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Die Wahrheit · 1902-05-23 · Heft 20 (23.5.1902) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1902
Issue
Heft 20 (23.5.1902)
Date
1902-05-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 20. Die Wahrheit. Seite & kalischen Empfindens sprechen, als Mozart'schen Geist zum vis-a-vis!-ju bekommen? Wer fühlte nicht das Bedürfnis, Nr. 5 z. B. mit dem herrlich ausklingendeu Orgelpunkt sofort zu wiederholen? Wer hörte in Nr. 6 bei den Terzengängen nicht im Geist die Flöte, das Instrument des Lievesidylls, leise mitgehn? Ja, das ist Brautmusik, das sind Klänge für liebende Herzen, für die weihevollen Augenblicke j pcs vor Gott ^egen erflehenden jungen Paares. Da! wir nun das Instrumentale bei solchen Gelegenheiten verj schiedentlich angeweudet sehen, in Deutschland namentlich an-! statt der Orgel oder des Harmoniums' Streichmusik beigestellt wird, dürfte es sich für den Componisteu empfehle.n, au die Jnstrumentiruttg der Trauungsgcsünge des Canlors zu denken. Die melodischen Schönheiten drängen so wenig nach grobem Zusammenschluss, dass es dem Character dieser Liederperlen völlig entsprechen würde, wenn die Jnstrumentirung im Kammermusiksthle geschähe. Wir für unfern Theil würden höchstens bei Nr. 3 und 5 noch eine Hornstimme hinzusügen. '! Dem Cautor bieten, wle gesagt, die Piecen gar keine j Schwierigkeiten, er kann sie auch singen, wenn er auch nicht : mal so gut disponirt ist. Die Vorbereitung mit den zur j Begleitung dienenden Organen kann hingegen nicht accurat! genug getroffen werden. Die Schönheiten ruhen hier ganz! und gar in der Modulation; über dem Ganzen lagert der! Sonnenschein der Lyrik, der seelisch b e l e b t e T o n mutz! wirken, nicht die Wucht der Stimmbänd.r. Ein Streichj guartett wird deshalb besser auf alles eingchn, wie die Orgel.! Mit dem Neoistrireu erlebt man bei Organisten oft die ‘ wunderlichsten ° Dinge. Vor einem Ueberladen an tieferen Stimmen ist deshalb zu warnen. Trägt doch Kirfchner dem! Klingen au und für sich schon so viel Nechnnng, dass er im Gegensatz zu dem mcist dunkel gefärbten Bariton-Organ : die B.gleitstimmen nach oben verlegt, um so dem Gesänge; beit wirksamen lichtvollen Untergrund zu schaffen. Diese Art, Singstimme und Begleitung zu verbinden,; möge vorbildlich wirken. Kirschner zeigte schon bei seinen; herrlichen W'schomrn's in der Verbindung von altem Chasonus und modernem Chorstyl sein Formentalent. Ebenso treffen wir es bei den drei Ehornummern seiner neuen Arbeit. Nr. 10 in weniger ein mehrstimmiger Satz mit Oberstimme, : als ein Ensemble von Solostimmen, denn melodisch ist jede; der vier Stimmen. Am -Schluffe klingt es, als ob vier parallel entwickelte Einzelmelodien sich innig miteinander vereinigten. Es kann daher, wenn gute Stimmen zu Gebote stehn, jede sich einen Erfolg holen. Nr. 9 wird nur ein Cautor schreiben, der über den Chor die eigene Sache nicht vergisst, wie cs sich auch gebührt. Der Chor.tritt gewissermaßen in ein Abhängigkeitsverhältnis zur führenden Solostimme des Cantors. Die Wirkung ist eine prachtvolle, ähnlich wie bei „Jauchzet und Jubele" zu Neila von Lewandowski, Dieser Dankchor Nr. 9 lässt sich wegen seiner im- : posanteu Wirkung mit einigen Textveränderungen auch zu anderen festlichen Gelegenheiten singen, z. B. zu Kaisers Geburtstag. Kirschner ist mit seinen neuesten Gesäugen auch der Cautor der Neuzeit im besten Sinne des Wortes. Er : zeigt uns, wie sich das ererbt Jüdische mit dem cnlturett Menschlichen in uns vereinigt, und ist somit wie, Singer und Birnbaum, ein Wegweiser des Cantorats der Zukunft. Das Kaddischgebel. Von Bernhard Loewenthat. (23. Fortsetzung.) „Ach so, die Munk — ja — ach so — ich habe sie damals auf dem Journalisteuball gescheit sogar mit ihr getaitzt." »Du kennst sie also auch — sie ist doch lieb, nicht wahr Leon — sie ist doch reizend?* Leon schien das Teppichmuster zu studieren, „xar äistavos— natürlich — ja ich kenne sie, xar distance". Es kamen diesmal die Worte so gepresst zwischen den Lippen hervor — so, als ob er sie gar nicht hätte sprechen wollen. Alice sah ihn eine Weile an, dann sagte sie in mahnend vorwurfsvollem Tone: „Leon! Hast Du noch Vertrauen zu mir?" In ihm tobte die Erinnerung an Else Munk, er siel wie erschöpft in einen Sessel, stützte die Häme aus den Schreibtisch, über dem das Bitd seiner Mutter hing, Alice aber juhr fort: „Was soll das werden, Leon! Du bist so anders — was ift es mir - n mk?" Sie hatte jedes Wort scharf betont und langsam, fast mühsam gesprochen. Er gab keine Antwort, sie sah ihn nochmals fest an. „Sprich Leon, was ist es mit der Munk?" Er versuchte zu lächeln. „Nichts, gar nichts, doch." — Und da wallte es in ihm auf rmd wollte ihm fast die Brust zersprengen. Die Fäuste schwer aus die Platte fallen lassend, stöhnte er ans: „Es muß herunter, Einem muß ich es sagen, sonst drückt's mir das Her; ab, Alice, denk' was Du willst, der Jonrnalistenball — ich weiß nicht — Du solltest Else Munk nicht hierherbringen, es darf ja nicht sein -- und doch — ich liebe sie." Die letzten Worte waren mehr ein Aufschrei aus todtwttnoem Herzen, und erschreckt über diejLeidenschast, die den sonst so ruhigen und besonnenen Mann gepackt hatte, trat Alice einen Schritt gegen das Fenster zurück. Als ob sie es nicht fassen konnte, was in Leon vorging, als ob es ihr so ungeheuerlich schien, was seine Seele bestürmte, starrte sie zu ihm hinüber. Leon war bleich geworden. Wirr hingen ihm die Locken in die Stirn hinem, wie Hilfe suchend, blickte er zu seiner Zngendgespielin ans. Diese hatte sich gefasst. Mit leise mahnender Stimme, fast in erzählendem Ton, sprach sie aus ihn ein: „Denkst Du noch' der Lehren Davi) Negnns und jenes Tages, als ein dreizehnjähriger Knabe weinend vor dem Bilde seiner Mutter lag. als er sagte: „Ich will gut werden und bravl" Leon! Du hast lange nicht oas Kaddischgebet gesagt, Du bist im Begriffe zu vergessen, dass Du Jude bist." Fast mit Stolz hatte sie die letzten Worte gesprochen. Im Eifer hatte sie nicht bemerkt und auch Leon nicht, dass David Negnn das Zimmer betreten hatte. Seit geraumer Weile stanv der Doclor ichon im Gemach und blickte fast mitleidig ans seinen jtlngeit Freund, mit Freude ans seilte Schülerin. Fast gebietend ftaub er vor den beiden und mit sanfter Stimme fragte er tonlos: „Leoil — was ift mit Leon?" Dieser richtete sich ans. „Nichts, Doctor! gar nichts — es wird vorübergehen — es darf ja nicht sein — und im Uebrigen — ah, Sie wissen nicht, was das heißt — das ist zu groß, zll schwer, und warum ist es denn gerade die und — und —", er ließ den Kops auf die Arme sinken, und wie ein dumpfes Stöhnen kam es von seilten Lippen — „warum bin ich denn — Jude?!" „Leoit!" Wie ein Klageruf tönte es von Alicens Lippen an sein Ohr — dann wurde es still im Gemach. Die kleine Uhr auf der Console tiefte regelmäßig weiter, und die Augen der verstorbenen Mutter schienen im Bilde traurig herabznlächen auf einen großen Schmerz. David Regun konnte seinen Freund verstehen, er wusste, was das heißt, zn entsagen. Alice mit einem sanften Blick betrachtend, bemerkte er fast flüsternd: „Kommen Sie, mein Kind, das muß er mit sich allein abmachen — mit seinem Glauben und mit Gott." Beide verließen schweigend das Gemach, in dem Leon zn dem Bilde der Verstorbenen emporblickce. Es lag ein Beten in diesem Blick, aber seine Lippen blieben geschlossen. Seine Brust hob und senkte sich, aber kein Senszec entrang sich derselben. (Fortsetzung folgt.)

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