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Die Stimme · 1933-06-19 · Heft 285 (19.6.1933) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 285 (19.6.1933)
Date
1933-06-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Sette 9 Donnerstag, 2Z Juni 1933 8 Uhr abends 1. Trauerkundgebung für Dr. Chaim Ariosorolf Mmt Dr. Benten Notslnoa, & Der 18. KongreB und die Situation im Judentum * Ms Moni dywihmu!■ TsMwhs Ungeheuere Beteiligung am Leichenbegängnis Jerusalem, 19. Juni. Das Leichenbegängnis für den so tragisch verstorbenen Dr. Arlosoroff, das vom Arbeiterheim der Histadruth ausging, fand Sonntag, den 18. d., II Uhr vormittags, unter ungeheurer Beteiligung des gesamten Jischuw und unter Beisein der Palästina-Regierung statt. Der stellvertretende Leiter der Palästina-Exekutive hat heute die Vorsteher der Palästina-Presse zu sich gerufen, vor welchen er seinen Abscheu und die Empörung über das fürchterliche Verbrechen an Dr. Arlosoroff zum Ausdruck brachte. Die Persönlichkeit Dr. Arlosoroffs Tieferschüttert stehen die Zionisten beider Hemisphären, ja, die gesamte jüdische Oeffentlichkeit unter dem niederschmetternden Eindruck der unfaßbaren Schreckensnachricht von der Ermordung Dr. Arlosoroffs. Dr. Arlosoroff hat ein Alter von kaum 94 Jahren erreicht. Dr. Chaim Viktor Arlosoroff, einer der bedeutendsten Führer und maßgebendsten Theoretiker der jüdischen Arbeiterbewegung Palästinas, wurde im Jahre 1909 in R o m n y (Ukraine) geboren. Er war Mitbegründer der aus dem Zusammenschluß der jüdischen Arbeiterparteien Hapoel Hazair und Zeire Zion entstandenen H1taehduth, eines Sonderverbandes der Zionistischen Weltorganisation, der sich in letzter Zeit in vielen Lindern mit den dort bestehenden poale-zionistischen Gruppen vereinigt hat und ohne Betonung des marxistischen Klassenkampfgedankens die Verwirklichung eines «konstruktiven Sozialismus» in Palästina, einer freien, arbeitenden jüdischen Gesellschaft auf der Grundlage *Oz ialer Gemeinwirtschaft sowie E r- Üfeuerung des jüdischen Volkslebens in den Ländern der Zerstreuung auf der Grundlage produktiver Arbeit und hebräischer Kultur anstrebt. In den Jahren 1905 bis 1924 lebte Arlosoroff in Berlin, seit 1924 in Palästina. Im Jahre 1923 wurde er Mitglied des Finanz- und Wirtschaftsrates der Zionistischen Organisation. Auf dem 17. Zionistenkongreß im Jahre 193! wurde er als Nachfolger Colonel Kisch’ zum politischen Leiter der Palästina- Exekutive bestimmt. * Mit Dr. Arlosoroff ist eine der prächtigsten Führergestalten des jungen palästinensischen Judentums sowie der zionistischen Weltbewegung dahingegangen. Einer der markantesten Köpfe und blendendsten Redner der jüngsten zionistischen Generation, wurde Dr. Arlosoroff vor zwei Jahren auf dem 17. Zionistenkongreß ln Basel zum zweitenmal in die Zionistische Exekutive gewählt. In dieser vertrat er, der ein Schüler Professor Weizmanns war, eine nüchterne, mit den Realitäten stets rechnende aktive und konstruktive Politik. Er leitete seither mit außerordentlich politischem Geschick und staatsmännischem Weitblick das außenpolitische Departement der Zionistischen Palästina-Exekutive und der Jewish Agency. Seiner zielsicheren und auf konstruktiven Prinzipien aufgebauten Politik ist es nicht zuletzt zu danken, die gebesserten Beziehungen der Juden zur britischen Palästina-Administration herbeigeführt und so die politischen Voraussetzungen für eine großzügige Kolonisationstätigkeit in Palästina und für den schönen Aufschwung des Landes in den letzten zwei Jahren mitgeschaffen zu haben. Dr. Arlosoroffs kluge zionistische Politik war es auch, die das seit den Unruhen im Jahre 1929 gespannte Verhältnis zur britischen Mandatsregierung in eine Atmosphäre des Vertrauens umwandelte. Er hat es auch ausgezeichnet verstanden, in behutsamer und umsichtiger Weise Beziehungen zu wichtigen arabischen Kreisen anzuknüpfen. Einer seiner größten Erfolge waren die Vorarbeiten, die eine Erschließung Transjordaniens für eine jüdische Kolonisation ermöglichen. Noch vor zehn Tagen war Dr. Arlosoroff zum Wir bringen hn folgenden (he gelegentlich •eines kürzlidren Besuches in Prag von Dr. Arlosoroff entwickelten Ideen zur technischen Reorganisation des kommenden Zionistenkongresses, die er mit der Lage des Zionismus ln Deutschland und der Zerrissenheit im zionistischen Lager begründet: «Diktatorische Gesten werden es bei uns nicht schaffen. Ein« Bewegung, die auf dem freien Willen ihrer Anhänger und auf ihm allein beruht, ist ein untaugliches Objekt für solche Gesten. Die Situation verlangt also eine sofortige, planmäßige Umstellung unserer Kongreßmaschinerie. Was ich mir vorsteüe, ist ungefähr, daß man noch vor Eröffnung des Kongresses auf Grund der stattgefundenen Wahlen das neue Aktionskomitee, das ja immer mathematisch genau das Kräfteverhältnis des Kongresses wiederspiegelt, konstituiert. Dem Aktionskomitee soll es dann Obertassen sein, den Rechenschaftsbericht über die vergangene Zweijahrsperiode entgegenzunehmen und ihn so wie alle inneren Fragen zu diskutieren, die finanzielle Situation zu prüfen, das Budget auszuarbeiten und die Exekutive zu wählen. Die Kongreßtagung dagegen soll auf etwa einen oder höchstens zwei Tage beschränkt werden und dazu dienen, vor der öffentlichen Meinung der Welt die Judenfrage in ihrem ganzen Umfang aufzurollen und diejenigen konstruktiven politischen und organisatorischen Pläne entwickeln, die der Zionismus aus dieser Situation für seine Aktionen ableitet. Diese Kongreßtagung muß nach vorherigen Uebereinkommen hn Aktionskomitee vollkommen straff zusammengefaßt werden und planmäßig verlaufen, darf keinen Don Quichoterien und Seitensprüngen Raum geben und muß Abschluß seiner Europareise zum zweitenmal nach Wien gekommen, wo er im Großen Konzefthaussaal einen Vortrag hielt, in dem er seinen auf Grund eigener Wahrnehmungen in Deutschland ausgearbeiteten konstruktiven Plan einer teilweisen Lösung der deutschen Judenfrage durch Einbeziehung Palästinas In den Rahmen einer großzügigen Hilfsaktion entwickelte. Niemand aus dem Auditorium konnte es ahnen, daß dieser junge, hochherzige und schaffensfrohe Mensch, dieser ausgezeichnete, umsichtige und verantwortungsbewußte Führer, der Erfüllung und Hoffnung zugleich bedeutete, so jäh das Opfer eines politischen Attentates werden sollte. Ueber die Täter, über das Motiv dieses Verbrechens ist bis zur Stunde, trotz Bemühungen der palästinensischen Behörden nichts bekannt. Eines aber steht fest. Die zionistische Bewegung, da« arbeitende, aufstrebende Palästina haben mit dem tragischen Ende eines ihrer Besten einen schweren Schlag erlitten. In der Führung der palästinensischen Arbeiter ist eine große, klaffende Lücke entstanden. Dr. Jakob RosenthaL der Welt ein großes B io vr gesammelten Kraft und Entschlußfähigkeit bieten. Ich muß allerdings bemerken, daß ich noch nicht Gelegenheit gehabt habe, diesen Plan in London und'Palästina zu erörtern, so daß er in diesem Augenblick einzig und allein als mein persönlicher Vorschlag angesehen werden muß. Jedenfalls ist mir klar, daß es nicht angeht, in den außergewöhnlichen Tagen, in denen wir jetzt leben, die Routine und die verknöcherte Tradition allein walten und anstatt der Kongreßidee einen Kongreßmechanismus herrschen zu lassen. Wenn es gestattet wird, daß die KöngreßfflaSChinerie die Möglichkeiten, die in der heutigen Situation liegen, zwischen ihren Rädern zermalmt, dann wird ein unwiederbringlicher Verlust für den Zionismus daraus entstanden sein.» Oer Eindruck in Polen Wie wir über telephonische Anfrage bei der Redaktion der großen jüdischen Zeitung in Krakau aus Lemberg erfahren, hat die Nachricht von der Ermordung Dr. Arlosoroff die dortige Judenheit auf das tiefste erschüttert. XVIII. ZionisteivKongreß in Karlsbad Karlsbad, den 19, Juni Der XVIIL Zioolstenkortgrsß ist andgültig für den 1 6. August 1933 nach Karlsbad elnberufen wonden. Dr. Arlosoroff Ober den kommenden Zionistenkongreß Ein Vorschlag Arlosoroffs sur technischen Reorganisierung des Kongresses Eigentümer. Verleger und Herausgeber: Zionistischer Landesverband für Oesterreich, Wie«, I., Klmtnerstratt« Nt. 28. - Verantwortlicher Redakteur: Dr. Sigmund Pinkelsteifl. Wie«. L Klrtnenrtrsßs Nt. 28. - Druck: «Inva». Wien, VII., Ufehenteldefttraß« Nr. 1.

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