Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 514 (14.1.1936)
- Date
- 1936-01-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nu 514 — 14. Jänner 1986 Oll STIMMI Seif« 3 Die „Reichspost" und ihre „orthodoxen" Lieblinge Die katholische „Reichspost“ betreibt seit längerer Zeit eine unverantwortliche Hetze gegen die Selbstverwaltung der Wiener Kultusgemeinde. Und was noch trauriger ist, es gibt in Wien sogar jüdische Kreise, die so töricht und frivol sind, dem judenfeindlichen Blatt hiebei Schützenhilfe zu leisten. Vor etwa Jahresfrist hat ein kleiner Verein, der sich Adath Jisroel nennt und einen kleinen Teil der aus der ehemaligen ungarischen Slowakei entstammenden Orthodoxie vereinigt — dieser Verein besitzt ein eigenes Bethaus, die sogenannte „Schiffschul“ —, beim Kultusministerium eine Eingabe überreicht, in welcher er nach dem berüchtigten Muster der ungarischen Trennungsorthodoxie um die Erlaubnis zur Konstituierung einer eigenen jüdischen Gemeinde ansucht. Dieser Versuch der Sprengung der Einheit der Wiener jüdischen Gemeinde ist schon von vornherein deshalb zum Scheitern verurteilt, weil das Begehren den Grundsätzen der österreichischen Verfassung widerspricht. Das Begehren der „Schiffschulkreise“ hat in der Wiener Judenschaft, insbesondere aber in den Kreisen der Orthodoxie, die mit den Quertreibereien eines kleinen Klüngels nicht zu tun haben will, die größte Empörung wachgerufen. Wie lächerlich das Begehren ist, geht daraus hervor, daß der Verein Adath Jisroel bloß dreihundert Mitglieder zählt, von denen übrigens die meisten von der Aktion des Vereinsvorstandes nichts wissen wollen, und daß alle diese Mitglieder zusammen jährlich 18.000 Schilling Kultussteuer zahlen, während sie an Subventionen von der Kultusgemeinde mittelbar und unmittelbar mehr als 100.000 Schilling jährlich beziehen. Das Begehren dieser Gruppe, welche die Zertrümmerung der Wiener Kultusgemeinde anstrebt, findet schon seit ' langem die liebevolle Unterstützung der „Reichspost“. Die innige Verbindung zwischen der Adath Jisroel und diesem Organ, an dessen antisemitischer Einstellung sich im Wandel der Zeiten nichts geändert hat, ist unbestreitbar. Diese slowakische Trennungs- Orthodoxie gibt mit Ausschluß der Öffentlichkeit eine Zeitung heraus, welche sich „Jüdische Presse“ nennt. Es wiederholt sich immer wieder, daß Artikel aus dieser Zeitung, die in Wien vollständig unbekannt ist, in der „R e i c h s p o s t“ wiedergegeben werden, wobei das Blättchen in irreführender Weise zum „Organ der religiösen Israeliten“ emporgehoben wird. Vor einigen Tagen erschien in der „Reichspost“ wieder ein solcher Artikel. In diesem wird der Regierung u. a. zugemutet, daß sie der Wiener Judenschaft eine neue Wahlordnung äufoktroiert, was offenbar nur den Zweck haben soll, den den dunklen Plänen der „Reichspost“ gefügigen „orthodoxen“ Lieblingen, die über einen so verschwindenden Anhang verfügen, daß sie aus eigener Kraft nicht ein einziges Mandat im Kultusvorstand gewinnen können, irgend eine Position zu verschaffen. Wir glauben, daß die österreichische Regierung wichtigere Sorgen haben dürfte, als sich gegen den Willen der erdrückenden Mehrheit der Wiener jüdischen Bevölkerung zum Werkzeug der überheblichen Wünsche einer kleinen Clique zu machen, die sich fälschlich als Vertreterin der Orthodoxie ausgibt, in Wirklichkeit aber von der ganzen Masse der Wiener jüdischen Orthodoxie mit aller Entschiedenheit abgelehnt wird. Wir müssen es uns versagen, uns mit der „R e i c h s p o s t“ in Auseinandersetzungen über Angelegenheiten der jüdichen Kultusgemeinde einzulassen. Dieses Blatt möge sich aber gesagt sein lassen, daß die Wiener jüdische Bevölkerung sich auf die Dauer seine Intrigen und Machenschaften nicht gefallen lassen wird. Was würde die „R e i c h s p o s t“ dazu sagen, wenn sich ein jüdisches Blatt in Angelegenheiten der Wiener katholischen Diözese einmischen und obendrein noch verlogene Berichte hierüber bringen würde. Die „Reichspost“ würde in einem solchen Falle sicher über „Unverschämtheit“ klagen, und wir glauben, daß sie trotz ihrer „orthodoxen israelitischen“ Freunde sogar von „jüdischer Unversein, ob nicht vielleicht gar manche Artikel der „Jüdischen Presse“ gewissen „Reichspost“-Kreisen bekannt sind, bevor sie in der „Jüdischen Presse“ das Licht der Welt erblicken. Von der gesetzlichen Vertretung der jüdischen Gemeinde können wir aber mit Recht erwarten, daß sie rechtzeitig alles vorkehrt, damit nicht unser wichtigstes Gut, die Autonomie der Gemeinde, durch das Treiben einiger jüdischer Denunzianten und der mit ihnen verbündeten katholischen „Reichspost“ Schaden erleide. Das Treiben der Burschen, die sich, wie von agudistischen Kreisen versichert wird, durch einen Gewaltakt in den Besitz der „Jüdischen Presse“ gesetzt haben, steht in der Tat im Gegensatz zum Verhalten maßgebender agudistischer Kreise. Wir verweisen in diesem Zusammenhang auf das Manifest des Frankfurter Rabbiners und Agudahführers Dr. Jakob Rosenheim, das einen vollständigen Umschwung im Verhalten der Agudah zum Zionismus einzuleiten scheint. Die Wiener führenden Agudah-Männer versichern auch immer wieder, daß sie mit dem unverantwortlichen Treiben der „Jüdischen Presse“ nichts zu tun haben wollen. Es wird Sache der Kultusgemeinde sein, das offene Abrüoken dieser Kreiise von dem Denunziantentum zu verlangen Denn es ist ein unhaltbarer Zustand, sich einerseits von den Steuergeldern derjüdischen Gemeinde erhalten zu lassen und Eine Herzl-Nummer der „Stimme" In wenigen Wochen werden es 40 Jahre sein, daß in den Auslagen der Wiener Buchhandlungen eine Broschüre erschien: „Der Judenstaat“ von Dr. jur. Theodor Herz!. Aber schon am 17. Jänner 1896 war in der Londoner jüdischen Zeitung „The J e w i s h C h r o n i c 1 e“ ein Artikel „A Solution of the Jewish Question“ (Eine Lösung der Judenfrage) von Theodor Herzl veröffentlicht worden. Dieser Artikel enthielt viele Stellen, die wörtlich aus dem damals im Druck befindlichen „Judenstaat“ entnommen waren. Der 17. Jänner 1896 ist also der Tag, an dem der Grundinhalt von Herzls „Judenstaat“ der Öffentlichkeit übergeben wurde. Zur Erinnerung an das vierzigjährige Jubiläum dieses bedeutsamen Tages wird die nächste Ausgabe der „Stimme“ eine reichhaltige Herzl-Beilage enthalten, in der bisher unbekanntes und hochinteressantes Material aus der Entstehungszeit des „Judenstaats“ zum erstenmal veröffentlicht wird. schämtheit“ sprechen würde. Hinter diesen; anderseits den gegen dieselbe Gemeinde ge- Quertreibereien der „Reichspost“ stecken richteten Quertreibereien der „Jüdunkle Machenschaften, denen man die ' d i s c h e n Presse“ und „Reichsgrößte Aufmerksamkeit wird zuwenden müsj p o s t“ durch Stillschweigen die Mauer zu sen. Es wird auch die Frage zu untersuchen j machen. Eine Studienstelle für die Fragen der Zionistischen Organisation Von Dr. med. Walter Kohner, Karlsbad. In einer Zeit, in der so viele intellektuellen Kräfte nach Betätigung auf dem Gebiete des Judentums im allgemeinen und des Zionismus im besonderen suchen, liegt das Feld des Studiums der Zionistischen Organisation fast vollkommen brach. Von jeher ein Stiefkind des zionistischen Lebens bietet die Zionistische Organisation nicht nur praktische, sondern — was in diesen Zeilen hervorgeihoben werden soll — auch wissenschaftliche und literarische Möglichkeiten. Diese Möglichkeiten sind pragmatischer Natur und leiten zwanglos zu den praktischen Folgerungen theoretischer Erkenntnisse. W.ie beschämend gering die Literatur über die Zionistische Organisation ist, zeigt sich erst beim Versuch ernsthaften Studiums des ganzen Fragenkomplexes. Auch ist es unbekannt, wieviele und welche Menschen sich dafür überhaupt interessieren. Die noch nicht geschriebene Geschichte der Zionistischen Organisation zeigt, daß ihre Grundlagen von vorneherein dem Wesen und der Arbeit des Zionismus nicht vollkommen entsprachen und die zahlreichen kleinen Änderungen seit fast 40 Jahren beweisen die Tendenz zur Reorganisation, die nunmehr unaufschiebbar erscheint. Eine Reorganisation aber kann nur auf Grundlage genauer Kenntnis der Materie erfolgen, die zerstreut in Zeitungsartikeln, Broschüren, Kongreßberichten und der großen Enquete der Jahre 1928 und 1932 vorliegt und in den Archiven des Organisationsdepartemente verstaubt. Das Material muß sehr groß sein; es zu sammeln, zu registrieren und zu verarbeiten wäre eine dankenswerte Aufgabe, die sicherlich zu sehr günstigen praktischen Resultaten führen würde. So wäre also die Schaffung einer Zentralstelle oder Arbeitsstelle von Bedeutung, in der alle Vorarbeiten geleistet werden könnten. Wohl sollte eine solche Stelle beim Organisationsdepartement vorhanden sein, ist es vielleicht auch — allein, wer weiß davon und wer bedient sich ihrer? Der Verfasser ist beredt, eine solche Arbeitsstelle ins Leben zu rufen und bittet alle Interessenten, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Deutsch-amerikanische Juden für Hitler Präsident Roosevelt hat bekanntlich bei Eröffnung der Neujahrs-Session des Kongresses der USA. sehr scharf die Diktaturregierungeo angegriffen und sich für Gleichberechtigung aller Bürger ohne religiöse und andere Unterschiede ausgesprochen. Die letztere Wendung wurde als eine deutliche Spitze gegen Deutschland empfunden. Bei der Eröffnung der Sitzung der Exekutive des American Jewish Congress machte nun der Präsident dieser Organisation, Rabbi Dr. Stephan S. W i s e, die aufsehenerregende Mitteilung, daß Präsident Roosevelt fast schon bereit war, in seiner Rede vor dem Amerikanischen Kongreß am Freitag abends direkt die verantwortlichen Führer des deutschen Regimes zu apostrophieren und den Nazismus wegen seiner grausamen Verfolgung der Juden anzuklagen; Präsident Roosevelt — so teilte Dr. Stephan Wiise weiter mit — wurde aber von einer Gruppe deutscher Juden gebeten, diese seine Anklagerede nicht zu halten. In einer außerordentlich leidenschaftlichen Weise wandte sich Präsident Dr. Stephan "S. Wise gegen diese „dreimal verdammten deutschen Juden, denen der Nutzen Nazideutschlands mehr am Herzen liegt als die jüdische Ehre und W ü r d e“. Druckfehler-Berichtigung In unserer letzten Nummer soll es auf Seite 1 (Täuschung und Erkenntnis) richtig heißen: „Denn der Antis emitis m u s ist nichts anderes als das Problem der Entwurzelung. Zionismus ist die Verwurzelung des jüdischen Volkes im jüdischen Lande" De. BeutUacd Idackdein Zur ersten Wiederkehr seines Todestages (15. Jänner 1935). Von Studienrat Dr. M. Rosenfeld Zu Beginn der Sommerferien 1933 waren drei Jahrzehnte verflossen, seit der vor Jahresfrist in der Volkraft seines Schaffens heimgegangene Direktor der Bibliothek der Wiener jüdischen Gemeinde, Regierungsrat Dr. Bernhard W a c h st e i n, seinen Dienst in diesem Institut anbrat. Der Vorstand der Wiener Kultiusgemeiinde ehrte ans diesom Anlaß seinen Bibliobheksdirektor durch die ihm gewidmete Veröffentlichung der von dem gleichfalls inzwischen heimgegangenen Archivar Saul O h a j e s bearbeiteten „Bibliographie der Schriften Bernhard Waohsteins“. Diese mit dem Bildnis Wachsteins geschmückte Arbeit umfaßt in 146 Nummern das wissenschaftliche Schaffen Waohstenns vom Beginn seiner publizistischen Tätigkeit (1898) bis anfangs 1933 und ist in 'der Folgezeit um mehrere wertvolle Publikationen zu ergänzen. I. Wachstein war nie ein Vielschreiber. In den ersten Jahren seines Schaffens tritt er nur gelegentlich mit kleineren Aufsätzen m. die Ex yflwwfctot darauf, rasch bekannt und anerkannt zu werden, sondern arbeitet mit bienenartiger Emsigkeit lange Jahre in aller Stille, bis er in den Jahren 1911 und 1912 mit bibliographischen (Katalog der Salo Cohnsclien Schenkungen) und historischen (Die Inschriften des alten Judenfriedhofs in Wien) Standardwerken von epochaler Bedeutung hervortrdtt, deren Fortsetzungen die folgenden Jahre ansfüllen. In gleich meisterhafter Weise wie die Wiener alte Totenstadt (Doktor D. Feuchtwang schreibt in seiner Besprechung: „W a c h s t e i n hat die Steine wach gemacht.“) erfährt auch 1922 die der Gemeinde Eisenstadt durch Wachstem eine eingehende Bearbeitung. Im Jahre 1926 erschienen die „Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Eisenstadt und den Siebengeraeinden (1690 bis 1861),“ die als Beispiel dafür gelten können, wie Akten einer jüdischen Siedlung, die den oberflächlichen Leser in ihrer Mehrzahl unscheinbar anmuten mögen, in der Behandlung durch einen wirklichen Historiker vom Range Wachsteins zu aufschlußreichen Dokumenten der jüdischen Geschichte gestaltet werden können. Wachsteins historische Arbeiten sind bei aller Gelehrsamkeit fern von Weltfremdheit. Sie sind an keiner Stelle eine bloße Sammlung von Namen, Zahlen und Daten. Auch sind sie frei von jedem überflüssigen, den Leser ermüdenden Notenktm, Vielmehr beleben philosophische Reflexionen, Darstellung von Lebensmaximen, die die geschichtlichen Erscheinungen besser verständlich machen, die Zeichnung fast einer jeden von ihm behandelten historischen Gestalt. Wachsteins hohe Kunst in der Geschichtsschreibung ist es, trockene und darum uninteressante Sachlichkeit ebenso zu meiden wie jene journalistisch änmutende Suada, die nicht selten auch in wissenschaftliche Schriften Eingang gefunden hat. Und dem gedanklichen Gehalt der Arbeiten Wachsteins ist sein ebenso klarer wie reizvoller Stil durchaus adäquat. Der Erfolg der historischen Forschungen Wachsteins macht es zur Selbstverständlichkeit, daß er bei gegebenen Anlässen miit den Arbeiten eines Haushistoriognaphen der Wiener jüdischen Gemeinde betraut wird. So entstehen die Festsolirif ten: „Die Gründung der Wiener Chewra Kadischa im Jahre 1763“ (1910) und „Die ersten Statuten des Bethauses der Innern Stadt“ (1926). In seinen Beiträgen zur Geschichte der Juden im Burgenland und der Judengemeinden in Mähren erfährt insbesondere die Gelehrtengeschichte und die Familiengeschichte einen wesentlichen Ausbau und eine imposante Bereicherung. Bilden Wachsteins historische Arbeiten die gla \?vollsten Publikationen in der Reihe der „Q u e 1 le n und F o r s c h u ngea zur Geschichte der Juden in Deutschösterreich“, so bringen uns die „Veröffentlichungen der Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde Wien“ Wachsteins ausgezeichnete Leistungen auf dem Gebiete seines zweiten Hauptfaches, dem der Bibliographie. Seine bibliographischen Schriften sind im Gegensatz zu denen vieler anderer Autoren nicht trockene Registrier- und Indexarbeit, sondern durchaus o r i g i n e 11 i n System und Methode. Hier tritt dem Leser eine geradezu künstlerische Virtuosität cles Bibliographen entgegen, die nicht bloß in einer der jeweiligen Materie angepaßten geistvollen und scharfsinnigen Methode verankert ist, sondern »ich auch in der Heranziehung eines mit immensen Fleiß verwerteten reichen Materials auswirkt. Wenn das Verhältnis, in welchem der Biograph sich zum Historiker befindet, etwa mit dem des Lieferanten edlen und festen Baumaterials zum Baukünstler vergleichen werden dürfte, daun ist Wachstem in vielen seiner Arbeiten ein derartiger Künstler, der das von ihm selbst beschaffto Material mit blendender Genialität verarbeitet. Als auf ein Beispiel dieser Art sei auf das Werk: „Die hebräische Publizistik in Wien (1930) verwiesen, in dessen Vorwort Wachstem die Methode, wie wichtige Ka^ pitel der jüdischen Kulturgeschichte zii behandeln sind, an deutend umreißt. Von derartiger Behandlung veigangenex