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Die Wahrheit · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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'Jci\ 6 Die Wahrheit Seite A. Unterstiitzungsverein für jüdische Hochschüler aus Mähren und Schlesien in Wien, IX-, Porzellangasse 22. Postsparkassakonto 100844. Euer Wohlgeboren! Die Sorge um die Wohlfahrt und gedeihliche Entwicklung der Jugend sollte ernste Pflicht jedes sozial denkenden Menschen sein. Der jüdische Student ist gerade in der Zeit seines Studiums, der wichtigsten seines Lebens, die der Vorbereitung zum künftigen Beruf dient, gezwungen, sein Studium zu vernachlässigen, um seinen Unterhalt zu verdienen. Müde und abgehetzt soll er sich seinen Studien widmen, soll schwere geistige Arbeit leisten, während ihn die Sorge um sein materielles Fortkommen quält. Kann er dann, überreizt und verbittert, den wahrlich nicht geringen Anforderungen genügen, die an ihn gestellt werden? Eine Begleiterscheinung der stetig wachsenden Frequenz an unseren Hochschulen ist die Tatsache, daß auch die Zahl der unbemittelten jüdischen Studenten, und zwar unverhältnismäßig, wächst. Die vorhandenen Wohltätigkeits-Institutionen genügen schon längst nicht, um so mehr, als der größte Teil derselben dem jüdischen Studenten völlig verschlossen bleibt. Es muß besonders hervorgehoben werden, daß der bestehende „A l l g emeine U nt e r st ü tz uu g s v e r e i u" wohl zum größten Teile von jüdischem Gelde erhalten, für jüdische Studenten aber wertlos ist, da die Verwaltung des Vereines deutschnational-antisemitlschen Studenten übertragen wurde und Juden, bis auf vereinzelte Fälle, eine llnterstütznng nicht erhalten oder überhaupt nicht zn verlangen wagen. Die Lage dieser jüdischen Studenten, die meist ans armen oder doch unbemittelten Familien stammen, ist viel schlimmer, als die ihrer arischen Kollegen; denn ihr Judentum ist ihnen bei Erlangung von Lektionen, Stipendien n. s. w. hinderlich. Die mährisch-schlesischen Stndenten bilden das zweitstärkfte Kontingent der jüdischen Studentenschast Oesterreichs. Es kann einem fühlenden Juden nicht gleichgiltig sein, ob eine so stattliche Anzahl von Akademikern imstande ist, die jüdische Intelligenz würdig zn repräsentieren, oder ob sie mangels der notwendigen Unterstützung ihren Studien nicht Nachkommen kann und gezwungen ist, den guten Ruf von jüdischem Fleiß, Ernst und jüdischer Tüchtigkeit in Frage zn stellen. Der „U ii t e r st ü tz u n g s v e r e i n für jüdische H o chi ch ü l e r ans 'Df ähre n n n d Schlesien in W r e n" hat sich nach Master der hier bereits bestehenden landsmannschaftlichen Vereine gleicher Tendenz die Ausgabe gestellt, hier helfend und stützend einzngreisen. Jeder Jude, der sich ein warmes Herz und Interesse für jüdische Mot bewahrt hat, muß nach Kräften dazu beitragen, dem Vereine die Erreichung seines edlen Zieles zu ermöglichen. Für den Ausschuß des „Unterstützungsvereines für jüdische Hochschüler aus Mähren und Schlesien": Der Präses: Reichsrats-Abgeordneter Dozent Dr. Arthur Mahler. Der Schriftführer: M. U. Dr. Ignaz H. Körne r. Carl Beer, Holleschau. Dr. Jakob Eben, Olinütz. Sigmund Fürst, Ung.- Hradisch. I. Ph. Glesinger, Teschen. Dr. Alois Hilf, Mähr.-Ostrau. Samuel Jellinek, Gaha. Ignaz Knöpselmacher, Kremsier. Dr. Ludwig Körner, Göding. Adolf Lieblich, Jglan Karl Löw. Prerau. Jacques Mayer, Proßnitz. Josef Markus, Wagstadt. Dr. Albert Mayer, Freistadt. Gustav Neubauer, Eibenschitz. Kais. Rat Dr. S. U. Perl, Nentitschein. Josef Pollenz, Mislitz. Salomon Pollak, Bielitz. Alois Reik, Friedek. J. U. Dr. Josef Rain, Mähr.-Weißkirchen. Dr. Sigmund Rosenfeld, Znaim. Dr. Theodor Sonnenschein, Troppau. David Svitzer, Leipnik. Dr. Salomon Spitzer, Brünn. Josef Tanjsig, Trebitsch. Dr. Sigmund Weiß, Boskowitz. Dr. Gustav Zweig, Proßnitz. Auszug aus den Statuten: § 2. Der Verein bezweckt die Förderung und Wahrung des materiellen Wohles der jüdischen Hochichüler. Der Zweck wird erreicht durch: a) Verleihung von Gelduuterstütznngen, b) Gewährung von Beiträgen zu Prüfungs- und Promotionstaxen, c) Zahlung von Kollegiengeldern, d) Gewährung von unverzinslichen Darlehen an mittellose ordentliche Mitglieder, e) Gewährung von Speisemarken, t) leihweise Ueberlassung von Studienbehelfen, g) Eintragung von mittellosen, ordentlichen Mitgliedern in den „Verein zur Pflege kranker Studierender in Wien", h) Stnndenvermittlnng. § 5. Mitglieder des Vereines sind: ai Stifter mit einem einmaligen Beitrage von K 400.—, b) Gründer mit einem Beitrage von K 50.—, c) Förderer mit einem Mindestbeiträge von K 4.—, d) Mitglieder (Hochschüler) mit einem Jahresbeiträge von K 4.—. Aersöhnte Jeinde. Von Babctte Fried. (Fortsetzung.) „Tante Hanna!" Dnrch ein inniges Umarmen wurde das Wiedersehen dieser beiden sich so innig liebenden Menschen gefeiert. Es fehlte ihnen an Worten, um das Uebermaß des Entzückens auszudrücken. Die Tante war die erste, die sich gesammelt hatte. „Willkommen zu Hause, mein Ludwig." sagte sie mit zitternder Stimme, -.mögest Du hier jenes Glück finden, wie ich Dir es wünsche, und wie Du es so sehr verdienst. Und jetzt lege ab, Kind, Du wirst Hunger haben, Rieke wird Dir etwas bringen.'" „Ich fühle weder Hunger noch Durst, mich beherrscht ein grenzenloses Glücksgefühl, wieder bei Dir zu sein und Dich so wohlanssehend gefunden zu haben. Aber eines vermisse ich hier, wo ist Dora?" „Dora?-Dora ist nicht hier. Ludwig!" „Das sehe ich, Tante," rief der Doktor fast ungeduldig, „aber wo ist sie denn eigentlich, Tante!?" Die Tante rückte verlegen auf ihrem Sitze hin und her.- „Weißt Du. Ludwig, die Dora ist nicht mehr so, wie Du sie verlassen hast, eine große Veränderung ist mit ihr vorgefallen, ich kann es Dir nicht verhehlen." „Sie ist doch nicht krank geworden? Sie war doch immer so kräftig, fast gesundheitsstrotzend?! „Nein,. krank ist sie nicht, wenigstens körperlich nicht, da könntest Du sie ja kurieren," meinte die Taute mit einem schwachen Versuche zu lächeln. „Aber wo ist sie denn eigentlich?" rief der Doktor mit mühsam unterdrückter Ungeduld. „Sie ist in N. im Lazarett unter den freiwilligen Krankenpflegerinnen." „Das brauchst Du nicht mit solcher Jammermiene zn sagen, liebstes Tantchen," sagte Ludwig, während seine Augen stolz anfleuchteten, seiner mutigen Base wegen. „Dies ist ja schön von ihr und erhebt sie in meinen Augen um ein Bedeutendes. Schau, wie sie ihres Heldennamens würdig ist: Debora, die Heldin. Wenn wir Männer hinaltsgezogen sind in den blutigen Krieg, ohne Unterschied des Glaubens und der Nation, nur von dem einen Gefühle beseelt, unsere Pflicht gegen das Vaterland mit Gefahr des eigenen Lebens zu erfüllen und dabei der Wunden nicht achten, die uns der Feind geschlagen, dann geziemt es auch den edlen Töchtern Judas, daß sie mit den anderen heldenmütigen Mädchen darin wetteifern, um mit zarter Hand die Kranken zu pflegen und die Wunden heilen zu helfen, welche der Krieg geschlagen, und mit ihren sanften Worten Trost mit) Hoffnung den armen Leidenden zu spenden. Sie hat das Richtige gewählt, Tante Hanna." Die Dame schüttelte traurig das kleine Köpfchen. „Denke, es ist so, meiu Ludwig, und lasse diesen Gegenstand ruhen; erzähle mir lieber, wie es Dir ergangen ist." Ludwig hatte den Mantel abgelegt, den Säbel abgeschnallt, und setzte sich neben die Tante zn dem Tische nieder, worauf inzwischen Rieke Gläser und eine Flasche Wein, sowie etwas kaltes Geflügel und Obst gestellt hatte. Während er der Tante zuliebe etwas aß, fing er zu erzählen an. An Stoff fehlte es ja nach den letzten stürmischen Begebenheiten nicht. Goldeukrou erzählte seiner gespannt aufhorchenden Zuhörerin alle seine Erlebnisse von dem Momente an, wo er von der schier verzweifelnden Tante und der still vor sich hin weinenden Dora Abschied genommen, bis zu dem heutigen Tage, verschwieg aber die Episode, wie er. dort in Böhmen die schöne Rosa kennen gelernt hatte, welche einen solchen tiefen Eindruck auf fein Herz gemacht, und welche er trotz der tötlichen Beleidigung, die sie ihm zngefügt hatte, so innig liebte,-so innig und fest, daß sein Lebensglück ltnd sein Seelenfrieden dadurch gestört wurden. Er hatte sich vorgenommen, mit aller ihm zugebote stehenden Kraft dieses Gefühl zu unterdrücken, um der Tante Wunsch zu erfüllen, ihre beiden so geliebten Zöglinge vereint zu sehen. Um alles in der Welt hätte er seiner Tante, die ihm eine zweite Mutter war, keine Enttäuschung bereiten wollen. O, hätte er eine Ahnung davon gehabt, was seine Tante wußte, was sie ihm so gerne gesagt, aber nicht den Mut dazu gefunden, um ihm gleich am ersten Abende seiner Heimkehr, ihrer Meinung nach, keine solche Enttäuschung zu bereiten, hätte er dieses gewußt, das Wiedersehen dieser Beiden wäre minder peinlich verflossen, als dies tatsächlich der Fall war. Es war spät geworden. „Gehe schlafen, Tante, morgen ist wieder ein Tag," sagte zärtlich der junge Mann, „doch ehe ich gehe, sage mir aufrichtig: Was geht mit Dora vor? Wenn es nicht Begeisterung für die Sache war, welche sie diesen Schritt unternehmen ließ, was war es denn? Ich habe ein Recht, es zn erfahren." (Fortsetzung folgt.) ■%. mmtsäi -'■mW:

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