich des diesjährigen Jnbel-Kautorentages, als die Hauptvorlage seiner Tagesordnung die Gründung einer Kantorenschule als Wahrzeichen des 60jährigen Regiernngsjnbilänms unseres vielgeliebten Monarchen ins Auge gefaßt. Es ist hier nicht der Platz, die Bedeutung dieser Gründung klarznstellen und soll dies an anderer Stelle in umfassender Weise geschehen, doch kann es mit Bestimmtheit ausgesprochen werden, daß, gleichwie die zeitgemäße Entwicklung des jüdischen Kantorentums eine, wenn auch nur indirekte Folge der segensreichen Regierungsepoche L-r. Majestät unseres so heißgeliebten Kaisers war,' auch die angebahnte Gründung einer Kantorenschule, gleichsam als Festesgabe für uns jüdische Kantoren, noch in diesem Jubeljahre zur Wirklichkeit herangedeihen wird. Es erhellt nun zur Genüge, daß wir jüdische Kantoren Fug und Recht besitzen, dieses kaiserliche Jubeljahr mit ganzer Seele und vollem Herzen mitznselern. Wir stimmen im Geiste, Einer für Alle und Alle für Einen, die Worte der österreichischen Bolkshymne an, deren bekannter Inhalt lautet: Gott erhalte, Gott beschütze unfern Kaiser, unser Land! Eine gebildete Ara«. Bon Babette Fried. (Fortsetzung). Frau Rösl räumte den Tisch ab und ging in die Küche, das Geschirr zn reinigen, nm es dann in den altmodischen Küchenschrein einznränmen. Als sie mit ihrer Arbeit fertig war, legte sie ihre blaue Leinwandschürze ab mit) band eine frisch geglättete, weiß und ror gestreifte Schürze um. Indem sie nun ins Wohnzimmer trat, war sie nicht wenig erstaunt, ihren Mann noch in derselben Stellung vorzusinden, wie sie ihn nach Tische verlassen hatte. Trübsal blasen war ja sonst seine Sache nicht und Untätigkeit war sie an ihm nicht gewohnt. „Eli," srug sie besorgt, „ist Dir nicht gut, so leg' Dich ans ein Stündchen anss Kanapee im Zimmer. Ich bin mit meiner Arbeit fertig und werde indessen ans den Laden achtgeben. „Nicht gut?" antwortete Eli mürrisch, „darss mir nicht gut sein?" i „Also, was ist's mit Dir? Sag' mir's!" „Was geht es Dich an?" „Was es mich angeht? fragst Du, Du böser Mann! Bin ich nicht Dein treues Weib, welches Deinen Kummer teilen soll? Du hast etwas Schlimmes über Gottlieb gehört? Nicht wahr?" Gottlieb war der älteste Sohn des Ehepaares, derselbe, der eben das Schneiderhandwerk erlernte. „Nichts habe ich von ihm gehört. Aus Roich-haschonoh hat er uns den schönen Nenjahrswnnsch geschrieben, und seitdem keine Zeile mehr. Wir Handwerkslente sind nicht gewandt zum Schreiben, wie Ihr gebildeten Leine." „Wieder dieser Spott. Eli!" sagte Rösl traurig, „lass' es schon sein, ich bitte Dich sehr! Das bischen Bildung, das ich einstmal besessen, das habe ich schon längst verloren, das brauchst Du mir nicht mehr vorzuwersen. Sag' mir lieber, was Dich drückt?" „Du kannst mir gar nicht Helsen, wozu brauchst Du es zu wissen?" „Wozu? Weil ich Dein Weib bin und ein Recht dazu habe! Sag' mir's, Eli!" „Also, wenn Du es partout wissen willst, ich habe Sorgen, große Sorgen — Geldsorgen!" Rösl erbleichte. Dafür wußte sie wirklich keinen Rar. Einmal ins Sprechen gekommen, fuhr Eli fort: „Ich habe die neuen Maschinen, die ich zum Handwerk brauche. ans Ratenzahlungen genommen, lind die ersten Raten auch pünktlich eingezahlt; doch da ist der Krieg gekommen, im Geschäfte ist Stillstand eingeireten, das Handwerk ist eingeschlasen — ich konnte die späteren Zahlungen nicht einhallen — und wenn ich nicht bis zum 1. November die rückständigen 300 Gulden aufbringe, nimmt mir der Fabrikant die Maschinen weg, und alles, was ich schon daraus gezahlt habe, verfällt. Der schreckliche Krieg hat mich so dineingebracht und jetzt auch noch die Cholera. Wer kaust in solchen Zeilen Bücher und wer läßt was einbinden? Sogar die Schulen sind wegen der Cholera gesperrt, da verkauft man die ganze Woche keinen Bogen Papier und keine Feder. Von was soll ich in der kurzen Zeit das Geld auslreiben?" „Eli," sagte beschwichtigend das gute Weib, „Gott wird Helsen! Ich werde meine goldene Kette versetzen unb meine Ohr- und Fingerringe — und ein paar Stückel überflüssiges Bettzeug verkaufen Mit dem Erlös werden wir einige dieser Raten decken; das Uebrige wird Dir der Kaufmann schon stunden. Ich werde ihm selber darüber schreiben." Eli lachte grell auf: „Du ihm schreiben! Was macht sich der aus Deinem schönen Briese, das ist ein Blutsauger, der will Nlir Geld, ilnd zwar jetzt, weil ich nicht pünklich war, alles aus einmal, und was Deinen Schmuck betrifft, wirst Du dafür Chaj Pschitim*) bekommen. Aber aus eine andere Art kannst Dll mir Helsen, liebes Kind," fuhr Eli in bittendem Tone fort. „Ihr Frauen habt den Wohltütigkeitsverein Bes Jakob, den Du mitbegründen geholfen hast und dessen Schriftführerin Du, als die gebildetste der Frauen, bist. Bitte den Vorstand, und sie werden Dir das Geld ans Abzahlung borgen. Dir, der Rösl Fischer, die so viel für den Verein leistet, kann man doch diese Bitte nicht abschlagen." Fortsetzung folgt.) *) „Achtzehn Pfennige" wurden auf dem Lande früher geschnodert. .5