Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1902
- Issue
- Heft 11 (14.3.1902)
- Date
- 1902-03-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11. Die wabrbeit. Seite 11. Verschiedene Nachrichten. Wien. Frl. Lilly Lieben, Tochter des ersten Secretärs der Wiener ^Cultusgemeinde Dr. Theodor Lieben, hat sich mit Herrn Franz Breitner, Gesellschafter der Firma W. Molho & Co. in Constantimopel verlobt. Wien. Frl. Gisela Back, Tochter des als Wohlthäter bekannten .Herrn Michael Back, hat sich mit Herrn Heinrich Deixner aus Wien verlobt. Wien. Der Humanitäre Geselligkeits-Verein „Die Szenizer in UBien* veranstaltet, wie bereits gemeldet, Samstag den 15. d. M. im Prachtsaale des Hotel Continental, Taborstraße, eine geschlossene Masken- Medoute, welche bei den vorliegenden, zahlreichen Anmeldungen sehr amüsant zu werden verspricht. Das überaus rührige Comitv, an dessen Spitze der verdienstvolle und wackere Obmann-Stellvertreter des Vereines, Herr Josef Back, und der Schriftführer, Herr Jacob Fröhlich stehen, ist auch bei dieser Veranstaltung für die Hebung des Vereines bedacht, welcher seit dem kurzen Bestände reichliche Unterstützungen arinen^ und mothleidenden Landsleuten zukommen lässt. Obmann und Ehrenpräsident äst seit Gründung Herr Dr. S. Sinnreich,Massier Herr Max Reichsfeld. T)as Clublocal befindet sich Cafe Kronprinz (Tandler) II., Asperngaffe. Wien. (Verein für jüdische Geschichte und Litteratur.) Sonntag, den 4. März sprach Herr v»nä. msä. Abraham Heuerring über „Cultur und Judenthum". Der Referent verstand es vorzüglich, diesem Thema eine solche Fülle interessanter Momente abzu» gewinnen, so viele neue Seiten desselben hervorzukehren, dass man un» -willkürlich vergaß, über dieses schon oft behandelte Thema so viel gelesen -und gehört zu haben. Das lebhafte Jn:eresse der Hörerschaft gab sich in Lem einmüthigen Beifall kund. Wien. Der humanitäre Frauenverein „Krankenpflege^ veranstaltete -am 8. März d. I. in Guth's Restauration, 2. Bez., Stefaniestraße, einen -Vortragsabend mit daranschließendem. Tanzkränzchen, der einen außerordentlich animirten Verlaus nahm. Unter den reichen künstlerischen -Genüssen, die der Abend bot, verdienen besonders hervorgehoben zu äverden die Declamationen des Fräulein Elsa Katz, das treffliche Männer- -quartett, bestehend aus den Herren Striks, Mente, Edelmann, Kästenbaum, Lie ganz Vorzügliches leisteten; die humoristischen Vorträge des Herrn Hugo Etlinger, die altsgezeichneten Gesangsleistungen der Damen Leitner und Bevö und des Herrn Professor Herz, allgemeinen Beifall «errangen. Den Höhepunkt des Adends bildete jedoch die Solo-Nummer -es Herrn Striks, der durch seine prachtvolle, schöne Tenorstimme und -sein großes musikalisches Können mit seinen Vorträgen ungetheilte lebchafte Anerkennung fand. In besonders trefflicher Weise brachte er die 'Arien aus den Opern „Die Jüdin-' und „Bajazzo" zu Gehör und -wurde von dem beifallslustigen Publicum zu mehreren Zugaben stürmisch -genöthigt. Um das Gelingen des Abends haben sich besonders die -rührige Präsidentin, Frau Dr. Blech, sowie die Vorstandsdamen Dr. .Pifczis, Liebling, Siederer, Schächter, Rosenberg verdient gemacht, dis ffür die Unterhaltung der zahlreichen Gäste nach Möglichkeit sorgten. Die -artistische Leitung lag in den Händen des Herrn Striks, der Reingewinn ffließt wohlthätigen Zwecken zu. Sch.— Wien. Der älteste Bruder unseres verantwortlichen Redacteurs Alois Kulka, Herr Moriz K u l k a, Obercantor in Kolin in Böhmen, -feiert Purim, am 23. d. in vollster körperlicher und geistlicher Frische -seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar erfreut sich in seiner Gemeinde, in -welcher er mehr als 3 Jahrzehnte wirkt, einer besonderen Verehrung mnd Beliebtheit, weshalb ihm, wie man uns mittheilt, mehrfache -Sympathiekundgebungen zugedacht sind. Obercantor Moriz Kulka, welcher eigentlich noch der alten Chasanimschule angehört, indem er noch unter den seinerzeit berühmten Schmaje Leipnik und Cchonele Chasen -in seiner Vaterstadt mitwirkte, verfügt auch über großes allgemeines und hebräisches Wissen und bedeutende musikalische Bildung, wodurch er befähigt war, in seiner Gemeinde den modernen und tradionellen Gottesdienst zu pflegen. Sein einziger Sohn Siegfried Kulka, ein äußerst -talentirter junger Mann, ist Cantor in der Cultusgemeinde Teplitz, in Böhmen. Wien. Das Betlocal des Herrn I. Schwarz in der Novara- «gaffe 13, seit 27 Jahre bestehend, hat derzeit unter schwierigen Verhältwißen um seine Existenz zu kämpfen, da die Zahl der Mitglieder eine bescheidene ist und dieselben nicht vermögen, die Kosten für Miethe, ^Cantor, Beleuchtung rc. allein aufzubringen. Es würde sich empfehlen, dieses Privatbethaus, das einen conservativen Charakter hat, in einen Verein umzuwandeln, und wenn eine genügende Anzahl von Mitgliedern -sich gemeldet hat, dürfte vielleicht auch der Cultusvorstand bereit sein, regelmäßige Subvention zu gewähren, zunial dieses Bethaus seine Existenzberechtigung bereits zur Genüge dargethan hat. Das Laddischgebet. Bon Bernhard Loewenthal. (18. Fortsetzung.) „Ah! besten Dank — hocherfreut meine Gnädige!" Else Munk schien wieder die kaltlächelude Schönheit, die gnädige, sieggewohnte Göttin zu sein. Als sie sich nach ^Leon umsah, war dieser verschwunden. Er stand mit Doctor llllbrich in einer Nische" und als er sie so stühlich lachend und Strahlend inmitten der Fracks und Uniforme» sah, stieg in ihm so schmerzlich der Gedanke aus: „Es ist wohl ein Traum gewesen, gewiss — natürlich — es ist gar nicht wahr — ich habe wohl nur — geträumt.- Als die Musik zu einer Polka einsetzte, engagirte er einen niedlichen blonden Backfisch, dann im selben Tanze eine Colo» ratursängerin, eine Polin, die als leicht und freigebig bekannt war. Er raste wie toll mit ihr durch den Saal, sie schmiegte sich hingebend an seine hohe Gestalt und als die Musik den letzten Takt spielte, schritt er erschöpft zum Büffet. Er sah nicht den tieftraurig verlvnnderten Blick, den ihm ein liebendes Weib uachsandte. Er dachte, es ist Komödie, ne hat vielleicht eine neue Nolle probiert. Dann trank er hastig einige Gläser Wein, damit sein Blnt noch mehr und mehr erhitzend. Als er sich von ihr verabschiedete, trat sie einige Schritte auf ihn;u, reichte ihm ihre Richte und ihm fest ins Ange feheno, sagte sie nur ihm verständlich: „Ans Wiedersehen." Einen Angenblick nur hielt er die schlanken Finger in den seinigen, dann drehte er sich schnell um und verliest, sich mit Doctor Ullbrich noch tveiter unterhaltend, festen Schrittes den Saal. Erft als die kalte Winterlnft seine Schläfen umfächelte, wurde er ruhiger, und;u Hause angekommen, wars er den Paletot bei Seite, setzte sich ausseuszend an seinen Schreibtisch und zu dem Bilde seiner Mutter emporblickend, schien er fragen zu wollen: „Bist du noch bei mir Mutter? Ich fühle mich jetzt so verlassen, — so allein.--— In einer der weniger belebten kleine» Nebenstrasten steht ein altes, nur zweistöckiges, schmuckloses Gebäude. Zwei niedrige Stufen führen zum Thüreingang und eine schmale Holztreppe weiter hinauf in den ersten Stock. Die Räumlichkeiten bestehen, hier nur ans zwei Stuben und einer Küche und in dem vorderen Immer, das nach der Straße zu liegt, sitzt Tag aus Tag ein ein altes Mütterchen an einem der beiden Fenster, strickt, Putzt die stählerne Brille oder schaut hinaus aus die wenig belebte, schmale Straße. Es ist alles so sauber, so blitzblank in diesem Stübchen und die Alte selbst sieht trotz ihrer 70 Jahre so frisch aus, dass der Anblick, der sich dem plötzlich Eintretenden bietet, etwas Beruhigendes ansübt auf den Beschauer. Das Stübchen athmet eine so friedliche Stille und die alten Familienbilder au deu Wänden scheinen zu wachen, dass durch nichts dieser Friede gestört wird. Eben beobachtet die Alte, es ist die vierte Nachmittagsstnnde, das leichte Schneegestöber vor ihrem Fenster 'und sieht zu, wie Flocke um Flocke immer dichter und weißer sich zu ihren Schwestern gesellt, um die Straße bald in eine weiche Decke einzuweben. Da öffnet sich die Thür des Nebenzimmers und eine hohe kräftige Mannergeftalt wird sichtbar. Die Alte dreht sich um. „Wo willst Du noch hin bei dem Wetter „Einer Besuch machen Mutterte!" „Ein Kranker?" „Ja, eine Patientin. Ich gehe in Vertretung!" „Ach! Nu Gott 'bensch' deine Hand, mein Kino." David Regum wirst sich einen Mantel um, nimmt Hut um» Stock und will gehen. — Er dreht sich noch einmal um, sieht einen Augenblick unentschlossen, daun sagt er zögernd: „Vielleichhverde ich spät kommen, mach' Dir keine Sorge», Mutterle, Du brauchst auf mich nicht zu warten, leg' Dich ruhig schlafen. Adieu!“ Er hatte schon die Thür hinter sich eiugeklingt, da flüstert die Alte noch: „Geh' gesnnderheit!" — Dann blickt sie wieder wie vordem gleichgiltig hinaus in das Schneetreiben. Sie hat keine Sorgen, die Alte, denn David R:gnm vt ein gutes Kind. Bor drei Jahren, als er sein Staatsexamen gemacht uni> ihm von obenher bedeutet wurde, dass man tüchtige Mediziner auch gerne in Deutschland behält, da hatte er nichts Eiligeres zu thu», als seine alte Mutter, die ihn jahrelang nicht gesehen hatte, ebenfalls zu bestimmen, nach Berlin überznsiwelu. (F. f.>