Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 30 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Diebaftiou li. Sldmiiiistrattou: Wien, II/, Novaragasse 27. Telephvu Sir. der Druckerei | 15302. j Unlerate 20 Hell, ver Nonvareille-Zeiie. Abonnements- II. Jnsertiousveträze sind in Wien zahlbar! »nd klagbar. ^abhängige Heitschrifl für jü8ische Intere^en. Erscheint jeden Kreitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ | Rerugsplrers: j l jj Ganzjährig . . . ft. in —;j j| Halojährig ... ft. ü - ,j Für lLultttSbeamte: Ganzjährig . . . ft. >0 -! Für Ausland:! s Ganzjätirig . . . s Mark, j 6 Rubel oder >6 Fcs >! Ur. 30. Wien. 4. August 1003. Inhalt: VII. Zionistenkongreß in Basel. Feuilleton: Glühende Kohlen. — Das Wesen des Judentums. — Amerikanischer Brief. — Rerschiedene Nachrichten. — Literatur. — Are geehrten Kerren Köonnenten werden um freundliche Einsendung des Aöonnementsöetrages für das laufende Huartal ersucht. VII. Zionistenhongretz in Kasel. Zwei Momente, die allgemeine Trauer über den Heimgang des Führers Dr. Theodor H e r z l und die spannungsvolle Erwartung betreffs der endgültigen Entscheidung über das Ostafrika-Projekt, gaben dem diesjährigen Kongresse in Basel, der von über 600 Delegierten aus aller Herren Länder besucht war, ein besonderes Gepräge. Donnerstag, den 27. Juli, wurde der Kongreß durch Dr. Max N o r d a u mit einer Trauerrede auf den toten Führer eröffnet, die wir im Nachfolgenden auszugsweise wiedergeben. Die Trauerrede Nordaus. Geehrte Versammlung! Der zionistische Kongreß tritt zum erstenmal ohne den zusammen, der ihn geschaffen hat. Den siebenten Kongreß, den Sabbatkongreß, sollte sein Schöpfer nicht erleben. Diese Estrade bietet nicht mehr das Ihnen vertraute Bild. Es fehlt die ragende Mittelpunktsgestalt mit dem schwarzbärtigen Assyrerkopfe, die alle Blicke auf sich zog. Mir, seinem ergebenen Mitarbeiter von der ersten Stunde an, ist die schmerzenreiche Aufgabe geworden, unserem toten Führer Dr. Theodor Herzl den Nachruf von der Bühne zu widmen, deren Aufrichtung eines seiner unsterblichen Verdienste ist. Was ich persönlich empfunden, als wir ihn verloren, braucht nicht vor Aller Blicken ausgebreitet zu werden. Hier will ich mich zwingen, von ihm zu sprechen, wie er es gern gehört hätte, ohne Schwulst und Uebertreibung, die dem feinen Stilisten, dem vornehm maßvollen Geiste, dem Künstler der gedämpften Halbfarben tief widerstrebt haben würden. Ich will versuchen, ihn zu sehen und zu zeigen, wie er wohl einst dem Geschichtsschreiber erscheinen dürfte, der ihn, unbeeinflußt von der strahlenden Wärme der Persönlichkeit, kühl nach seinen Taten beurteilen wird... Herzl lebte Mitte der Neunzigerjahre in Paris. Es war der tragische Augenblick, wo der französische Volksorganismus von der Dreyfuskrankheit befallen wurde. Die Straßen begannen widerzuhallen vom Schrei: „Tod den Juden!" Da horchte Herzl, der bisher sich mit jüdischen Fragen gar nicht beschäftigt hatte, hoch auf. Eine der empfindlichsten Stellen, seines Wesens wurde von einem rohen Hieb getroffen — sein Stolz. Denn Herzl war ein stolzer Mann; nicht hochmütig, nicht eitel: stolz! Das heißt, er hatte das bestimmte Bewußtsein seines sittlichen Wertes und jene Selbstachtung adliger Naturen, die es in sich schließt, daß man auch der Väter gerne gedenkt. Er empfand sein Blut als ein kostbares Erbe, seine Herkunft als eine Auszeichnung. Dieser durch und durch vornehme Jude, der als Vertreter der „Neuen Freien Presse" in Paris von berufswegen alle Volksversammlungen besuchen, täglich in die Kammer gehen und die antisemitischen Zeitungen und Schriften lesen mußte, blickte schaudernd in den Abgrund antisemitischer Bestialität, der vor ihm aufklaffte. Er ertrug es nicht, daß man in ihm seine Vorfahren beschimpfte und seine Nachkommen schmähte. Er dachte über sein Verhältnis zum jüdischen Volke, über das Verhältnis des jüdischen Volkes zu den anderen Völkern nach, er gelangte zur Erkenntnis, daß dieses Verhältnis unleidlich sei, und da er ein starker und entschlossener Charakter war, faßte er sofort den Vorsatz, die Verfassung und die Lage seines Volkes, dessen Schicksale er teilen mußte und nun auch aus freier Entschließung teilen wollte, von Grund aus zu ändern. .. . Herzl ging kaltblütig daran, aus einem Menschenstaub ohne gemeinsamen Willen und Ziele ein Volk zu schmieden, diesem Volk ein Land zu gewinnen, ohne Heer, ohne Flotte, ohne Finanzen von Regierungen, die nur mit diesen Faktoren rechnen, Zugeständnisse zu erlangen. Das war ein Unternehmen, vor dem der Kühnste zurückgeschreckt märe. Es war ein vollkommen aussichtsloses Unternehmen, sagten die Gegner des Zionismus. Herzl aber war von seiner Ausführbarkeit überzeugt und ließ sich nicht irre machen, wenn andere eine Utopie nannten, was er als nötiges und mögliches Werk vor Augen hatte. Er nahm an, alle oder sehr viele Juden seien wie er entschlossen, nicht länger Erniedrigung zu ertragen, sie hätten seinen stählernen Willen, seinen sittlichen Ernst, seine ideale Begeisterung, seine unbegrenzte Selbstlosigkeit, seinen Opfermut, und er urteilte, daß auch dies Machtmittel seien, mit denen ein Staatsmann arbeiten kann, auch wenn er noch kein Land, kein Heer, keine Flotte, keine Finanzen zur Verfligung hat. Die Tragik seines Lebens war, daß er sich in dieser Grundrechnung irrte. Er zweifelte nicht daran, daß die Reichen und Geistesadligen seines Volkes dieselbe Entrüstung über die Lage des Judentums, dieselbe Sehnsucht nach neuen, stolzen Geschicken empfanden wie er selbst. Er schrieb seinen „Judenstaat", zeigte darin mit Scharfsinn und weiser Voraussicht, wie der Auszug der besitzenden Juden aus den Ländern der Ver-