Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 37 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37. Die Wahrheit. Seite 9. Unser Prediger, Herr Dr. M. Brande, hielt eine empfindungsvolle Grab- | rede in deutscher Sprache. ' Audapest, 30. September d. I. Heute Nachmittags trugen wir! einen braven Mann zu seiner letzten Ruhestätte. Es war dies Herr! Josef Lazarus, welcher am ^.Rüsttage des Bußesabbaths nach j langem, schwerem Leiden im Alter von 79 Jahren das Zeitliche gesegnet } hat. In ihm beweinen Obercantor Profeffor Adolf Lazarus und Cantor! Albert Lazarus ihren Vater. Der Leichenfeier wohnte ein ebenso zahl-! reiches als vornehmes Trauerpublicum an. Die Gemeindevertretung mit! dem Präsidenten Sigmund Kohner war ebenfalls erschienen. Den liturj gischen Th eil der Trauerceremonie besorgt Obercantor. Stellvertreter Bela! Guttmann unter Assistenz des vollzähligen Tempelchores und Rabbiner! Dr. M. Kayserling hielt in Gebetform eine ergreifende Trauerrede. Zu l Ehren des verdienstreichen Obercantors bewilligte die Pester Chewra j Kadischa dem Verstorbenen auf dem Kerepescher Gottesacker ein Ehren-! grab. Möge er daselbst in Frieden ruhen!! Hfen, 30. September 1900. Heute um die Mittagsstunde fand im! schwarzdecorirten Haupttempel der Ofner Jsraeliten-Gemeinde eine solenne! Trauerfeier für das Seelenheil des verewigten Ober-Rabbiners Dr. Raj fael Goldberg statt. H>as gänzlich beleuchtete Gotteshaus war bis auf! das letzte Plätzchen gesteckt voll und die große Zahl Derjenigen, die gekommen waren, den Tribut der pietätsvollen Verehrung den Manen des Heimgegangenen Seelenhirten abzutragen, konnte im Tempel nicht Platz finden und mußte die Vorhalle occupiren, ja sogar auf der Straße Posto fassen. Unter den Erschienenen bemerkten wir Vertreter der Pester isr. Religionsgemeinde mit dem Präsidenten Sigmund Kohner, den Gesammtvorstand und die Repräsentanz der Ofner Jsraelitengemeinde mit dem Präsidenten Dr. Isidor Szabolcsi, die Ofner Chewra-Kadischa mit ihrem Präsidenten Dr. Ernyei, eine Deputation der Neupester isr. Gemeinde mit ihrem Oberrabbiner Dr. Ludwig Venetianer u. A. — Auch die Behörde der Haupt- und Residenzstadt war >in der Person des Bezirksvorstehers Karl Herein, sowie vieler Stadtrepräscntanten vertreten. Den cantoralen Theil der Feier besorgte Obercantor Eduard Weisz, dem sein gutgeschulter Chor wirkungsvoll afsistirte. Tie Gedenkrede hielt der Pester Rabbiner und Gemeindeprediger Dr. Samuel Kohn, welcher vor 3 Jahrzehnten mit Dr. Goldberg gleichzeitig das Breslauer Seminar besuchte. Dr. Kohn würdigte die Verdienste seines verewigten Amtsbruders und gab dem Schmerze der verwaisten Gemeinde in beredten Worten Ausdruck. Mit dem vom Obercantor ergreifend vorgetragenen DI molk ravtimim-Gebete schloss die erhebende Trauerseier. I). H. 8. Slatina (Slavonien). Am 20. v. M. wurde unser neuerbauter Tempel in feierlicher Weise eingeweiht. Mit der Einweihung wurden die Funktionäre der Gemeinde Virovitica, Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. H. E. Kaufmann und Obercantor Trompeter, betraut. Die Feier begann mit einem Ma towu, den Obercantor Trompeter mit Damenchor und Harmoniumbegleitung vortrug, und hieraus hielt Herr Dr. Kaufmann bie Festrede, welche allgemeine Anerkennung fand. Nach dem Anzünden des tomid brachte der gutgeschulte Damenchor aus Virovitica den Sulzer'schen „Hallelujah“ lPs. 111) vortrefflich zu Gehör und zum Schlüsse wurde das Minchagebet von Obercantor Trompeter in sehr weihevoller Weise recitirt. Nach der Tempelweihe versammelten sich die' geladenen Gäste, darunter der Bezirkshauptmann, der Bezirksrichter, der Geistliche und die übrigen Honorationen der Stadt und Umgebung zu einem Festbankete, bei welchem es viele ausgezeichnete Toaste gab. Vielen Beifall fanden auch einige vom Damenchor vorgetragene nationale Lieder, dann wurde gebenscht, und die Gesellschaft ging mit dem Bewusstsein auseinander, dass sie einen genussreichen und vergnügten Abend erlebt haben. Der Vorstand von Slatina, an deffen Spitze der langjährige verdienstvolle Präses, Herr Deutsch, kann mit Stolz auf das gelungene Fest zurückblicken. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben Von Moritz Scherbel. (Nachdruck verboten.) <38. Fortsetzung.) So mochte wohl ein Vierteljahr dahingegangen sein, als Frieda «ines Tages mit gerötheten Wangen und leuchtenden Blicken einen geöffneten, ihr von Georg zugekommenen Brief ihren Eltern überreichte. Diese lasen nach vorangegangener Einleitung folgendes: „Es ist unzweifelhaft, sehr geehrtes Fräulein, dass wir Beide von einem höheren Geschick zur innigsten, heiligsten Vereinigung miteinander bestimmt sind. Ich denke dabei — o, verzeihen Sie, die Kühnheit — an das Glück, Sie als Gattin mein nennen zu können, und wenn die Gefühle, die Sie für mich hegen, denen gleichen, welche Sie in mir zu wecken berufen waren, dann machen Sie mich zum seligsten der Sterblichen, schlagen Sie ein. mit mir vereint durchs Leben zu gehen, und ich eile dann nach Warschau, um mir den künftigen Stern meines Lebens von Ihren Eltern zu erbitten u. s. w." Man hatte bereits so etwas erwartet. Felix Wandelowicz, wie seine Gattin, waren darüber einig, dass man eine so glänzende Verbindung für ihre Tochter nicht abichlagen und das dabei obwaltende Hindernis der confesiionellen Verschiedenheit kaum in Betracht kommen könne. Uebrigens handelte es sich dabei um das Glück ihres Kindes, denn was sie in diesem Augenblicke an dem ganzen Wesen Friedas schauten, sprach davon, dass ihr Herz dem jungen Ratowski angehöre. Indes hielt es Wandelowicz für angemessen, ja geboten, mit dem Vater des Letzteren zuvor noch Rücksprache über diese wichtige Angelegenheit zu nehmen, ehe ein weiterer Schritt darin gethan werde. Merkwürdig genug hatte der alte Rutowski bei seinen inzwischen erfolgten Besuchen niemals ein Wort über eine diesbezügliche Möglichkeit fallen lassen, und als ihm Wandelowicz den Brief seines Sohnes übergab. legte der Inspektor ein Erstaunen an den Tag, das nur zu gut geheuchelt war, um natürlich zu erscheinen. „Das ist ein fataler Streich, den mir der Junge hier spielt" — sprach er wie unangenehm überrascht. „Habe ihm immer gesagt, dass er sich vor dem Verlieben in Acht nehmen soll. Wahrlich, ich hatte noch ganz andere Dinge mit ihm vor. Mit dem Heiraten hätte es bei ihm sicher noch Zeit gehabt. Indes bin ich Ihnen, lieber Wandelowicz, Freund genug, um in dieses Project nicht störend einzugreifen. Wie doch die lieben Söhne sind; hat die Absicht einen Schritt zu thun und sagt dem Vater kein Sterbenswörtchen davon." „Er wird dieses nachzubolen wissen," entschuldigte Wandelowicz seinen künftigen Schwiegersohn. „Es wird sich nun, Herr Jnspector, in erster Reihe darum handeln, dass Sie als Vater Ihr Einvernehmen mit der Absicht ihres Herrn Sohnes uns offenkundig machen." „Wie ich Ihnen bereits gesagt, ich will nicht störend zwischen die jungen Leute treten, die sich nun einmal haben wollen, wenn mir auch diese Heiratslust meines Sohnes etwas unangenehm kommt. Indes werden Sie zugeben müssen, dass die Verschiedenheit des religiösen Glaubens — wir sind Christen und Sie sind Juden — als ein hinderndes Moment bei der Verehelichung unserer Kinder zu betrachten ist. Ich nehme zur Voraussetzung, dass Sie diese Differenz dadurch auszugleichen wiffen werden, dais Sie und Ihre Familie zum Christenthum übertreten, welcher Schritt Ihnen schon aus dem Grunde nicht schwer fallen wird, als Sie sich gar oft genug über die Mishelligkeiten beklagen, welche Ihnen Ihre jüdische Angehörigkeit einträgt." „Wir alle zum Christenthum übertreten?" — rief Wandelowicz doch etwas eingeschüchtert aus. — „Ich weiß nicht, ob das nöthig ist. Wenn ich schon zugeben muß, dass solches von Seiten meiner Tochter erforderlich ist, da sie mit ihrem Gatten eine Religion haben muß, so ist nicht einleuchtend, warum wir selbst im Judenthum nicht verbleiben sollen?" (Fortsetzung folgt.) Ignaz and Rosalia Wolfsche Krankßnnnterstötzungs-Stiftüng. Am 2. Jänner 1901 gelangen die halbjährigen Interssen der obigen Stiftung im Betrage von zusammen Kr. 195.— an arme hilfsbedürftige Kranke der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde zur Yertheilung. Die Bewerber haben ihre mit dem Armuths- und Krankheits-Zeugnisse belegten Gesuche im Einreiehungs-Protocolle der hiesigen Israel. Cultusgemeinde, I., Seitenstettengasse 4, I. Stock, woselbst auch während der Amtsstunden von 9 — 12 Uhr Gesuchsblanquette unentgeltlich zu beheben sind, bis längstens 31. Qctober 1900 zu überreichen. Gesuchsteller, welche ihre Verwandtschaft mit den Stiftern nachzuweissn in der Lage sind, gemessen unter gleichen Verhältnissen vor anderen Bewerbern den Vorzug. Wien, 1. Oktober 1900. Das Curatorium der Ipaz und Rosalia Wolf scheu Krankenuntersttltzungs-Stiftung.