Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 43 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063113-3063156--02181-3068836- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Redäctioiv und Administration: Dien» II/l- Novaragaffe 27. i K. k. österr. Postsvarcrssa Lheck-Conto Nr. 846.251 Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. .j AboWenlentS- und JnserationS-! tzetzxäge Hab iu Wien.zahlbar ^abhängige HeiifchrifL für Mische tm. Gvscheint jeden F^peitnA. Verngsprris: Ganzjährig. . ff 12.— Halbjährig . ... ff. 8.— Für CultuSbeamte: j Ganzjährig.... ff 10.— 1 Für Ausland:; Gauzjävrig. . .8 Mark. «nb klagbar. Molto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" 6 Rubel oi>tr 16 Fc0 i 1 Nr. 43. Men, 14. November 1902. '■ ' .■-j---- --- . ■ . ' .— 1 ' Inhalt r Aus der Wiener Cultnsgemeinde. — Prager Affairen. — Die Wühlarbeit eines lieben Antisemiten. Thronfolger. — Verschiedene Nachrichten. — Organisation und Fachblatt. — Litteratur. — Der konsisfirte russische Ms der Wiener Eultnsgemeinde. Der Geist der Unduldsamkeit llnd Gehässigkeit, der das ganze öffentliche Leben in Oesterreich vergiftet und erst kürzlich wieder in drr Reichshanptstadt der herrschenden antisemitischen Partei Lurch den Ausfall der Landtagswahlen neuerliche Triumphe gebracht hat, ist leider auch in die Wiener Cnltusgemeinde eingedrungen. Nur so lassen sich die traurigen Erscheinungen, die in der Nadbinersrage zu Tage getreten sind, und die hässlichen Formell, die der Wahlkampf für die bevorstehenden Cultuswahlen in einem hiesigen jüdischen Blatte angenommen hat, erklären. Was die Lösung der Rabbinerfrage betrifft, möchten wir dcm Cultnsvorstande empfehlen, die Auswahl der Berufenen zu Probepredigten einem engeren Comite zu übertragen, in welches der Vorstand und das Vertrauensmänner-Colleginm je drei bis vier Persönlichkeiten ans ihrer eigenen Mitte oder aus den Kreisen der Gemeindemitglieder entsenden. Diesem Comite könnte der Vorstand seine bisherige Liste unterbreiten, jedoch müsste dem elfteren das Recht Vorbehalten bleiben, Streichungen und Ergänzungen nach eigenem, freien Ermessen an derselben vorzunehmen. Hoffentlich werden in der grossen Wiener Gemeinde noch 6 oder 8 Personen zu finden sein, welche die nöthige persönliche Qualifikation besitzen, die richtige Auswahl unter den Bewerbern zu treffen, und die auch im allgemeinen Vertrauen so hoch stehen, dass ihre Entscheidung über jede Anfechtung von ernster Seite erhaben ist. Wenn der Vorstand sich ans diese Weise eines ihm statutarisch zustehenden Rechtes iheilweise begibt, so wird ihm das keineswegs als Schwäche ausgelegt werden, sondern es wird dann nur das gewiss lobenswerthe Streben zu erkennen fein* seine Anschauungen mit der öffentlichen Meinung in Einklang zu bringen und die im „Züd. Volksblatte" und anderen oppositionellen Blättern erhobenen Anklagen, dass er sich bei der.Auswahl derBewerber von persönlichen Rücksichten leiten lasse, hinfällig zu machen. Wie vor zwei Jahren treten auch Heuer die „Jüdische Volkspartei" und die Zionisten vereint in den Wahlkampf. Doch während die damals ausgegebene Wahlparole,Kampf gegen die neue Wahlreforms eM gewiss nicht abzuleugnende Popularität befaß und den Candidaten der.» beiden oppositionellen Parteien so manche stimme aus dem gegnerischen Lager zuführte, wird wohl jetzt die gehässige Art des Wahlkampfes und die nach bekanntem Muster geübte Methode^ ganz ungerechtfertigte Verdächtigungen und Anschuldigungen gegen den CultNsvorstand in die Oeffentlichkeit zu! werfen — abgesehen von jenen Kreisen, die mit der Opposition! durch Dick und Dünn gehen — überall, wo der Friede in der I Gemeinde und der Anstand im öffentlichen Leben hochgehalten? werden, offene Misbilligung finden.! Das Höchste nach dieser Richtung hat sich das „Jüd. j Volksblatt" mit dem in letzter Nummer veröffentlichten Artikel! .,Dr. Lueger in der Seitenstetteugasse^ geleistet, in welchem der Eultusvorstand .ohne den geringsten Schein innerer Berechtigung, , sondern blos ans Sucht, sensationell zu wirke» und zeitgemäße Parallelen zu cntdecken, der Mogelei mit den Wählerlisten be-! schuldigt wurde. Derartige Agitation wird wohl der Opposition und ihren Candidaten wenig Freunde gewinnen und wir halten sie; nicht nur für unklug, sondern auch für eine offenbare Verletzung! des politischen Anstandes. Die Angelegenheit kam auch iu der am 9. d. unter dem Vorsitze des Präsidenten, kais. Rath Klinger, stattgehabten : Plenarsitzung der Cultusvorstandes zur Sprache, worüber uns Folgendes berichtet wird: fitte Hpifode aus der letzten Aorstaudsfitzuug. In einem Briefe, der in der Sitzung abgegeben wurde, brachte der Schreiber einen Artikel des „Deutschen Bolksblattes" der dem „Jüdischen Volksblatte" entnommen war, zur Kenntnis. Fn diesem Artikel unter der Ueberschrist: „Dr. Lueger in der j Zeitenstettengasse" wird der Vorstand anlässlich der bevorj stehenden Wahlen der „Mache" der Wählerlisten, der Beri heimlichung derselben oder Unterdrückung oder Erschwerung von! Reclamationen n. s. w. beschu digt. Diesen gehässigsten An- . schuldignngen gegenüber wurde constatirt, dass die Wählerliste vom 12. October ab in den Bureaux der Cultusgemeiude zur Einsichtnahme auflag; dass hievon nicht allein durch die „Wiener : Zeitung", sondern auch durch drei in Wien erscheinende jüdische! Wochenblätter, die „Oesterreichische Wochenschrift", „Die Reu-; zeit", „Die Wahrheit", ferner durch Anschlag an allen Ge- ' meinde- und Vereinsbethäusern öffentlich Kenntnis gegeben j wurde; dass diese öffentliche Kundmachung dem seit jeher in! der Wiener Cnltusgemeinde üblichen Modus der Veröffentlichung j entsprach; dass niemals und von gar keiner Seite der Wunsch! nach einem anderen Modus ausgesprochen wurde, dass auch j wahrend der Reklamationsfrist die Abschriftnahine der Wähleri liste Jedermann freistaud; dass weder eine solche, noch die Einj sichtüahme in die Liste von wem immer verlangt wurde und j dass thatsächlich weder jetzt noch sonst, je, soweit die Erinne-! rmrg reicht, eine Reklamation oder Beschwerde gegen die von