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Die Wahrheit · 1908-05-22 · Heft 20 (22.5.1908) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 20 (22.5.1908)
Date
1908-05-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 20. Die Wahrheit Seite 11. IZersöhnLe Aeinde. Von Babette Fried. (Schluß.) „Sei guten Mutes, Geliebte, bald werden wir vereint, um uns nie wieder zu trennen!" tröstete Karl die Verzagte. Ludwig steuerte mühsam die Taute durch die angestaute Menschenmenge. „Bleibe nicht zu lange ans, mein Ludwig!" flehte die Dame, „ans daß ich mich liocf) eine Zeit lang Deiner erfreuen kann, ehe Du mir entrissen wirst." „Fürchte dies nicht, liebe Tante, ich komme bald wieder, denn mein Urlaub ist ein sehr kurzer. Ich hätte wohl in Anbetracht des angestrengten Dienstjahres, das hinter mir liegt, einen größeren bekommen, den aber will ich erst nehmen zu meiner Hochzeitsreise. Aber was sprichst Du, goldene Tante, davon, daß ich Dir entrissen werde? Meine Heirat wird uns Beide nicht trennen, sondern nur fester vereinen. Rosa, welche von zarter Kindheit an ein treues Mntterherz enbehrte und es oft so schmerzlich vermißt hat, wird sich glücklich schätzen, die verlorene Mittler in Dir wieder zu finden. Das zeigen Dir ja die zärtlichen Briese, die sie Dir schreibt." „Briese! Das Papier ist geduldig," meinte Hanna kopfschüttelnd. „Schwiegermutter, Schwiegermutter!" drohte Llldwig lächelnd mit dem Finger, so daß die so wehmütig gestimmte Tante selber lachen mußte. Der Zug, der die beiden jungen Männer nach Böhmen führen sollte, war schon signalisiert, es blieb nicht viel Zeit znm Abschiednehmen. Die Herren stiegen in ein Conpse der zweiten Klasse und die Damen entfernten sich, nachdem der Zug die Halle verlassen. Der Weg, den unsere Reisenden nahmen, führte über lachende Fluren; die Wiesen hatten sich mit jungem Grün bedeckt, die Wintersaat war üppig aufgegangen, und auf den andern Feldern wurde gepflügt und geeggt, um den Boden zur Ausnahme der Frucht vorzubereiten. Nichts wies daraus hin, daß vor kurzem hier der Krieg gewütet und tausende blühender Leben vernichtet hatte. Die einzelnen Gehöfte oder ganze Dörfer, welche von der Kriegsfackel niedergebrannt, waren zum Teile wieder hergerichtet worden, und nur die neuen Ziegeldächer, die von weitem schon im Sonnenlichte blutrot schimmerten, schienen eine Geschichte zu erzählen von rotem Feuer, das hier gewütet, und rotem Blute, das hier geflossen. Reich an ernsten Erinnerungen war diese Reise den beiden 'Soldaten. Erst als sie Prag erreichten, das Ende der Eisenbahnverbindung. wurden sie etwas heiterer. — — Hier wurden alle Sehenswürdigkeiten besichtigt. Karl, der in Prag das Gymnasium besucht uub große Platzkenntnis besaß, machte den Führer. In erster Reihe war es die Jndenstadt, wohin die Freunde ihre Schritte lenkten. Die altehrwürdige Altnensynagoge, der alte Friedhof mit seinen alten Grabsteinen, fesselten in hohem Grade das Interesse des fremden Doktors. Er wurde nicht müde, Notizen und Zeichnungen in sein Taschenbuch einzntragen, weil er wußte, daß er mit diesem Ergebnis seiner Reise der Tante Hanna eine Freude bereite. In Prag wurden auch Einkäufe in größerem Maßstabe ausgeführt, um den Teuren zuhause eine Freude zu bereiten, und für Rabbiners Anna, welche sich so klug und taktvoll bewiesen, wurden von den Beiden die kostbarsten Geschenke ausgewählt. Von Prag aus mußten Postpferde genommen werden, und Karl hatte während der langen Fahrt Zeit genug, seinen Gefährten ans die einzelnen Schönheiten seines Vaterlandes aufmerksam zu machen. ..Ja," rief er begeistert ans, „der Dichter sagt ganz richtig: Der Oesterreicher hat ein Vaterland, und liebt es, und hat auch Ursache es zu lieben!" So waren sie ins Städtchen gekommen, woselbst die ungewöhnliche Ankunft einer Extrapost geradezu Aufsehen erregte. Ludwig mußte mit nicht zu belvältigender Heiterkeit eingesteheu, daß es nicht erst des geräuschvollen Einzuges eines feindlichen Heeres, wie damals, bedürfe, nur eine große Zahl neugieriger Gaffer hinaus aus den engen Stuben auf den Marktplan zu locken. Ein einfaches Posthorn, mit feiner alten, bekannten Melodie brachte dies auch zustande. Der Wagen fuhr vor das Haus des Vorstehers Hermann, wo eben die Mädchen beschäftigt waren, die umfassendsten Vorbereitungen zum nahen Peßachfeste sowohl, als zur Ankunft der lieben Gäste zu treffen. So kam es, daß die erste Person, die Ludwig ans dem Hanse entgegenrral, nicht das geliebte Mädchen war, sondern der Hausherr selber, den er früher infolge dessen abnormen Gemütszustandes nicht zn sehen bekommen hatte. Mit dem alten Hermann war eine merkwürdige Veränderung vorgegangen. Vom in die Grube fahren, mit oder ohne Kummer, war bei ihm keine Rede mehr. Seit er die Nachricht von der Errettung des so schmerzlich betrauerten Sohnes erhalten, hatte sich frische Lebenslust und Lebenskraft eingestellt. Sein Buchhalter und die anderen Angestellten waren unversehrt ans dem Kriege zurückgekehrt und hatten ihre früheren Plätze im Geschäfte eingenommen. Dieses selbst florierte wie ehedem, bevor der Krieg Handel und Wandel lahmgelegt halte, und jetzt sollte der Erbe seines Namens und Vermögens heimkommeu, den er so lange als tot beweint hatte, und mit ihm kam auch derjenige, den er damals als Feind notgedrungen bewirten mußte, jetzt aber als Wohltäter seines Sohnes, als Verlobten seiner Tochter begrüßen konnte. Es war unentschieden, welchen der beiden jungen Männer er mit größerer Inbrunst in sein überströmendes Vaterherz geschlossen hatte. Ludwig blieb, wie er es vorhergesagt hatte, nicht lange in Böhmen; denn nach kurzem Brautstände wurde hart an der Landesgrenze ein einfaches, aber inniges Fest gefeiert — die Doppelhochzeit von Ludwig und Rosa. Karl und Dora! Der treue, bewährte Freund des Hermannschen Hauses nahm die Trauung vor, und seine Tochter Ännerl war die Einzige, welche ans der Heimat Zeugin des Ehrentages ihrer Freundin gewesen. Sie bemerkte scherzend: „Zwei Bräute ans einmal, und ich immer noch nichts." lind noch eine Verbindung wurde zwischen Böhmen und Preußen geschlossen, und wieder war das scheinbar so heiratslustige Annerl nicht die Braut gewesen. Nach Jahresfrist trat der alte Hermann, den das Glück seiner beiden Kinder wunderbar verjüngt hatte, eine Reiie nach Preußen an, wo er Patenstelle bei dem erstgeborenen Sohne seiner Rosa vertreten sollte. Das Kind erhielt den Namen Nathan, nach Ludwigs Vater, und Hanna hörte nach Jahren wieder den Namen nennen, der ihr einstmals über alles teuer: Nathan Goldenkron. Kurze Zeit darnach trat Ludwig für seinen Schwiegervater als Freiwerber ans — bei Tante Hanna. Nur nach langem Sträuben und allen erdenklichen Ausflüchten hatte sie ihr Jawort gegeben. Erst als Ludwig ihr zu Gemüte führte, daß der Geist seines unglücklichen Vaters erst dann vollständig Frieden finden werde, wenn diejenige, welche um seinetwillen allen Erdenfreuden entsagt hatte, endlich auch, wenn auch ein verspätetes Liebesglück finden iverde. Diese Hochzeit wurde in Böhmen im Hermannschen Hanse mit allem Prunk gefeiert und der würdige Rabbiner sagte unter anderem in feiner Traurede: „Nicht die Dankbarkeit allein hat diese sich ehemals fernstehenden, ja feindlichen Personen zusammengeführt, nicht die Liebe allein hat drei Paare guter Menschen im heiligen Bunde vereint, nein, in erster Reihe war es unsere heilige Religion, die Zusammengehörigkeit zn einer Nation, welche die erste Annäherung vollbrachte. Ohne das Festhalteit am gemeinsamen Stamm wären diese Leute kalt und fremd auseinander gegangen, ohne sich im Leben je wieder zn begegnen." Nachdem Tante Hanna in ihrer neuen Heimat und in der Nähe ihrer Dora zurückgeblieben war, nahm Rosa ihre Freundin Anna zu sich nach Preitßen. Dort fand sich nach kaum Jahresfrist ein braver Mann, dem Anna Herz und Hand zum Lebensbunde reichte. Verdient hatte sie es um ihrer Klugheit willen.

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