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Die Stimme · 1936-01-12 · Heft 610 (12.1.1936) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 610 (12.1.1936)
Date
1936-01-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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STr. ßlO. — Wien, Dienstag, 12. Jänner 1937. Oll STIMM! Seit« 5 Vision Von Alfred Werner Diese Dichtung entstand unter dem Eindruck der gleichnamigen Klavierphantasie, Opus 17, von Julius W olfs o h n, die der Komponist im Rahmen des Konzertabends Jos6 Kanias zum Vortrag bringen wird. I. Fanfaren! Hell auf hohen Marmorsäulen steigt mit breiten Stufen Gottes Haus den Berg hinan — doch heut erlöscht, Ihr Gold- und Silbertönc! Schweigt, des Alltags Stimmen, ihr! Erlöst von Hast und Wahn des Tempelrufers Inbrunst jubelt, orgelt, geigt vor Schöpfers Güte, bis ihm Antwort wird: Orkan, entfacht in Judenherzen, jung und alt, es neigt vor keinem sich der Sinn, und, keinem untertan, die Männer, Frauen, Kinder schreiten ungebeugt; die starke Sonne strömt den Glanz auf freien Plan —- — Gesang! Noch unser ist die Herrschaft, ohne Fehl, der Geist des Ewigen wacht über Israel! U. Weh, sckuldbeschwertes Volk! Der Ewige ward dir Hohn, nach frevlen Lüsten giert dein Sinn, nach eitlem Tand; wohl formte dich der Himmlische aus gleichem Ton wie all die Völker rings, doch hat Er dich erkannt, erkoren dich, als Schild zu stehn an seinem Thron•— doch du zerrissest wie ein plumpes Tier das Band, bist aus dem Tempel in die gelle Welt entlohn ... Nun hilf dir selbst! Ich stoße dich in Feindesland, des Leidens Kelch zu leeren, deiner Untreu Lohn, und hebe toeg von deinem Haupt die Vaterhand -=■ Der Völker Wahnwitz grabe dir das Wissen ein: Dir sollen neben mir nicht andre Götter sein! UL Nun vierzigmal die vierzig Jahre Wanderung, mm Geißelhieb auf wunde Rücken, Ohnmacht, kaumein Erdenrest, der Frieden böte, und der Schwung von Peitschen, Dampf der Feuer mischt sich noch dem Traum-— Jerusalem, verwüstet zwar, rf^ch ewig jung, steigt über Schutt und Moder auf atn Himmelssaum, und während mancher wähnt: Wir sind der Erde Dung, daß Gottes Same sprieße rings im Erdenraum — ein starker Geist, dem Weltgeschehn voran im Sprung, sieht Früchte tragen schon des Volks noch kargen Baum — Denn niemals losch, im Meer von Blut und Tränen nicht, das Lämpchen Hoffnung —• Flammensüule Zuversicht! IV. 'Als Freund und Feind längst glaubten: Dieses Volk ist tot, im Wüstensand Verdorrt, erstickt im Völkerschleim — erwuchs dem Stamm ein neuer Stcunm in Drang und Kot, in gierig junge Herzen senkte sich der Keim des Feuers — bis im Sturm das alte Dach verloht... Ein neues Haus auf eignem Boden ist der Reim des Denkens, Fühlens; auf der Fremdheit bittres Brot legt frischer Hoffnung Kunde sich wie Honigseim: Du Morgenland, im Schein der Morgensonne rot, wir küssen deine Erde, denn wir kehrten heim. Fanfaren, dröhnt/ Du Lied der Arbeit jauchze! Preist des Volkes neue Jugend — uralt heiligen Denkt an die jüdische Zukunft > Denkt an die Zukunft eurer Kinder / IEB1 FÖR DEN AllFAL MIÜAMK Josef Kornett als MustkeU OsltopoUe Jüdische Bühne Auf der Bühne steht,: die Narrheit als Spiegel der Welt! „Alle Narrheit erschöpfen — so gelangt man zum Boden der Weisheit!“ spricht einer unserer Wissenden. Herechele Ostropoler, der Till Eulenepiogel des jüdischen Ostens, bringt Verwirrung in die Gemeinde der Ghassidim. Der Spaßvogel, der Schwätzer, der Niemand bewirkt das Wunder, daß ans den die Frommen bitter befehdenden Misnagdim selbst, Chassidim werden, er berauscht die Gemeinde mit seinem Nigun, Rabbi Dowidl übergibt ihm die Führung, der Narr spricht Recht und gibt Rat, er verhilft auf die natürlichste Weise der Frau des Rabbi zum Kinde — die Welt, die soziale Ordnung ist umgeetülpt, ein Nichtsnutz thront auf des Rabbi Sitz — und lehrt ihn zum Abschied, Mißmut und Groll besänftigend: diese W. eit so zu nehmen, wie sie ist! Josef Kamen ist der Herechele in der berühmten Komödie von M. L ü f t s c h ü t z. Man vergißt, daß man sich im Theater befindet, man möchte dem Entlarver laut zujubeln, der Menschen und Dingen die Maske herunterreißt, der den Ernst, lächerlich und das Lachen tragisch macht, dem Rebellen, der am Strick die Brotkruste nachsohleift und der doch den einfältigen Landjuden1 des Messias Zeiten vorzugaukeln weiß! Wenn Herscheie seine Melodie singt: mit dem ganzen Körper, wenn er uns mit der Überlegenheit des Alleswissers und Habenichtses umspinnt — dann zuckt es uns in den Gliedern, dann werden wir selbst zu liediberauschten Chassidim; und wie die Szene verläßt, in Bettlerfetzen, wie er gekommen — da krainpft sich uns das Herz zusammen in der, unheimlichen Stille des Scheidens... Man findet schwer die Worte, Kämens schauspielerische Leistung zu würdigen. Eiu Mensch steht auf der Bühne, biutvoll, lebensecht, stark — und doch wieder: Abstraktion, Sinnbild, wehmütiges Gleichnis des irdischen Seins! Kamen, dem Schauspieler und Regisseur dieser tiefsinnigen Komödie, umgeben hochwertige Leistungen der anderen Darsteller: Leopold Jungwirth ist der. weiche philosophische Rabbi Dowidl, die liebliche Nadja K a r e n i seine Frau.; bis in die kleinsten Rollen ist jedes Wort, jede Geste dnrohfühlt, durchdacht. Vollendet hat der Regisseur die chassidische Atmosphäre wiedergegeben, ihre besiegende Gottfröhlichkeit. Wenn die jiddischen Bühnen doch diese Höhe der Gesamtleistung einhalten, diesen literarischen Geschmack ihren Spielplan regieren ließen und nicht so leicht wieder zu seichten Machwerken absinken würden! Das jüdische Publikum will unterhalten und erhoben werden — das beweist der große Erfolg des Herscheies Ostropoler! Dr. Alfred Werner. Port Arthur - arisch Als im Russisch-japanischen Krieg die russische Festung Port Arthur von den Japanern erobert und definitiv unter ihre Herrschaft gestellt wurde, bedauerte man dies in Europa und Amerika vielfach als eine Zurückdrängung der weißen Rasse durch die gelbe. Erst die Rassengelehrten des Dritten Reiches haben vor kurzer Zeit dieses deprimierende Gefühl beseitigt. Die Japaner dürfen zwar Port Arthur behalten, aber sie wurden, zugleich mit den Türken und Magyaren, zu Ariern ernannt. Nunmehr wurde in Prag die Arisiemng der ostasiatischen Hafenstadt radikal vollendet. Prager Filmproduzenten, darunter auch j üdische, stellten nämlich einen Riesenßm „Port Arthur“ her, dessen Mit wirkende, von den Darstellern der tragenden Rollen bis zum kleinsten Statisten, ihre rein arische Abstammung beweisen mußten, damit der Film, der jetzt in. Wien zu sehen ist, auch in Deutschland vorgeführt werden dürfe. Ob in Prag genug echte Japaner zur naturgetreuen Besetzung der japanischen Rollen zur Verfügung standen, ist nebensächlich, da die Gelben auch durch weiße Mitnen anstandslos dargestellt werden durften. Die Rassehschande beginnt erst dann, wenn ein Jude dasselbe 'wagt oder gar einen' Arier spielen will. Zur Vermeidung dieser Gefahr war eigens der reichsdcutsche SA-Führer Guhse zur ständigen Kontrollierung des Filmpersonnte nach Prag geeilt. Dieser Name wird ohne Zweifel in die Weltgeschichte eingehen, da sein Träger um so viel besser als die einstigen Generale des Zaren Port Arthur den Ariern zu erhalten, verstand.. Dr. H. Sp. Werfel-Reinhardt: ^/Wcg der Verheißung" New York, 10. Jänner. (JTA.) Das von Max Reinhardt inszenierte biblische Spiel von Franz Werfel, „Weg der Verheißung“, wurde am 8. Jänner irn Manhattan Opera Housc zu New York uraufgcfilhrt. Die 2700 Sitze des für dieses Spiel umgebauton Theaters waren alle besetzt, seit längerer Zeit waren keine Eintrittskarten mohr zu bekommen. Reinhardts Inszenierung, die von der amerikanischen Kritik als meisterhaft bezeichnet wird, ist eine der kostspieligsten in der Theatergeschichte, me soll mehr als eine .halbe Million Dollar erfordert haben. Nicht. weniger als 225 Schauspieder wirkten mit, dazu kam eine viele, hundert Köpfe zählende Komparserie. Träger der Hauptrollen waren Sam J a f f e, Rosamond P i n c h o t, Joseph M ac a u 1 a y, Catherine Carring ton, Thomas Chalmers, Olive Deering und Samuel Goldenberg. Der Erfolg bei Publikum und Presse war ein sehr starker. Max Reinhardt wird dann mit dem Stück eine Tournee durch andere amerikanische Städte unternehmen. Aufführungen sind auch in großen Städten Europas geplant. „Der Weg der Verheißung“ ist ein getreu nach der biblischen Historie und den biblischen Worten gestaltetes vierteiliges; Drama, das den Schicksals weg des Judentumsdurch die Geschichte darstellt. iiiiiiiiiiiiiiiiiuimiiiiiiiiiiitiniiiiiiiiiiiiiiiiinniminmiiiiiiiimiiiiiiniiiiimiiimiiiinmmiiiiniiiiiiim’ Nur ein einziges Mal spricht heuer Dr. Josef Käst ein (Haifa) in Wien. Das Thema lautet: „Palästina — das jüdis che S c hicks a l.“ Ort; Größer Musikvereinssaal. Zeit: 23. Jänner, präzise 8 Uhr abends. Karten zum Preise von S 1,60 bis S 5.75 beim Zionistischen Landesverband (Telephon U 22-2-11), den Bezirkssektionßn, der WIZO, Buchhandlung Mejstrik, Buchhandlung Lanyi, Jüdische Kunststelle, Buchhandlung Rath. Jüdische Kulturstelle I., Kai 3, Tel. R 28-2-36. Jeder Wiener Jude zahlt als Stammitglied der Jüdischen Kulturstelle nur S 1.50 jährlich. Jüdische Volkshochschule: Hebräisch-Eng-' lisebkurse. Vorträge über jüdisches Brauchtum und Kulturgeschichte. Jüdische Volkshochschulbücherei: Belletristik— Judaica. Neuerscheinungen. Jüdische Jugendbücher, Jüdisches Kulturtheater. Täglich 20 Uhr Scholem Alejchems Komödie „Schwer zu sein ein Jud’“, deutsch von Jakob Rosenthal. Regie: E. Jttbal. Sonn- und Feiertag&nachmit.- tagsVorstellung halb 4 Uhr „Die Grenze“ bei kleinen Preisen. Rezitationsabend Joachim Laatz. „Abenteurer und abenteuerliche Geschichten.“ Sonntag, 17. Jänner, 18 Uhr. In jedes jüdische Haus „Die Stimme” Aus der Kunsthalle Gegenwärtig sind in der von Hugo Friedmann geleiteten „Kunstha.lle“ der Jüdischen Kulturstelle eine Reihe interessanter Arbeiten jüdischer Künstler zu sehen. Roman Wach* t. e 1, der Sohn des bekannten Graphikers, hat zartgetönte Landechaflßbilder ausgestellt; besonderes Interesse erwecken die Arbeiten der jungen Blanka Tauber, die einer slowakischen orthodoxen Familie entstammt und erst nach Überwindung starker Widerstände den Malerberuf ergreifen kotinte. Außer einem Porträt einer slowakisch-jüdischen ßäuenini und kräftig bunten Landschaften ist ein vom Chassidismus inspiriertes mystisches Bild „Der Kreislauf des Lebens“ zu sehen, das, von fernher an Chagall gemahnend, die Stationen jüdischen Daseins wiedergibt. Einige Blätter aus der berühmten Mappe „Abschied vom Golus“ von Wachtel senior (Szenen aus dem chaluzischen Leben) vervollständigen die kleine, interessante Ausstellung. In diesem Zusammenhang sei noch auf den demnächst stattfindenden Ate-lierbesuch bei Lazar Kreatin hingewieeen; Hugo Friedmarm - wird seine Führungsgemeinde mit, neuen und älteren Arbeiten des Malers, der aus Ercz Israel für einige Zeit nach Wien zurückgekehrt ist, bekanntmachen. W. Richard Strauß Sachverständiger für Synagogetiwerk . Beim Wiener Zivilkmdesgerioht ist eiu- Prozeß anhängig, in dem als Kläger die Witwe des verstorbenen Solocellisten der Staatsoper, Josef S u 1 z e r, auftritt, die von der Israelitischen Kultusgemeinde. die Anerkennung des Urheberrechtes und Unterlassung des Eingriffes in ein Werk ihres' Mandes fordert. Der verstorbene Cellist war auch Chordirigent der Kultusgemeinde, und eines seiner musikalischen Werke wird noch heute an den hohen Feiertagen in den Synagogen zum Vortrag gebracht. Dr. Richard Smetana führte in seinei' Klage aus, daß Josef Sulzer ein Werk seines Vaters, des berühmten Oberkanters Salomon Sulzer, umgearbeitet habe, wodurch sich diese Schöpfung als eine urheberrechtlich geschützte Neubearbeitung darstelle. Überdies werden 46.000 Schilling an Tantiemen gefordert. Für -die beklagte 'Kultusgemeinde brachte Dr. Schenk vor, daß es sich bei der Umarbeitung um keine Neubearbeitung handle. Um diese Streitfrage zu klären, beschloß der Vorsitzende, Oberlandesgerichtsrat Doktor K1 a m p f 1, an Dr. Richard Strauß, als Vorsitzenden des Sachverständigenkollegiums für Tonkunst, eine Anfrage zu richten, der entscheiden soll, ob es sich bei denn um-.. strittenen Werk um. eine urheberrechtlich geschützte Neubearbeitung handle. „Die Elegien des Prinzen Schealthiel“ Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Wien fand am 4. d. M. ein fesselnder Vortrag statt, den Rabbiner Dr. Armand Kaminka über obiges Thema hielt. Die interessierte Zuhörerschaft pflichtete den folgerichtigen Ausführungen des gelehrten Vor-*, tragenden lebhaft bei, daß das von ihm im hebräischen Urtext rekonstruierte Werk da« ursprüngliche sei, nach welchem dann sowohl die lateinische wie alle weiteren Übersetzungen vorgenoonmen worden sein dürften. Die Entstehung ist in die Zeit etwa 100 Jahre vor E s r a zu verlegen. Die Bezeichnung des Werkes als „Esra IV. Buch“ sei daher fälschlich infolge von Mißverständnissen erfolgt. Rektor K r a u s z dankte dem Vortragenden für seine inhaltsreichen Ausführungen und hob hervor, daß, wenn Herr Dr. Kaminka nichts anderes als nur . die ausgezeichnete hebräische Fassung dieses Werkes der hebräischen Literatur geschenkt hätte, er sich damit schon ein unvergängliches Verdienst erworben hätte. H. H. Zionistischer Veranstaltung** holender Dienstag, den 12. Jänner 1937. 3. Bez.: Sektion und WIZO, III., Landstraßer Hauptstraße 9. Vereins- und Vortragsabend.; 1. Bez.: Jüdischer Klub der Jungen (J. K. J.), I., Goldschmiedg. 9, $ Uhr abends: SehachsimultantenkaTmpf Jungmeistor Rubinstein (Hakoah). 2. Bezirk: Sektion und WlZO Prater, Stuwerstraße 1, Uhr abends: Kultusvorsteher Ing. E. Buchbinder und Dr. N. Fr e y: „K ultusgemeindefrage n.“ 2. Bez.: Brith. Zion Poel, II., Novaragasse 29, halb 9 Uhr abends. S W e i n t ra u b: „Warum sind wir Allgemeine Chaluzimi'4

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