Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 13 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 13. Die Wahrheit. Als Baruch Kazows ältester Junge vom Militär nach Hause kam und im Städtchen sich eine Geflügelhandlung anfmachte, seufzte er auf: „Jg, and're Leute haben Freud' an den Kindern, wenn Alle reden^'müß ich schweigen." „Schlaume,'ve,rMdige Dich, nicht", hatte Fanny, die von ihrer Tochter ' erfahren hatte, dass Josua in der Residenz so gefeiert sei, ihm geantwortet, „auch Du kannst noch Freud' haben an den Kindern." „Mit was?" fuhr da Schlaume auf, „Du meinst, es macht mir Spass, wenn ich hör', dass er ist Comödiant geworden? Lass' mich nur zufrieden, ich will schon nichts mehr reden-" An einem Schabbes-Nachmittag saß der alte Reb Jossef mit Beer vor der Thüre. Trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit, es war Mitte September, schien die Nachmittagssonne doch ungewöhnlich heiß, und die Straße, die einzige, die das Städtchen hatte, war von den auf- und ab wandelnden jungen Mädchen bevölkert. „Hört Ihr denn gar nichts von ihm?" begann Reb Jossef auf's Neue das Gespräch, „er kann doch nicht verschwunden sein seit einem Jahr!" „In den Zeitungen steht nichts mehr von ihm drin, efscher hat er , die Stimme verloren, nu Garn su letowu, weiß man denn?" „Man könnte 'mal anfragen bei Rephoel Rüben, der wohnt doch auch in Berlin, oder bei Aron Loebel", meinte der alte Grand el. „Nein, Gott soll hüten!" rief Schlaume erschreckt, „ich will nicht, dass man denkt, ich kümmere mich um ihn". „Er ist doch aber ein gut' Kind gewesen!" „Ja, früher." „Und in Cheder hat er gelernt, und ein Blatt Gemore hat er gewusst und ein guter Lerner ist er gewesen." „Was soll ich thun?" seufzte Beer, „ich mach' mir genug Gedanken, wenn ich wär' ruhiger gewesen mit ihm, wenn ich ihn damals nach Hause genommen hätte, wie der Kazow ihn hat in Berlin getroffen, aber so, nu wer weiß, was Einem ist auferlegt, muß man tragen." „Gewiss", fiel Reb Jossef hier ein, „wir Menschen sind Alle Medinegeiers, lieber Beer, Jeder hat sein Päckel, Einer eppes größer, der And're ein bischen weniger, kommt in Schul', es ist Zeit zu Minche, da kommt schon Reb Jizchok, der hat die Zeit im Kopf." Beer erhob sich und ging voran, während Grande! aus Reb Jizchok wartete. Als dieser ihm nahe genug war, reichte er ihm die Hand. „Masel Tow, Jizchok, Euer Awrom hat sich verlobt, Masel Tow." „Bei Euch in Freuden, bei Eurer Lea", gab der Alte zur Antwort, dann gingen sie Beide in den Tempel hinein, wo man auf den zehnten Mann zum Minjan schon wartete. Vor dem Tempel gingen die beiden Freundinnen Lea und Jenny Arm in Arm noch immer auf und ab. Sie waren lustig, lachten und scherzten. „Zeige mir noch einmal den Brief", bat Lea, „ich kann es immer noch nicht glauben, dass es wahr sein sollte, wirklich wahr sein sollte." „Sei kein Kind", beschwichtigte Jenny die Erregte, „weshalb soll es nicht wahr sein? Ich habe damals, als er vor sechs Jahren von Hause fortging, gewusst, dass er einmal Chasan werden musste, ja, er musste es, denn es lag in ihm drin, in seiner Natur, in seinem Wesen. Wäre der Vater damals weniger heftig gewesen, es wäre gleich anders geworden." — „Es sollte so sein, es ist Alles Bestimmung", flüsterte die gläubige Lea und ihr Herz hüpfte vor Freude bei dem Gedanken, den Jugendgespielen, den Freund, wiederzuseheu. Ihre Augen blitzten und ihre Wangen glühten, wenn sie an ihn dachte. „Gib mir den Brief", bat sie noch einmal, „ich will sehen, dass es wahr ist, gib mir den Brief:"- Seite 13. Als Reb Jossef heute Abend nach Hawdola sein Kind benschte, war es ihm leicht um's Herz, das Gluck, welches aus den Augen seines Kindes ihm entgegenstrahlte, spiegelte sich in der Seele des Vaters wieder. Wohl hatte er mit Lea gelitten, aber er hatte geschwiegen, jetzt legte er nochmals die Hände auf das Haupt seiner Tochter — ,,wejossem I‘'cho scholaum!“ flüsterte er. — — — — — * * -i- Wieder war es ein Erew Jom Kippur, und wieder, wie damals vor Jahren, stand Jenny Beer am Fenster und schaute hinüber zu den Bergen. Neben ihr stand Josua. Er war größer geworden und stärker, sein etwas gebräuntes Gesicht wurde von einem schwarzen Vollbart umrahmt. Seinen rechten Arm hatte er um Jenny's Schulter gelegt und leise sprach er auf sie ein. Die Eltern waren hinausgegangen, um sich umzukleiden, und die Geschwister blieben allein. So viel, so unendlich viel hatten sie sich zu erzählen. „Und Du liebst ihn wirklich?" fragte Josua eindringlich. „Wie mein Leben, aber Du weißt doch, er ist arm", seufzte Jenny mit niedergeschlagenen Augen. „Das soll sein größter Fehler sein", lächelte Josua, „dann wirst Du sehr glücklich werden, mein Kind, so glücklich, wie Du es verdienst." Er küsste der Schwester die Stirn, als Schlaume gerade eintrat. Dieser schien jünger geworden zu sein, sein Auge leuchtete und sein Gang war elastisch. „Josua, Du bist noch nicht drüben gewesen bei Reb Jossef, Du hast vor der Schul' noch hingehen wollen!" „Ja, Vater, ich werde gehen, doch eine Bitte habe ich noch vorher." Jenny machte sich verlegen an den Blumentöpfen zu schaffen. Beer aber fragte erstaunt: „Was ist's, mein Sohn?" Er war so glücklich heute und sein Kind hatte eine Bitte, die er ihm erfüllen konnte — was war's? Josua trat dicht an den Vater heran. „Du weißt, Vater, dass Jenny und Mordche Panitzer olow hascholaum, sein Sohn, sich gern haben, gib sie zusammen." Beer runzelte die Stirn. Mordche Panitzer war ein bekoweter Balbos gewesen, der trotz seiner Armuth lange Jahre Vorstand der Gemeinde war, sein Sohn aber hatte es noch nicht weit gebracht; er war ordentlich und fleißig, das war schließlich die Hauptsache, und wenn er das Kind glücklich machte, Josua war Cantor einer großen Gemeinde in Schlesien, er selbst, Beer, war nicht mehr jung, wenn Wolf Panitzer das Geschäft später übernahm, hatte Schlaume für die Kinder ausgesorgt. Seinem Sohne die Hand reichend, sagte er leise: „Nach Jom Kippur soll er kommen, jetzt aber geh' herüber zu Reb Jossef", dann drückte er die vor Freuden weinende Jenny an seine Brust. Als Fanny ihren Gatten und ihre Tochter so dastehen sah, wusste sie genau, was vorgefallen war. Das hatte sie vor Kurzem nicht geträumt, das war mehr Sonnenschein und Glück, als sie erwarten durfte — — Josua aber war aus dem Zimmer verschwunden, ein Wiedersehen hatte auch er noch zu feiern — er eilte hinüber zu Lea — — — * ., * Im Tempel waren die Balbattim schon versammelt, auch die Frauenschul' war gedrängt voll. Heute war Alles herbeigeeilt, um Vergebung zu erlangen von dem himmlischen Vater. Am Rausch ha schonoh wird das Urtheil gefällt und am Jom Kippur wird es niedergeschrieben. Buße, Gebet und aufrichtige Reue nur wenden ab das schwere Verhängnis. In den Sterbekleidern standen die Männer, den Talles über den Kopf geschlagen. Reb Jossef konnte heute nicht vorbeten, Josua stand vor dem Omed.