Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 33 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr- 33. Die Wahrheit Seite 5. ein bedeutender Talmudist, der Kabbala sehr mächtig und Verfasser vieler hebräischer Werke (die aber ungedrnckt blieben); er fastete mehrere Jahre alltäglich, schenkte der Synagoge eine Thorarolle mit einem Vorhänge vor der Bnndeslade. Auch einen mächtigen Leuchter, auf welchem an Sabbath- und Festabenden Lichter angezündet und die Kosten hiesür zum Teil von den Zinsen der unterlegten 50 Gulden bestritten werden sollten. Auf dem Leuchter, der noch gegenwärtig in der Synagoge benützt wird, befindet sich eine eingravierte hebräische Rundschrift in sehr erhebender Weise auf den wohltätigen Spender." Die Familie Rothschild entstammt nach der Angabe des Verfassers der „Lolrsna hagedolim" der Familie des erwähnten Rabbi, weshalb es nicht überflüssig sein mag, wenn wir hier nach dem Werke „Ani belew Jam" (Fürth 1766) die Stammtafel der Familie Rothschild, soweit sie unseren Rabbi Mendel betrifft, geben. Jsak Rothschild (Vorsteher in Frankfurt a. M.) Salomon Rothschild (Rabbiner in Würzburg und Friedberg). Mendel Rothschild, dessen Epitaph ans einem Grabsteine des israelitischen Friedhofes zu Worms zu lesen. Salomon in Ettingen, Boas Rafael Rothschild, Verfasser des obigen Werkes. Boas fügt hinter Jsak noch die Worte hinzu: „Äligosa iiaz'iolins a8ob6r meolam A n s c li e liaschem." Es ist somit die Familie Rothschild nicht nur eine der berühmtesten, sondern auch eine der ältesten in Israel. Dieser ruhmreiche Name ist nicht nur ans allen Gebieten der Erde, wohin Kultur und Industrie zu den Menschen gedrungen, bekannt, sondern auch im fernen Afrika gedenkt der arme Glnnbensbrnder in Verehrung und dankbarer Erinnerung des Names Rochschild." (Vgl. auch M. H. Friedländer, Geschichtsbilder, IV. Teil, S. 78). Man sieht also, daß auch das weltbekannte Bankhaus Rothschild sehr berühmte und geachtete Rabbinen zu seinen Ahnen zählt. Und doch haben so viele moderne Kultusvertreter eine gewisse Schen vor den Rabbinen, daher sie sie von allen Vereinen rc. so gerne ausgeschlossen wissen wollen. Alles schon dagewesen! Auch R. Akiba war, ehe er in den Geist der Thora eingedrungen, ein Feind der Rabbinen, der Talmide Chachomira. _ Fr. Liberales Inbentnm Von Claude G. Montefiore. II. Um nun von den Abweichungen des Liberalismus von der Orthodoxie zu reden, müssen wir uns aus das Gebiet der Bibel begeben, ans dem die Unterschiede sich besonders dokumentieren. Und zwar ist es die hebräische Bibel im allgemeinen, wie der Pentateuch im besonderen. Wenn ich die orthodoxe Lehre richtig ansgesaßt habe, so ist sie untrennbar verknüpft mit der Annahme, daß Moses das Fünfbuch verfaßt, daß Gott das Werk gekrönt und so die Unabänderlichkeit des Gesetzes des Pentateuch konstituiert habe. Wird dieses Dogma abgeleugnet, so wüßte ich nicht, habe es mir zum mindesten nie klar machen können, wie das orthodoxe Judentum, als das religiöse S y st e m eines Glaubens, diese Dogmenändernng überdauern sollte. Da gibt es keinen Ruheplatz, keinen Unterschlupf aus halbem Wege zlvischen jener Lehre und der unseren. Entweder ist das Gesetz mosaisch, etwa göttlich, unwandelbar, oder es ist es nicht: tertium non datur. Die orthodoxe Lehre, in glatter Ablehnung geschichtlicher Forschung, vergleichender Religionswissenschaft, kritischer Bibelbetrachtung, behauptet das erste und sie muß so handeln; der Liberalismus, im Einklang mit der Geschichtsforschung, mit der vergleichenden Religionswissenschaft wie der Bibelkritik mib, wie ich noch hinzufügen möchte, den Gesetzen einer vorurteilsfreien und lichtvollen Ethik, sagt das andere. Die Lehre von der Göttlichkeit, der Antorschaft Mosis und der Unwandelbarkeit des Gesetzes ist unumwunden und klar niedergelegt in dem siebenten, achten und neunten Artikel der orthodoxen jüdischen Anschauung, von Maimonides formuliert im 12. Jahrhundert, und sie findet sich wieder in vielen orthodoxen Gebetbüchern. Dieser Unterschied zwischen den beibeu Parteien des Judentums ist unüberbrückbar. Auch die attderen Unterschiede liegen im selben Felde. Orthodoxie und Liberalismus weichen von einander ab hinsichtlich der Theorie der Beseelung des Menschen, des geschichtlichen Charakters der in der Bibel berichteten Wunder, und des menschlichen und göttlichen Elementes im Prophetentilm. Die Abweichungen aus diesem Gebiete entsprechen denen, die hinsichtlich der Auffassung der Bibel sich ergeben zwischen einem Christen alter Schule nnd der eines liberalen, fortschrittlich gesinnten, modernen Christen. Ebenso ist die Orthodoxie gebunden durch ihre Theorie an eine göttliche Beseelung und an eine Aussassung vieler rabbinischer Lehren und Regeln als bindende Gesetze, wohingegen der Liberalismus, wenn er schon an das Fünfbuch und die Bibel kritisch und sehenden Auges herantritt, noch kritischer nnd klarblickender zu sein sich bemüht der Mischna und dem Talmud gegenüber. Und darüber hinaus sind die Folgerungen unb dementsprechenden Abweichungen für die Praxis, das Leben, den Gottesdienst, ebenso tiefgreifend als die theoretischen Unterschiede, ans denen sie basieren. Davon des näheren zu handeln, ist weder Zeit noch Ort. Es genüge festzustellen: das liberale Judentum, das streng an dem göttlichen Element in der Bibel sesthält. anderseits aber auch an einer Entwicklung menschlicher Einsicht nnd menschlicher Erkenntnis, das die Verbindnng mit der geschichtlichen Vergangenheit aufrecht zu erhalten sich bestrebt, dieses liberale Judentum hält sich ans eben diesen Motiven für berechtigt, zu gestalten und zu formen dort, wo es sich um zeremonielle nnd äußerliche Einrichtungen der Religion handelt, in Uebereinstimmung mit der sortschreiteudeu Aussassung einer Religion und Moral und entsprechend den Ansvrderuugen des Lebens nnd des Zeitalters, in dem wir leben. So ergibt sich zur Eviden-z, daß das liberale Judentum, wie ich es anfsasse, der „Broad Church party” in der englischen Kirche oder, um eine moderne Parallele anznwenden, der „Neutheologischen Partei" in der Christenheit entspricht, so daß wir sagen können, die „liberalen Inden" sind die „Modernisten" der jüdischen Kirche. Es liegt mir nun aber noch ob, diese rohgezogene Parallele im Wege der Erläuterung nnd Spezifizierung erheblichen Einschränkungen zu unterziehen. Der Mensch modernen Geistes, freier Forschung, kritischer Beobachtung wirkt ans die verschiedenen Religionen ein und befruchtet und beeinflußt sie in verschiedener Weise. Sie haben verschiedene Stellen, die sie besonders zart behandelt wissen wollen, und die delikaten Punkte, die Schwierigkeiten und Bedrückungen der einen sind nicht auch die der anderen. Die Dogmen der einen Lehre bieten eine breitere Angriffsstäche dar für den kalten und schneidenden Wind der Kritik als die einer anderen. Wenn sich nun bei uns im Judentnm Reform nnd Liberalismus Geltung zu verschaffen suchten, so geschah dies nie ans rein theologische Welle, nie ausschließlich theoretisch. Letzten Eudes können wir es immer zurückführen aus Bestrebungen, die Religion einer neuen Umgebung anzupassen, wenn auch diese Bestrebungen, wie wir noch des näheren sehen werden, theologische Verwicklungen und Einflüsse gezeitigt haben. In höherem Maße ist diese Entwicklung in Deutschland zu beobachten, wo andere religiöse und theologische Erscheinungsformen und Bedingungen herrschen als bei uns und wo noch ganz andere in den Dreißiger-, Vierziger-, ja Fünszigerjahren des vergangenen Jahrhunderts herrschten. Und ans der anderen Seite hingegen ist das Judentum — zumindest ist das unbestreitbar für die Zeit seit seiner Emanzipation aus dem Ghetto — stets in erheblicher, mächtiger Weise berührt worden von den Vorgängen der äußeren Welt um es herum. Eine Bewegung, wie wir sie jetzt in der „Neu-Theologischen" und „Modernen" Strömung miterleben, kann es unmöglich uninteressiert, unverändert lassen und hat es auch nicht. Wenn wir deshalb unsere liberale Bewegung zum Teil aus Rechnung retu jüdischer Erwägungen setzen, sie als Resultat ureigenster Bedürfnisse empfinden und ansehen können, so müssen wir sie andererseits als Widerspiel einer allgemeinen Regung nnd Erhebung der breiteren christlichen Welt, in deren Mitte das Judentum lebt, betrachten. Ich hoffe in dem Maße richtiger verstanden zu werden, in dem ich weiter zu Ihnen spreche. Ich scheue schon davor zurück, noch mehr Definitionen, Umgrenzungen dieses Begriffes