Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1900
- Issue
- Heft 1 (1.1.1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. „Wahrheit." Nr. 1. klären zu wollen, weil er sich's ja ernstlich zugetraut hatte. Man muss berücksichtigen, dass alle diese Großen in der Ueberzeugung lebten, „dem Gerechten kommt nichts Uebles zu." Da es mir zugekommen, dass ich diese Amulette austheilte, durfte er von sich selbst glauben, „müssen sie schließlich doch ehrlich sein." Sie waren es aber nicht. Warum er nun nicht dieses alles wie ein gerader Mann offen eingestand d Nun, er hat auch das gethan. Immer wieder ruft er aus: Macht man denn Amulette aus eigener Phantasied Man schreibt ja doch solche nur nach Ueberlieferung ab, wie man es überkommen hat. Warum er jedoch nicht so klar und unzweideutig auseinandersetzte, dass es Alle verstanden hätten, darauf ließen sich hundert rechtschaffene Antworten geben. Mr müssen es uns hier versagen, das Auf- und Abwogen des schrecklichen Kampfes darzustellen, der sich an diesen Amuletten zunächst in Altona und nachher in allen Gemeinden der europäischen Länder entzündete. Bannstrahlen flogen her und hin. Wie der Kampf zweier Athleten ist es anzusehen, von welchem bald der eine bald der andere niedergerungen erscheint. Da musste Jakob Emden, vom Banne getroffen, Altona fliehen, da wieder Eibenschitz sein Hamburger Rabbinat, die Ausübung seiner Gerichtsbarkeit in Brüche gehen sehen. Die Frage kam an die Behörden, der Professor Carl Anton, getauft, ein einstiger Schüler des Eibenschitz, trat mit einer Schutzschrift für ihn ein. Ein anderer Professor erklärte ihn als Christ im Geheimen und erwarb ihm dadurch den Schutz des Königs von Dänemark. Den Ausschlag für Eibenschitz gab aber doch vorzüglich Jecheskel Landau (Noda bijehudah), der weise wie ein Engel Gottes sprach. Schön äußert sich Vorstand und das Rabbinat der Prager Gemeinde gegenüber Josua Falk in Frankfurt: „Wie kannst Du Dich, ehrwürdiger Rabbi, nur überreden, dass Eibenschitz so abtrünnig, so lasterhaft und gottlos seid War er nicht jahrelang hier? Hat er nicht offenes Haus gehaltend Sind nicht Jünger, Freunde, Collegen, Nachbarn bei ihm ein- und ausgegangen vom frühen Morgen bis zum späten Abend d Hat man da nicht stets nur Heiliges, Frömmigkeit, Treue und Güte bei ihm wahrgenommen d" Me schonungslos gelästert und gekämpft wurde, zeigt folgender Umstand. Josua Falk war eine liebenswerthe, verheiratete Tochter gestorben. Alle Welt erwartete, er werde nach Art solcher frommer Männer es als Gottesstrafe ansehen, weil er gegen den großen Rabbi Jonathan so feindselig auftrat. Doch Jener rief thränenüberströmt aus: „O Gott, warum hast Du mich so hart gestraft d Habe ich nicht genug jenen bösen Ketzer Eibenschitz verfolgt d" Man sieht, wie wenig sich Menschen in dieser Welt auf ein Gottesurtheil berufen dürfen. So etwas lässt sich ja nicht so leicht nach eigener Anschauung herüber oder hinüber wenden. Jacob Emden, der die wunderlichsten, schmutzigsten und unglaublichsten Scandalgeschichten (Testamentsfälschung) zu erzählen weiß in seiner Erhitzung glaubt er jedem Zuträger), versteigt sich schließlich dazu, auch den einstimmig gefeierten Landau, der Eibenschitz schützte, hinabzuzerren. Er weiß auch schon von diesem eine scandalöse Ehescheidungsgeschichte zu berichten. Allerorten wurden peinliche Zeugenverhöre über vermeintliche Sabbathianer ausgenommen und brühwarm an Jacob Emden berichtet, der sich selbst „Eiferer, Sohn des Eiferer" nennt, so über den Rabbiner in Stampfen, den Rabbiner von Teplitz in Böhmen, von Rechnitz in Ungarn. Grätz scheint fast mit Schadenfreude den Verlauf dieses bösen Spieles zu verfolgen. In diesem Streite, meint er, habe sich die Hohlheit jener ganzen Geistesrichtung selbst an den Pranger gestellt, der Untergang des altrabbinischen Judenthums wurde aufgelockert, darauf ist eine neue, bessere Saat aufgegangen: Moses Mendelssohn! Da haben wir es jedoch wieder mit ähnlichen messianischen Verirrungen zu thun, wie sie so oft zu beklagen sind. Moses Mendelssohn hätte das Judenthum mit all' seinen segensreichem Einflüsse sehr wohl ohne besondere Erschütterung und Umwälzung verdauen können. Die vielfache Durchreißung des Gesetzes und die religiöse Gleichgiltigkeit, der crasse Jndifferentismus, daran wir leiden, ist Mendelssohn's edler Wirksamkeit am wenigsten zuzuschreiben. Aber der frische Luftzug, der durch die eingerissenen Ghettomauern hineinwehte, hat wieder einmal Sinnlichkeit und Weltendrang ein wenig außer Rand und Band gebracht. In Wahrheit zeigte sich auch nicht in und nach jenem Streite das altrabbinische Judenthum bereits abgestorben; es blühte vielmehr noch lange nachher voll innerer Kraft, und es blüht wohl sogar mannigfach heute noch. Betrachten wir nun noch Eibenschitz's letzte Lebenstage. Ein ehrsamer Friede kam nicht zu Stande. Obwohl Rabbi Jonathan ruhig in dem wiedervereinigten Rabbinate der drei Gemeinden saß, er selbst auch völlig schwieg, ergoss sich doch noch ferner über sein erhabenes Haupt eine wahre Fluth von Schmähschriften. Dazu kam noch über den Gedemüthigten der Tod seiner Gattin, Herzeleid mit seinen Kindern. Sein ganzes Lebenswerk sah er bedroht. Da griff er zum letzten Trostmittel, zu der einzigen Beschäftigung, die ihm noch beseeligen, beruhigen und erheben konnte. Während seine Gegner noch Schmähschriften Herausgaben, saß er schweigend wieder bei nächtlicher Lampe, ordnete seine Manuscripte, und gab noch bei Lebzeiten das erste seiner vielbewunderten drei Werke heraus: „Kcethi Uplethi." 1760, im Alter von vierundstebzig Jahren, starb er nach anderthalbjährigem Hinsiechen. Jonathan Eibenschitz, der Held Israels, lag hingestreckt auf seiner Todtenbahre, ähnlich wie einst Saul und Jonathan auf den Bergen Gildas, während noch der Kampf ringsumher tobte. Die zwei letzten Worte aus Goethe's Faust werden um ihn her vernehmbar: „Er ist gerichtet! er ist gerettet!" Wehklagen und Verherrlichung in dem einen Lager, Erlösungsgefühl und Verfluchung im anderen. Jecheskel Landau, die erste rabbinische Autorität der Zeit, hält ihm einen rühmenden Nachruf, Jacob Emden lästert den Lobredner. Uns scheint an der Bahre Rabbi Jonathan's das schöne Wort am Platze, welches der große Shakespeare seinen Antonius an der Bahre des ermordeten Julius Cäsar sprechen lässt: „O, edler Hirsch, der hier gefallen liegt! Du weite Welt warst Wald für diesen Hirsch. Und er, o Welt, war seines Waldes Stolz!" Sein Lebensgenius hat ihm doch Alles gehalten, was er ihm in jungen Jahren schmeichelnd in's Herz geflüstert hat. Er hat ihn zur großen Bedeutung emporwachsen lassen, zur Bedeutung bis auf den heutigen Tag noch. In Pressburg wird die von Chatham Sofer eingeführte, von dessen Sohn und Enkel weiter geübte Methode Schilthot in der Halacha gerühmt (die Zusammenstellung und Begründung aller Lehrmeinungen über jedes einzelne Thema). Diese bewährte Methode stammt, wie man aus den Eibenschitz'schen großen Werken sehen kann, von Rabbi Jonathan her.