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Die Wahrheit · 1903-02-13 · Heft 7 (13.2.1903) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 7 (13.2.1903)
Date
1903-02-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Delterr.-ungar. Cantoren-Jeitung. Ar. 7._Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 23. IMrg. Rettung der hebräische» Melodie. Mehrere Wochen sind bereits verflossen, seitdem der Ruf des Obercantor Singer - Wien an das gesammte jüdische Cantorat ergangen ist, der Ruf, sich zur gemeinsamen Arbeit zu vereinigen, behufs „Rettung der hebräischen Melodie". Der geehrte Autor wurde zu dieser Aufforderung durch einen Artikel des seligen Professor Dr. Steinthal: „Was wollen wir mit den jüdischen Melodien", und durch eine Rezension des Herrn College» Dubwoski über eine hier in Berlin stattgefundene Aufführung „althebräischer Musik". Mit Recht behauptet Herr Dubwoski, daß das Berliner Publikum bereits zum zweiten Mal in dem Dargebotenen getäuscht wurde. Die Reklame versprach altjüdische Gesänge zum Vortrag zu bringen, statt dessen hörte man moderne Kompositionen, wie den Halevi'schen Min harnezar. Kein Wunder, wenn die Berliner eine Täuschung erfuhren, da die Aufführungen nicht von fachkundiger Seite geleitet wurden. Jeder, der die musikhistorischen Werke des Herrn Prof. Oskar- Fleischer kennt, wird dem großen Gelehrten viel Achtung und Verehrung entgegen bringen, wer aber sein Urteil über jüdischeil Gesang kennt, wird behaupten müssen, daß der hochgeschätzte Herr Professor auf diesem Gebiete wenig beschlagen ist und daher auch hiesür kein richtiges Verständnis besitzt. Herr Fleischer hat durch sein Wohlwollen, welches er den Anfführungen zuwandte, weder dem jüdischen Gesänge noch dem jüdischen Cantorate überhaupt einen Gefallen erwiesen. Daher ergeht an diejenigen Cantoren, welche für die Beurteilung jüdischer Gesänge sich an christliche Professoren wenden, die biblische Mahnung mp' *6 in" Dieser Vorwurf wäre sicherlich erspart geblieben, wenn die Herren College» bemüht wären, den Ausführungen in dem Singer'schen Aufruf vom Jahre 1895 bezüglich der Steinthal'schen Anregung näher zu treten Wir wären sicherlich einen Schritt weiter in der Beurteilung jüdischer Melodien gewesen. Leider fürchte ich, daß auch vielleicht diesmal der Ruf, der von hoher Warte an die jüdischen Cantoren ergangen ist, ohne Erfolg verhallen wird. Herr Obertantor Singer wünscht mit Recht, an der Verwirklichung des von Prof. Dr. Steinthal den Cantoren zurückgelassenen heiligen Vermächtnisses zu arbeiten. Es war rührend, wie der hochgeschätzte Philosoph von den Gesängen sprach, die er als Kind in seiner Vaterstadt, Gröbzig, von dem Chasen hörten. Jene Gesänge fanden auch in dem ergrauten Manne lebendigen Widerhall. „Nicht einmal eine Predigt wünsche er bei seiner Beerdigung, sondern man möge bei derselben nur den 90. Psalm mit der Melodie des Gröbzer Chasen rezitieren." So sprach der verehrte Professor zum Schreiber dieser Zeilen gelegentlich eines Besuches, und er begann die Melodie zu singen, welche ihm Tränen der Begeisterung entlockte. Ja, die Melodien des Gröbzer Chasen haben den großen Philosophen, wie er selber in einem Artikel „Erbauliches aus der Synagoge" sagt, durch sein ganzes Leben, je nach Bedarf getröstet, erheitert und ermutigt. So sei hier Einzelnes aus den Jugenderinnerungen Hajim Steinthal's, die den Gröbzer Chasen betreffen, wiedergegeben. „Am Tischo-beaw Abend sah ich den Chasen an seine Stätte gehen, mit gesenktem Haupte dahinschleichend, geräuschlos, in Filzschuhen. Ganz leise, stimmlos begann er Lorch u, und wie schaurig war es, wenn in dem hohen, dunklen Raume die Gemeinde dumpf murmelnd antwortete: Lornch. Und wenn so das übliche Abend-Gebet stehend gesprochen war, setzten wir uns zu Boden auf Fußbänke. Der Chasen begann das „Eoho" leise in abwechselnd kurzen, schmerzhaft zitternden und langgezogen, klagenden Tönen. Beim zweiten Liede hob sich die Stimme und beim dritten hatte sie schon die mittlere Stärke. — Wenn der Chasen am Rochhaschonoh den Unessane taukef sagte, oder den Jehi rozaun vor MusBaf, dann zog er den Tallis tief über den Kopf auf seinen Pult, um sich ganz abzuschließen und sich in sich zurückzuziehen. O, er verstand es mit Andacht, Schauer und Beben zu beten. Leise wimmernd begann er sein hinneni heoni und ward dann lauter und dann wieder leise murmelnd und wieder leise schluchzend — immer Herz und Stimme auf und abwogend, wie Sinn und Wort es wollte und wirkte. Dann schlug er den Tallis zurück und begann laut den Kaddisch, der uns mehr als Glockengeläut zur Andacht rief; und seiner Melodie entsprechend erscholl aus dem Munde '.der Gemeinde einstimmig das Omen, kräftig bekundend: ja wir wollen in Andacht beten! Den Unessane taukef begann er bei den Worten Uweschaufor godaul, aber nicht, wie ich es von andern Chasonim gehört habe, mit lauter Stimme an den Posaunenton erinnernd. Den hatte er schon Abends zuvor angebracht bei Tik’u bachaudesch schaufor. Da klang schaufor wie das leruo-Blasen, während chauk den gebrochenen Ton darstellte, in chageiuu aber und im Schluß Saakamo die Tekio austönte. Beim Unessane taukef lag für ihn der Nachdruck auf dem leisen Flüstern, das die Richtstätte durchzieht. Um so gewaltiger wirkte dann der erschütternd erhabene Ausruf der Engel: „Dies ist der Gerichtstag!" Gewaltiger als jede tuba mirum spergens sonum!es hätte tun können". Alle diese gesanglichen Erinnerungen begleiteten den berühmten Philosophen durch sein ganzes Leben und fast am Ende seiner Tage angelangt, schrieb er den oben bezeichneten Artikel „Was wollen wir mit den jüdischen Melodienworin er den Wunsch aussprach, dieselben in wissenschaftlichem Interesse zu sammeln. Herr Obercantor Singer, von Prof. Steinthal für die Realisierung seiner Idee aufgefordert, suchte in einem Ausruf seine Standesgenossen für den Steinthal'schen Gedanken zu begeistern und schlug die Berufung eines allgemeinen Cantorentages vor. Leider sind die köstlichen Worte Singers ohne Erfolg geblieben, so daß, wenn nicht bald Wandel geschaffen wird, zu befürchten ist, daß sich Andersgläubige des heiligen Stoffes bemächtigen, und wie es auch bereits geschehen ist, den jüdischen Gottesdienst profanieren werden. Daher ist es Pflicht eines jeden musikalisch gebildeten Cantors, dem Rufe Singers an das jüdische Gesammt-Cantorat „Vereinigen wir uns zur gemeinsammen Arbeit" Folge zu leisten. Seiner Leitnng wollen wir uns anvertrauen. Er soll uns als Amud hoesch voranleuchten, dann wird Klarheit in der Beurteilung jüdischer Melodien entstehen und nur ^das jüdische Cantorat wird alsdann über seine musikalischen Heiligtümer zu urteilen und zu wachen haben. — Berlin, im Februar 1903. A. F r i e d m a n n, Hauptcantor der jüd. Gemeinde zu Berlin. Zur Kerufsorganisation. Donnerstag den 12. ds. fand unter dem Vorsitze des Präses I. Singer eine Sitzung im „Oefterr.-ungar. Cantoren-Vereine" statt, an welcher die Herren Baßl, Bauer. Schiller, Schorr und Zellnik teil« ahmen. Nachdem der Vorsitzende die erfreuliche Tatsache constatirt hatte, daß von Tag zu Tag neue Anmeldungen eintreffen, wurde eine allgemeine Discussion über die Wahrung der socialen Interessen des Cantorenstandes eröffnet. Nach längerer Debatte, an welcher sämmtliche Anwesende sich beteiligten, wurde der einstimmige Beschluß gefaßt, behufs staatlicher Anerkennung der Cantoren und Wahrnehmung ihrer gerechten socialen Forderungen neuerliche Schritte einzuleiten und den Vorstand mit der Durchführung derselben zu betrauen.

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