Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 22 (5.6.1908)
- Date
- 1908-06-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 22. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeitung. Seite 11. Inbilimms-Kantorentag. Die täglich einlaufenden Anmeldungen für den am 22. Juni beginnenden und für drei Tage berechneten Jnbiläums-Kantorentag lassen eine imposante Beteiligung an demselben nicht nur von Seiten der Kollegenschaft, sondern auch seitens der verehrlichen Knltnsgemeinden, von denen mehrere bereits ihre Delegierten nominiert haben, in sichere Aussicht stellen. Mit besonderer Genugtuung muß es begrüßt werden, daß die bevorstehenden Beratiulgen des Kantorentages auch bei den Gemeinden vollste Würdigung finden, und dieser Umstand bietet Gewähr dafür, daß betreffs der geplanten Beschlußfassungen ein Einvernehmen zwischen den Gemeinden und deren Funktionären erzielt werden wird. Um bei dem gegenwärtig starken Fremdenznflusse den Aufenthalt in Wien für die Besucher des Kantorentages möglichst zu verbilligen, hat der Bereinsvorstaud mit dem Besitzer des bekannten, renommierten Hotel G u t h, Wien, II., Stefaniestraße 14, eine Vereinbarung getroffen, daß derselbe komfortabel ausgestattete Zimmer zu dem für die jetzigen Verhältnisse stark ermäßigten Preise von K 2 60 und K 3 - pro Tag überläßt. Es werden daher diejenigen Besucher des Kautorentages, die in dem genannten Hotel Logis zu nehmen beabsichtigen, ersucht, die Vormerkung aus ein Zimmer entweder bei dem Hotelier direkt anzumelden oder bei ihrer Anmeldung zum Kantorentage, die sie au das Vereinspräsidium oder an die Redaktion der Wahrheit richten, gleichzeitig anzugeben, ob für sie Logis reserviert werden soll. Jubiläums Uersammlnng des , mährischen Kanloren-Uereins. Am Sonntag, den 24. Mai l. I. hielt der M ä h r i s ch e 1 K a n t o r e n v e r e i n int Sitzuugssaale der israelitischen Kultusi gemeinde zu Brünn seine diesjährige Hauptversammlung ab, die! mit einer Huldigung sür unseren Kaiser verbunden war. Um - 4 Uhr erössnete der Präses des Kantorenvereines, Herr Ober-! kantor Joses Heller, die Versammlung und wies nach einer; Begrüßung der Gäste daraus hin, wie dieser Verein vor zehn : Jahren aus Anlaß des fünfzigjährigen Jitbilänms des Monarchen j gegründet wurde. Seine Rede feierte den- Kaiser, dessen sechzig-; jähriges Jubiläum in diesem Jahre die Völker der Monarchie | vegeheu, als Beschützer und Beschirmer der Bedrängten. Der Redner betonte, wie auch den Kantoren durch das Gesetz vom! Jahre 1890 eine würdige Stellung als Religionsdiener ein- : geräumt wurde, und schloß mit einem Hoch aus Se. Majestät, in! das die Versammelten begeistert eiustimmteu. Ein von einem! Männerquartett stimmungsvoll vorgetrageuer Jubelvsalm, kom-; poniert von Herrn Oberkautor Joses Heller, folgte dieser; Huldigung, die auch ihren Ausdruck in einem an - die Allerhöchste Kabinetskanzlei abgesandten Telegramme fand. Den Abend verbrachten die Kantoren und ihre Gäste im; Theater. Für die Vorstellung der „Madame Butterfly" hatte! Herr I. Vize-Bürgermeister Rudolf M. Roh r e r in frei-! giebigster Weise Herrn Ober-Kantor Heller einige Logen zur; Verfügung gestellt, wofür ihm au dieser Stelle der herzlichste Dank dargebracht wird. Nach der Vorstellung versammelten sich i die Teilnehmer an der Versammlung und ihre Gäste im Rei itaurant Donath, wo man im angeregten Gespräche noch einige vergnügte Stunden verbrachte. Diese Zusammenkunft wird gewiß allen Teilnehmern in bester Erinnerung bleiben. Eine Ileise vor 70 Jahren. Episode auä meinem Leben. Von Adolf Steinschneider. (Fortsetzung.) Ermüdet vom Hinaitsschauen war ich nun bemüssigt, im Innern des Wagens bei den Insassen Zerstreuung zu suchen und sah mir jetzt meine Reisegesellschaft genauer an. Sie bestand aus Vater, Mutter und zwei Töchtern. Der Vater war ein gebrechlicher Greis, halb taub, die Mutter, eine verwitterte Alte, welche in ihrem Gebetbuch und in der übersetzten Bibel emsig las, endlich die beiden Töchter. Sie waren zwischen 30 und 35 Jahren und ihren Gesichtszügen sah man es an, daß ihr Lebenslenz vorüber und die Sommerreise schon gekommen war. Da Vater und Mutter nicht in Betracht kamen, so blieben nur die beiden Schwestern, mit denen ich eine Unterhaltung anknüpfeu konnte. Die ältere sprach mit einer Altstimme, die jüngere mit hellem Sopran. Aber staunenswertes Wunder — sie waren beide sehr belesen. Alle die Ritterromane und .Räubergeschichten, die ich oben erwähnte, hatten sie mit Heißhunger in sich ausgenommen, kannten sie beinahe auswendig und da ergoß sich wie ein Sturzbad der Strom ihrer Erzählungen. Mit Wendelin von Höllenstein, dem Eingemauerten vom blauen Hanse, der Tenselsmühle am Wieuerberge, und wie sie alle heißen mögen, wurde ich regaliert. Die jüngere liebte besonders die Räubergeschichten, von denen sie mir Dutzende mit allen packenden Einzelnheiten vorerzählte. Und ich, in meines Nichts durchbohrendem Gefühle, saß da beschämt, baß mir, der ich bisher höchstens (!) Goethe, Schiller und die Klassiker gelesen halte, diese Bli'uen der deutschen Literatur so unbekannt waren. Als ich zu Worte kam, fing ich an: „Meine holden Grazien." „Wir sind keine Grazernmen," unterbrach mich die jüngere, „sondern Proßnitzerinnen." „Also, . meine lieben Proßnitzerinnen," fuhr ich fort, „ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich die wundervollen Werke, die sie mir da anführen, nicht kenne, da ich nur Goethe und Schiller gelesen habe." „Ach was. Goethe." sagte die ältere, „das ist ja langweilig. Ich habe einmal ein Theaterstück von ihm angefangen zu lesen, ich glaube, es heißt ,Faust'. Im Anfang interessierte es mich, da der Teufel darin vorkommt, auch die Ge-. liebte, die Margarete heißt, fing mir an zu gefallen, aber dann kamen die Gespräche, die so verworren mit) unverständlich waren, daß ich das Buch weglegte." Darauf die jüngere sprach: „Was Schiller betrifft, so lasse ich mir die ,Räuber^ gefallen, dieser Moor, Schweitzer, Spiegelberg sind ganz nach meinem Geschmacke, alles andere von ihm ist ungenießbar." Wem diese Geschmacksverirrung unwahrscheinlich erscheinen mag, der vergegenwärtige sich nur, daß das eine Schilderung der Zeit vor 70 Jahren war und erwäge die Umstände, die ich oben erwähnte : Ich versprach, daß, sobald ich an meinem Bestimmungsorte angelangt sein werde, ich mir die von ihnen so hervorgehobenen Meisterwerke anschaffen werde, um die Lücken meiner Bildung auszusüllen. Nun war aber der Damm durchbrochen, die Gewässer der Schwatzhaftigkeit sprudelten unaufhaltsam, und die Schatten der Ritter und Räuber huschten um mich herum, so daß ich ganz wirr und betäubt wurde. Während dieser anregenden Unterhaltung hatten wir die ungarische Grenze passiert, nachdem wir an der damaligen Zwischenzollinie uns einer genauen, peinlichen Gepäcksrevlsion unterziehen mußten. Wir gelangten aus den Boden der Slowakei. War die bisherige Gegend monoton, so gestaltete sich die jetzt folgende trostlos. Ein Sandmeer breitete sich vor uns ans, kein Baitin. kein Strauch, kein lebendes Wesen zu sehen, nicht einmal die bisher gesehenen Kartoffelfelder, eine wahre Sahara. Die Julisonne brannte über uns, der Feuerball sendete Glnren herab, ein heißer Brodem wehte uns an. Im Innern des Wagens ein erstickender Dunst und stieg man hinaus, um Luft zu schnappen, brannte der Sand wie glühende Kohlen die Füße wund. Der schwere Kasten bis an die Achsen im tiefen Sande surchenziehend, wurde von den müden Gäulen nur langsam sortgeschleppt. Kamen wir endlich abends erschöpft und ermattet zu den „Hotels" dieser Wüste, strohgedeckte Chaluppen, so bekamen wir zur Stärkung und Labung den Nektar und die Ambrosia dieser Stätten: Schafkäse und ordinären Schnaps. Des Nachts konnten wir uns behaglich strecken aus dem aus alten Stroh anfgeschütteten Streu, deren Insassen, die kleinen Lebewesen, sich durch Bisse rächten, daß wir in ihren Bereich eingedrnngen. Drei Tage und drei Nächte harte diese herrliche Fahrt gedauert, belebt durch die geistreichen Gespräche der beiden anmutigen Gefährtinnen, als wir in dunkler Nacht uns dem Ziele unserer Reise näherten, wie Moses mit den Kindern Israels dem gelobten Lande nach vierzigjähriger Wüstenwanderung. (Schluß folgt.)