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Die Wahrheit · 1899-01-01 · Heft 1 (1.1.1899) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 1 (1.1.1899)
Date
1899-01-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 1. Die Watyrfyeit. Seite 15. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben Lon Moritz Scherbel. (Nachdruck verboten.) Der Flüchtling. In dem weitgedehnten Zarenreiche, wo die Racen und Volksstämme ohne Zahl und in den verschiedensten Nüancirnngen sich zusammengefunden. wo riesige Landstriche jeder Verbindung mit den Stätten der Civilisation entbehren und die Cultur nur schwer und mühsam sich vorwärts ringt, dort finden wir auch den größten Theil der Juden noch nnverrückt in der gesellschaftlichen Stellung längst verflossener Zeiten. Die Jahrhunderte sind an ihnen vorübergeschritten, ohne ihr Glauben und Bekennen, ihr. Denken und Fühlen in irgend welcher Weise geändert zu haben. Ihr religiöses und gesellschaftliches Leben, ihre Ansprüche an Zeit und Welt, Alles bewegt sich dort noch in der Gangart der Groß- und Urgroßväter und die Zähigkeit, mit der man an dem Uebernommenen und Ererbten festhält, erstreckt sich oft auf das Kleinlichste und Geringfügigste. Das Alte, wie ein Heiligthum, vor der zerstörenden Hand der Neuerung zn bewahren, gilt als ein frommes Verdienst und wird zuletzt zur Sache der Religion. So denkt der größte Theil der in Rußland wohnenden Juden. Diejenigen, welche bereits von dem Baume der besseren Erkenntnis gekostet, sind gering an Zahl. Wo aber der unmittelbare Uebergang ans den tiefen Schächten der talmudischen Theorien in die kristallisirten Ergebniße der modernen wissenschaftlichen Forschungen stattgefunden hat, war die Wirkung eine stark verblendende und verwirrende, die in den meisten Fällen das Extrem hervorrief. Da konnte es wohl geschehen, dass dort, wo früher die starrste Altgläubigkeit, wenn nicht gar der Obskurantismus, vorherrschend gewesen, sich jetzt ein Geist breit machte, der gänzlich mit der väterlichen Tradition brechend, das Zusammengehen mit der Religion in ostentativer Weise anfsagte, den Gottesglanbeu belächelte und dem Atheismus rücksichtslos seine Huldigung darbrachte. Und als ob es an Gegensätzen nicht fehlen soll, sehen wir hier auch den Chassidismus sein Unwesen treiben, wird mit der Wunderthäterei in freventlicher Weise gespielt, und es gibt noch Inden, die sich nicht zu versündigen wähnen, wenn sie einem Menschen göttliche Verehrung entgegenbringen. Ein Brnchtheil russischer Juden weiß wohl wahreFrömmigkeit mit weltlicher Bildung zn vereinigen, wie es denn auch schon früher bei den Inden in Rußland an Lichtgeistern nicht gefehlt hat, die in ihrer Denkweise und geistigen Begabung ihre Zeitgenossen weit überragten. Allein sie waren nur Meteore, die anfstiegen und bald wieder niedergingen in dem grauen, trüben Dunstkreise, in welchem die Masse sich bewegte, znm Theil auch als Märtyrer ihrer Ueberzeugung zum Opfer fielen. Unweit der Beresina, jenes Flusses, der einst dem ersten Napoleon so verhängnisvoll geworden, liegt die Stadt Gomel, in welcher einige tausend Inden wohnen. Es war im November, ungefähr 10 Uhr Abends, und tiefes Dunkel lagerte bereits über dem Orte. Aus einem einstöckigen Hause in dem besseren Theile der Stadt füllt durch die. breiten Fugen der Fensterläden ein mattes Licht auf die Straße, während ringsum waltende Dunkelheit und Stille die vorgerückte Abendstunde verkündet. Da Hallen Schritte durch die Nacht. Ein junger Mann nimmt eilends seinen Weg nach dem erleuchteten Hanse und bleibt vor demselben stehen. Er pocht hastig an die Thür. Es vergehen einige Minuten, ehe ihm geöffnet wird, und in dieser kurzen Frist spielt sich auf dem bisher stillen und leeren Platz eine aufregende Scene ab. Von der nahen Straßenecke biegt plötzlich ein zweiter junger Mann ein, eilt oder stürzt vielmehr auf den Wartenden zu und bleibt vor ihm stehen. Er kommt so plötzlich, dass er diesem wie aus dem Boden gewachsen scheint. Keuchenden Athems versucht der Angekommene zu sprechen; er vermag es im ersten Augenblicke nicht. In der Pause hört man dröhnende Schritte, die ans der Ferne zu den Beiden dringen. „Wollen Sie das Verdienst haben, einen Menschen vom Untergänge zu retten?" begann endlich in heftiger Erregung der zuletzt Angekommene — „wollen Sie diese» Verdienst haben, so lassen Sie mich hier eiutreten und verbergen Sie mich!" „Wer sind Sie?" „Ich bin ein Verfolgter! Bitte, öffnen Sie um Gottes Willen, ehe es zn spät wird!" Immer näher kamen jene Schritte, aber schon wurde die Thüre des Hauses von innen erschlossen, und im schmalen Hausflur erscheint eine junge Dame von vollendeter Schönheit, in der hvcherhobenen Hand ein brennendes Licht haltend, welches die Umgebung nur schwach erleuchtet. „Gabriel, Sie bleiben heute sehr lange aus, der Großvater wartet ungeduldig . . ." sprach sie, unterbrach sich aber plötzlich als sie der zweiten Männergestalt draußen ansichtig wurde. „Dies erkläre ich Ihnen später, Fräulein Fremma. Vorerst haben wir hier Beide ein gutes Werk — ich glaube wenigstens — in der Rettung dieses jungen Mannes zu vollbringen, die Verfolger sind ihm auf den Fersen!" Und schon war der Sprechende auf dem Hausflur, den Flüchtling hinter sich herziehend. Die Thüre fuhr in's Schloß und der mit Gabriel Angeredete drehte den Schlüssel um. Jetzt aber waren auch draußen schon die Verfolger des jungen Mannes zur Stelle. Sie hielten vor dem Hause. Sie hatten die Thür desselben schließen gehört und nahmen an. dass ihr Opfer hier seine Bergung gefunden. Laut pochten sie an die Thüre. „Schnell, Fräulein Fremma, verbergen Sie den jungen Mann, er darf in keinem Falle bei uns hier gefunden werden!" Während Gabriel dieses sprach, ruhte der Blick der simgen Dame mit sichtlichem Interesse auf Dem, der ihrem Schutze übergeben ward. Hoch und schlank gebaut, hatte die gefährliche Lage, in welcher er sich befand, seine manneswürdige Haltung nicht gebeugt, wenn auch einige leichte Falten auf der hohen, weißen Stirn von den Sorgen sprachen, die ihn erfüllten. „Ich glaube, dass ich am Besten thue^. wenn ich den Herrn nach des Großvaters Bücherzimmer bringe. Der kleine Raum liegt verborgen genug, um nicht allsobald entdeckt zu werden. Sonst — —." „Aufgemacht, im Namen des Gesetzes!" ertönte es von draußen, wobei heftige Schläge nach der Thüre fielen. „Wartet doch, es soll sogleich geöffnet werden^, gab Gabriel ziemlich gefasst zurück und machte sich mit dem Schloße zu schaffen, während die Dame mit dem Flüchtling in dem Hintergründe des Flures verschwand. Dunkelheit waltete auf demselben, aber im nächsten,Augenblicke öffnete sich eine Thüre an der Seite Gabriels und aus dem hi-rdnrch erschlosseneu Zimmer fiel einige Helle, die das Nöthigste erkennen ließ. Unmittelbar darauf trat aus dem Raume ein schon vom Alter gebeugter Mann, auf dessen Gesicht Staunen und Besorgnis in gleicher Weise sich zeigten. „Was gibt es denn hier eigentlich und was bedeutet der Lärm?" sprach er, seinen fragenden Blick auf Gabriel richtend. Dieser kam nicht dazu, den Alten anfzuklären, denn schon traten die Männer des Gesetzes in das geöffnete Haus; zwei von den sogenannten Geheimgensdarmen. „Hieher ist ein junger Mann geflohen, den wir verfolgen und hier muß er sein. Gebt ihn heraus!" sprach der eine der Beiden im barschen Tone und ließ seinen forschenden Blick in dem engen Raume umherschweifen. „Ich selbst bin wohl nicht der Verfolgte und außer mir sehen Sie keinen jungen Mann hier", gab Gabriel höflich zur Antwort. „Und doch, hier, hier muß er sein. Wir hörten^ von der rechtsliegenden Straße ans hier die Thüre sich öffnen und schließen, zugleich ist aber auch der Nihilist verschwunden!" „Der Ni—hi—list?!" rief der Alte mit tiefem Erschrecken, und auch Gabriel wechselte die Farbe. (Forrsevung folgr.)

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