Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 7 (1934)
- Issue
- Heft 318 (9.1.1934)
- Date
- 1934-01-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 318 — 9. Jänner 1934 DIE STIMME Sette I lügen der HMler-Propaganda Br. Hermann Kadiseh zum Andenken Die Zionisten Oesterreichs und weit darüber hinaus horchten schmerzerfüllt auf, als sie die Kunde vom Hinscheiden unseres Freundes Kadisch vernahmen. Aus der Fülle von Begabungen, welche das wiedererwachende Nationalgefühl unter den Juden Oesterreichs an der Wende des Jahrhunderts gezeitigt hat, trat durch besondere Eigenart Dr. Hermann Kadisch hervor. 1897, gerade als Herzl die ersten Schritte tat, um durch Gründung der «W e 11» und Einberufung des Zionistenhongresses seinen «Judenstaat» zu verwirklichen, entstand in Wien eine «Jüdische Volkspartei», welcher sich unter Leitung des Mäzens Richard Rapp a p o r t tüchtige Kräfte, wie Dr. Jakob K o h n, Doktor Paul Weisengrün, Hermann Plaschkes und voran unser D r. Kadisch, anschlossen. Im Gegensatz zu dem von Herzl und dem Basler Kongreß geschaffenen politischen Zionismus vertrat der Volksverein den segenannten praktischen Zionismus der sofortigen kolonisatorischen Kleinarbeit in Palästina und forderte zugleich die Vertretung der jüdischen Interessen in Oesterreich durch eine zielbewußte Jüd isch-nat ionale Landespolitik. Wir Zionisten bekämpften aus prinzipiellen und aus Gründen der Disziplin den Volksverein, Dessen Mitglieder erkannten auch alsbald, daß nur die Konzentration in einer starken zionistischen Einheit etwas erreichen könne. So traten sie, und mit ihnen Dr. Kadisch, zu uns über. Indes hatten freilich auch die Zionisten umgelernt; denn Palästina war durch die politisch-diplomatischen Methoden nicht so rasch zu gewinnen und anderseits rief die Entwicklung Oesterreich in der Richtung des allgemeinen Wahlrechts die Völker der Monarchie zum Schutze ihrer Interessen auf. Dr. Kadisch wurde so in der zionistischen Organisation Oesterreichs zum Sachverständigen der «Landespolitik». Als treuer Schüler des seinerzeit von den Deutschliberalen und ihrem israelitischen Anhang verketzerten D r. F i s c h h o f verfocht Dr. Kadisch die hohe Idee der,nationalen Autonomie für alle Völker Oesterreichs, also auch für die Juden, im Rahmen eines mächtigen Habsburgerreiches. Er unterhielt, um diese Idee zu pflegen, zu Politikern anderer Nationalität, von denen seither so mancher, wie M a s a r y k und V a j d a- Vojvod, zu hoher Macht aufstieg, enge Beziehungen lind gründete mit ihnen gemeinsam Propagandastellen gleich dem Kulturpolitischen Verein. Kadisch’ Ideen •drangen denn auch auf dem außerordentlichen Parteitag, welchen die österreichischen Zionisten im Sommer 1906 nach Krakau einberiefen, durch, Dort wurde die . Jüdischnationale Volkspartei geschaffen, welohe sich zum Programm der personal-nationalen Autonomie bekannte und in den Wahlkämpfen 1907 ind 1911 jüdische Abgeordnete in den Wiener Reichsrat entsandte. Dr. Kadisch aber setzte seine Aufklärungsarbeit fort. Als besonders brennend erkannte er das südslawische Problem und empfahl, in Ablehnung des Chauvinismus der magyarischen Gentry, die Einigung der Südslawen unter dem Szepter Habsburgs. Die leitende Idee war für ihn stets die Verbrüderung der Völker und ihre friedliche Zusammenfassung zum Völkerbund Oesterreich. Wie richtig die Ideen und Warnungen unseres Freundes waren, bewies der Weltkrieg und sein trauriger Ausgang. Auf den Trümmern der Monarchie blieben paar kleine Sukzessionsstaaten zurück, die sich gegenseitig argwöhnisch belauern, ohne dabei selbst ihres Lebens froh zu werden. Dr. Kadisch hielt an seinen Ideen fest und vertrat sie, wenngleich gealtert und nunmehr im stillen Vöslau lebend, mit unbeirrter Begeisterung. Insbesonders bemühte er sich nach Kräften, den Jüdischen Klub in Baden zu einem wertvollen Instrument der zionistischen Organisation auszugestalten. Wie mußte Dr. Kadisch es begrüßen, daß letzterzeit immer häufiger die Pläne einer Donaukonföderation auftauchten! Verklärt aber waren die letzten Jahre seines arbeitsreichen Lebens durch die unaufhaltsame Entwicklung Palästinas auf dem Wege zum Jüdischen Nationalheim. * An der Bestattung, welche Sonntag, den 7. Jänner, auf dem Friedhof der Jüdischen Gemeinde Baden stattfand, nahm eine zahlreiche Trauerversammlung seiner Freunde aus Vöslau, Baden und Wien teil. Von den herzlichen Nachrufen seien besonders jene der Herren N. Stern, Dr. Leopold Plaschkes und Bernhard Tag hervorgehoben. Alle Redner rühmten zugleich das Verdienst der treuen Gattin des Verblichenen, der Schwester unseres Gg. Dr. Otto A b e 1 e s, und drückten ihr Dank und Trost aus. Das Andenken an Dr. Hermann Kadisch als eines wahrhaft Gerechten wird im zionistischen Lager stets und in Ehren fortleben. Nächste PAG Palästinareisen ab Wien 30. Jänner, 20. Februar, 20. März, 10. April, 24. April' II. KI. Schiff, III. KI. D-Zug, 15 Tage Verpflegung n u r S 440.—, detto, jedoch L Kl. Schiff S 560.—. Besuch aller Mittelmeerländer! Prospekte und Auskünfte PAG r. Gen. m. b. H., Wien, VI., Capistrangasse 2, Tel. B 25-3-81._ Die nationalsozialistische deutsche Regierung versucht bekanntlich ihre brutalen Maßnahmen gegen die Juden Deutschlands damit zu motivieren, daß sic von einer Ueberflutung Deutschlands durch Ostjuden spricht. Nun spricht schon die Tatsache allein, daß zur Zeit der Machtergreifung Hitlers höchstens 600.000 Juden in Deutschland lebten, klar dafür, daß die Nazipropaganda vor Lügen und Fälschungen nicht zurückschreckt. Ein lehrreiches Beispiel dafür bietet ja der nationalsozialistische Lügenfeldzug gegen Oesterreich. Ganz abgesehen davon, stellt sich das deutsche Volk ein beschämendes Armutszeugnis aus, wenn es bei seiner Stärke von zirka 60,000.000 Menschen behauptet, zirka 600.000 Juden hätten in Deutschland die Macht an sich gerissen. Nun wollen wir aber an Hand einwandfreier Daten beweisen, wie die Nationalsozialisten das deutsche Volk belügen. Ein wenig Statistik Nach der Statistik der deutschen Einwanderungsbehörde sind in den Jahren 1919 bis 1931 nach Deutschland 311.699 Fremde gekommen. Von diesen sind nur 11.299 in Deutschland geblieben, über Rasse und Religion gibt die offizielle Statistik keine Auskunft. Wenn man aber auch einen sehr hohen Perzentsatz jüdischer Einwanderer annimmt, z. B., daß von den 11.299 Einwanderern 10.000 Juden in Deutschland geblieben sind, dann liegt es auf der Hand, wie das deutsche Volk belogen wird. Nun behaupten bekanntlich die Nazi, schon während des Weltkrieges seien jüdische Massen nach Deutschland gekommen. Bekannt ist nun, daß während des Krieges polnische und litauische Juden auf Befehl der deutschen Heeresleitung in deutschen Fabriken und Bergwerken arbeiten mußten, sowie daß auch Pogromflüchtlinge nach Deutschland kamen, ebenso Juden, die vor den Bolschewiken flüchteten. Trotzdem aber hat nach den Ergebnissen der offiziellen deutschen Statistik die Zahl der Juden in Deutschland von 1910 bis 1915 abgenommen und zwar von 615*011 auf 564*379* Im Jahre 1925 gab es in Deutschland insgesamt 99.000 ausländische Juden, von denen infolge der Wirtschaftskrise tausende nach Südamerika, Frankreich und Palästina auswanderten oder nach Polen rückwanderten. Wieviele Juden wurden nun in Deutschland naturalisiert? Im Jahre 1930 erklärte der preußische Minister des Innern im preußischen Landtag, daß seit 1919 insgesamt 107.559 Fremde das Bürgerrecht erhielten, von denen nur 7654 Fremde aus Osteuropa mit nicht deutscher Abstammung waren. Sogar wenn man annimmt, daß 90 Prozent davon Ostjuden waren, dann wurden in Preußen ln 11 Jahren nur 6900 Ostluden in Preußen naturalisiert, und dabei hat Preußen 40,000.000 Einwohner. Auf das Jahr gerechnet, ergibt das ungefähr 600 Einbürgerungen von Juden, Wenn man hoch rechnet, sind seit dem Kriege höchstens II.500 Ostjuden in ganz Deutschland naturalisiert worden. Nun behaupten die Nazi bekanntlich, daß die Juden auch in der deutschen Regierung stark vertreten gewesen seien. Wie steht es damit? Von 1919 bis 30. Jänner 1933, dem Tage, da Hitler Reichskanzler wurde, hatte Deutschland 20 Reichskabinette mit zusammen zirka 200 Ministern. Davon waren sage und schreibe 7 Juden oder jüdischer Abstammung: Preuß, Rathenau, Landsberg, Schiffer, Gradnauer, Dernburg (ein Halbjude) und Hilferding. In den Bundesstaaten war die Zahl der jüdischen Minister noch geringer. Wie stand es mit den Juden im Reichstag? Im Reichstag von 1930 mit zirka 600 Mitgliedern gab es es nur ZO Abgeordnete jüdischer Abstammung, unter den 143 sozialistischen Abgeordneten 14 jüdischer Abstammung. Allerdings bestimmen die Nazi selbstherrlich, wer Jude ist. Bezeichnen sie doch auch rassenreine Arier, wie Ebert, Erzberger und Liebknecht als Juden. Wie stand es mit den Juden in der Verwaltung? Unter 1000 hohen Beamten waren 12 Juden, das ist 1.2 Prozent. Im Reich gab es im Verlaufe von 13 Jahren 1 jüdischen Unterstaatesekretär, in Preußen gar keinen. Unter 21.700 Lehrern waren 290 Juden. Von den Universitätslehrern waren zirka 10 Prozent Juden. Von den 44 deutschen Nobelpreisträgern sind 8 jüdischer Herkunft: Ehrlich, Frank, Haber, Einstein, Wallach, Meyerhot, Warburg, Wiiistaetter. Wie stand es mit den Juden ln der Presse? Nach dem «Handbuch der deutschen Tagcspressc» gab es im Jahre 1932 im ganzen 4703 politische Zeitungen, darunter 2456 neutrale, 603 katholische, 378 linksunfd 1266 rechtgerichtete. Von 85 Chefredakteuren der größeren Zeitungen zur neugrünauno einer (erstklassige modernste Maschinen und geschulte Arbeitskräfte bereits vorhanden) wird Kapitalist : zur Beteiligung mit 50 Prozent ge s u c ht./la Referenzen werden gegeben. Unter »Rascher Entschluß.« " an die Expedition •waren 10 Juden, von 400 sozialistischen Redakteuren zirka 20 Juden. Wie stand es mit den Juden heim Theater? Unter 12.000 Schauspielern in Deutschland gab es zirka 300 Juden. Bei den staatlichen Theatern gab es 3 bis 4 jüdische Direktoren, die Zahl der jüdischen Direktoren an Privattheatern war wesentlich höher. Wie stand es mit den Juden unter den Rechtsanwälten , und Aerzten? Von 16.000 Rechtsanwälten waren 3500 Juden, nur in Berlin gab es 1992 jüdische Rechtsanwälte gegenüber 1892 arischen Anwälten. Unter den Berliner jüdi.^c|en Rechtsanwälten waren 1500 Frontkämpfer .bezw. $öhne von Frontkämpfern, bezw. solche, die ihre Praxis schon vor dem 1. August 1914 ausgeübt hatten. Unter den zirka 52.000 Aerzten in Deutschland waren 8000 Juden mit Privat-, Spitals- oder Krankenkassenpraxis. In der Armee, im Polizei und Verwaltungsdienst gab es keine Juden. In Berlin, wo 30 Prozent aller Juden Deutschlands leben, war der Prozentsatz jüdischer Aerzte hoch.,, Wie verhält es sich mit den jüdischen Schiebern? Die Nazi erwähnen immer nur Namen,---wie .Barmat, Kutiska, Sklarek und Katzeneilenbogen, als ob Schiebertum eine spezifisch jüdische Angelegenheit wäre. Von Finanzskandalen der Arier den Lahusen, Favag, Raiffeisen, Devaheini usw. erzählen sie nichts. . . Warum beschäftigen wir uns mit diesen Dingen? Gewiß nicht in der Absicht, um nach dem alten und schlechten Rezept des Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Abwehrpropaganda zu betreiben. Es hat wenig Sinn, Antisemiten zu predigen, was wir an ethischen Werten und großen Geistern der Welt gegeben haben, und daß wir überall loyale Staatsbürger sind. Die Antisemiten halten sich einmal an den Spruch: «Tut nichts, der Jude wird verbrannt.» Wir denken auch nicht daran, die Assimilationspolitik der deutschen Juden zu verteidigen. Der Zentralverein hätte sich ein Verdienst erworben, hätte er sein Geld statt für nutzlose Apologetik zur Errichtung jüdischer Handwerkerschulen und zur Förderung des Palästina-Aufbaues verwendet und hätte er seine Anhänger gewarnt, sich in fremde politische Angelegenheiten zu mengen. Wir bringen aber trotzdem unseren Lesern diese Daten über die Struktur des deutschen Judentums, weil die Nazipropaganda schon so wirksam ist, daß auch viele Juden an Nazilügen glauben. Anderseits sollen diese Ziffern allen Juden klar vor Augen führen, wie wahr Theodor Herzl vor ungefähr achtunddreißig Jahren sprach, als er es als unumgänglich notwendig hielt, daß das Judentum sich sozial umschichtet. Viel Leid wäre tausenden Juden in Deutschland erspart geblieben, hätten sie Herzl gefolgt und nicht den Führern der Assimilanten. Die Ereignisse in Deutschland sind ein gewichtiges Memento für die Juden in der ganzen Welt. Herzls Parolen: Soziale Umschichtung, Rückkehr zum Judentum, Palästina als jüdisches Land, müssen heute die Parolen des ganzen Judentums werden. Die Assimilation ist zusammengebrochen, der Zionismus hat gesiegt. Nur der Zionismus kann das jüdische Volk retten und in*ein« bessere Zukunft führen.