Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 33 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Man wird an den dunklen Ehrenmann erinnert, der mit seiner Bente davonlaufend „Halt's den Dieb!" ruft, wenn man von den Antisemiten aller Couleurs immer wieder die Klage, oder vielmehr die Anklage hört, di? in den Worten gipfelt: „Jüdischer Fanatismus!" Auch das „Vaterland", welches immer wieder an seinen antisemitischen Rückfällen leidet, d. h. — mit Hinblick auf die fo mächtigen und einflußreichen Hintermänner des klerikalen Blattes — richtiger gesagt, an dessen antisemitischen; Rückfällen die Juden zu leiden haben, schlügt uns diese Be-! schuldigung des Fanatismus in einem langen Hetzartikel ins Antlitz. ' Unter „Fanatismus" veröffentlichte das „Vaterland" eine : „psychologische Studie", die sich angeblich gegen den Fanatismus! richtet, in Wirklichkeit aber von einem fanatischen Geiste der j Unduldsamkeit und Verleumdungssucht beseelt ist. Dem „Vater-! land" mag es, das sei ohneweiters zngestauden, ganz wider den > Strich gehen, wenn die Kirche und ihre Institutionen von fanatisierten — Gegnern angegriffen und geschmäht werden. Aber nur der antisemitische „Fanatismus" ist die Quelle. — und um dies zu beweisen, bedarf es nicht erst einer weitläufigen „psychologischen Studie" — aus der eine Behauptung entspringt, wie die folgende, die im „Vaterland" zu lesen ist: „Eine dritte Gruppe von Fanatikern au Hochschulen liefern die Nachkommen jenes Volksstammes, welchem der Christen haß im Blute liegt." Da ist jedes Wort eine in Gift getauchte, böswillige Ver-' leumdung! Niemals haben die Juden Haß gegen die Christen empfunden, auch nicht in den Zeiten der furchtbarsten, blutigsten Verfolgungen, denn die Religion der Inden verbietet d e n H a ß g e g e n M e n s ch e n, m ö g e u diese auch g r i m m l g e F e i n d e sein. Das „Vaterland" lügt und verleumdet, wenn es seine aufhetzende und aufreizende Beschuldigung sogar soweit ansdehnt, daß der „Christenhaß" überhaupt den Juden im Blute liegt, während es doch durch tausendjährige Beispiele ans allen Zeiten bekannt ist, daß die Juden bei ihren Werken der Humanität immer das Gegenteil von „Christenhaß" beknndeten, und jenen Christen gegenüber, die anch für die Juden Wohlwollen und Menschlichkeit als Richtschnur des Handelns und Fühlens gelten ließen, geradezu überschwängliche Dankbarkeit empfanden. Das „Vaterland" hat in seiner „psychologischen Studie" sich eine kleine Fälschung gestattet: Nicht der Christenhaß liegt den Juden im Blute, wohl aber liegt der Judenhaß den Antisemiten im Blute. Und, die Ehrlichkeit verdient gewissermaßen eine Anerkennung, die Antisemiten machen in der Regel auch gar kein Geheimnis daraus, daß sie den Haß gegen die Juden sozusagen mit der Muttermilch in sich gezogen. * * Wir sagten, daß den Inden der Christenhaß schon darum ferne liege und ferne liegen m ü s s e, weil die Religion der Juden den Haß verbietet. Das „Vaterland" könnte freilich entgegnen, das Christentum verbiete nicht allein den Haß gegen Menschen, sondern lehre selbst die Liebe gegen den Feind, was aber bekanntlich nicht gehindert bat, daß unter der Flagge des Christetttums die greulichsten Judenverfolgungen inszeniert wurden. Ja, da ist denn aber doch ein kleiner Unterschied. Die Juden haben eben niemals das Kunststück zuwegegebracht, die schlichten, echt menschlichen Lehren ihrer Religion ans dem Wege von der Theorie zur Praxis zu fälschen und in ihr Gegenteil nmzugestalten. Die Bekenner des alten Testamentes haben es gehört, daß mau selbst den Feind nicht hassen, bei seinem Untergang sich nicht freuen dürfe, ihm vielmehr in der Not beistehen müsse. Diese Lehre liegt ihnen im Blute, sie war und ist die Triebfeder ihrer Handllmgen im Verkehre mit ihren 9chchsten, die sie lieben, wenn sie von ihnen nichts Böses erfahren, denen sie aber unter k e i n e n U m st ü n d e n H a ß entgegenb r i n g e n dürfe n. * -i- * Die Antisemiten, von denen wir zu allen Zeiten sagten, daß sie die Lehren des Evangeliums mit Füßen treten und das Recht verwirkt haben, sich Christen zu neunen, haben sich die Sache anders zurechtgelegt. Sie haben gehört, daß das Neue Testament seinen Bekennern die harte Pflicht auserlegt, selbst den Feind zu lieben. Das halten sie für unmöglich, für eine leere Phrase, aber sie stempelten jeden Juden zum Feind, den man hassen dürfe. Die Antisemiten, die von den Lehren des Neuen Testamentes schon darum nichts wissen wollen, weil diese ganz und gar den Geist des Judentums atmen, seine Fortsetzung und Ergänzung bilden, müssen naturgemäß bei einiger Konsequenz zu erbitterten Gegnern des Christentums werden, welches ihnen die Betätigung ihrer unseligmachenden Lehre des Hasses unmöglich macht. Wir könnten das „Vaterland" selbst als lebendige Illustration für unsere Behauptung verwerten. Das „Vaterland" hat seil Jahr und Tag eine Art von Jannskops. Es sieht heute anders aus als gestern, und morgen anders als heute. Abwechselnd war es bald antisemitisch und konkurriert mit dem „Deutschen Volksblatt", bal? versuchte es, christliche Lehren zur