Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1901
- Issue
- Heft 2 (11.1.1901)
- Date
- 1901-01-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaction u. Administraiion Wien. II/l, Novaragaffe 27. St. f. österr. Postsparcasia Eheck-Conto Nr. 846.251. > n si r a t i 20 Heller per Noupareille-Zeile. Abonnements- und Jnsertions» betrüge sind in Wien zahlbar. naßhängige Heitfchrist für jüöisäx- Erscheint jeden Freitag. Mott« : „Das Siegel Gottes ist IPabrbott , Ganzjährig . . Halbjährig 12— St. 6_ .für <£nlinsbeamte: 1 l^an.lährig . . . jt. 10—;] Für Ausland: i Ganziährig .... 12 Mark i: 6 Anbei oder 16 FrcS. Nr. 2. Wien, 11. Länuer IM. Anhalt r „Judenstämmlinge" in der Politik. — Die neue Aera in der Wiener Cultusgemeinde. — Zur Koscher-Fleisch-Frage in Wien. — Vom israelitischen Spitale in Budapest. — Gemeinde- und Vereinsbote. — Feuilleton: Nihilist. — Synagoge und Cantor vor und nach Sulzer. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Heimweh. jBBT Ire geehrten Kerren Monnenten werden Höffichst ersucht, den Aöonnementsöetrag umgehend einsenden zu wölken. Ire Administration. „Iudenstämmlinge" in der Politik. Durch zwei hochinteressante, litterarische Erscheinungen in letzter Zeit wurde die Mitwelt, gewiss zum großen Berdrusse der Antisemiten und Teutonen, an zwei bedeutsame Persönlichkeiten erinnert, von denen der Eine, als Jude geboren, an dem Wiederaufbau des deutschen Reiches hervorragenden Antheil genommen hat, und der Andere, ein „Judenstämmling", auf das politische Leben in Oesterreich vor einigen Jahrzehnten bestimmend einwirkte. Es sind dies der im Jahre 1899 im hohen Alter verstorbene Präsident des ersten deutschen Reichstages und nachmalige Präsident des Reichsgerichtes, Eduard v. S i m s o n, und der ehemalige österreichische Abgeordnete und Minister Dr. Johann Nepomuk Berger. In beiden Fällen hat die Pietät der Söhne den Vätern ein litterarisches Denkmal gesetzt, das in den weitesten Kreisen mit großem Interesse ausgenommen werden wird*). Dass Eduard v. Simson als Jude geboren wurde, ist allgemein bekannt, weniger bekannt dürfte jedoch die Thatsache sein, dass er ein Großneffe David Fr i e d l änd e r's war, und hierüber werden wir in den erwähnten „Erinnerungen" in folgender Weise aufgeklärt: „Eduard Simson wurde am 10. November 1810 in Königsberg in Preußen als Sohn israelitischen Eltern geboren. Der Vater, Zacharias Jacob Simson, war Kaufmann, in späteren Jahren vereidigter Wechselmakler, bis er sich im Jahre 1856 zur Ruhe setzte, die Mutter, M a r i a n n e, eine geborene Friedländer. Auch die Eltern seines Vaters hatte Simson noch gekannt. Der Großvater, ein heiter aufgelegter Greis, hatte ihn als seinen ältesten Enkel besonders ins Herz geschlossen; er starb im Jahre 1819. Die Großmutter, in Colberg *) Eduard v. Simson. Erinnerungen aus seinem Leben. Zusammengestellt von B. v. Simson. Leipzig. Verlag von S. Hirzel. 1800. — „VaterhausErinnerungen an Johann Nepomuk Berger. Herausgegeben von Dr. Alfred und Wilhelm Freiherren v. Berger. Wien. Verlag von Konegen. 1800. geboren, eine Frau von großer Schönheit, obwohl des einen Auges durch eine Verletzung beraubt, endete blind als Genossin von Simson's elterlichem Hause um Weihnachten 1828. Der mütterliche Urgroßvater, Joachim Moses Friedläuver, ein durch Einsicht und Wohlthätigkeit ausgezeichneter Mann, war aus Schlesien 1739 nach Königsberg gekommen. Im Jahre 1764 errichtete er eine Familienftiftung, die, später durch einen seiner Enkel, Josef Friedländer, vermehrt, noch heute besteht. Sie hat Veranlassung gegeben, einen Stammbaum der Familie zu führen, aus dem sich ergibt, dass von des Stifters Kindern viele hundert Nachkommen abstammen, die in den verschiedensten Berufsarten beschäftigt, über viele Theile der Erde verbreitet wohnen. Ebenfalls 1764 erwarb Joachim Moses Friedländer von dem Rathsadvocaten Heinrich Rabe ein kleines Haus in der Brodbänkengasse gegenüber dem Kneiphöfischen Rathhause, das, nach der Vereinigung der drei Städte Königsberg (Altstadt, Löbenicht und Kneiphof) unter Friedrich Wilhelm I. zum gemeinsamen Rathhause geworden war. Dies Haus, in dem Simson geboren wurde, ist über ein Jahrhundert in der Familie geblieben und erst nach dem Tode seines Vaters veräußert worden. Einer der Söhne Joachim Moses Friedländer's (gest. 1776) und seiner Frau Henriette, geb. Fischels (gest. 1788) war der als Freund von Moses Mendelssohn, Engel, Nicolai, Heim, Zelter, Kunth, den Brüdern v. Humboldt u. a. oft genannte Berliner Stadtrath David F r i e d l ä n d e r, der einen hervorragenden Antheil an der bürgerlichen Gleichstellung der jüdischen Unterthanen in Preußen im Jahre 1812 hatte. Simson hat diesen thatkräftigen, reformatorischen und patriotischen Mann später, theils in seinem Hause in Berlin, theils in seiner Sommerwohnung in Charlottenburg, öfters besucht, erinnerte sich auch, ihm aus dem „Göttingischen gelehrten Anzeiger" vorgelesen zu haben. Der jüngste Bruder Davids, Simson Joachim Friedländer, war S'msou's Großvater. Da er schon 1812 starb, kann der Knabe kein Bild von ihm in der Erinnerung behalten haben. Jedoch scheint auch er ein Mann von nicht gewöhnlichen Eigenschaften und höherer Bildung gewesen zu sein, der den Bestrebungen ieues Bruders nicht ohne Verständnis folgte. Simson's Vater scheint kaum irgend welchen Unterricht genossen zu haben. Selbst Lesen und Schreiben, wurde erzählt.