Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 49 (26.12.1902)
- Date
- 1902-12-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Die Wahrheit. Nr. 49 Mag. Zn Karolinenthal' wurde am 15. d M. der Obercantor und Religionslehrer, Herr Marcus Ottenfeld, zu Grabe getragen. Mehr als 40 Jahre war derselbe bei der dortigen Gemeinde angestellt und erfreute sich der allgemeinen Hochachtung! Der Sarg wurde im. Gottes» Hause vor der heiligen Lade aufgebahrt. Sr. Ehrwürden Herr Dr. Hirsch hielt vor einer im Karolinenthaler Tempel noch nie gesehenen Versammlung eine wahrhaft ergreifende, vom Herzen kommende Trauerrede, in welcher er die Verdienste des nun in Gott ruhenden hervorhob und ihn mit papn W.ctr verglich, der an Bescheidenheit, Einfachheit und Charakterfesligkeit als Muster hingestellt werden konnte. Herr Cautor Klein trug die Trauerpfalmen herzergreifend vor, und auch der Männerchor sang das «Lotüviski« und „Es ist bestimmt in Gottes Rath" von Mendelssohn sehr j gefühlvoll und exact. Bei der Trauerfeier waren a.nwesend der Gesammt-. J Vorstand der Karolinenthaler Cultusgemeinde, sämmtliche Obercantoren , Prags und der Vororte, und da ei» Sohn des Verstorbenen k. u. k. j Regimentsarzt ist, eine große Anzahl von höheren k. u. k. Officieren,! sämmtliche Lehrer der Volks- und Bürgerschulen in Karolinenthal und eine Anzahl von Gemeindemitgliedern mit ihren Frauen. Möge es den Hinterbliebenen zum Trost gereichen, dass der Unvergessliche ein hohes Alter erreicht hat und von Jung und Alt bis übers Grab hinaus verehrt wird. — Am 19. d. fand hier die Promotion des Herrn Alfred Löwh aus Tabor zum Doctor der gesammten Heilkunde statt. Derselbe hat sich > hier um den Zionismus und um das jüdische Vereinsleben große j Verdienste erworben. | ZZerkin. Der Synagogenverein Ahawas Scholaum beging anr j 30 November d. I. sein öOjähriges Stiftungsfest. Die religiöse Feier j iand in der prächtig ausgeschmückten Synagoge Linienstr. 197 statt. Eingeleitet wurde das Fest durch Gesang eines Mäimerchors mit! Harmoniumbegleitung unter Leitung des Cantors Herrn Stabinski, wo,! durch sich die Feier sehr erhebend gestaltete. Nachdem der Rabbiner Dr. j Srein das Kaisergebet gesprochen und der verstorbenen Gründer und | Vorsteher des Vereins gedacht hatte, hielt er die Festpredigt. Mit einem! Schlussgesang endete die Feier. Die darausfolgende Abend-Feier fand j im Künstlerhause statt. Während der Kaffeetafel nahm zunächst der Vors.! Herr I. Hirfchberg Veranlaffung, die Gäste und Mitglieder zu begrüßen, woraus Fräulein Hirfchberg einen Prolog vortrug. Es sprach dann Herr! Rabbiner Dr. Stein. Ein im vorigen Jahre aus Mitgliedern des j Vereins gegründeter Frauenverein stiftete eine schöne Gedächtnistafel,! die von der Vors. Frau Bernstein nlit einer Ansprache überreicht wurde, j Es schloffen sich dann die Glückwünsche der Brudervereine an, worauf! das Vorstands-Mitglied, Herr S. Wachsner, den Vertretern der Bruderj vereine, dem Frauenverein und den Beamten seines Vereines für treue! Pflichterfüllung den Dank aussprach.! Kraukfnrt a. W. Die vor einiger Zeit erfolgte Taufe eines ■ hiesigen jüdischen Arztes machte viel von sich reden. Am hiesigen Hospital; zum Heil. Geist war die Stelle eines Chefarztes für die innere Ab-; theilung zu besetzen. Der betreffende, ein Sohn eines am Philantropin! wirkenden Oberlehrers, der sich durch einige wiffenschaftliche Arbeiten j «inen Namen gemacht hatte, reichte seine Bewerbung ein. Doch wurde! ihm bald bedeutet, dass er a'.s Jude nach der Stiftungsurkunde keine! Aussichten habe. Flugs ließ sich derselbe taufen, was jedoch auf das! Pflegamt einen derart ungünstigen Eindruck machte, dass feine Bewerbung - nunmehr in erster Linie ausffel. Gewählt wurde Herr Professor Treupe! aus Freiburg i. B. j Hin chinesischer Salamo. Die Zeitschrift „Der ferne Osten" erzählt « Folgendes: Vor einem Mandarin erschienen einst zwei chiyesische Frauen,! von denen jede behauptete, die Mutter eines mitgebrachten Kindes zu j sein. Sie waren in ihren Aussagen so bestimmt, dass der Wanderin! wirklich verlegen war. Endlich zog er sich zurück und holte den Rath j seiner Gattin ein, die als weise Frau bekannt war. Sie verlangte nur j fünf Minuten zur Ueberlegung, dann entschied sie folgendermaßen: , «Schick die Diener hinaus und ordne an, dass^man mir einen großen Fisch sängt und lebend, hierher bringt." Als das geschehen war, sagte sie: „Nun bringst Du mir dass Kind, während die Frauen im andern Zimmer bleiben." Auch dieser Befehl wurde ausgeführt. Daraus kleidete die Frau des Mandarinen das Kind aus, zog dessen Kleider dem Fisch an und begab sich dann, das Thier verdeckt im Arm haltend, von den beiden Frauen, ihrem Gatten und einigen Dienern begleitet, zum Hause hinaus und trat dicht an das Ufer des vorbeifließenden Stromes. „Da ihr beide ", sprach sie zu den streitenden Frauen, „euch durchaus nicht einigen könnt und die Wahrheit nicht zu ermitteln ist, wem das Kind gehört, so soll es keine von. euch haben". Hiermit wandte sie sich an den ihr zunächst stehenden Diener, ihm dem Fisch übergebend. »Nimm das Kind und schleudere es in die WellenMit kräftigem Schwünge flog das aufgeputzte Thier durch die Luft und fiel.klatschend in's Wasser, wo es sich, durch die Kleider einigermaßen behindert, zappelnd abmühte. In demselben Augenblicke ertönte ein verzweifelter Schrei, und im Nu war die eine der Frauen mitten in den Wellen und strebte dem Fische nach, obgleich man deutlich sah, dass sie nicht schwimmen konnte Md der nächste Moment ihr den Tod bringen musste. „Rettet sie schnell!" ries die Frau des Mandarineil den Dienern zu; „sie ist die rechte Mutter des Kindes." Die falsche Mutter aber, die ihren Betrug entdeckt sah, schlich unter dem Hohngelächter der Menge beschämt davon. Vor dem franMschen Kriegsgericht. Episode aus dem deutsch-französischen Kriege, nacherzählt von I v s. E p p st e i n. (Schluss.) -Moise sah mit unbeschreiblicher Sehnsucht und Verlangen dem Tag und der Stunde entgegen, da er aus dieser steinernen Umwallung, in welcher es jeden Tag gefährlicher wurde, heraus lttld in seine Heimat ziehen konnte. Zu liefern gab es längst nichts mehr, denn wie und woher nehmen? War man doch jetzt schon froh, wenn man Tag für Tag für das Haus Lebensmittel erlangen konnte. Außerdem war ihm seit vierzehn Tigen sein einziger Sohn durch eine tückische Krankheit entriffen worden; er musste ihn hier mit blutendem Herzen der fremder^ Erde übergeben, während zu Hause eine Gattin und zwei kleine Kinder vergebens auf ihn warteten. In der letzten Woche des Octobers verbreitete sich das Gerücht, Bazaine verhandle .mit dem Heerführer der Deutschen, um Hee und Festung zu übergeben. Da zogen Volkshaufen der niedersten Klaffe, begleitet von National-Gardisten, welche anscheinend denselben Reihen entstammten, gegen die Wohnung des Höchstcommandirenden. Von Ferne her war das Gebrüll vernehmbar: „Verräther! Verräther! Man will uns verralhen! Eher den Tod! Verräther! Verräther!“ Aber der Feldmarschall machte nicht viel Federlesens; er ließ zwei Regimenter gegen die Banden Vorgehen, und kau.» waren die Flinten geladen, so zerstob die ganze wackere Schaar nach allen Ecken und Enden. Es hatte nicht der Schüsse bedurft; der ruhige Bürger wagte sich nicht mehr aus dem Hause. Am 27. October, abends um 10 Uhr, wurde auf dem Schlöffe Frescaty die Kapitulation abgeschlossen, am 28. erfuhr man die Nachricht in Metz, als schon zwei Thore geöffnet und die französischen Truppen nach außen marschirten, um ihre Waffen den Siegern zu überliefern und sich in die Gefangenschaft zu begeben. Mittags sehen wir Moise nach einem Thore zu eilen, um sich zu erkundigen, wie man am Besten nach Cm reelles komme, da von dort aus die Eisenbahn in Betrieb war. In der Uns de8 jardins, wen trifft er? — unseren alten Bekannten, den Mobil-Gardisten Jsak Mayer; seine Flinte hatte er auf der Schulter und marschirte in der Straße auf und ab, als wäre dieselbe seiner speziellen Bewachung übergeben. „Nun Mayer, was machst du denn jetzt noch da mit deiner Flinte? Weißt du denn nicht, dass die Soldaten sich ergeben haben und dass die Waffen abgegeben werden müsse»? “ Drohend wendet Mayer sich ihm zu: „Was heißt ergeben } Wenn sie sich Alle ergeben, ich ergebe mich nicht. Und meine Flinte? Es soll mal Jemand kommen und sie mir abnehmen!" „Mayer, Mayer", besänftigte ihn Moise, „bringe dich nicht in Ungelegenheiten, gib dein Gewehr ab und richte kein Unglück an; denke an deine Familie!" „Und jetzt sage ich, lasst mich in Ruhe, ihr mit euren Czes. Macht dass ihr fortkommt; ich behalte meine Flinte!" „Mache du, was du willst, ich meine es gut mit dir, Adieu Mayer, ich will sehen, wie ich am Besten nachhause komme, ich war gerade lange genug hier in Metz." * * * In der Synagoge in St. Arold steht quer vor dem Almemor eine große, prächtige und doch auf's Zierlichste gearbeitete Menorah; ein Geschenks von Moise. In der Stunde der Noth hatte er dem Herrn ein Gelübde geihan und dieses Gelübde, als Ruhe und Frieden wieder eingekehrt waren, nach seinem besten Können auch erfüllt. Die Fama berichtet, Jsak Mayer habe seine Flinte schließlich do<H abgegeben.