Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 38 (11.12.1899)
- Date
- 1899-12-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 38. Die Wahrheit. Seite 11. Der Nihilist. Ein Zeitroman ans dem russisch-jüdischen Leben. Von Moritz Scherbel. (Nachdruck verboten.) (26. Fortsetzung.) Außerdem war sie noch tief religiös, während Jene die Vorschriften des Judenthums ignorirten und sich sogar in Spötteleien darüber ergingen. Frau Aronson trägt das Haupthaar noch tief verhüllt. Zehn Minuten darauf befindet man sich bei Tische. Die Speisen sind streng rituell zubereitet, denn Frau Aronson lässt sich von den diesbezüglichen Anschauungen ihres Mannes nicht beirren. Als Lolkind Aronson noch in Mitail wohnte, und später noch in den ersten Jahren in Gomel, war er noch der Jude der frommen Gläubigkeit mit der Achtung vor den Geboten der ererbten Religion. Als er aber, zu einem größeren Vermögen gelangt, ein sogenannter Geldbaron geworden war, da schwand diese Anhänglichkeit an das Judenthum, und dem alten jüdischen Sprichwort gemäß: „Bekömmt man Meos, bekömmt man Deos (Geldgewinn macht andern Sinn)", änderte er in dieser Beziehung ganz und gar seine frühere Lebensweise. Dagegen hatte sich seine Frau die frühere Frömmigkeit streng bewahrt und trat dem deshalb oft über sie spottenden Gatten streng entgegen, wie sie auch, wie gesagt, in vielen anderen Dingen ganz anders dachte als er. Ihm war es freilich gelungen, den Sohn nach seinen Grundsätzen zu erziehen; allein er empfing bereits den Lohn dafür. Er erlebte keine Freude an seinem Werke, Iwan war ihm — tote "matt zu sagen pflegt — über den Kopf gewachsen. Iwan hatte sich auf der schwankenden Grundlage der Belehrung, die er von seinem verblendeten Vater erhielt, eine Moral aufgebaut, die diesen jetzt mitunter selbst anwiderte, umsomehr als seine väterliche Autorität gänzlich dabei verloren gegangen war. Wir werden jetzt wissen, warum das Gesicht von Frau Aronson so viel des Kummers und des Grames in sich barg, das Mutterherz konnte nicht gleichgiltig bei der Missachtung des Sohnes bleiben. War nun aber auch der Sohn ein Opfer der falschen Erziehung des Vaters geworden, so hatte sich die Tochter der beiden Gatten, Rahel, nach dem Grundsätze der Mutter herangebildei, die sich ihre Erziehung nicht hatte nehmen lassen. Freilich körperlich in ihrer Entwicklung stark zurückgeblieben, konnte sie als achtzehnjähriges Mädchen kaum Anspruch auf Beachtung erheben; allein ihr Gemüth war unverdorben und ihre Ansichten zeugten, wenn sie auch wenig sprach, von Vernunft und kluger Ueberlegung. Frau Aronson hatte immer, wenn ihr Gatte von dem Projecte der Verheiratung Rahelsj mit dem Sohne von Wandelowicz sprach, nur ein Lächeln für diese Abmachung. Sie wusste, dass daraus niemals etwas werden würde, schon darum, weil Rahel nicht hübsch genug war, um das Herz eines jungen Mannes, wie ihr Alexander geschildert wurde, einzunehmen, aber sie liebte ihr Kind nichtsdestoweniger. Sie hütete Rahel vor jedem Zusammensein mit Vater und Bruder, weil sie deren verderblichen Einflüsse fürchtete,- sogar bis auf die gemeinschaftlichen Mahlzeiten. Rahel speiste im Nebenzimmer. Anfangs waren es gleichgiltige Gegenstände, über welche sich die um den Tisch Sitzenden unterhielten, dann aber kam wieder Alexander in's Gespräch, und dabei wurde auch der jungen Dame erwähnt, mit der er hier im Hause eine Zusammenkunft gehabt hatte. „Die Zusammenkunft ist mit meiner Bewilligung und in meinem Beisein hier erfolgt, weshalb auch jeder Schatten fernbleibt, der auf den Charakter der Dame fallen könnte," sagte Frau Aronson mit einer Bestimmtheit, welche nur zu oft Aronson an seiner Gattin zu gewahren Gelegenheit hatte. „So" — sagte dieser — „und ich habe nichts davon zu , hören bekommen." „War auch gar nicht nöthig, und was die Rahel darüber gesagt, war auch zu viel und ist von mir gerügt worden." „Doch wie, sind wir nicht Beide in gleicher Weife dabei betheiligt, wenn wir den Grundsatz, ja die Pflicht gelten lassen, dass den Eltern die glückliche Versorgung ihrer Kinder obliegt? Du weißt so gut wie ich, dass Alexander zum Gatten unserer Rahel bestimmt ist, und dass daher von Deiner Seite eine Versündigung gegen Deine Tockter vorliegt, wenn Du jenem Verhältnisse Vorschub leistest." „Ich habe von jeher diese vorzeitige Bestimmung Alexanders für Rahel nicht gutgeheißen. Alan weiß nicht, wie diese Charaktere sich entwickeln können — und wie wir sie jetzt entwickelt vor Ins schauen — passen sie schon gar nicht für einander." „Eine sehr sorgsame Mutter" — sagte er mit höhnischem Lächeln. „Gewiss, wenn der Vater sein Kind verhandeln, verkaufen will. Hast Du Dir die Erziehung Deines Sohnes nach Deinen Zielen herausgenommen, so ist es mein Recht, die Tochter nach meinem Willen zu führen und ihr Schicksal zu bestimmen." „Es ist Dir trefflich gelungen, das muss man sagen," meinte er sarkastisch. „Doch jedenfalls so gut, wie Dir mit Deinem Sohn —" „Wo ist sie denn, meine Tochter, die wohlerzogene? Ich vermisse sie auch heute, wie immer an dem Tisch. Rahel!" rief er von seinem Sitze aus nach dem Nebenzimmer, — und die Tochter erschien im nächsten Augenblicke. Sie richtete ihr schwarzes, frommes Auge auf den Vater, wandte es indes bald darauf der Mutter zu, als ob sie bei derselben Anweisung für' ihr Verhalten suchen wollte. „Rahel, warum bist Du nicht bei Tisch?" fragte rauh Aronson. „Weil es die Mutter nicht will" — „Gewiss, so habe ich es bestimmt," sagte diese bestätigend. Sie passt nicht in Deine Gesellschaft, wo Deine gottlosen Reden jedes religiöse Gemüth beleidigen, jedes fromme Herz kränken müssen." „Nun seht Ihr?" — wandte sich der also Belehrte Wandelowicz zu — „Sie will aus ihr eine Rebbezin machen und ich will es nicht leugnen: Anlagen hat sie dazu und das fromme Bacherl mit Schlaflocken wird sich auch für sie finden. Oho, ich werde noch einen sehr frommen Schwiegersohn bekommen und dadurch selbst noch auf die Liste der Chassidim gelangen, da behüte Gott vor!" — und er lachte hell auf über den Witz, den er gemacht. Seine Frau warf ihm einen Blick der tiefsten Verachtung zu, nahm ihre Tochter bei der Hand und entfernte sich aus dem Zimmer. „Bei Allem dem habe ich nicht erfahren, wo man Alexander aufsuchen könnte," sagte Wandelowicz, selbst angewidert von der Scene, deren er Zeuge gewesen. „Lasst es nur gut sein. Ich muthmaße, dass meine Frau weiß, wo er sich aufhält und man wird es, wenn man es klug anstellt, von ihr auch erfahren." „Auch ich werde mir Mühe darum geben," sagte Iwan aufstehend und sich zum Ausgehen zurecht machend. Mit ihm verließen auch die beiden Anderen das Hans. 8. Jtuv Kirr liebt getcrrrgt. Helle Maisonne glänzt hernieder auf ein russisches Landgut, das einen großen Häusercomplex in sich vereinigt. Von den Gebäuden hebt sich ein massives Haus mit griechischem Giebel und Colonnaden auf's Vortheilhaftcste ab. Durch die geöffneten Fenster werfen wir einen Blick in das Innere desselben und überall tritt uns Reichthum und Eleganz entgegen. Prachtvolle buntfarbige Tapeten und Draperien lassen auf große Wohlhabenheit des Besitzers schließen. (Fortsetzung folgt.)