Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 27 (21.8.1899)
- Date
- 1899-08-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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re Rcdaction u. Adiniiustration: tvien, Ul\, Hooaragaffe 27. K. k. österr. Postsparcassa Chcck-Conto Nr. 846.251. Inserate 1ü Kreuzer per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar. Zeitschrift für Mische Erscheint jeden achten Tag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Bezugspreis: Ganzjährig.fl. 6.— Halbjährig.fl. 3.— Für Lultusbeamte: Ganzjährig.fl. 5.— Für Ausland: Ganzjährig.12 Mark 6 Rubel oder 16 Frcs. Nr. 27. Wien» 21. August 1899. Inhalt: Der Ziomsten-Congress in Basel. — Zur Geschichte der jüdischen Tradition. — Jonathan Eibenschitz. — Zum jüdischen Synagogen- und Gemeindeleben im Mittelalter. — Berichtigung. — Gemeinde- und Vereinsbote. — Feuilleton: Heimweh. — Imitation. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der Nihilist. Der 7'ionilleil-CoilgreIs ill Lasel. Mit gespannter Aufmerksamkeit waren in den letzten Tagen die Blicke aller Juden nach der gastlichen Stadt Basel in der freien Schweiz gerichtet, wo zum dritten Male der Congress der Zionisten tagte. Innerhalb der Partei selbst hat sich eine große Spaltung vollzogen, die sogenannten „Politischen" sind in arger Fehde mit den „Colonisten", und der Congress wurde diesmal fast ausschließlich von den ersteren beschickt. Aber mag man den „politischen oder culturellen" Zionismusanhängern oder beiden Richtungen mit kühler Reserve gegenüberstehen, so darf man dennoch nicht die Bedeutung des Congresses unterschätzen; sie liegt nicht so sehr in den gefassten Beschlüssen und den gehaltenen Reden, als vielmehr in der vom allgemein jüdischen Standpunkte hocherfreulichen Thatsache, dass jüdische Delegirte aus allen Richtungen der Windrose, beseelt und begeistert vom Gefühle der Zusammengehörigkeit, in ernster Berathung sich vereinen und Mittel und Wege suchen, um die traurige Lage der in Roth und Bedrängnis gerathenen Brüder zu verbessern. Auch Derjenige, der die „staatlichen" Pläne der Zionisten als Chimäre belächelt oder gar das Streben nach solchen Zielen als eine Gefahr für das Judenthum bezeichnet, wird einer Bewegung die Achtung nicht versagen können, die es verstanden hat, das tief darniederliegende jüdische Bewusstsein so mächtig aufzurütteln. Was jüdisch ist am Zionismus, erwirbt allgemein Sympathie, und um diese zu erhalten, wird er alles Nichtjüdische ablegen müssen. In diesem Sinne bringt gewiss jeder denkende Jude dem Zionisten-Congresse ein hohes Interesse entgegen und mit Rücksicht darauf wollen wir auch im Nachfolgenden ganz objectiv über den Verlauf desselben berichten. Die officielle Eröffnung des Congresses war erst für den 15. August anberaumt, aber bereits am Tage vorher gab es verschiedene Conferenzen und Berathungen. In einer derselben wurde das von einem amerikanischen Delegirten vorgeschlagene Colonisations-Project auf der Insel Cypern verworfen. Großes Interesse bot die Conferenz der Vertreterinnen der zionistischen Frauen-Organisationen unter dem Vorsitz der Frau Professor Gottheil aus New-Iork. Es waren 51 Damen anwesend. An der Discussion betheiligten sich besonders: Frau Professor Gott heil (New-Z)»rk), Frau Dr. Sidonie Kahn (Wien), Fräulein Jmas (Nikolajew), Fräulein Schach (Paris), Fräulein Wolpe (Frankfurt a. M.), Frau Dr. Leon (Wilna). Zur Ehre der Damen muss bemerkt werden, dass die meisten mit vieler Sachkenntnis und recht vernünftig sprachen, und die Auffassung, die zum Beispiel die Vorsitzende vom Zionismus bekundete, könnte von Jedermann gebilligt werden, der auch den zionistischen Kreisen ganz ferne steht. Sie sagte unter Anderem: „Jeder Jude soll die Verpflichtung fühlen, für der Juden Rechte einzutreten, und die Solidarität, die man uns für das Vergehen jedes einzelnen Juden aufgezwungen hat, auch nach der guten Seite zu bethätigen." Eine Dame aus Russland berichtete, wie es den zionistischen Frauenvereinen daselbst gelungen sei, Schulen einzurichten und für die Erziehung und Bildung der jüdischen Jugend Sorge zu tragen. Frau Dr. Kahn ans Wien schloss ihre Ausführungen mit folgenden markanten Worten: „Für mich ist der Zionismus keine politische und keine sociale Bewegung, für mich ist der Zionismus Menschlichkeit, sonst nichts." Dienstag, den 15. August, 10 Uhr Vormittags, wurde der Congress in Anwesenheit von ungefähr 300 Delegirten durch Dr. Theodor Herzl eröffnet. Nach Begrüßung der „Abgeordneten des jüdischen Volkes" dankte er der Stadt Basel für die gastliche Aufnahme und wies auf die Tendenz des Congresses hin. „Wir sind hier nicht, um uns mit den inneren Vorgängen der einzelnen Länder, deren Bürger wir sind, zu beschäftigen. Jeder solche Versuch wäre ein schwerer Fehler und würde nur dazu dienen, falsche Vorstellungen von unserem Congresse hervorzurufen. Wir sind hier lediglich, um über die Lage unseres Volkes zu berathen und eine ebenso gesetzliche wie menschenfreundliche Lösung unter der Controle der öffentlichen Meinung vorzubereiten. Dass wir nichts Anderes Vorhaben, das wurde durch all' unser bisheriges Thun und Lassen erhärtet. So ziehen wir selbst unserem Wirken die unanfechtbaren Grenzen: wir wollen uns um das Wohl des jüdischen Volkes bemühen. Das ist unser Recht. Es ist auch unsere Pflicht. ..." Nach einer Darstellung der zu überwindenden Schwierigkeiten, sowie der Erfolge, welche im abgelausenen Jahre erreicht wurden, fuhr der Redner fort: