Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 514 (14.1.1936)
- Date
- 1936-01-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b Frei« dln*er Nummer SO g Max Brod spricht am 18. Jänner im Offenbach-Saal, Treitlstraße Nr. 3, über Individuum, Volk und Menschheit JÜDISCHE ZEITUNG Das ganze jüdische Volk gegen Council Der englische Plan, einen gesetzgebenden Rat in Palästina einzuführen, stößt im: gesamten Judentum auf heftigsten Widerstand. Aus allen Zentren Europas und Amerikas kommen Meldungen über Protestkundgebungen der jüdischen Massen. Es wird von Tag zu Tag klarer, daß die Mandatsregierung einen großen Feh 1 e r begangen hat, als sie ohne vorherige Informierung des Mandatspartners, durch den sie übrigens wiederholt gewarnt worden war, die Initiative zur Errichtung des Councils ergriff. Es ist allerdings festzustellen, daß noch keine irreparable Situation geschaffen worden ist. In einigen Tagen tritt der Völkerbundrat zusammen. Die jüdische Vertretung in Genf wird dafür sorgen, daß die-maßgebenden Garanten des Mandatsvertrages über die Stimmung in den jüdischen Kreisen ausführlich und genau informiert werden. . Von seiten der arabischen Parteien ist eine endgültige Stellungnahme iüm englischen Plan n o c h n i c h t e r f o 1 g t. Einstimmige Kundgebung in Erez Israel In Jerusalem wurde am 7. ds. eine Beratung von Vertretern der leitenden jüdischen Körperschaften über die Frage des Legislative Council abgehalten. An der Konferenz nahmen alle in Palästina anwesenden Mitglieder des Zionistischen Aktions-Komitees, die Mitglieder der Exekutive der Jewish Agency und die Mitglieder des W a a d Leumi und Bürgermeister Dizengoff teil. In einem K o m muniquöder Jewish Agency wird bekanntgegeben, daß in der gemeinsamen Beratung die früheren ablehnenden jüdischen Entscheidungen in bezug auf den Plan, in Palästina einen Legislative Council einzusetzen, bestätigt worden sind. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, hat das Mitglied des Waad Leumi, Dr. Jakob Thon, vorgeschlagen, in eine neue Erörterung der für eine jüdische Beteiligung am Legislative Council günstigen Momente einzutreten. Der Vorschlag Dr. Thons wurde einmütig abgelehnt. Die Entschließung dem Oberkommissär übergeben Dr. Weizmann besuchte am 8. Jänner den High Commissioner Sir Arthur Wauchope und überreichte ihm den Text der ablehnenden Entschließung. Mosche S h e r t o k nach Ägypten unternommen hat, mit dem Projekt, für den Legislative Council in Verbindung, Das Mufti-Organ „El Liwaa“ behaupte, Shertök wolle in Ägypten jüdische Proteetküha^ gebuiigen gegen den Legislative Council organisieren. Auch habe Shertok eitle Besprechung mit dem. Oberrabbiner von Kairo, Ohaim Nach um Effemdi, der eine der angesehemdsten Persönlichkeiten , des ägyptischen Judentums ist und großen Einfluß in offiziellen Kreisen besitzt, über den Legislative Council abgehalten. Wauchope und die Araber Die Partei des Großmufti und der Kongreß der arabischen Jugend Palästinas haben beschlossen, den. geplanten Legislative Council a b z u 1 e h n e n und eine arabische" Nationalregierung sowie ein Parlament miit vollen gesetzgeberischen. Befugnissen zu verfangen; Higth ' Commissiönex Sir Arthur Wauch o.p hat sich n a c h Nablus begeben; es wird behauptet, daß er die Reise unternommen'ha*, um die dortigen arabischen Führer zu bewegen, der Einsetzung des Legislative Couhcil zuzustimmen. Wedgwood: Unfair und unenglisch ■ London, 8. Jänner. (2. T. A.) Tn seiner bereits erwähnten Zuschrift an die „Times“ erklärt der Abg. Colonel W e dg w o o d, die Stellung einer statutenmäßigen Minderheit, die niemals auf Stellungen, Beförderung und Macht hoffen kann, sei ganz: besonders unfair und u nenglisch. Vermutlich seien die Juden mehfr gegen diese offenkundigen Folgen der Vertretung: nach' Gemeinschaften als gegen diese selbst; denn nur die Juden Englands und Amerikas wüßten die Vorzüge eines einheitlichen Wählkörpers und die Mängel der Isolierung der Gemeinschaften einzuschätzen. Wedgwood schlägt die Einsetzung einer Kommission zur Überprüfung des palästinensischen Verfassungsentwurfs vor. Im Hinblick auf die notwendigerweise begrenzte Erfahrung derjenigen, diediese Vonschläge entworfen hätten, lohne es sich, die praktische Erfahrung des britischen Weltreichs in Berücksichtigung zu ziehen und eine Meine Verzögerung in Kauf zu nehmen. Große Kundgebung der englisdien Judenheit Amery gegen Council London, 12. Jänner. (2. T. A.) Der ehemalige konservative Kolonienminister L. S. Amery nimmt in einer Zuschrift an die „Times“ in aufsehenerregender Weise gegen den Plan der Regierung, in Palästina einen Legislative Council einzusetzen, Stellung. Der frühere Kolonienminister wendet sich gegen diesen Plan in den schärfsten Ausdrücken und erklärt, durch seine Verwirklichung würde England sich selbst zum Narren machen und an denjenigen, die ihm ihr Vertrauen geschenkt haben, Verrat begehen. Amery tritt für die vollkommene Gleichstellung von Juden und Arabern in Palästina ein. * Reise Shertoks nach Ägypten! Die arabischen Zeitungen bringen eine Reise, die das Mitglied der Exekutive Die britische Sektion der Jewish Agency beschloß, eine Sonderkonferenz der Delegierten der englischen: Judenheit für den 19. Jänner nach London einzuberufen, um die Mitteilung des High Commissioners' für Palästina über die Errichtung eines Legislative Councils vom jüdischen Standpunkte zu erwägen. An der Tagung werdbn die Mitglieder des Board of Depuities, Delegierte der English Zionist Federation und aller zionistischen Parteien im Lande teilnehmen. Lord Melchett .wird den Vorsitz führen. Es sind Re- .feräte vom Mitglied der Zionistischen Exekutive- Prof. Selig Brodetsky, vom Präsidenten des Board of Deputies Neville Laski und von Rev. J. K. Goldbloom vorgesehen. Der Ehrenpräsident der Jewish Agency Nahum S o k o 1 o w wird die Schlußansprache halten. Flüchtlingsfrase im Jänner vor dem Völkerbundrat Aus informierten Völkerbundkreisen verlautet, daß der Völkerbundrat in seiner nächsten Session, die -am 20. d. beginnt,f die Flüchtlingsfrage erörtern und dieser Erörterung das bekannte Schreiben des zurückgetretenen Hochkommissars James G. MacDon a 1 d zugrunde legen wird. Der Sachverständigen-Ausschuß der Fünf hat drei Lösungen vorgeschlagen: 1. Das deutsche Fltichtlingsproblem dem Nansen-Amt zu unterstellen; 2. ein vom Nansen-Amt getrenntes Amt für die geflüchteten deutschen Juden und anderen Emigranten zu schaffen und beide Ämter einem gemeinsamen Verwaltungsrat zu unterstellen; 3. das Flüchtlingspröblem rein c h a r i t a t i v zu behandeln. Der dritte Vorschlag hat schon dämm keine Aussicht auf Verwirklichung, wöil für ihn nur ein Mitglied dies Ausschuss es, der' Italiener de Mihelis, gestimmt hat. Der erste Vorschlag begegnete, wie schon berichtet, dem scharfen Widerstand Rußlands, welches bei seinem Eintritt in den Völkerbund die Liquidierung des Nansen-Amtes bis 1938 gefordert hat; eine Machterweiterung des Nansen-Amtes würde aber eine Verlängerung seiner Lebensdauer bedeuten. Für die Eingeweihten steht es fest, daß der Völkerbundrat den zweiten Vorschlag verwirklichen wird; an die Spitze des. Nansen-Amtes würde der Norweger Hansson, der jetzt in Paris lebende ehemalige Präsident des Schiedsgerichtes in Kairo, treten, während an die Spitze des Amtes für die deutschen Flüchtlinge Sir Arthur-Sa.lter treten würde. „Für alle Fälle — so wird versichert — ist der Völkerbundrat entschlossen, das Problem der deutschen Flüchtlinge, besonders das der Juden, selbst zu lösen. Um das Heilige Land Wir haben bereits mitgeteilt, daß am 16. d. im Landtagssitzungssaal eine öffentliche Versammlung stattfinden wird, in der Minister a. D. Dr. Czermak und Prälat Fried über die Lage der Katholiken in Palästina sprechen werden. Kardinal Innitzer wird an der Versammlung teilnehmen und ebenfalls das Wort ergreifen. Die „Reichspost“ präludiert diese Veranstaltung in einem Leitaufsatz, in welchem sie die vor Weihnachten erhobenen Beschwerden eines Komitees zur Verteidigung der katholischen Interessen in Palästina wiederholt. Wir unterlassen jede Einmengung in katholische Angelegenheiten, finden es aber doch auffallend, daß dieses Komitee, das im April 1933 in Brüssel entstanden sein soll, sich den von niemandem angetasteten Rechten der Katholiken in Palästina widmet, während doch im April 1933 eher für den Schutz der katholischen Rechte in Deutschland zu sorgen gewesen wäre. Wir haben am 24. Dezember die Klagen der „Reichspost“ besprochen und gesagt: „Immerhin hätte doch irgend jemand sieh die Mühe nehmen müssen, das.Man- •datsstatut nachzulesen, das in einer ganzen Reihe von Artikeln Vorsorge für die religiösen Rechte der Christen, insbesondere der Katholiken, trifft. Dieses Statut ist vom Völkerbund beschlossen und damit zu einem Bestandteil des inter- nationalen'Rechtes gemacht worden. Der Wunsch des Brüsseler Komitees und seiner Jerusalemer Sektion ist erfüllt, noch ehe er ausgesprochen worden ist. Jedenfalls hat — und dies ist von der zuständigen jüdischen Stelle dem Vatikan wiederholt mündlich und schriftlich notifiziert worden — kein Jude irgend ut.was gegen die Sicherung der Rechte der Christen einzuwenden, zumal jeder Jude weiß, was Gewissensfreiheit ist.“ Das Mandatsstatut, das am 24. Juli 1922 publiziert wurde und im Archiv des Völkerbundes hinterlegt ist, erklärt im Artikel 2: „Der Mandatar soll dafür verantwortlich j sein, daß das Land unter solche... Bedinj gungen gestellt wird, welche... die Wah- I rung der bürgerlichen und religiösen Rechte j aller Einwohner Palästinas ohne Unterschied j der Rasse und Religionen sichern.“ In Ai\- i tikel 9 wird gesagt: „Volle Wahrung der | persönlichen Rechtsverhältnisse der verschiedenen Völker und Gemeinschaften sowie ihrer religiösen Interessen soll gewährleistet sein.“ In Artikel 14 wird eine Spezialkommission für die Festsetzung der auf die heiligen Stätten bezüglichen Rechte lind [Ansprüche sowie die Ansprüche auf Rec-hle, welche die verschiedenen religiösen Gemeinschaften Palästinas betreffen, vorgesehen. In Artikel 15 wird vollständige Freiheit des Gewissens lind freie Ausübung aller Formen des Gottesdienstes jedermann gesichert und. dies in Artikel 16 wiederholt. Das Statut ist vom Völkerbund approbiert worden. Wenn das katholische Komitee eine Erklärung der Mandatsmacht zum Zwecke der Anerkennung der Rechte der Katholiken verlangt, so kann doch die Antwort der Mandatsmacht nicht anders lauten, als daß sie die einschlägigen Bestimmungen des Statuts wiederholt, das in den Jahren 1919 bis 1921 von den Mächten durchberaten und innerhalb dieses Zeitraumes auch der Kurie vorgelegt worden ist, die sich ihrerseits einverstanden erklärt hat. Daß die Frage gerade jetzt aufgeworfen wird, hängt einerseits mit den weltpolitischen Vorgängen zusammen, anderseits aber spricht daraus die be-