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Die Stimme · 1934-01-03 · Heft 316 (3.1.1934) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
7 (1934)
Issue
Heft 316 (3.1.1934)
Date
1934-01-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seife f grammes, den sie erfüllen konnten. Was darüber hinaus geschehen ist, das gibt eben dem Jahr 1933 seinen Stempel. Die so stolz auftretende Bewegung ist von einer erstaunlichen Ungeistigkeit. Ihr Terrorregime hat es fertig gebracht, das Kulturniveau des deutschen Volkes auf die Zeit des 30jährigen Krieges zurückzuschrauben und dies m i t v o 11 e m Willen undvoller Absicht. Es wurde bisher in Deutschland zuviel gelernt. Das hört auf und so bedeutet 1933 wirklich eine Wende, deren Wucht und Eindringlichkeit aber zunächst nur die Juden zu verspüren haben. lieber sie ist e i n c Woge des Hasses, nein, der Verachtung hinweggegangen, wie kaum je in der Geschichte. Sie sind aus Schule, aus Wirtschaft und sozialer Gemeinschaft mit brutalster Macht hinausgeworfen worden. Nie noch in der Geschichte der Völker ist eine derartige Infamie geschehen: daß die gesamte Kraft von 65 Millionen gegen eine Minderhe’it von etwas mehr als einer halben Million M e n s c b e n eingesetzt wurde. Und es wurde nach allen Regeln der deutschen Kriegskunst vorgegangen. Das wehrlosejudentum sollte auch ehrlos gemacht werden. Aus der Rüstkammer der deutschen Vergangenheit wurde der gelbe Fleck hervorgeholt und er ist am 1. April, demTagdesBoykotts, neben dem Hakenkreuz das Symbol des «Dritten Reiches» geworden. Es ist nicht das Judentum, das ehrlos geworden ist . , , Unmöglich scheint es, die Unsumme von Leid und Not darzustellcn, die das Judentum Deutschlands in diesem Jahr zu tragen hatte. Noch unmöglicher aber ist es, die seelische Marter zu schildern, die damit verbunden war. Tausende von Männern aller Berufe sind aufs Pflaster geworfen worden. Gelehrte wurden vertrieben, mißhandelt, viele gemordet, viele in Konzentrationslager gesteckt. Ganze Schichten sind entwurzelt worden, dem nackten Hunger überantwortet, außer Gesetz und Recht gestellt. Kinder sind seelisch mißhandelt worden; in den Schulen gibt es für sie Ghetti, von allen Erleichterungen sind sie ausgeschlossen worden und vielleicht wird es-4üf alle Zukunft das hervorstechendste Merkmal diesethArt von angewandter Feindschaft sein, daß man ln einer Schule den «arischen» Kindern das Thema gab: «Unterschied zwischen Juden und Menschen», daß in einer Schule an jüdischen Kindern die Rassenmerkmale der Juden demonstriert wurden, daß die jüdischen Schulkinder von den Gasschutzübungen ausgeschlossen werden. Wie wachsen die arischen, wie die jüdischen Kinder heran! Diese Schändung wird niemals aus unserem Gedächtnis, schwinden. Dieser deutsche Antisemitismus Ist — bis heute wenigstens — sui generis. Er ist einzig in seiner Art, obgleich er sich aiiv- Mühe gibt, es nicht zu bleiben, sondern ein Lehramt a. zuüben. Der nationalsozialistische Judenhaß ist aber nur eine Fortsetzung des alten deutschen Judenhasses, eine Fortsetzung mit anderen Mitteln. Er Ist, wenn man das so nennen darf, eine Art Minderwertigkeitskomplex, entstanden aus dem bösen Gewissen. Diese neudeutsche Rassenwissenschaft sagt sich: Wenn man uns das alles getan hätte, was man seit je in Deutschland den Juden angetan hat, angefangen von den Kreuzzügen bis zur Xantener Ritualmordgeschichte, von den Edikten der Kaiser und Fürsten bis zu dem Handbuch der Judenfrage und den «W eisen v o n Z1 o n» — so würden wir all das tun und sinnen, was wir den Juden nachtragen. In deutschen Ländern ist Judenhaß so eingebürgert wie das Landsknechttum und so war es nicht schwer, sich aus diesem Komplex ein politischesSystemzu errichten, dessen einzige Politik der Pogrom und die geistige VerkrüppelungdesjüdischenNachwuchses ist. Juden dürfen nicht studieren, nicht zur Landwirtschaft oder zum Handwerk zugelassen werden, im Geschäftsleben werden sie eingeschränkt, aus ganzen Provinzen vertrieben. Was mit ihnen geschehen soll, das hat noch keinen dieser Gesetzgeber interessiert. Auch sonst niemanden auf der Welt. Die europäischen Staaten, die entsetzt auf dieses deutsche System schauen, bringen für die Judenfrage nur Mitleid und Teilnahme auf. Darüber hinaus Paßvorschriften und Emigrantenverordnungen. Es Ist, als würde das jüdische Volk einen neuen Kursus ln Zionismus durchmachen. Die politische Grundidee des Zionismus erfährt eine leidvolle Bestätigung, die vielleicht in diesem Umfang uns erspart geblieben wäre, hätte man nicht Im Judentum str&flicherwelse an «Jen WertderOrganisatlonundAgitation vergessen. 30 Jahre nationaler, zionistischer Erziehung der Massen — wo stünde heute der politische Zionsgedanke! Und erlstbesonderslnDeutschland vernachlässigt worden! Heute Ist es klar, daß nur ln diesem politischen Zionsgedanken Rettung liegt. Wir müssen ein Land auf der Welt besitzen, wo wir frei und zukunftssicher leben können und ln dem wir einMachtzentrum bilden können. Zur Errichtung eines solchen Heims in Palästina sind die politischen Voraussetzungen — deren Grundlage das Baseler Programm bildet_vom Völkerbund geschaffen worden. An Ihrer Durchführung hat aber, wie sich zeigt, nur das jüdische Volk Interesse. Die anderen Völker, England voran, überbieten sich m Vergeßlich- DfB SUMME Welzmann Ober die London, 28. Dezember 1933. In der Jahreskonferenz der englisch-zionistischen Federation führte der Präsident der Federation und Leiter des Jewish Agcncy- Departemcnts zur Ansicdlung deutscher Juden in Palästina, Dr. Cliaim W e i z in a n n, unter großer Spannung der Zuhörerschaft u. a. aus: Die Position der deutschen Judenheit wird in mrzer Zeit auf die eine oder die andere Weise stab ii s i e r t sein. Aber man erinnere sich daran, daß auch ie Position der russischen Judenheit «stabilisiert» war, md zwar in der Weise, daß jährlich über 100.000 Seeon auswnr orten. Man kann darum heute schwer sagen, was M.e erwarteten «stabilen» Verhältnisse für die deutsche Judenheit bedeuten werden. Heute strömen immer noch deutsche Juden in beträchtlicher Zahl nach Palästina; ein Drittel unserer gesamten Chaluz- Elnwanderung geht aus Deutschland, und wenn man die aus Deutschland kommenden Kapitalisten und Touristen hinzuzählt. so wandern Int Monatffdnrchschnitt über 1000 Personen aus DesitTshiand In Palästina ein* Heute gibt s ln Deutschland noch eine ansehnliche Zahl Juden, die auf einem gewissen Standard leben können; aber die Ersparnisse vieler Juden sind bald erschöpft und mehrere von ihnen haben bereits den Hunger-Standard erreicht. Zahlreiche Geschäftsunternehmungen wurden «gleichgeschaltet», das bedeutet, daß deren jüdische Leiter und Angestellte auf die Straße gesetzt wurden. Dieser Prozeß geht stetigweiter und läßt noch kein Ende absehen. Vielleicht wird in fünf oder sechs Jahren die Jüdische Ge« nselnschaft ln Deutschland auf die Hälfte Ihrer heutigen Zahl herabgesunken sein und einen Umfang erreicht haben, den die 60 Millionen Deutschen vielleicht werden verdauen können. Man kann annehmen, daß jährlich 15.000 bis 20.000 Seelen aus Deutschland auswandern und die Hälfte von ihnen nach Palästina gehen wird. Wenn der Central British Fund und andere für Palästina-Siedlung bestimmte außerordentliche Fonds Palästina-Abfttilumi JOSEF POPPER Internationale Transporte, Wien, II., Taborstr. 22. Telephon R 48-5-10, R 49-5-70 Serie. In Palästina: The Levant Bonded Warenhouses Co, Ltd., nm rar» aona1? rvrnran raann Haifa,4 Telephon 346 Jaffa, Telephon 36 Spezial-Warentransporte, Uebersledlungen, Verpackungen für Palästina, Transport- und Reisegepäckversicherungen. Auskünfte jeder Art über Palästina. _Jlfaerias^ mutsch* Judanfra« jährlich etwa 150.000 Pfund aufbringen, könnte man — nach Dr. R u p p i n s Berechnungen — jährlich rund 6000 deutsch-jüdische Emigranten allein mit Hilfe dieser Fonds in Palästina ansiedeln. Ein großer Teil dieses Geldes würde in Form von Dariehensrückzahlungen zurückfließen; dies würde nicht nur Hilfe, sondern definitiven Aufbau bedeuten. Die Londoner Konferenz hat die Aufbringung eines Fonds von zwei Millionen Pfund für die deutschen Juden proklamiert. Wird dieser Fonds aufgebracht und wird die Hälfte desselben für Palästina-Arbeit, die andere Hälfte für Seßhaftmachung deutscher Juden in anderen Ländern verwendet, — sollte demnach Palästina in den nächsten drei Jahren über eine Million Pfund für diesen Zweck verfügen können, so bin ich in der Lage, schlüssig zu beweisen, daß Palästina in den nächsten drei Jahren 35.000 Menschen wird aufnehmen können* Frankreich erklärte sich außerstande, die auf* genommenen 25.000 Flüchtlinge wirklich zu absorbieren, hingegen kann das Jüdische Nationalhelm tausende und abertausende Menschen aufnehmen. »In Mutten Hans Ist Immer Fiats*14 Wenn wir für das Siedlungswerk in Palästina 300.000 Pfund im Jahre zur Verfügung haben, könnte das Land jährlich 10.000 Menschen absorbieren. Eine Schwierigkeit besteht: Was sollen wir mit den aus Deutschland kommenden Angehörigen des Mittelstandes anfangen? Sie sind weniger anpassungsfähig als zum Beispiel die polnischen und russischen Juden. Sie in der Industrie oder in den Orangenpiantagen unterzubringen, beansprucht Zeit. Wir probieren jetzt den folgenden Plan aus: Ein Mittelstandsemigrant erwirbt ein Dunam Boden in einer Gartenvorstadt samt Haus für etwa 400 Pfund. Es bleiben Ihm noch 600 Pfund für Aufbau seiner Existenz. Wir haben uns das Vorkaufsrecht auf Boden für mindestens 400 solcher Familien gesichert und ferner einen Plan Industrieller Entwicklung festgelegt, der Fortschritte macht Wesentlich ist vor allem Bodenerwerb durch den Jüdischen Nationalfonds, um ein Anschwellen der Preise zu verhindern; dann Schaffung von Krediten fttf Gewerbetreibende und für Personen mit eigenen Mil* teln, die etwas unternehmen. Diese Arbeit muß von einer Industrie-Bank geleitet werden. Wir dürfen dabei nicht vergessen, daß nicht nur deutsche, sondern auch polnische und ru* mänische Juden an die Tore Palästinas pochen. Ein als phantastisch zu bezeichnender Wettbewerb anderer Territorien gegen Palästina ist auf einmal entstanden, zum Beispiel Angola, Neue Ugandas sollen in Konkurrenz zu Palästina treten. Zur Lösung der Judenfrage ist aber mehr nötig, als ein leerer Raum: eine geistige Kraft ist nötig. Und welche geistige Kraft wird Juden veranlassen, nach Angola zu gehen? Wir arbeiten in Palästina wie bisher, und unsere Arbeit dort kann nicht mehr fehlschlagen. Harry Sacher, früher Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, jetzt im Zuweisungs-Komitee des Central British Fund, sagte u. a.: Die deutsche Regierung betrachtet die Judenfrage immer noch als wenig wichtig, wenn sie sich ihrer auch als eines Hauptpropagandainstrumentes bedient. Wir wollen die deutschen kelt. Darum ist es jüdische Pflicht, den Völkerbund an Ehre und Gewissen immerfort zu erinnern und durch Errichtung politischer Organe in allen Hauptstädten der Welt für die nötige Auffrischung des Gedächtnisses 2U sorgen. Weitere Pflicht ist es, die zionistische Propaganda mit aller Intensität wieder aufzu nehmen. Das Judentum ist heute so aufnahmsbereit wie nie. Es entwickelt sich vor uns zum ersten Male die von allen Hakenkreuzlern an die Wand gemalte S o 1 i d a r i t ä t. Sie muß ausgebaut und ln politische Form gegossen werden. * Die Wirkungen der nationalsozialistischen Hunger- und Erpresserpolitik haben sich auch anderwärts gezeigt und in ihren Ansätzen genau so wie in Deutschland. Die Intellektuellen, die byrotnehlisch sind, die Halbinteliektuellen in Handel un<d Wirtschaft nehmen die §chlagworte Deutschlands gcjrne auf. Das ist in Rumänien, in Polen, in Ungarn besonders deutlich zu sehen gewesen. In Oesterreich, dem Stammland des Nationalsozialismus, hat sich in diesem Jahre die Gefährlichkeit und Kriminalität dieser Bewegung selbst vor Augen gestellt. Ein jüdischer Juwelier in Wien wur le durch eine Bombe getötet, es gab eine Menge verhinderter Anschläge offen antijüdischen Charakters. An den Hochschulen wirkt der hakenkucuzlerische Ungeist fort und wenn er Jetzt auch elng&pämmt Ist, so ist er dort dank der Autonomie noch weiter selbstherrlich. Di« Wirtschaftskrise hatauctfi dazu betragen, den jüdischen Notstand zu vertlefeiii. Die Fe'iKisehaft rings um uns verschärft sich und sie; hat nmli den Versuch gemacht, das Judentum unter d|er Maske wohlwollender Verhandlungen zu einem (Verzicht auf seine staatsbürgerliche Gleichberechtigung zu veranlassen. Darauf kann nur mit nein geantwortet werden. Es gibt keinen Verzicht, und ansonsten bestehen die Minderheitsbestimmungen des Friedensvertrages. Alles in der Situation des gesamten jüdischen Volkes weist uns auf den Palästina-Gedanken hin. Ihn rein zu halten von dem europäischen Gift des Parteien- und Führerhaders ist eine unbedingte Notwendigkeit der Zeit. In den Reihen der Zionisten selbst herrscht Uneinigkeit und sie begünstigt die Sabotage, die England in Palästina an der Verwirklichung des Mandates systematisch betreibt. Der Irak Ist in de« Völkerbund gekommen, Syrien soll neu aufgenommen werden; das jüdische Element in Palästina, au« dessen Tasche die englische Bureaukratie, die antijüdlschen Beamten und die arabischen Polizisten bezahlt werden, ist nicht Völkerbund reif und kann nicht fflf sich selbst sprechen. Das ist ein unerträglieber Zustand, Ihm kann aber nur eine wirklich heroische, opferbereite, starke und einige zionistische Organisation entgegenarbelten. Wenn dies erkannt wird, dann wird auch dieses Unglücksjahr 1933 nicht vergeblich gewesen sein. Für dies« Einigkeit hat A r l o s o r o f f gewirkt und gekämpft, der in diesem schrecklichen Jahr uns durch Mörderhartd entrisse« worden ist. Dieser getreue Mann, dessen Leben ein« einzige Heiligung des jüdischen Namens war, dessen letzte Stunden dem Wohl der deutschen Juden gewidmet waren, mußte auf dem Boden der Heimat sein Blut opfern. Die Tat ist nicht aufgeklärt, vielleicht Ist dle^ Untersuchung auf eine falsche Spur geführt worden — sicher ist, daß einer der Besten in das übergroß« Pantheon der jüdischen Märtyrer hat eingehen müssen

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