Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 303 (5.10.1933)
- Date
- 1933-10-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Mt» 10 DIE STIMME Nr. 303 — 5. Oktober 1933 LETZTE NACHRICHTEN " ' 9 * Bereitet die deutsche Regierung ein Judengesetz vor? Bertin. Wie der J. T. A.-Vertreter aus zuverlässiger Quelle erfährt, soll in Deutschland ein Judengesetz, gleichsam eine Sonderverfassung für die Juden Deutschlands, demnächst in Kraft treten. Das Judengesetz wird eine Definition einer besonderen Art Bürgerrechte geben, deren die Juden im neuen Staate teilhaftig werden sollen; in dein Gesetz werden die Stellung der Juden vor den Staatsgesetzen, ihre kulturellen und wirtschaftlichen Rechte genau umschrieben sein. In deutsch-jüdischen Kreisen sieht man einem solchen Gesetz, das der herrschenden Ungeklärtheit und Ungewißheit ein Ende bereiten soll, mit großem Interesse entgegen. SHe Ü3oyftottßeiveöun& gegen Deutsdkiand London. In einer Versammlung des Jewlsh Representative Council zur Organisierung des antideutschen Boykotts erklärte der Vorsitzende, Herr P. Horowitz, u. a.: Es Ist unser Zie$die am 5. November stattfindende Boykottkonferenz zu einer Represäsentanz der gesamten englischen Judenheit zu gestalten. Jede Jüdische Körperschaft in England und alle nichtjüdischen Boykottorganisationen, wie die Gewerkschaften u. a. m., sind zur Entsendung von Delegierten eingeladen. Ea wird klar gemacht werden, daß der Boykott nicht gegen Deutschland und das deutsche Volk, sondern gegen die von der jetzigen deutschen Regierung geübte Entrechtung der Juden gerichtet sei. Hört diese Entrechtung auf, wird der Boykott sofort abgeblasen. Sir Robert M o n d, der am Erscheinen verhindert wa, sandte eine Botschaft, in der er die folgende Formel für den Boykott vorschlägt: «Es Ist nur der Wunsch der Nationalsozialisten auf Durchschneidung aller Anknüpfungspunkte zwischen den beiden Völkern, den wir erwidern.» Auf der Konferenz am 5. November werden Ratsherr Davis, Sir Philip G u e d a 11 a, Dr. Moses G a s t e r, Sir Robert Mondu. a. m. sprechen. Unter dem Präsidium der Frau Guedalla hat sich eine Käuferlhnenliga zur Unterstützung und Ueberwachung des Boykotts gebildet. ★ ★ ★ New York. Samuel Untermayer, der hervorragende Anwalt, Präsident der Jewlsh World Economic Föderation, der die antideutsche Boykottbewegung leitet, teilt ln einer Erklärung mit, es seien bei den zuständigen Behörden der Vereinigten Staaten Klagen gegen die Tätigkeit neueingewanderter nationalsozialistischer Agitatoren ein gelaufen. Untermayer kritisierte scharf die Taktik, solche Agitatoren in die Vereinigten Staaten hereinzulassen, während die Opfer des nationalsozialistischen Fanatismus, unter ihnen ausgezeichnete Menschen, nicht einwandern dürfen. Die Frauengruppe der amerikanischen antideutschen Boykottorganisation hat alle ihre Mitglieder verpflichtet, ihre Konten bei denjenigen Warenhäusern zurückzuziehen, die immer noch Waren aus Deutschland beziehen. ★ ★ ★. Warschau. Das Zentralkomitee für antideutschen wirtschaftlichen Boykott teilt in einem der Presse zugestellten Kommunique mit, daß eine immer g-ößet werdende Zahl von Handels- und Industriefirmen in Polen sich an das Zerrra!- komitee um den Nachweis von' Bezugsquellen aus außerdeutschen Ländern wendet,;um sich von dem Warenbezug aus Deutschland unabhängig zu machen. Das Zentralkomitee war in der Lage, diesen wie allen anderen Firmen Bezugsquellen für Waren nachzuweisen, die, was Preise und Qualität anbetrifft, den deutschen Waren nicht nur nicht nachstehen, sondern sogar sich besser und billiger stellen als d'ese. Das Zentralkomitee richtet an gewisse jüdische Firmen, die noch immer Waren aus Deutschland beziehen, die Frage, wann endlich sie sich Rechenschaft darüber geben werden, daß ihre Handlungsweise der jüdsichen Würde nicht entspricht, da es ja die deutschen Faktoren sind, die das Band zwischen sich und dem jüdischen Volk zerschnitten haben. Die oDcrsdileslsdie Judeofrage Yor dem VölKcrbund London. Wie aus Genf berichtet wird, sieht man in Völkerbundskreisen der bevorstehenden Erörterung der Frage der jüdischen Minderheit im Abstimmungsgebiet von Deutsch- Oberschlesien mit gesteigertem Interesse entgegen. Die deutsche Delegation hat bekanntlich angeregt, daß diese Frage in geheimer Sitzung behandelt und einer öffentlichen Diskussion entzogen werde. Auch der Bericht der deutschen Reichsregierung zu dieser Frage, der dem Vernehmen nach auf eine Reihe von amtlichen Verfügungen gegen eine unterschiedliche Behandlung der Juden in Oberschlesien hinweisen soll, wird nicht zur Veröftentüchung freigegeben. In diesem Bericht soll u. a. auf eine Verfügung des Regierungspräsidenten in Oppeln hingewiesen sein, in der erklärt wird, daß die Beschlüsse einer Rvihe von Stadtverordnetenversammlungen im oberschlesischen Abstimmungsgebiet der rechtlichen Wirksamkeit entbehren, weil sie gegen das Genfer Abkommen vom 15. Mai 1922 verstoßen. Es ist aber nicht bekannt, ob die Reichsregierung in ihrem Bericht die Aufhebung der Ausnahme-Gesetzgebung gegen die Juden in diesem Gebiet und eine Wiederherstellung des früheren Rechtszustandes in Obcrschiesien ankündigt. In disem Zusammenhang findet eine im «Manchester Guardian» veröffentlichte Artikelserie eines Sonderkorrespondenten über die rechtliche und die faktische Lage der Juden in Oberschlesien viel Beachtung. In dem dritten Artikel der Serie wird u. a. ausgeführt: Die Juden selbst fürchten sich zu sprechen; sie fürchten ihren eigenen Schatten. Ein Jude, der mit einem Fremden gesehen wird — und in kleineren Städten wird jeder Neuankömmling bemerkt —, wird wahrscheinlich unter der Beschuldigung der Greueipropaganda ins Gefängnis gesteckt werden. Eines aber ist sicher: die jüdische Minderheit in Oberschlesien erwartet — freilich ohne es sich selbst einzugeteben — Hilfe vom Völkerbund. Wie die Dinge heute liegen, kt dis Genfer Konvention, die die Rechte auch dieser Juden garantiert, freilich nur ein «Fetzen Papier» mehr. Denn in Deutsch-Oberschlesien untergräbt der antljütfisch« Boykott die Existenz der jüdischen Minderheit nicht minder, als dies im übrigen Deutschland gegenüber den Juden der Fall ist. Der Boykott wird in Oberschlesien mit dem Einv r^’iv'n's, ja der aktiven Unterstützung der Behörden durchgeführt; an ihm beteiligen sich dis Regierung und die lokalen Körperschaften. Die jüdischen Ladenbesitzer sind am Rande des Ruins, die jüdischen Arbeiter sind beschäftigungslos und dem Hunger preisgegeben. Von den mehr als 3000 Juden in Beuthen sind zwei Drittel jeder Möglichkeit beraubt, ihren Lebensunterhalt zu erwerben. In mehreren kleineren Stödten sind die handeltreibenden Juden genötigt, ihre Tätigkeit vollkommen einzustellen. Deutsche Arbeiter wurden entlassen, weil sie in jüdischen Geschäften einkauften. Die jüdischen Läden sind stets menschenleer, viele von ihnen wurden seit Monaten von keinem Käufer betreten. Fast alle Juden in Deutsch-Oberschlesien sind von den Staat- Genf. Der Kongreß der europäischen Nationalitäten (Minderheltenkongreß), der erst in Bern tagte, und an dessen Beratungen die Vertreter der jüdischen Minderheiten bekanntlieh diesmal nicht teilgenommen haben, hat den Präsidenten des Comitö des Dölögations Juives Leo M o t z k i n, der seit Schaffung des Nationalitätenkongresses der Exekutive dieser London. Amtlich wird mitgeteilt: Unter .Vorsitz von Dr. Weizmann fand am 19. September in Meran eine Sitzung statt, die sich mit der Durchführung des vom 18. Zionistenkongreß gefaßten Beschlusses beschäftigte, eine Zentralstelle für die Ansiedlung deutscher Juden in Palästina unter Leitung von Dr. Weizmann zu errichten. An der Besprechung nahmen außer Dr. Weizmann die Mitglieder der Exekutive der Jewlsh Agency Dr. A. Ru pp ln, B. Locker und Dr. W. Senator sowie die Heroen Dr. S. Moses, Dr. M. Rosen bl üth und Agronom I. W i I k a n 8 k y, Leiter der Landwirtschaftlichen Versuchsstation in Palästina, tei). Dr. Ruppin legte einen Arbeitsplan vor, der eingehend besprochen wurde. Geplant liehen und den städtischen Banken benachrichtigt worden, daß ihnen die Hypotheken nicht prolongiert werden und daß ihre Häuser bezw. Warenlager zum Verkauf gestellt werden müssen. Dabei werden den Juden höhere Steuern abuerlangt Fenier ist in Deutsch-Oberschlesien die Existenz von etwa 2000 jüdischen Markthändlern zerstört; sie sind Opfer rücksichtsloser Verfolgung seitens der Behörden, der Polizei und der Stadtverwaltung. In allen Stadtmärkten Deutsch- Oberschlesien ist ln irgendeiner entlegenen Ecke des Marktplatzes ein «Judenmarkt» eingerichtet worden, eine Art Markt- Ghetto, das von den Käufern gemieden wird. Auf ihre Vorstellungen bei der Polizei wurde ihnen erwidert, dies geschehe zu ihrer eigenen Sicherheit Dieser Schilderung seines Sonderkorrespondenten widmet der «Manchester Guardian» einen Leitartikel, in dem ausgeführt wird: Unter den Juden Deutschlands besitzen allein die Juden in Oberschlesien die Rechte einer nationalen Minderheit, die geschützt sind durch das polnisch-deutsche Abkommen von 1922, das unter den Schutz des Völkerbundsrates gestellt wurde. Was aber ist geschehen? Die oberschlesischen Juden haben, nicht weniger als die Juden im übrigen Deutschland, unter der vorbedachten Aktion der deutschen Regierung zu leiden. DÖr Vertreter der deutschen Regierung hat im Juni d. J. gegenüber dem Völkerbund erklärt, Deutschland werde seinen internationalen Verpflichtungen nachkommen. Die Schilderung unseres Sonderkorrespondenten zeigt, wie Deutschland diese seine Verpflichtungen interpretiert Des Völkerbundes Recht, für den Schatz der Juden in Oberschlesien zu intervenieren, Ist unbestritten. Darüber hinaus hat die ganze Welt moralisch das Recht an der Behandlung der Juden im übrigen Deutschland Kritik zu üben. Deutschland hat bisher von dem Minderheitenverfahren des Völkerbundes zur Unterstützung von Beschwerden früherer deutscher Staatsangehöriger in anderen Ländern dauernd Gebrauch gemacht Ist es sich heute darüber klar, daß es durch die Behandlung, die es den Juden zuteil werden läßt, jedes moralische Recht verwirkt hat, diese Deutschen in Schutz zu nehmen? S«sdetendeutsche anerkennen die Verdienste der Juden um die Erhaltung der deutschen Kultur Karlsbad. Auf dem am Sonntag, den 1. Oktober, in Karlsbad abgehaltenen Parteitag des Kreises Karlsbad, der Deutschen Arbeits- und Wirtschaftsgemeinschaft (ehern. Deutsch-Demokraten) machte in der Debatte am Nachmittag Stadtrat Ulbert, ein Nichtjude, Ausführungen über die Judenfrage und sprach eine unzweideutige Veru-rt e ilung des Antisemitismus aus,. Er erklärte, die Einheitsfront der S u d e t e n d e u t s c h e n s.ei zum Teil an der Judenfrage gescheitert Er müsse aber auf die großen Verdienste hinweisen, die sich das Prager deutsche Judentum um die Erhaltung der deutschen Kultur in Prag erworben habe. Der Abgeordnete der DAWG. im tschechoslowakischen Parlament, Dr. Peters, ging ebenfalls auf die Judenfrage ein und betonte, man sei bei den Verhandlungen über die «Volksfront», der ja auch die Nationalsozialisten hätten angehören sollen, der Judenfrage nicht aus dem Weg gegangen, und er glaube, daß die politische Reife so weit fortgeschritten sei, daß von den extremen Parteien nichts unternommen worden wäre, was verletzend hätte wirken können. Man habe ihm versichert, daß diese Frage eine grundsätzliche Lösung finden würde. Prof. KosenblQth II., GLOCKENGASSE 4, erteilt Unterricht in und außer Haus in Klavier- und Orgelspiel, Harmonielehre^ und Kontrapunkt. Körperschaft angehörte, abermals in die Exekutive gewählt Im Hinblick auf die Stellungnahme des Kongresses zur Judenfrage hat Leo Motzkin dem Präsidenten des Minderheitenkongresses Abg. W i 1 f a n schriftlich mitgeteilt, daß er die auf ihn gefallene Wahl nicht annehme. ist die Einsetzung eines zentralen Bureaus unter der Leitung von Dr. Weizmann ln London und eines Bureaus unter der Leitung von Dr. Ruppin In Jerusalem. Sowohl für London wie für Palästina Ist die Mitarbeit mehrerer für dieses Arbeitsgebiet besonders qualifizierter Persönlichkeiten gesichert Als Vertreter der Londoner Exekutive wird Prof. Brodetsky an der Arbeit teilnehmen. Es wurde beschlossen, die Bureaus in London und Jerusalem unverzüglich zu errichten und die Arbeit der «Zentralstelle für die Anslediung deutscher Juden in Palästina» sofort in Angriff zu nehme* Ln Ifittiain Mint die Utiedenuatil ln dH MIM du IHnderttlliiMrtgn mell in erganlsaiton dir amt rar dH Mtdlmw deuiscirar jmu m rarasilna