Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 27 (8.6.1904)
- Date
- 1904-06-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die ayfhsit Redaklion n. Sldmiuisli ation: j Wien, Il/j dlovaragasse 27.! Tl lephon Nr. der Druckerei I53V2 Irlserate 2» Hell, ver Nonpareille-^eilr. Slbonnemeiilsu. Inseltionsbeträae sind in Wien zahlbar und klagbar. Unabhängige Heckfchnft für jüöische Anleresfen. Erscheint jeden Areitag. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Bezugspreis: Ganzjährig . . K. 12.— Halbjährig . . ft. 6.— Für Cnltnsbeamte: Ganzjährig . . . ft. io — Für Ausland: Ganzjährig ... 8 Mark. 6 Rubel oder lt» FcS. Uv. 27. Wien, 8. Juli 1904. Inhalt: Dr. Theodor Herzl. — Aus der Woche. — Konfessionelle Gleichberechtigung in Ungarn. — Aus der Vergangenheit und Gegenwart Ungarisch- Brods. - Goethe und die Juden. — Verschiedene Nachrichten. — Litcrarnr. Zie geehrten Kerren Aöonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. Juli begonnene 3. Huartat' ersucht, damit die regelmäßige Zusendung des Bettes keine Unterbrechung erleide. Abonnements-Bedingungen: Uierteljährig Kr. 3.—, halbjährig Kr- 6.—, ganzjährig Kr. 12.—. Probenummern stehen zur Verfügung. Die Medcrktion. Dr. Theodor Herzl. Wie ein gewaltiger Donnerschlag bei heiterem, wolkenlosem! Himmel, so wirkte die Nachricht von dem Hinscheiden dieses! großen, edlen Menschen. Was bedeuten alle jene Eigenschasten,! mit denen Theodor Herzl in der Tagespresse gezeichnet und verj herrlicht wird, gegenüber dem einzig richtigen, dem einzig! treffenden Worte: Er war ein guter Mensch! Und war j er dieses nicht in des Wortes allerhöchster Bedeutung? Steht I nicht bei uns Inden der Mensch höher als der Jude? Müssen wir an das alte jüdische Weisenwort zum zweiten Verse des dritten Mosisbuches erinnern, an den Menschen, der sich selbst darbringt, sich selbst opfert, sein ganzes Ich, seine ganze Persönlichkeit in die Wagschale wirft, um der Allgemeinheit zu dienen und zu nützen?! Und solch ein seltener Mensch war Theodor Herzl. Er j war, was ein großer englischer Dichter mit dem Ausdrucke! präzisiert: ein Heros, ein Held! Und: „give us a hero“, gib I uns einen solchen Helden wieder, so rufen auch Hunderttausende unserer zionistischen Brüder auf der ganzen weiten , Erdenrunde. i Theodor Herzl! Welche Gedanken drängen sich doch! in diesen zwei Worten zusammen. Das Hoffen und Sehnen j eines ganzen Volkes! Und selbst die nicht mit ihm übereinstimmten, die über den „Utopisten" lächelten, die ihn einen Schwärmer nannten — Eines konnten sie ihm nicht versagen: die Hochachtung vor seinem edlen Mute. Einer Welt von Feinden stand er gegenüber, da er vor genau sieben Jahren zum ersten Basler Kongreß die Juden der ganzen Welt aufrief. Man müßte jede seiner Reden vom ersten bis zum sechsten Kongreß analysieren, um ihm gerecht zu werden. Und als die Feinde im antizionistischen Lager immer weniger wurden; als man ansing, den hohen Gedankenflug des „Judenstaatlers" zu verstehen; als man sah, daß Herzls Ideen nicht so ganz idealistisch waren, sondern eine leider nur zu realistische Grundlage hatten; als die, die ihn bekämpft, mit ihm über die Möglichkeit, eine öffentlich-rechtliche Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu gründen, sich auseinanderznsetzen begannenda kam der Schnitter und entwand ihm den Feld Herrnstab. Was Theodor Herzl gewesen, darüber brauchen wir nicht zu schreiben. Sein Name ist so tief eingegraben, in den Herzen der Juden, daß die glänzendste Feder stümperhaft scheinen würde. Es werden gewiß über ihn von berufenster Seite Worte gesprochen werden, die man in der ganzen Welt, wo nur ein Jude wohnt, lesen und wieder lesen wird. Und diese Worte werden doch nur ein Tropsen sein im Meere dessen, was über den Verstorbenen gesagt werden müßte. Wir haben dem Entschlafenen durch viele Jahre nahegestanden. Nicht immer stimmten wir mit ihm überein. Es war auch nicht gar leicht, ihn zu verstehen und seinen Gedanken die treffenden Worte zu leihen. War dieses aber gelungen, dann zeigte er sich dankbar und freute sich herzlich. Bei den ersten Basler Kongressen, als die Berichterstattung noch nicht so ..klappte"; als die „großen" Reden noch nicht für dieJournalisten „fertiggestellt" wurden da passierte leicht so manchem „Kollegen" — wie Dr. Herzl die Berichterstatter immer nannte — irgend ein Schnitzer, und da wurde manches geschrieben, von dem der Schreiber gewünscht hätte, daß es gesprochen wäre. Niemals wird uns eine Szene aus dem Gedächtnisse schwinden, die aus dem ersten Kongresse im Journalistenzimmer sich abspielte. Es war am zweiten Kongreßlage, die Tagesblütler erschienen mit den Berichten der ersten Sitzung, Herzls Eröffnungsrede mehr oder weniger ausführlich bringend. Ein Satz namentlich wars, der frappierend gewirkt hatte, den aber fast alle Blätter verschieden Wiedergaben; es war der Satz, welcher seitdem, durch die Gründung der „Misrachi"-Grnppe, geradezu programmatisch für den Zionismus geworden, der aber die allerverschiedenste Deutung erfahren: „Wir wollen die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr