Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1905-03-17 · Heft 11 (17.3.1905) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063265-3063276--03575-3070343
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 11. Die Wahrheit. Seite 7. 1890—1900 41,10%.* In Hamburg bestanden i. I. 1900 90.2 rein jüdische Ehen und 158 chr.-jüd. und 273 jüd.-chr., also 14,3% der rein jüdischen Ehen. In Budapest zählte man t. I. 1903 bei 1209 rein jüdischen Ehen, 214 Mischehen (111 jüd.-chr. und 193 chr.-jüd.), also 17% der rein jüdischen Ehen. Sehr schwerwiegend ist der Verlust, den die Judenheit dadurch erleidet, daß ein ungleich größerer Teil der aus Mischehen stammenden Kinder dem Christentum zugeführt wird. Für das Jahr 1900 stellt sich nach Dr. Ruppins Tabellen*) die Sachlage in Preußen dermaßen, daß 1810 chr.-jüd. schon mit 2106 christlichen und 529 jüd. Kindern und 2242 jüd.-christ. Ehen mit 2279 christlichen und 872 jüdischen Kindern ausgewiesen werden. Es sind demnach aus den Mischehen insgesamt nur 24,210/0 der Kinder dem Judentum verblieben. In Ungarn liegen die Verhältnisse noch schlechter, indem nach Vereinbarung der Eltern die Kinder aus Mischehen nur zu 14,29°^ dem Judentum und 85,71% dem Christentum zugeführt wurden. Für die anderen Länder fehlen genauere statistische Nachweise. De la Roi, Prediger der Mission zur Bekehrung der Juden, behauptet, daß in Kopenhagen die Kinder ans Mischehen fast sämtlich der christlichen Kirche zufallen und daß in Frankreich die Zahl der christlichen Kinder aus Mischehen größer sei, als die der Uebertretenen. In Breslau fallen von 1000 Knaben aus Mischehen 852 dem Christentum, 148 dem Judentum, von 1000 Mädchen 816 dem Christentum, 184 dem Judentum zu, bei jiid.-evang. Ehen von 1000 Knaben 419 jüd. gegen 581, von 1000 Mädchen 515 jüd. gegen 485 evang., bei jüd.- kalholischen Ehen von '1000 Knaben jüdisch, gegen 536 katholisch, von 1000 Mädchen 625 jüdisch gegen 375 katholisch. . Persönlich kenne ich 36 Mischehen, von 10 habe ich zuverlässige Nachrichten erhalten. Von diesen 46 in Mischehe lebenden Familien haben 21 ihre Kinder dem Christentum, nur 6 dieselben dem Judentlim (die anderen sind kinderlos) zugeführt. In 16 Fällen. sind die Väter Juden. Man ersieht daraus, daß die Frauen einen überwiegenden Einfluß auf die Bestimmung der Konfession der Kinder ausüben, wozu auch die Gleichgültigkeit des Vaters beitragen dürfte, eine Tatsache, die bei den christlichen Mischehen nicht in so auffallender Weise zu bemerken ist, wo der Einfluß der Väter sich stärker äußert. Wenn die Mischehen weiter zunehmen — und das ist leider sehr wahrscheinlich — so besteht eine große Gefahr für die Judenheit, zumal die Geburtsziffer bei den Juden eine kleine ist und in allen Ländern die prozentuale Zahl jüdischer Geburten hinter derjenigen der Andersgläubigen zurückbleibt. (In Preußen sind 1878 bis 1882 durchschnittlich jährlich 10900 jüdische Kinder, 20 Jahre später nur 7734 jährlich geboren morden). Betrachten wir die Wirkung der Mischehen auf die Nachkommenschaft als solche, so wird behauptet, daß sie weniger fruchtbar seien als die Ehen in gleichen Bekenntnissen (Fircks), Doch kann das nicht mit voller Sicherheit behauptet werden. Die Mischehen kommen vorwiegend in großen Städten vor, in denen die Geburtenziffer im allgemeinen eine kleinere ist. als auf dem Lande, sodaß die etwa ' vorhandene geringere Kinderzahl nicht der Mischehe allein zur Last gelegt werden kann. Nach meinen Erfahrungen kann man von einer geringen Fruchtbarkeit kaum sprechen. Von 46 mir bekannten Mischehen aus mittleren und höheren Ständen waren 19 steril, von denen 4 auszunehmen sind, da die Ehen erst in jüngster Zeit geschlossen sind. In den anderen 27 Mischehen wurden 66 Kinder geboren. und zwar waren in 16 Fällen die Väter jüdisch. Bei der ärmeren Bevölkerung trifft es keineswegs zu, daß die Mischehen weniger fruchtbar sind, von 17 solcher Ehen waren nur 2 unfruchtbar. Anderseits wird in der amtlichen preußischen Statistik angegeben, daß in den Jahren 1875—92 auf jede rein jüdische Eheschließung 4,54. auf chr.-jüd. 1,88, auf jüd.- chr. 1,54 Geburten entfielen. Auch die Volkszählungen von 1885 und 1890 scheinen für eine geringere Fruchtbarkeit der Mischehen zu. sprechen. Im Jahre 1901 wurden in rein christlichen Ehen je 4,20, in rein jüdischen 2,80, in den chr.-jüd. 1,80, in den jüd.-chr. 1,53 Kinder geboren. Indessen ist zu bemerken, daß soziale Verhältnisse eine wichtige Rolle spielen. Auch ist der Umstand zu berücksichtigen, daß viele jüdische Männer nach der Eheschließung zum Christentum übertreten und deren Kinder als von christlichen Eltern geboren eingetragen werden. Im großen und ganzen dürfte die Fruchtbarkeit der Mischehen nicht erheblich oder auffallend geringer sein. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. Freitag-Abend, den 17. d. M., Predigt im Leopoldstädter und Fünfhauser Tempel. Wien. Bon einer alten Gepflogenheit abweichend, fand Heuer das am 13. d. M. abgehaltene Requiem für die im Laufe des Jahres verstorbenen Mitglieder der „Chewra Kadischa" nicht im Stadttempel, sondern im Leopoldstädter Tempel statt, und hatte man dabei nach langer Zeit wieder einmal Gelegenheit, das Sulzersche Requiem in diesem großen Raume zu hören. Die prächtige Barytonstimme des Oberkantors Guttmann schien für dieses herrliche Werk geradezu wie geschaffen, und Kantor und Chor, welch letzterer unter der persönlichen Leitung des Chormeisters S u l z e r stand vereinigten sich zu einer vollendeten Musteraufführung. Im vorangehenden Maariw-Gebet bot Oberkantor Guttmann ein Kabinetts- MckchasonischenRezitativs. DieGedächtnisrede hieltRabbinerDr.Schmicd l. Am nächsten Tage gelangte bei der Gedächtnisfeier des Krankenvereines der Handlungsangehörigen Israeliten im Lrtadttempel wieder das Sulzersche Requiem zur Aufführung. Der fungierende Kantor (in Vertretung des derzeit bereits in Rekonvaleszenz befindlichen Oberkantors Singer hatte I. Kantor Fuchs die Funktion) glänzte mit seinen schönen Stimuntreln, der Chor bot gleichfalls das Beste, aber durch die Aenderunqen, zu welchen sich Chormeister Sulz er mit Rücksicht auf die hohe Stimmlage des Kantors verleiten ließ, hörte sich das Requiem wie ein ganz sremdes Opus an. Bei der konservativen Richtung, die in der Wiener Kultusgemeinde betreffs der Gesänge des „Schir-Zion" eingehalten wird, können derartige Umänderungen keineswegs gebilligt werden. Die Gedächtnisrede hielt Oberrabbiner Dr. Güdemann. Wien. (Aus der Baron Hrrs ch-S trftung für Galizien.) Wie uns mitgeteilt wird, hat das Kuratorium der galizischen Baron Hirsch-Stiftung in den letzten Tagen bei der Regierung um Genehmigung eines von der „loa" der Stiftung zu gewährenden Darlehens von 500000 EL für Schulbauten angesucht. Bekanntlich war dieses Darlehen einer jener gewichtigen Gründe, die vor einigen Monaten den um die Stiftung hochverdienten Sektionschef Ritter von G n i e w o s z zum Austritt aus dem Kuratorium bestimmten, da ihm sowohl die Ausnahme des Darlehens an sich als auch die Höhe des für Schulbauten zu verwendenden Betrages gegen die klaren Befiimmungen des Stifters zu verstoßen schien. Es ist nicht ausgeschlossen, daß diese Bedenken auch die Entscheidung der Regierung beeinflussen werden; übrigens soll auf einer Seite, der das Gedeihen der Stiftung am Herzen liegt, die Absicht bestehen, gegen eventuelle Verletzungen des Stiftbriefes den gesetzlichen Weg zu betreten. Wien. (Jüdisches Museum.) Daselbst ist ein großes Oelgemälde des Malers L. Krestin, „Morgengebet", ausgestellt. Dieses Bild ist ein Geschenk des Begründers der „Wiener Sonn- und Montags- Zeitung", Herrn Alexander Scharf s. A., welches er aus Anlaß seines 70. Geburtstages dem Museum gewidmet hat. Der freie Eintritt zu den Sammlungen, H., Praterstraße 23, findet stets Samstag, 11—1 Uhr mittags und Samstag, 3—6 Uhr nachmittags, statt. Wien. Sonntag, den 19. März a. c., abends 6 Uhr, findet in der Synagoge des Bethausvereeines im IX. Bezirke, Grünethorgasse 13, eine Trauerand acht für den verstorbenen Präsidenten unserer Kultusgemeinde, Herrn Heinrich K l i n g e r s. A., für das verblichene Vorstandsmitglied des Tempelv reines, Herrn Adolf K o h n s. A., und für die im abgelaufenen Jahre verstorbenen Vereinsmitglieder statt. Wie». Der Josefstädter Frauen-Wohltätigkeitsverein har sich am 16. Februar 1905 neu konstituiert, und zwar verblieb, wie bisher, Frau Amalie Beck als Präsidentin, Josefine Adler als Bizepräsidentin, Johanna Beck als Koutrollorin, Berta R o s e n b a u m als erste Schrift- Dhrerin, Dr. Hermine S ch i f f m a n n als zweite Schriftführerin. Anna D r a b als Kassierin, Berta Waller, als erste Revisorin, Dr. Stefanie Schlesinger als zweite Revisorin; Borstandsdamen: Frau Hedwig Bauer, Dr. Eugenie Bauer, Lrci Freiberger, Gisela Frankl, Johanna M e d a k, Fanny Reich!, Berta Storch, Henriette Weil. Wien. (Rabbiner Salomon WolfFreun d.) Am vorigen Mittwoch, den 8. d. M.. ist hier in seiner Wohnung. Untere Viaduktgasse Nr. 9, der Rabbiner S. W. F r e u n d im hohen Alter von 65 Jahren gestorben. Mit ihm schied eine der markantesten Gestalten des orthodoxen Judentums aus dem Leben. Er gehörte aber, trotz seiner streng konservativen Richtung, doch einer freisinnigen Auffassung in der religiösen Bewegung der modernen Zeit an und war von jeder Art des Fanatismus weit entfernt. Rabbiner Freund, dessen äußere stattliche Erscheinung schon *) Dr. Ruppin: S. 89.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.