Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 367 (6.7.1934)
- Date
- 1934-07-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr, 867 — 6. Juli 1934 DIE STIMME Seite 5 Ist das russische Judentum tot? Das Problem des russischen Judentums findet leider viel zu wenig Beachtung in der jüdischen Öffentlichkeit. Seine Vernachlässigung ist ein lehrreiches Beispiel dafür, wie sehr Gewohnheit abstumpft. So lange •— es war das in der ersten Nachkriegszeit ■— in Rußland ungezählte tausende Juden im Bürgerkrieg unter den Gewchrsalven der Weißen und Roten ihr Leben aushauchren? Wir können es nicht glauben, daß das jüdische Volk an das russische Judentum nur dann denkt, wenn einmal in zwei Jahren der Zionistenkongreß der „Gefangenen Zions“ gedenkt. Wir müssen daran denken, daß jede antijüdische Maßnahme, die irgendwo in der Welt getroffen wird, früher oder später ihre Wellen im ganzen Judentum wirft. Die das ten, so lange es noch jüdischen Flüchtlinnicht wußten oder nicht wahr haben wollgen möglich war, Uber die Grenze zu ent-1 ten, wurden durch die Hitler, Göring, Goebkommen und ihre Leiden zu erzählen, da rauschte es noch ein wenig im jüdischen Blätterwald. Die übrige Presse aber schwieg. Die „linke“ Presse schwieg, weil die sozialdemokratische Presse den Kampf gegen ein Land scheute, in welchem das „Kommunistische Manifest“ seine Verwirklichung erfahren sollte und weil sie den Abfall ihrer radikalen Elemente zum Bolschewismus fürchtete. Nur hie und da gab bels und Streicher eines besseren belehrt Unter diesem Gesichtspunkte wollen wir einen Artikel von Philipp S. Bernstein besprechen, der im amerikanischen „Bnei Brith Magazine“ erschienen ist. „Das Judentum in Rußland ist tot“, erklärt Bernstein. Vielleicht rüttelt diese Nachricht Bernsteins, der wiederholt Rußland bereist hat, das jüdische Gewissen wach. Er erzählt uns, e» Proteste, die zweite Internationale aber! daB jn Et)ßland di(J Au6Ubung jcder Reli. KP.hwmnr Ihc whrft ihr fnr rlio nio Kolinrinn ' , , . t ° v gion „offiziell“ gestattet ist und daß die schwieg. Es wäre ihr, für die die Religion doch Privatsache war, peinlich gewesen als Judenschutztruppe denunziert zu werden. Die Proletarier aller Länder hatten sich vereinigt, um den Kampf, der gegen das nationale Judentum in Rußland durch die Schließung von Synagogen nur über Intervention der Gläubigen erfolgt. Man weiß aber, wie das gemacht wird. Wer wird glauben, daß fromme Juden einen Sowjetgewaltigen bitten werden, ihre Synagogen Jewsekzia mit unerbittlicher Grausamkeit zu schließen und in Kinotheater oder Leningeführt wurde, totzuschweigen. Die „rechte“ Presse half dabei wacker mit. Die Kapitalisten aller Länder hatten sich vereinigt, um in Rußland Geschäfte zu machen und sie Klubs umzuwandeln, wie dies einmal angeblich die Rabbiner von Minsk getan haben? In Wirklichkeit tobt in Rußland gegen das Judentum als Nation und Religionsgemeinließen sich auch durch die Proteste des schaft ein unerbittlicher Kampf auf allen Papstes und des Erzbischofs von Canterbury in ihren geschäftlichen Transaktionen nicht stören. Es nützte auch nichts, als die christlichen Geistlichen, deren Religionsgenossen in Rußland ebenfalls verfolgt werden, mit den Rabbinern zusammen Komitees gründeten und Protestresolutionen verlautbarten. Gewiß, die Frage der 600.000 Juden Deutschlands lastet schwer auf dem jüdischen Volk. Haben die Juden aber vergessen, daß in Rußland drei Millionen Juden systematisch entjudet werden, daß in Rußland alles, was uns als Juden teuer ist, durch den Kot geschleift wird? Sind wir so verkommen, daß sich unser Gewissen nur dann regt, wenn wir von Füsilierungen, Folterungen und Konzentrationslagern hö¬ Linien. Es ist vielleicht nur eine Kleinigkeit, wenn die Synagogen in Leningrad nicht elektrisch beleuchtet werden können, weil der Strompreis für Synagogen das zehnfache des normalen Tarifes beträgt. Wichtiger aber ist der Umstand, daß es in Rußland in einigen Jahren vielleicht überhaupt keine Synagogen geben wird. Dnepropetrovask zum Beispiel, mit 100.000 jüdischen Einwohner, hatte 45 Synagogen, hat heute nur mehr drei Gotteshäuser mit zusammen 700 Sitzplätzen. Die Sowjets benützen die jüdische Jugend, die so wie jede Jugend politischen. Schlagworten am meisten zugänglich ist, als Stoßtruppe gegen die Religion. Die Jugend sieht in den Schulen das Plakat: „Religion ist Gift! Halte dich fern von i h r.“ In diesem Sinnn wird die Jugend in den staatlichen Schulen erzogen. Das entvölkert die Synagogen und Kirchen in Rußland. ..So sehen wir“, schreibt Bernstein, ..zum erstenmal in der jüdischen Geschichte drei Millionen Juden ohne J u d e n t u m.“ Hand in Hand geht der Kampf gegen den Zionismus, der als konterrevolutionäre Gesinnung schwere Kerkerstrafen und die Verbannung nach Sibirien nach sich zieht. Nur heimlich träumen noch manche Juden ihren Traum von der Erlösung durch Zion. Bernstein schreibt: „Der Zionismus in Rußland ist tot.“ Bernstein erzählt uns weiter: „Die jüdischen Kinder fühlen sich nicht mehr als Juden. Die Juden in Rußland sind vollständig assimiliert.“ Und als Bernstein dem Herausgeber einer jiddischen Zeitung in Kiew sagte, er wolle mit ihm, der doch ein jüdischer Volksgenossen sei, sprechen, da kam er schön an. Das sei ganz uninteressant, diese Zugehörigkeit zum jüdischen Volk, die auf dem Zufalle beruhe, daß man von jüdischen Eltern geboren sei. Wichtig sei nur die Einstellung zur kommunistischen Gesellschaftsordnung. Die Juden in Rußland erfreuen sich der bürgerlichen Freiheiten, so weit man davon in Rußland sprechen kann. Ihr Judentum aber wird ausgerottet. Die Fünf-Tage-Woche sorgt dafür, daß der Sabbath nicht gehalten werden kann und Kaschruth gibt es kaum mehr. Erschütternd ist der Schmerz der noch frommen Juden über ihre gottlosen Kinder. Erschütternd ist der Kampf der gottlosen Kinder gegen die noch religiösen Eltern in tausenden jüdischen Häusern. Hoffnungslos ist das heiße Bemühen der Eltern, ihren Kindern den Sinn für jüdische Religion und Tradition beizubringen. Diese rein materialistisch erzogenen Kinder denken nur an ihr besseres Fortkommen. Auch viele Eltern denken so. Ein jüdischer Schuster blähte sich stolz vor Bernstein: „Stellen Sie sich vor! Mein Enkel besucht eine Schule in Zarskoje Selo. In dem Palaste, in welchem der Zar einmal thronte, sitzt jetzt mein Enkel.“ Wir fürchten: Das russische Judentum Gesellschaftsreise nach Fahrpreis von Wim bis Wien, 25. Jnli bi» 3. September Auskünfte: Reisebüro SCHENKER &. Co. Schottenring 9. — A.nmeldeschluß: 11. Juli 1934 Wollen Sie gut und billig leben? Kommen Sie zum Plattensee Wasser, Sonne, Sandstrand, gute Verpflegung, das Eldorado für Kinder; verlangen Sie Prospekt / Pension Winkler, Balaton-Szarczo, Ungarn. Orth. Bimse Perienreisen noch Polen Paßerleichterungen für polnische Staatsangehörige Abreisen 8. und 15. lull 1934 NÄHERE AUSKÜNFTE: BÜRO Or. S. TOCKER, I., Kämtnerring 12. Tel. U 40-801 wird einmal entsetzt erwachen. Es wird einmal der Tag kommen, da die Sowjetberrschaft zusammenbrechen wird und dann werden die Juden Rußlands Juden sein und nicht Russen. Auch die kommunistische Assimilation wird eines Tages zusammenbrechen und das Judentum in aller Welt wird vor einer ungeheuren Aufgabe stehen, der gegenüber die Frage der Juden in Deutschland ein Kinderspiel ist. Wer Verantwortung trägt in jüdischen Dingen, der denke an diesen Tag. Keine Aufgabe ist unlösbar. Das Judentum lebt nur dadurch, daß es unlösbare Situationen meistert, vor die es seit zweitausend Jahren täglich gestellt wird. Wir müssen uns rüsten, um auch die Frage der russischen Juden zu meistern, sobald dies möglich ist. Das russische Judentum hat uns die besten Zionisten geschenkt: Pinsker, Ussischkin, Tschlenow, Weizmann, Sokolow, Motzkin, Arlosoroff, um nur einige zu nennen. Drei Millionen russische Juden werden eines Tages unter schrecklichen Kämpfen wieder ihres Judentums gewahr werden und von den Schlacken des Kommunismus befreit; zu drei Millionen Zionisten werden. Theodor I lersl und seine Vorfal, VON Df. ALEX BEIN, JERUSALEM ren Wie wir bereits in unserer letzten Nummer mitteilten, erscheint demnächst im Verlag „M i z p a“ Tel-Aviv in hebräischer Sprache eine umfassende Herzl- Biographie, die den ehemaligen preußischen Staatsarchivar in Berlin, Dr. Alex Bein zum Verfasser hat. Die deutscho Ausgabe wird erst im Herbst erscheinen. Mit Genehmigung des Verlages und Autors bringen wir als Vorabdruck das folgende Kapitel: Von den Ahnen Theodor Herzls*) wissen wir nicht sehr viel. Eine Familienüberlieferung erzählt, sein Vater stamme von spaniolischon Marannen ab. Zwei Brüder seien durch die Inquisition gezwungen worden, ihren Glauben aufzugeben, und in einen Mönchsorden einzutreten. Im Geheimen hätten sie ihren Glauben bewahrt. Als sie nun der Orden einst in geheimer Mission ins Ausland sandte, benutzten sie die langersehnte Gelegenheit zur Flucht, entkamen nach Überwindung manigfacher Schwierigkeiten in die Türkei und kehrten dort wieder zum Judentum zurück. Einer der beiden Brüder sei Horzls Ahne gewesen. Es hat sich bisher kein Anhalt dafür ergeben, daß diese Erzählung mehr ist als eine Legende. Von den Vorfahren des Großvaters, Simon Loeb Herzl (1805 bis 1879) wissen wir, daß sie aus Böhmen, Mähren und Schlesien stammten, nach dem Frieden von Passarowitz (1719) in das damals österreichisch gewordene Belgrad einwanderten, sich aus kleinen Verhältnissen zu mäßigem Wohlstand emporarbeitoton und mit den dort ansässigen spaniolisehen Familien verschwägerten. Als im Belgrader Frieden von 1789 Belgrad wieder *) Die nachstehenden Ausführungen stützen sieh auf die Forschungen von Dr. Paul Diamant, Wien—Tel-Aviv, türkisch wurde, wanderten die Familien Herzl mit dreißig anderen Belgrader Judenfamilien nach dem nahen, innerhalb der österreichischen Militärgrenze gelegenen Semlin aus. Wegen dieser „Anhängigkeit und Treue“ erhielten sie November 1753 die Bewilligung, lebenslang mit Weib, Kindern und Hausgesinde daselbst zu verbleiben, obwohl eine wenige Monate vorher erlassene Verordnung des slavonisehen Generalkommandos grundsätzlich keinem Juden den „beständigen Aufenthalt, noch weniger aber die Ansässigkeit“ in den gefährdeten Militärgrenzen gestattete, in deren Gebiet man auf besonders zuverlässige Einwohner Wert legte. 1772 uud 1816/17 wurde die Bewilligung erneuert, da — wie es im Vortrag des Hofkriegsrates hieß — „seit dieser langen Reihe von Jahren... die Juden zu Semlin die Pflichten getreuer Untertanen erfüllt“ hätten, indem sie „sich der Militärlandwehr zur Zufriedenheit widmeten, während des Laufes des vieljährigen Krieges patriotische Gaben darbrachten..., sich niemals mit einem Schleichhandel befaßten, jederzeit sich den Ordnungen pünktlich fügten, ihre Kinder in der Normalhauptschule ausbilden ließen, und sich immer ruhig, friedlich und rechtschaffen betragen“ hätten. Es wurde ihnen sogar, der, ursprünglich untersagte Ankauf eigener Häuser gestattet. Als entgegen dieser Genehmigung die Familie Herzl mit anderen Gemeindemitgliedern 1857 ausgewiesen werden sollte, wandten sie sich direkt an Kaiser Franz Joseph mit dem Erfolg, daß ihnen der fernere Aufenthalt in Semlin bewilligt wurde. Man sieht aus diesen Formulierungen schon ein wenig, wie die Semliner Juden, wie die dort wohnenden Vorfahren Herzls lebten. Sie waren einbezogen in die Umwelt. Wenn sie ihre Häuser auch in die Gegend der Synagoge und Schule sich beschaffen sollten — „um der Oberaufsicht ihres gemeinschaftlichen Richters nicht zu entgehen“ — sie scheinen doch nicht eigentlich in einem Ghetto gelebt, mit der Umwelt mindestens geschäftlich, vielleicht als Militärlieferanten Verkehr gehabt zu haben. Zwei der drei Söhne von Herzls Urgroßvater, Löbl Herzl, erlagen der Versuchung, die solche Vermischung mit sich bringt. Oder war es eine Neigung zu radikaler Konsequenz, die sie aus dem Kreis des Judentums hinausgehen hieß? Den dritten Sohn, Simon Loeb Herzl, den Großvater Theodor Herzls trieb ähnliche Veranlagung um so schärfer ins Judentum hinein. Er hütete mit peinlicher Sorgfalt die altüberkommenen Vorschriften und Gebräuche, blies am Rosoh Haschanah Schofar und betete am Jomkippur das Kol Nidre vor. Möglicherweise hatto er auch schon Verständnis für die frühzionistischen Bestrebungen Alkalais. Auf jeden Fall hat er ihn gekannt. Jehuda ben Salomo Chai Alkalai (1792—1878) kam 1826 von Sarajewo als Lehrer und Vorbeter der sefardischen Gemeinde nach Seinlin. Ergriffen von dem traurigen, hoffnungslosen Schicksal der Juden, beeindruckt von den um diese Zeit auch auf dein Balkan vorwärtsdrängenden Nationalbewegungen, wie von alten raessianischen Ideen, die besonders während eines Aufenthaltes in Jerusalem auf ihn wirkten, kann ss Überzeugung, daß dis einzige Rettung die Rückkehr der Juden in ihre alte Heimat sei. Für diese Erkenntnis warb er in zahlreichen Schriften, in Reisen nach den Städten Europas, nach Konstantinopel, nach Palästina. Er erkannte bereits, daß die Voraussetzung für die Besiedlung die Hilfe und Zustimmung der Mächte, diplomatische Vorarbeit sei. Er warb für die Schaffung nationaler Fonds, für die Belebung des Hebräischen als gesprochene Sprache, er trieb zur Gründung einer Gesellschaft für die Kolonisation Palästinas. Eine mit der Vergangenheit seines Volkes durch Herkunft und Studium und Liebe im Tiefsten verbundene Persönlichkeit und ein moderner Geist. Theodor Herzl hat seinen Großvater Simon Loeb, der hochbetagt erst starb, als der Enkel bereits im zwanzigsten Lebensjahre stand, noch gut gekannt. Es müßte merkwürdig zugehen, wenn der Alte bei seinen alljährlichen Besuchen in Pest, dem Wohnsitz des Sohnes, nicht auch von Alkalai und seinen Plänen und Bestrebungen erzählt hätte. Hat das junge, empfängliche Gemüt des Heranwachsenden schon damals die ersten entscheidenden Eindrücke erhalten für seinen späteren Lebensweg? Wurden hier die Samen versenkt, die nach langem unterirdischem Wachstum, Blüte und Frucht zutage förderten, als das harte Erdreich von außen und innen zersprengt wurde? Von seinem Vater wurde er sicher nicht in diesem Sinne erzogen. Jakob Herzl war dem Judentum treu, aber nicht zutiefst verbunden. Sein Judentum war eine Angelegenheit der Gewohnheit, des Überkommenen. Am 14. April 1835 in Semlin geboren, hatte ihm das Leben im väterlichen Hause und der frühe Unterricht im Cheder eines polnischen Lehrers die Kenntnis der Bräuche und des Hebräischen bis zu einem gewissen Grade vermittelt. Dann besuchte er die vior Klassen der deutschen Normal» schule. Im Geschäft eines Verwandten, Fleifächel,. in, Debreozin lernte der Fünfzehn»